Frankfurt/Main (5.3.15) – Gestern hatten sich Volkswirte öffentlicher Banken zu Wort gemeldet und ihre Sicht der Dinge erklärt. Heute zogen der Chefvolkswirt des Allianz-Konzerns, Michael Heise und Rolf Schneider, Leiter Makro Research der Allianz nach. Auch Heise und Schneider verbreiten Konjunkturoptimismus. In der Pressemitteilung der Allianz heißt es: Die rückläufigen und sogar negativen Preissteigerungsraten im Euroraum haben die Diskussion um deflationäre Risiken geschürt. Mit der Entankerung bisher stabiler Inflationserwartungen könnten Güterkäufe zurückgestellt werden und sich die Investitionszurückhaltung verstärken, so die Sorge. Inzwischen mehren sich aber die Anzeichen, dass sich die wirtschaftliche Dynamik im Euroraum erhöht.
Das Wirtschaftswachstum kräftigte sich im vierten Quartal vergangenen Jahres bereits leicht. Im Vorjahresvergleich betrug der Zuwachs an Beschäftigten zuletzt annähernd eine Million Personen. Die Einzelhandelsumsätze im Euroraum überstiegen im Januar 2015 in realer Rechnung den Vorjahreswert um beachtliche 3,7%, in Deutschland betrug der Zuwachs sogar 5,3%.
Es kommen derzeit in Europa mehrere zyklische Impulse zusammen. Konjunkturmotoren sind der sinkende Außenwert des Euro und die Verbilligung der Rohstoffe. Die Abwertung des Euro um rund 10% in gewogener Rechnung seit Mitte vergangenen Jahres führt – sofern sie sich von Dauer erweist – schätzungsweise zu um 3 Prozentpunkten höheren Exporten und einem positiven BIP-Effekt von 0,4 – 0,5% im Euro-Raum. Etwa ebenso bedeutsam in seinen expansiven Konjunkturwirkungen ist der Ölpreiseinbruch trotz der inzwischen eingetretenen Preisstabilisierung. So stärkt ein Ölpreisrückgang um 10% die Kaufkraft der Einkommen um etwa 0,3%. Ein in Euro gerechnet gegenüber Mitte 2014 um 30% niedrigerer Ölpreis erhöht die Realeinkommen damit um fast 1%. Unter der Annahme einer wenig veränderten Sparquote führt dies zu einem BIP-Effekt von schätzungsweise 0,4%. Selbst wenn die Kaufkraftgewinne kurzfristig nur teilweise für eine höhere reale Konsumnachfrage genutzt werden und die Sparquote spürbar steigt, so ist angesichts des Nullniveaus bei den Zinsen nicht zu erwarten, dass die Realeinkommenszuwächse dauerhaft in die Ersparnis fließen. Die Europäische Zentralbank hat mit ihrem Beschluss mehr als 1000 Mrd. EUR an Anleihen zu kaufen das Renditeniveau bei Staatsanleihen mit guter Bonität weiter gegen Null gedrückt und so den Anreiz zum Sparen nochmals gesenkt. Die Konsumneigung dürfte also auch von daher kaum fallen. Die EZB handelt angesichts der ohnehin vorhandenen kräftigen Konjunkturimpulse in recht deutlicher Weise prozyklisch.
Die Arbeitseinkommen aller privater Haushalte steigen im Euroraum 2015 voraussichtlich um 2,3%. In realer Rechnung dürfte der Zuwachs sogar bei annähernd 2,5% liegen. Ähnliches gilt für die gesamten verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte. Sie dürften real ebenfalls um annähernd 2,5% zulegen. Es besteht damit ein beträchtlicher Raum für eine Ausweitung der Konsumnachfrage. Der Euroraum wird 2015 einen Aufschwung des Konsums erleben.
So erfreulich dies ist, so wenig sollte es Anlass zur Euphorie sein. Es handelt sich um eine zyklische Aufwärtsbewegung, die, wie es derartige Entwicklungen eigen ist, rasch wieder durch externe Faktoren wie beispielsweise einem neuen Rohstoffpreisanstieg gestoppt werden kann. An den mittelfristigen Wachstumsperspektiven des Euroraums, die gekennzeichnet sind durch ein sehr mäßiges Wachstum des Produktionspotentials, verbessert sich hierdurch nichts Grundsätzliches. Ein deutliches Mehr an Investitionen wäre eine wichtige Voraussetzung für dauerhaft bessere Wachstumsperspektiven. Anzeichen für einen nachhaltigen und deutlichen Anstieg der Investitionsquote gibt es bisher aber nicht.
Mit dem Anleihekaufprogramm versucht die EZB die Rahmenbedingungen für die Kreditvergabe zu verbessern. Wenn Geschäftsbanken ihre Staatsanleihen an die Zentralbank abgeben, dürften sie wieder mehr Interesse an ihrem ureigenen Geschäftsfeld, der Kreditvergabe an Unternehmen und der Finanzierung von Investitionen finden – so die Hoffnung. Es darf aber erstens bezweifelt werden, dass die Geschäftsbanken u.a. aufgrund des regulatorischen Rahmens den Anteil an Staatspapieren am Bilanzvolumen signifikant reduzieren. Zweitens ist wohl weniger ein zu restriktives Kreditangebot als vielmehr die mangelnde Kreditnachfrage, die auf unsichere wirtschaftliche Perspektiven zurückzuführen ist, Ursache der schwachen Kreditentwicklung. Die Geldpolitik wird mit ihren quantitativen Maßnahmen deshalb kaum zusätzliche Investitionen anregen. Die Dämpfung der Sparneigung, die mit ihnen verbunden ist, mag kurzfristig zwar konsumfördernd sein, unter längerfristigen Wachstums- und Demografieaspekten ist sie aber von erheblichem Nachteil.
Von der aktuellen Geldpolitik geht das Risiko aus, dass es zu verstärkten Wellenbewegungen im Konjunkturablauf kommt. Genau derartige „Boom“ und „Bust“-Zyklen können – wie wir in der Finanzkrise gesehen haben – erheblichen gesamtwirtschaftlichen Schaden anrichten. Anzustreben ist vielmehr eine stabile und kontinuierliche wirtschaftliche Erholung, die die Basis für einen mittelfristig höheren Wachstumspfad legt. Von daher sollte die Geldpolitik so rasch wie möglich zu einer Politik der ruhigen Hand zurückkehren.

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