(10.12.14) – Karl Otto Pöhl ist tot. Die Frankfurter Journalisten-Gemeinde trauert mit der Deutschen Bundesbank und der deutschen Öffentlichkeit. Pöhl war ein hervorragender Journalist (Der Volkswirt/Wirtschaftswoche), ein versierter Staatssekretär (SPD) und ideenreicher Politiker und ganz gewiss ein blendender Bundesbankpräsident, wenn sich gerade auch in diesem Punkte die Geister scheiden. Er war im Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten und dann dem Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten (ICFW) immer ein hoch geschätzter Gast als Referent, Plauderer und glänzender Unterhalter. Dabei lebte er von und mit allerhand Widersprüchlichkeiten, die er politisch immer wieder auffangen musste und konnte. Ganz sicher hat er die Krise der Galen-Bank in einem Nachtgespräch mit der Präsidentin der Bankenaufsicht, Inge Lore Bähre, und dem Präsidenten des Bankenverbandes, Hanns-Christian Schröder-Hohenwarth, gemeistert. Mit dem schweizerischen Notenbankpräsidenten Fritz Leutwiler focht er Dollar-Krisen durch über Jahrende.

 

Bundesbankpräsident Jens Weidmann schreibt in seiner ersten Trauerbotschaft: „Karl Otto Pöhl lieferte den Beleg, dass Preisstabilität und Wachstum auch in Zeiten großer geldpolitischer Herausforderungen keine Gegensätze sind, sondern Preisstabilität vielmehr die Grundlage für nachhaltiges Wachstum ist. Mit ihm verlieren wir einen herausragenden Notenbanker, dem wir in der europäischen Währungsunion bis heute viel zu verdanken haben. Er trug maßgeblich dazu bei, dass die Unabhängigkeit der Bundesbank zum Modell für die Europäische Zentralbank wurde, ebenso wie die klare Ausrichtung auf das Ziel der Preisstabilität. Dieses Ziel war in seiner Zeit als Bundesbankpräsident stets Richtschnur seines Handelns.“

 

Letztmalig war Alt-Präsident Pöhl zum 50-jährigen Jubiläum des ICFW Gast bei der internationalen Journalisten-Gemeinde. Der überaus legere und brillant formulierende Herr legte dabei fast eine kleine politische Lebensbeichte ab, als er bekannte, im Kontext der Wiedervereinigung Deutschlands von grundsätzlich falschen Einschätzungen ausgegangen zu sein. Er hatte die deutsch-deutsche Wirtschafts- und Währungsunion zunächst abgelehnt und dann nur mühsam betrieben. Insbesondere wetterte er gegen den Umtauschkurs von 1:1 Ostmark gegen D-Mark. Pöhl: „Das sehe ich heute ganz anders. Es bestand sicherlich eine politische Notwendigkeit dazu.“

 

Die ökonomische Entwicklung hat Pöhl zwar Recht gegeben, aber die Jahrhundertchance der Wiedervereinigung musste mit allen Mitteln und sofort genutzt werden, „auch hatte die DDR-Bevölkerung nichts anderes verdient als die Freiheit mit der D-Mark.“ Pöhl hat schließlich selbst die Konsequenzen gezogen und seinen vorzeitigen Rücktritt eingereicht. Professor Helmut Schlesinger, der Vizepräsident, rückte nach. Auch beim Beginn seiner Bundesbank-Karriere musste erst Präsident Otmar Emminger von den hohen Fähigkeiten des von Bonn delegierten Staatssekretärs überzeugt werden.

 

Pöhl und sein Vize Schlesinger mussten in den 80er und 90er Jahren die Währungsschlachten innerhalb des Europäischen Währungssystems durchfechten.  Die Sitzungen mit dem EU-Kommissionspräsidenten Delors zum Entwurf einer gänzlich neuen Währungsunion verliefen nach Ansicht Pöhls meist kontraproduktiv.

Kanzler Kohl hörte nicht auf seinen Rat. Was soll denn auch ein Bundesbankpräsident gegen einen Kanzler ausrichten?  Pöhl hat im Grundsatz stets seine Krönungstheorie verfochten: Zuerst die politische Einigung in Europa zu schaffen und dann das gemeinsame Geld einzuführen. Und genau in diesem Punkt muss Pöhl bis heute Recht gegeben werden. Viele, letztlich sehr teuer werdende EU-Krisen hätten vermieden werden können. Europa hätte auch heute stabilere Strukturen verdient. Für Pöhl sollte posthum ein europäischer Orden für währungspolitische Stabilität geschaffen werden. Pöhl hat dafür gekämpft und damit für Europa. Dafür sei ihm Dank.

Von Christoph Wehnelt, Ehrenvorsitzender des Internationalen Clubs Frankfurter Wirtschaftsjournalisten