(6. 8.15) – Man muss wohl ein so praller Optimist sein wie Carsten Spohr, der Vorstandsvorsitzende der Lufthansa, um daran glauben zu können, dass aus seiner Firma und der deutschen Gesellschaft, wie sie nun einmal ist, noch etwas zu machen ist. Beide sind eng miteinander verzahnt. Das ist nicht zu vermeiden, wenn man daran denkt, dass die Lufthansa seit ihrer Gründung vor etwa 80 Jahren für Deutschland und seine Tugenden – technisch höchst entwickelt, bedingungslos zuverlässig, einsatzbereit für die Klientel – Identität prägend ist, zumindest bis vor kurzem war.
Als ich am 24. März 2015 von Basel kommend – schweizerisch gezügelt – über die Autobahn fegte, trat ich automatisch auf die Bremse, als ich von dem Flugzeugabsturz in Frankreich hörte und den vielen Kindern, die dabei vom Himmel gefallen sind. Hemmungslos zu heulen begann ich, als die wahren Gründe öffentlich wurden. Ein Wahnsinnskerl hat die Tat lange vorbereitet, teuflisch umgesetzt und ist dabei zur Hölle gefahren. Die Kinder und alle anderen Passagiere haben die ewige Ruhe gefunden. Zurück blieb die Trauer bei den Hinterbliebenen. – Ach nein! Die deutsche Gesellschaft ist auch nicht mehr das, was sie schon einmal war. Sie ist habgierig geworden und immer habgieriger. Angetrieben durch ebensolche Rechtsbeistände, gewissenlose Juristen, sollen die Schadenersatzforderungen in astronomische Höhen getrieben werden. Natürlich, weil sie selbst Millionen verdienen wollen. Bei dieser Methode wird jeder Tote käuflich und ein unbezahlbares, hoffnungsvolles Kind zur Marktware. Pfui Teufel!
Hier geht es nicht darum, die Kasse der Lufthansa und ihrer Versicherer und Rückversicherer zu schonen. Hier geht es nur um menschlichen Anstand, um Ethik.
Mit diesem öffentlichen Defizit – und das kam in der Gesprächsrunde beim Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten unterschwellig aber klar zum Ausdruck – muss Carsten Spohr ebenso fertig werden, wie mit dem anhaltenden Kräftemessen mit den Gewerkschaften, wo doch Arbeitnehmer und Cockpit-Strategen in einem Flieger sitzen und gemeinsam mit dem Vorstand die Lufthansa in eine bessere Zukunft führen sollten, wollen! Bei der organisierten Arbeitnehmerseite scheint jetzt größere Einsicht einzukehren. Bei den Nichtorganisierten ist der Klassenkampf, wie die Erfahrung zeigt, immer schon weniger verbreitet.
Es sickert offenbar nun in alle Führungsebenen und Gewerkschaftskader durch, dass die Konkurrenz partout nicht schlafen will und der Himmel über den Flughäfen immer enger wird und weniger Renditen abwirft. Spohr gibt nicht auf. Er kann Optimismus auf allen Ebenen verbreiten und dabei Mitarbeiter, Behörden und Bevölkerung mitreißen. Wir brauchen die Verkehre in der Luft und die passenden Flughäfen. Wir brauchen auch etwas LH-Identity in der Öffentlichkeit: „Unsere Lufthansa, beste Fluglinie der Welt, bestes Material, beste Piloten“ (wenn möglicherweise auch alle 1000 Jahre ein Karnickel dabei sein wird).
Christoph Wehnelt


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