München (21.5.15) – „Das langfristige Wachstum von Volkswirtschaften hängt direkt ab von den Kompetenzen der Menschen – dem ‚Wissenskapital‘ der Nationen.“ Zu diesem Ergebnis kommt Ludger Wößmann, Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik, zusammen mit ifo-Forschungsprofessor Eric Hanushek von der Stanford University in dem neuen Buch „The Knowledge Capital of Nations”, das soeben bei MIT Press erschienen ist. Das Buch, das heute in Berlin vorgestellt wird, fasst die Erkenntnisse aus 10 Jahren gemeinsamer Forschung zusammen. „Die Antwort auf die Frage, wovon der Wohlstand der Nationen abhängt, ist ganz einfach, wenn man auf die Zahlen schaut“, sagt Wößmann.

So ist das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist in Lateinamerika seit 1960 jährlich gut anderthalb Prozentpunkte langsamer gewachsen als im Rest der Welt, in Ostasien hingegen rund zweieinhalb Prozentpunkte schneller. Über einen so langen Zeitraum machen solche Wachstumsunterschiede gewaltige Unterschiede im Wohlstand aus: Die Menschen in Ostasien sind heute mehr als siebenmal so reich wie ihre Großeltern, die Menschen in Lateinamerika hingegen weniger als zweieinhalbmal. Warum das so ist, war für Ökonomen seit langem ein Rätsel.

„Weder ist das ostasiatische Wirtschaftswunder verwunderlich noch das lateinamerikanische Wachstumsrätsel rätselhaft, wenn wir die Kompetenzen berücksichtigen, die die Menschen dort erworben haben“, sagt Wößmann. „Durch die unterschiedlichen Kompetenzen werden die unterschiedlichen Wachstumsraten vollständig erklärt.“ Unterschiede in der Bildungsdauer können die Unterschiede hingegen nicht erklären. „Es kommt auf das Gelernte an, nicht darauf, wie lange man dazu benötigt hat“, fügt Wößmann hinzu. Die relevanten Kompetenzen lassen sich mit internationalen Mathematik- und Naturwissenschaftstests gut messen.

Entsprechend der historischen Erfahrungen können relativ bescheidene Verbesserungen in den Kompetenzen der Bevölkerung das Mehrfache des aktuellen Bruttoinlandsprodukts eines Landes wert sein. Zahlreiche weitergehende Analysen belegen, dass eine ursächliche Interpretation des Zusammenhangs gerechtfertigt ist: Bessere Kompetenzen führen zu höherem Wirtschaftswachstum.

Die große Bedeutung des Wissenskapitals für das Wirtschaftswachstum zeigt sich in entwickelten Ländern genauso wie in Entwicklungsländern. Wößmann: „Will die Wirtschaftspolitik nicht immer nur kurzfristige Löcher stopfen, sondern auf langfristigen Wohlstand zielen, muss sie also die Bildung der Bevölkerung in den Blick nehmen.“ Die heutige Wirtschaft ist global ausgerichtet und in ständigem Wandel begriffen. Um dabei nicht abgehängt zu werden, muss es dem Bildungssystem und der Gesellschaft insgesamt gelingen, die nachwachsende Generation mit hohen Kompetenzen auszustatten.

Der internationale Vergleich zeigt, dass es dazu nicht in erster Linie auf höhere Bildungsausgaben ankommt. „Vielmehr muss das Bewusstsein für Bildungsergebnisse ins Zentrum rücken – sowohl in den Familien als auch in den Schulen. Dazu bedarf es erstklassiger Lehrkräfte, einheitlicher Leistungsprüfungen, mehr Freiheit für die Schulen und guter frühkindlicher Bildung für alle Kinder“, sagt Wößmann.