Ludwigsburg (21.4.15)/PK – Unternehmensberater und Chemiker Wolfgang Scheunemann (65) läßt sich gern als Deutschlands „CSR-Papst“ titulieren. Wird er so angesprochen oder spricht man so über ihn in seinem Beisein, so wie gestern zum Auftakt des 11. CSR-Forums in Ludwigsburg, dann blickt Scheunemann verschämt zur Seite, so als wolle er mit seiner Geste sagen, das mit dem „CSR-Papst“ sei zu viel der Ehre. Und tatsächlich. Wolfgang Scheunemann als „CSR-Papst“ zu titulieren ist maßlos übertrieben. Denn die medialen und faktischen Erfolge seiner CSR-Foren sind, na sagen wir, überschaubar. Auch wenn natürlich nie erkennbar ist, welche Wirkung auf Wirtschaft und Gesellschaft von den Foren ausgehen. Gestern also startete das zweitägige CSR-Forum zum 11. Mal. Zum Auftakt klopften sich Referenten und Organisatoren gegenseitig auf die Schulter. Um aller Welt zu zeigen, was man alles in den zurückliegenden Jahren auf den Weg und ins Rollen gebracht hat. In Sachen CSR. CSR steht übrigens für Coporate Social Responsibilty. Frei übersetzt steht CSR für nachhaltiges, an sozialen und ökologischen Zielen orientiertes Wirtschaften und Handeln.
Rita Schwarzelühr-Sitter, Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, ist davon überzeugt, dass ohne CSR heutzutage kein erfolgreiches Wirtschafts möglich sei, Nachhaltigkeit liege im Trend, Nachhaltigkeit sei ein Kernfaktor, der zum Geschäftserfolg führe. Damit nordete sie das CSR-Forum gleich zum Auftakt auf Erfolgskurs ein. Auf diesen Kurs war kurz zuvor auch schon Matthias Kleinert, Ex-Daimler-Lobbyist, eingeschwenkt, als er aus aktuellem Anlaß seine Betroffenheit und sein Entsetzen über die im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge bekundete und dann – irgendwie – den Schwenk zur Nachhaltigkeit schaffte. Ohne CSR, so Kleinerts Credo, kein (nachhaltiger wirtschaftlicher) Erfolg. Von wegen. Während Kleinert, der noch immer das Daimler-Gen in sich trägt, dem CSR das Wort redete, konnte man überall lesen, dass der derzeitige Daimler-Chef Dieter Zetsche sich für das überaus umstrittene TTIP-Abkommen stark macht. Hier also das Lippenbekenntnis zu CSR von Daimler-Lobbyist Kleinert, dort das Plädoyer für TTIP vom Daimler-Chef Zetsche: das paßt einfach überhaupt nicht zusammen. Oder doch. In Sonntagsreden sich für CSR aussprechen aber im Wirtschaftsalltag einen knallharten renditegesteuerten Kurs fahren: das scheint auch zum 11. CSR-Forum noch immer bei vielen Entscheidungsträgern Konsens zu sein.
Während der renditefixierte Energiekonzern Vattenfall gerade eine Milliarden-Klage gegen den Bund wegen des erzwungenen Ausstiegs aus der Kernenergie durchzieht, bislang mit offenem Ausgang, hat Vattenfall natürlich einen Vertreter zum CSR-Forum geschickt, um zu signalieren, dass man eben auch dem „CSR-Gedanke“ gegenüber offen ist und sich dem Thema nicht verschließt. Irgendwen aus der Kommunikations-Abteilung, aus der 3., 4. Manager-Ebene, hatte Vattenvall zum Ludwigsburger CSR-Forum abgesandt. Als Sonntags-Redner.
„Sonntags-Redner“ wurden auch von anderen deutschen Konzernen nach Ludwigsburg abgesandt, vermutlich, um die CSR-Lage zu sondieren, um abzuklopfen, welche Zugeständnisse man machen muss, um nicht allzu negativ aufzufallen in einer Zeit, in der – wie gesagt – keiner an CSR vorbeikommt. Zumindest an Sonntagsreden dazu.

Stay In Touch