Basel (16.12.14) – Diese Woche tritt die US-Notenbank Fed zu der letzten Sitzung dieses Jahres zusammen. In den zurückliegenden Quartalen war an diesen Sitzungen jeweils der besorgniserregende Zustand des Arbeitsmarktes das dominierende Thema.
Nun hat sich dieser aber in der letzten Zeit markant verbessert. Die US-Wirtschaft schuf alleine im November 321000 neue Arbeitsplätze. Dank der starken Dynamik ist eine Rückkehr zur Vollbeschäftigung nur noch eine Frage der Zeit. Wir rechnen damit, dass im ersten Halbjahr 2015 die offizielle Arbeitslosenquote unter 5,5% fällt.

Der Bereich von 5,2% bis 5,5% wird vom Fed mit Vollbeschäftigung gleichgesetzt. Mit der Normalisierung des Arbeitsmarktes wird an den kommenden Sitzungen der zweite Schwerpunkt des „dual mandate“ des Fed vermehrt in den Mittelpunkt rücken: die Inflation. Diese wird in der kurzen Frist durch die heftigen Verwerfungen am Ölmarkt bewegt; langfristig aber bestimmt das Lohnwachstum die Richtung der Inflation.Trotzt der starken Erholung am Arbeitsmarkt hat aber der Lohndruck in den USA kaum zugenommen. Das Fed dürfte mit dem gegenwärtigen Lohnwachstum von knapp über 2% nicht zufrieden sein. Denn nicht nur die Löhne steigen, auch die Arbeitsproduktivität erhöht sich laufend. In den letzten zehn Jahren hat die Arbeitsproduktivität um 1,5% pro Jahr zugenommen Damit würde erst ein Lohnwachstum von 3,5% zu einer angestrebten Inflationsrate von 2% führen Das bedeutet, dass das heutige Lohnwachstum zu gering ist, um längerfristig das Inflationsziel des Fed zu garantieren.

Es ist deshalb kaum verwunderlich, dass die fehlende Lohndynamik zu den grössten Sorgen der US-Notenbank gehört. Wenn die Löhne trotz der Normalisierung am Arbeitsmarkt nicht steigen, drohen den USA langfristig deflationäre Gefahren. Es ist jedoch falsch, vom schwachen Lohnwachstum der letzten Jahre darauf zu schliessen, dass die Löhne überhaupt nicht mehr steigen werden. Die Lohnzurückhaltung widerspiegelt lediglich die massiven Verwerfungen am Arbeitsmarkt nach der Grossen Finanzkrise. So ist die Arbeitslosenquote erst im Frühherbst 2014 unter die 6%-Marke gefallen – mehr als vier Jahre nachdem sie ihren Zenit von 10% überschritten hatte. Blickt man jedoch nach vorne, so sollte die baldige Vollbeschäftigung zu einem verstärkten Lohnwachstum in den nächsten Jahren führen. Wir erwarten 2015 eine Beschleunigung des Lohnwachstums auf 2,8% und auf 3,6% im Jahr 2016.

Diese Entwicklung wird in der kurzen Frist kaum Auswirkungen auf die Inflation haben. Trotzdem wird Janet Yellen, die Vorsitzende des Fed die Lohnentwicklung mit Argusaugen verfolgen. Während der Ölpreisrückgang nur kurzfristig die Inflationsrate zu senken vermag, wird eine stärkere Lohndynamik den Preisauftrieb nachhaltig erhöhen.

Von ALESSANDRO BEE, Ökonom