(6.7.15) – Der griechischen Regierung kommt mit ihrer Volksbefragung zur hausgemachten Schuldenkrise trotz allem das Verdienst zu, Bewegung in die verhärteten Strukturen von EU und Eurozone zu bringen. Die Erfinder der Demokratie – damals im klassischen Athen – haben in der reichlich verkommenen Gegenwart nicht zu übersehende, positive Elemente ins demokratische Durcheinander der EU-Staatengemeinschaft gebracht.
Christoph Wehnelt – Foto: CW
Staaten haben jetzt wieder mehr zu sagen und Völker erhalten eine neue Würde und mehr Rückhalt in der Durchsetzung ihrer Interessen in einer Union von Technokraten, die weder die Geschichte ihres eigenen Landes kennen, noch Visionen für den Subkontinent entwickeln können, vielleicht sogar nicht einmal wollen.
Für Deutschland gilt ganz sicher, dass die meisten Politmanager über keinerlei historisch begründete Staatsgedanken verfügen. Man darf auch ganz frivol behaupten, dass sich in dieser Politikerklasse – Parteizugehörigkeit ist dabei unerheblich – zu viele „vaterlandslose Gesell-inn-en“ tagtäglich in den Medien profilieren. Ohne gediegene Bürger und bewusste Staatsangehörige kann auch eine Staatengemeinschaft nicht funktionieren. Andere Typen denken nur an sich und nicht für und an uns alle. Traumtänzer von Brüssel bis in die Landeshauptstädte haben das Sagen. Das schließt nicht aus, dass einige Völkerschaften mit mehr oder weniger gut formulierten historischen Hinweisen andere als Melkkühe missbrauchen und Europa nur als Selbstbedienungsladen betrachten.
Die griechischen Regierungen haben diese Nummern seit Jahrzehnten gespielt. Aber Alexis Tsipras und seine Leute, insbesondere Finanzminister Giannis Varoufakis haben uns auf den Boden der Tatsachen zurückgeführt. Varoufakis hat seine Kollegen in den anderen Euro-Ländern gar als Terroristen bezeichnet. Berlin zeigt nun die ganz kühle Schulter und dies zu Recht.
Aber letztlich geht es gar nicht mehr um Griechenland. Das Volk mit den reichsten und den ärmsten Bürgern Europas und ihre Regierung haben ausgespielt in der Europäischen Union und der Eurozone. Nun müssen Sanierungsmaßnahmen anlaufen zur Bekämpfung der Armut, zur Ankurbelung der Wirtschaft und zur Behebung der Arbeitslosigkeit insbesondere unter den jungen Menschen. Der Ausstieg aus der Eurozone, der Grexit, ist intern längst eine beschlossene Sache. Das Land wird besser und einfacher leben mit einer neuen Euro-Drachme, die die Wirtschaftskraft das Landes richtig spiegelt und deren Außenwert sich immer am Euro orientieren kann und wahrscheinlich muss.
Die Schuldenfrage ist zweitrangig geworden, aber der notwendige „Marschallplan“, um den traditionsreichen und gleichzeitig maroden Staat wieder auf die Beine zu stellen, kostet für die Geldgeber genauso viel, wie sie als Kreditgeber nicht mehr zurückbekommen. Griechenland wird humanitär nicht alleine gelassen. Jetzt bekommt das Wort von Kanzler Schröder noch eine ganz andere Bedeutung: „Wir können uns Griechenland leisten.“ Aber Euroland wird sich Griechenland nicht mehr ausliefern.
Und Griechenland wird nicht alleine bleiben, denn andere Staaten werden aus der Eurozone aussteigen oder leise hinausgedrängt, wenn sie nicht mithalten können oder wollen, bei den regularischen und innovativen Erfordernissen, die zum Gelingen einer solchen Mehrstaaten-Konstruktion notwendig sind. Ganz gewiss wird es zwei Währungsblöcke geben in Europa. Die gegenwärtig neunzehn Euro-Staaten werden sich umgruppieren. Die „echte“ Euro-Gruppe reduziert sich auf ein Dutzend Staaten. Die zweite Gruppe wird letztlich ebenso viele Mitglieder haben und dazwischen müssen auch regelmäßige Währungsanpassungen stattfinden können. Beide Gruppen verbleiben in der EU, bis dann allesamt in der Lage sind, einen Bundesstaat ähnlich dem der USA aufzubauen.
Umgehend ist auch Remedur bei der Europäischen Zentralbank angesagt. Zulange wurde dort gewirtschaftet wie zu Zeiten des John Law, der in Frankreich sein Glück versuchte und nichts wie Inflation produzierte. Europäische Traumtänzerei muss nun wirklich ein Ende finden.
Wenn sich neuerdings auch die Bundeskanzlerin gerne mit dem französischen Präsidenten abspricht und ganz gewiss die deutsch-französische Freundschaft ein unschätzbarer, historischer Gewinn ist, kann nicht darüber hinweg gesehen werden, dass Frankreich von der Schuldenseite ebenso miserabel dasteht wie Griechenland und einen riesigen Innovationsbedarf hat.
Aber eine historische Errungenschaft hat die Grexit-Krise gewiss gezeitigt. Das Volk jeden Landes kann und muss gefragt werden auch und gerade, wenn es ums Geld geht. Es war wirklich ein Husarenritt von Kanzler Kohl und Finanzminister Waigel als sie im Gleichschritt mit FDP und SPD, die Bundesbank auf den Kopf gehauen haben. Sinnlose Eurotümelei zum Schaden von allen. Jetzt aber in der Euro-Krise schlägt das Imperium mächtig zurück. Historische Fehler korrigieren sich irgendwann und das tut weh, wie wir Deutschen wissen. Das war nach dem 1. Weltkrieg genau so wie nach dem zweiten und jetzt in der Euro-Krise.
Christoph Wehnelt


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