Finanzmarktintegration in Europa gewinnt laut EZB-Bericht wieder an Fahrt

Frankfurt/Main (28.4.15) – Insgesamt hat die europäische Finanzmarktintegration in etwa wieder das Niveau erreicht, das vor der Staatsschuldenkrise verzeichnet wurde, so die Europäische Zentralbank (EZB) in einem neuen Bericht, der heute anlässlich einer gemeinsam mit der Europäischen Kommission in Brüssel organisierten Konferenz zum Thema „Financial Integration and Stability“ veröffentlicht wird.

Aus dem Bericht, der einmal im Jahr veröffentlicht wird, geht hervor, dass die Finanzmarktintegration im Euroraum in den meisten Marktsegmenten gute Fortschritte erzielt und im Jahr 2014 im Vergleich zum Vorjahr zugenommen hat, wie der zusammengesetzte Indikator für die Finanzmarktintegration (FINTEC)1 zeigt. Diese Fortschritte lassen sich an den Geld-, Anleihe- und Bankenmärkten erkennen, während sich bei den Aktienmärkten ein eher gemischtes Bild ergibt.

1 Die Abkürzung FINTEC steht für FINancial INTEgration Composite. Dieser Indikator setzt sich aus Standardindikatoren für alle vier Marktsegmente (Geld-, Anleihe-, Aktien- und Bankenmarkt) zusammen und bildet somit die Entwicklung der Finanzmarktintegration insgesamt ab. Weitere Erläuterungen hierzu finden sich im „Financial Integration Report“.

Die Integration der Finanzmärkte hat sich unter anderem infolge der geschaffenen Bankenunion verbessert, insbesondere durch den Einheitlichen Aufsichtsmechanismus (SSM) und die ihm vorausgehende umfassende Bewertung der Bankbilanzen sowie durch den Einheitlichen Abwicklungsmechanismus (SRM). Darüber hinaus haben eine Reihe unkonventioneller geldpolitischer Maßnahmen der EZB dazu beigetragen, einer Fragmentierung der Finanzmärkte entgegenzuwirken.

Dem Bericht zufolge ist die vollständige Umsetzung der Bankenunion nach wie vor unerlässlich, um die im Hinblick auf die Finanzmarktintegration erzielten Fortschritte zu festigen, die Weiterentwicklung in diesem Bereich voranzutreiben und potenzielle negative Nebeneffekte fragmentierter Finanzmärkte in Krisensituationen einzugrenzen.

„In den letzten zwei Jahren hat sich die Integration der europäischen Finanzmärkte verbessert, was auch den Zugang der Unternehmen zu Finanzmitteln positiv beeinflusst hat“, so EZB-Vizepräsident Vítor Constâncio. „Durch unsere Maßnahmen hat sich die Fragmentierung der Finanzmärkte verringert, und seit dem letzten Jahr ist sowohl das Niveau als auch die Streuung der Kreditzinsen, vor allem für kleinere und mittlere Unternehmen, zurückgegangen. Es besteht weiterhin erheblicher Handlungsbedarf, um eine weitere Vertiefung der Finanzmarktintegration zu erzielen. Die von der Kommission eingeleitete Schaffung einer Kapitalmarktunion kann hierzu einen positiven Beitrag leisten.“

Die vier Marktsegmente im Einzelnen:

An den Geldmärkten hat der Anteil der unbesicherten grenzüberschreitenden Übernachttransaktionen wieder ein Niveau wie vor der Lehman-Insolvenz erreicht. Außerdem nahm die Streuung der Geldmarktsätze bei unterschiedlichen Laufzeiten in den einzelnen Euro-Ländern nahezu im gesamten Jahresverlauf 2014 ab. Die wachsende Zuversicht, die aus diesem Zugang zu mehr grenzüberschreitenden kurzfristigen Refinanzierungsmitteln spricht, spiegelt sich auch in der niedrigeren Überschussliquidität der Banken wider.

Indikatoren weisen auch darauf hin, dass die Fragmentierung an den Anleihemärkten im Euroraum (für Staaten, Banken und nichtfinanzielle Unternehmen) im Jahr 2014 weiter abnahm, was auf mindestens drei Hauptfaktoren zurückzuführen ist: a) die Durchführung von Strukturreformen in finanziell angeschlagenen Ländern, b) Fortschritte bei den Reformen der Finanzarchitektur des Eurogebiets und c) die geldpolitischen Maßnahmen der EZB. Die Nachfrage nach hochverzinslichen Schuldverschreibungen im Ausland mag ebenfalls eine Rolle bei der Konvergenz der Zinssätze im Unternehmensbereich spielen und sollte im Hinblick auf die Finanzstabilität aufmerksam beobachtet werden.

Die Finanzmarktintegration an den Bankenmärkten im Euroraum hat sich 2014 ebenfalls verbessert. Die grenzüberschreitende Streuung der Zinssätze für Kredite und Einlagen im Kundengeschäft mit nichtfinanziellen Unternehmen nahm erneut ab, und der Abstand zwischen diesen Zinssätzen in finanziell angeschlagenen und nicht angeschlagenen Ländern wurde 2014 geringer. Die Tatsache, dass sich dieser Abstand insbesondere bei den Kleinkrediten im Kundengeschäft verminderte, ist ein Zeichen für den Erfolg einiger politischer Initiativen, die auf die Wiederherstellung der Finanzierungsfähigkeit der kleinen und mittleren Unternehmen abzielen, einer wichtigen Voraussetzung für die Rückkehr zu einem gesunden Wirtschaftswachstum in finanziell angeschlagenen Ländern.

Integrationsfortschritte am Aktienmarkt sind nicht so deutlich erkennbar wie am Geld-, Anleihe- und Bankenmarkt. Preisbasierte Indikatoren deuten beispielsweise darauf hin, dass die Fragmentierung der Aktienmärkte in den finanziell angeschlagenen Ländern permanent höher ist als in den finanziell stabilen Ländern. Mengenbasierte Indikatoren zeigen einen stabilen Grad von grenzüberschreitenden Kapitalbeteiligungen im Euro-Währungsgebiet. Die beobachtete Diversifizierung hin zu Kapitalbeteiligungen außerhalb des Euroraums zu Lasten von inländischen Aktienbeständen kann sich positiv auf die Finanzmarktstabilität auswirken.