Stuttgart (14.8.15) – Deutschlands Top-Konzerne bleiben auf Rekordkurs: Im zweiten Quartal konnten die 30 DAX-Konzerne ihren Gesamtumsatz um elf Prozent auf 335 Milliarden Euro steigern; der operative Gewinn (EBIT ) legte um zehn Prozent auf 32 Milliarden Euro zu – nie zuvor lagen Gewinn und Umsatz der DAX-Konzerne in einem zweiten Quartal so hoch. Die Mehrzahl der Unternehmen konnte sowohl Umsatz als auch Gewinn steigern – nur ein DAX-Konzern (RWE) verzeichnete einen Umsatzrückgang, nur sieben der 30 Unternehmen erwirtschafteten einen niedrigeren Gewinn als im Vorjahreszeitraum.
Das größte Umsatzwachstum konnte Infineon (plus 43 Prozent) vermelden – allerdings stark beeinflusst durch den Zukauf von International Rectifier. Den höchsten Gewinnanstieg verzeichneten der Rückversicherer Munich Re (plus 60 Prozent) und die Commerzbank (plus 50 Prozent).
In absoluten Zahlen hatte hingegen Daimler beim Gewinn die Nase vorn: Der Stuttgarter Autokonzern erwirtschaftete im zweiten Quartal im operativen Geschäft einen Gewinn von 3,7 Milliarden Euro – 20 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Umsatzstärkster DAX-Konzern bleibt Volkswagen mit einem Umsatz von 56 Milliarden Euro (plus zehn Prozent).
Angesichts der guten Umsatzentwicklung sind die DAX-Konzerne offenbar weiter in Investitionslaune: Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung stiegen um 14 Prozent auf 10,5 Milliarden Euro. Und auch die Beschäftigung steigt – allerdings zum Teil bedingt durch Zukäufe: Insgesamt erhöhte sich die Zahl der Mitarbeiter um 2 Prozent auf 3,8 Millionen.
Das sind Ergebnisse einer Analyse der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY) auf der Basis der Quartalsberichte der im Deutschen Aktienindex (DAX) gelisteten Unternehmen.
„Das zweite Quartal verlief für die meisten DAX-Konzerne außergewöhnlich erfolgreich“, sagt Thomas Harms, Partner bei EY. „Die Mehrzahl der Unternehmen konnte bei Umsatz oder Gewinn zweistellig zulegen, die Beschäftigung steigt ebenfalls – auf den ersten Blick eine sehr erfreuliche Entwicklung. Allerdings konnte die Gewinnentwicklung im abgelaufenen Quartal nicht ganz mit der Umsatzentwicklung Schritt halten: Die ohnehin nicht besonders hohe operative Marge der DAX-Konzerne verschlechterte sich leicht von 9,7 auf 9,5 Prozent. Die Marge der Industrieunternehmen – also ohne Finanzbranche – sank von 8,8 auf 8,4 Prozent.
Vor allem aber sei das starke Wachstum im zweiten Quartal zu einem erheblichen Teil auf positive Währungseffekte zurückzuführen, betont Harms: „Der schwache Euro treibt die Umsatzentwicklung an und rettet so den deutschen Top-Konzernen die Bilanzen“.
Im zweiten Quartal dieses Jahres lag der Eurokurs etwa im Vergleich zum US-Dollar knapp 20 Prozent niedriger als im Vorjahreszeitraum. Der starke Wertverlust des Euro lässt im Ausland erzielte Einnahmen bei der Umrechnung in die europäische Gemeinschaftswährung wachsen – wovon vor allem stark internationalisierte Unternehmen profitieren, die erhebliche Umsätze außerhalb des Euroraums erwirtschaften.
Nach EY-Berechnungen brachten Währungseffekte den DAX-Konzernen einen Umsatzschub von mindestens 20 Milliarden Euro – bei einem Umsatzwachstum von insgesamt 34 Milliarden Euro im zweiten Quartal.
Harms betont daher: „Die positive Entwicklung vieler deutscher Konzerne ist weniger auf einen weltweiten Nachfrageboom nach Produkten ‚Made in Germany‘ zurückzuführen. Vielmehr lässt der schwache Euro die Umsatzentwicklung außerhalb Europas besser aussehen, als sie tatsächlich ist“. So erklärt sich auch, dass der Anteil der außerhalb Europas erwirtschafteten Umsätze am Gesamtumsatz der DAX-Konzerne von 48 auf 51 Prozent stieg .
USA-Umsätze steigen am stärksten
Wie stark der Einfluss von Währungseffekten ist, zeigt die Umsatzentwicklung in Nordamerika, wo Deutschlands Top-Konzerne aktuell 25 Prozent ihres Gesamtumsatzes erwirtschaften. Die dortigen Umsätze legten – in Euro ausgewiesen – im Vergleich zum Vorjahreszeitraum fast um ein Drittel (31 Prozent) zu, was zu einem erheblichen Teil wechselkursbedingt war.
