München (13.8.15) – Am 11. August 2015 setzte die People´s Bank of China überraschend das Fixing des Renminbi gegenüber dem US-Dollar bei 6,2298 CNY/USD und damit knapp 2% höher fest als am Vortag. Eine derart starke Abwertung der chinesischen Währung an einem einzigen Tag hatte es zuletzt im Jahr 1994 gegeben. Gleichzeitig gab die Notenbank bekannt, dass sie sich künftig beim täglichen Fixing am Schlusskurs des jeweiligen Vortages sowie an der aktuellen Angebots- und Nachfragesituation am Devisenmarkt orientieren werde. Entsprechend ihres geänderten Regelwerks setzte die Notenbank in den Folgetagen bei der Eröffnung des Devisenhandels das Fixing dann auch nahe dem Schlusskurs des jeweiligen Vortages fest. Darin kommt eine stärkere Marktorientierung in der Bestimmung des Wechselkurses zum Ausdruck.
Die jüngste Modifizierung des Wechselkursregimes betrachten wir grundsätzlich als Schritt in die richtige Richtung. Sie erhöht die Flexibilität des Wechselkurses, der stärker unter dem Einfluss der Marktkräfte steht. Die chinesische Regierung signalisiert damit auch ihre Bereitschaft, mit der graduellen Öffnung der Kapitalbilanz und der Liberalisierung des Wechselkursregimes fortzufahren.
Das Timing dieses Schrittes ist sowohl unter politischen als auch unter konjunkturellen Aspekten bemerkenswert. Politisch deswegen, da sich China schon seit längerem um die Aufnahme des Renminbi in den Währungskorb der Sonderziehungsrechte (SZR) des Internationalen Währungsfonds (IWF) bemüht. Die nächste routinemäßige Entscheidung über die Zusammensetzung dieses Währungskorbs steht im Herbst an. Zwar hat der IWF bereits den jüngsten Schritt der chinesischen Notenbank begrüßt, eine direkte Auswirkung auf die Entscheidung sieht er aber nicht. Als hilfreich darf die Flexibilisierung aber allemal gewertet werden.
Von der Währungsabwertung verspricht sich die chinesische Regierung auch eine konjunkturelle Besserung. Zuletzt waren insbesondere die Außenhandelszahlen schwach ausgefallen. So verzeichneten die chinesischen Ausfuhren im Juli ein Minus von mehr als 8% gegenüber dem Vorjahr.
Vielfach herrscht die Meinung vor, China würde mit diesem Schritt einen „Währungskrieg“ beginnen. Diese Einschätzung teilen wir nicht. Denn tatsächlich hat die chinesische Währung insbesondere gegenüber den Währungen der asiatischen Handelspartner, aber auch gegenüber Euro und Yen zuletzt kräftig an Wert gewonnen. Der Außenwert des Renminbi legte gegenüber den wichtigsten Handelswährungen seit Jahresbeginn um mehr als 4% und gegenüber Vorjahr sogar um 11% zu. Die Abwertung der letzten Tage kann also auch als eine Korrektur der vorangegangenen Aufwertung gesehen werden, die mit einem Verlust an Weltmarktanteilen einhergegangen ist.
Vor dem Hintergrund der anhaltenden Konjunktursorgen in China und der Marktanteilsverluste rechnen wir damit, dass sich die Abwertungstendenz in einer graduellen Weise zunächst noch weiter fortsetzen wird. Eine Abwertung in Richtung 6,8 Renminbi pro US-Dollar halten wir in den kommenden Wochen für realistisch. An einem drastischen Kursverlust und einem „Währungskrieg“ kann China – auch angesichts der Kaufkraftentwicklung der Konsumenten und möglicher Kapitalabflüsse – kein Interesse haben. Die chinesische Notenbank wird entsprechend auf den Wechselkurs einwirken.
Die Auswirkungen der Abwertung auf den chinesischen Außenhandel werden demzufolge voraussichtlich auch begrenzt bleiben. Der Export dürfte angesichts der bereits eingetretenen und der noch zu erwartenden Abwertung um einige Prozentpunkte (zu Lasten der konkurrierenden Handelspartner) ansteigen. Er wird aber sicherlich nicht zum Hauptträger der Konjunktur werden. Die wesentlichen Impulse werden im Jahr 2015 vom privaten Verbrauch und von den Investitionen kommen. Dabei hat der private Verbrauch erfreulicherweise Boden gegenüber den Investitionen gut gemacht.
Die weltwirtschaftlichen Auswirkungen der Renminbi-Abwertung werden regional sehr differenziert sein. Im intra-asiatischen Handel werden sich keine größeren Verschiebungen ergeben, denn die meisten asiatischen Währungen hatten bereits gegenüber dem US-Dollar abgewertet und vollziehen nun auch die Entwicklung des Renminbi gegenüber dem US-Dollar in abgeschwächter Form nach. Der Trend zur Zerlegung von Wertschöpfungsketten und der Anstieg der intra-asiatischen Direktinvestitionen werden anhalten. Für die Industrieländer sind durchaus stärkere Auswirkungen zu erwarten, insbesondere für die USA, deren Handel mit China sehr ausgeprägt ist und deren Währung gegenüber Euro und Yen bereits sehr stark zugelegt hat. Insofern ist damit zu rechnen, dass das Außenhandelsdefizit der USA zunimmt und die Konsumnachfrage für das US-Wirtschaftswachstum noch größere Bedeutung erlangt. Da der Konsum einige Dynamik aufweist und durch den jüngsten Ölpreiserückgang weiter unterstützt wird, rechnen wir nach wie vor mit einer ersten Zinserhöhung seitens der Fed im September. Das weitere Tempo der Zinsschritte dürfte aber umso geringer sein, je größer die Abwertung des Renminbi ausfällt.
Auch für Europa und Japan bringt die Abwertung des Renminbi einen (stark branchenabhängigen) Dämpfungseffekt mit sich. Wichtiger als der relativ moderate Verlust an preislicher Wettbewerbsfähigkeit ist aber die generelle Konjunkturentwicklung in der chinesischen Wirtschaft. So lange diese aufwärtsgerichtet bleibt, und dies wird durch die leichte Abwertung eher gefördert, werden auch die Exportchancen nach China weiterhin positiv bleiben. Das Ausmaß der negativen Marktreaktionen der letzten Tage auf die Renminbi-Abwertung ist daher nach unsrer Einschätzung nicht in vollem Maße gerechtfertigt.
Autoren:
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