DNCA Finance: Negative Zinsen treiben Anleger in die Aktienmärkte
Paris (22.4.15)- Anleger stehen heute bei der Suche nach Investmentgelegenheiten vor einer noch nie da gewesenen Situation: Derzeit werfen Anleihen im Wert von 2.000 Milliarden US-Dollar negative Zinsen ab. Selbst während der Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren musste man nicht wie aktuell dafür bezahlen, wenn man Geld verlieh. Dieser Ausnahmezustand erklärt sich durch die unkonventionelle Geldpolitik der Notenbanken und verleitet Anleger dazu, sich riskanten Anlageformen wie etwa Aktien zuzuwenden. Diese werfen mit durchschnittlich zwei bis drei Prozent immerhin eine positive Rendite ab.
Von diesem Mittelzufluss haben die europäischen Börsen kräftig profitiert: Die großen europäischen Indizes DAX 30, CAC 40 und MIB sind mit einem Wertzuwachs von 22 bis 25 Prozent seit Jahresbeginn deutlich gestiegen. Dieser Mittelzufluss, gepaart mit den besseren konjunkturellen Aussichten durch den sinkenden Ölpreis und den schwachen Euro, dürfte die europäischen Aktienmärkte mangels überzeugender Alternativen in den kommenden Monaten weiterhin stützen, wenn die Unternehmensergebnisse den Erwartungen entsprechen. Es gibt nach wie vor schnell wachsende europäische Unternehmen, beispielsweise Ingenico im Bereich Zahlungslösungen und den Callcenter-Outsourcer Téléperformance.
Auch wenn die Performance des US-Aktienmarkts seit Jahresbeginn gleich null ist, beträgt sie in Euro gerechnet +17 Prozent, weil der Dollar so stark ist. Diese Tendenz dürfte sich fortsetzen, da die Anleger mit einem Anstieg der Zinsen in den Vereinigten Staaten rechnen. Natürlich wirkt sich die starke amerikanische Währung nachteilig auf die Wettbewerbsfähigkeit der Exportwirtschaft aus – die ersten Gewinnprognosen wurden trotz des nach wie vor robusten Wirtschaftswachstums (in diesem Jahr BIP +3 Prozent) bereits nach unten korrigiert. Trotzdem gibt es nach wie vor sogenannte Global Leader mit hohen Wachstumsperspektiven und soliden Bilanzen, in die es sich zu investieren lohnt – beispielsweise Check Point, Weltmarktführer bei Computersicherheit, vor dem sogar Hacker Respekt haben.
Besondere Aufmerksamkeit verdient der japanische Markt. Das Land vollzieht gerade einen Wandel und die Regierung steht derzeit auf der Seite der Anleger: Unternehmen öffnen sich, forcieren ihre Finanzkommunikation und schütten Dividenden aus. So meldete der Roboterspezialist Fanuc im vergangenen Monat, dass er eine Investor-Relations-Abteilung gegründet hat – wodurch der Aktienkurs kräftig anzog. Auch die Arbeitskosten steigen, was sich positiv auf den Konsum und die Inflation auswirken dürfte. Der gegen den Dollar schwache Yen stützt die Exporte in Schwellenländer, die an diese Währung geknüpft sind. Und Premierminister Abe ist entschlossen, den eingeschlagenen Reformweg fortzusetzen.
Was die Schwellenländermärkte angeht, bietet Asien insgesamt gute Perspektiven. Vor allem Indien steht gut da: Die Inflation geht ebenso zurück wie die Defizite der öffentlichen Hand. Die gegen den Dollar schwache Rupie fördert die Wirtschaft. Reformen erfolgen langsam, aber stetig. Auch in Indonesien bringt der neue Präsident Bewegung in die verkrusteten Strukturen: Seine Reformen – insbesondere, dass er die Verbraucher im Energiebereich weniger subventioniert – dürften das Staatsdefizit senken und dadurch Investitionen in die für die konjunkturelle Wiederbelebung entscheidende Infrastruktur stärken.
Im Gegenzug ist der chinesische Markt extrem teuer geworden. So beläuft sich das KGV mancher Technologieaktien auf 200. Und seit sich die Hongkonger Börse für Anleger aus Festlandchina geöffnet hat, wurden auch dort die Aktien teurer und erreichten dank der enormen Mittelzuflüsse ein Sieben-Jahres-Hoch. Zwar sind manche Unternehmen nach wie vor nicht so teuer wie an der Shanghaier Börse, aber angesichts des bestehenden Ansteckungsrisikos zwischen den beiden Börsen ist Vorsicht geboten.
In Osteuropa dominiert der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine die Märkte. Zusätzlich belastet die hohe Verschuldung die Länder in dieser Region. Es gibt dort kaum Unternehmen mit dauerhaften Wachstumsperspektiven, die diese Probleme kompensieren würden.
In Südamerika bereitet Brasilien Probleme, das Land leidet unter hohen Zinsen, sinkenden Löhnen, dem Petrobras-Skandal, Wassermangel infolge der Dürre etc. Mexiko kann hingegen in mehrfacher Hinsicht auftrumpfen: gute Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, geringe Inflation, eingedämmtes Staatsdefizit und eine solide Regierung. Es zeugt vom guten Zustand des Landes, dass sich viele Unternehmen aus Amerika und Europa im Norden des Landes an der texanischen Grenze niederlassen. Der Molkereikonzern Grupo Lala ist nach wie vor unser mexikanisches Lieblingsunternehmen. Mittelfristig dürfte es ihm zugutekommen, dass sich die Essgewohnheiten verändern – die Verbraucher essen gesünder und ausgewogener.
In den kommenden Monaten dürfte das Renditestreben die Anleger weiterhin in riskante Anlageformen drängen und die Aktienbörsen stützen – vor allem diejenigen, die in den letzten vier Jahren am schwersten gelitten haben. Trotzdem sollten Anleger vorsichtig bleiben, nachdem das erste Quartal in Europa Performance-Rekorde aufgestellt und der EUR/USD-Wechselkurs beispiellose Ausschläge hingelegt hat. Der Konflikt in der Ukraine und die Spannungen im Nahen Osten dürften weiter für Unruhe sorgen. Hinzukommen der rasante Ölpreisverfall, der die Förderländer destabilisiert, und vor allem die negativen Zinsen. Es ist fraglich, wohin das noch führen soll. Die Märkte sind somit nicht vor bösen Überraschungen gefeit.
Von Rajesh Varma, Manager Internationale Aktien Negative

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