Zweistellige Umsatzzuwächse (plus 14 Prozent) meldeten die Unternehmen auch für die Region Asien-Pazifik, wobei auch hier Wechselkurseffekte eine Rolle gespielt haben dürften – so wertete der Euro gegenüber dem chinesischen Yuan im zweiten Quartal um 20 Prozent ab. Die in den vergangenen Tagen erfolgte Abwertung der chinesischen Währung sowohl gegenüber dem Dollar als auch gegenüber dem Euro relativiert sich vor diesem Hintergrund, dürfte aber dennoch bei einigen stark in China engagierten Konzernen im laufenden Quartal zu Einbußen führen.
In Europa schafften die DAX-Konzerne immerhin ein Plus von sechs Prozent. Sie profitierten dabei von der robusten Konjunkturentwicklung in Deutschland und Großbritannien und der Erholung in einigen ehemaligen Krisenländern wie Spanien oder Irland. „Die Konjunktur in Europa zieht wieder spürbar an – und hier erwirtschaften die DAX-Konzerne immerhin noch knapp die Hälfte ihres Umsatzes“.
Kapitalflucht, Rohstoff-Baisse, Aktien-Crash: Schwellenländer entwickeln sich schwach
Außerhalb Europas gebe die Konjunkturentwicklung hingegen Anlass zu Sorge, so Harms: „Gerade in einigen wichtigen Schwellenländern entwickelt sich die Nachfrage derzeit sehr verhalten. Russland und Brasilien haben sich von Hoffnungsträgern zu Krisenfällen entwickelt, und auch die Entwicklung in China bereitet zunehmend Sorge. Die Wachstumsdelle in China werden einige deutsche Konzerne, die dort sehr stark engagiert sind, schmerzlich spüren. Zwar ist noch unklar, wie stark sich der jüngste Absturz an den chinesischen Börsen und die aktuelle Abwertung der chinesischen Währung auf die Realwirtschaft im Reich der Mitte auswirken. Sicher ist aber, dass sich das Wachstum der chinesischen Volkswirtschaft verlangsamt“. Die mittel- und langfristigen Perspektiven auf dem chinesischen Markt seien aber weiterhin positiv, betont Harms: „China bleibt ein Wachstumsmarkt mit nach wie vor großem Potenzial. Allerdings kehrt dort nun etwas Normalität ein: Die Goldgräberstimmung ist vorüber, der Wettbewerb wird härter, die Risiken steigen“.
Gerade in den Schwellenländern werden die Herausforderungen für die DAX-Konzerne in den kommenden Monaten weiter zunehmen, erwartet Harms: „Für Unternehmen, die stark in Schwellenländern engagiert sind, werden die Zeiten schwieriger. Die erwartete Zinswende in den USA könnte die Kapitalflucht aus den Schwellenländern verstärken. Chinas schwaches Wachstum führt zu sinkenden Wachstumsraten auch in anderen asiatischen Ländern. Zudem treffen die niedrigen Ölpreise und der Preisverfall auch bei anderen Rohstoffen gerade rohstoffreiche Schwellenländer – worunter wiederum die Nachfrage nach Investitionsgütern „Made in Germany“ leidet“.
Auf schwierige Zeiten vorbereiten – Geschäftsmodelle anpassen
Angesichts der wachsenden weltweiten Konjunkturrisiken sollten sich Deutschlands Top-Konzerne auf schwierige Zeiten vorbereiten, fordert Harms: „Jetzt ist der richtige Moment, ineffiziente Strukturen aufzubrechen und überkommene Geschäftsmodelle anzupassen. In Boom-Phasen fallen solche massiven Einschnitte erfahrungsgemäß deutlich leichter als in Krisenzeiten“.
Einige Unternehmen haben bereits entsprechende Maßnahmen ergriffen – etwa indem sie sich von Randaktivitäten trennen, Zukäufe in Kernbereichen tätigen oder ambitionierte Effizienz- und Sparprogramme auflegen. Vor allem sollten die Unternehmen stärker auf die Effizienz ihrer Produktionsprozesse achten und ihre Geschäftsmodelle und ihre Produktpalette im Blick behalten, betont Harms. „Die Devise muss sein: Schlank und flexibel statt groß und unbeweglich. Die Kosten müssen runter – sonst droht ein weiterer Margenrückgang und damit ein Verlust an Wettbewerbsfähigkeit. Angesichts der dunklen Wolken am Horizont sollten die deutschen Unternehmen keine Zeit verlieren und einen konsequenten Spar- und Flexibilisierungskurs einschlagen – denn uns dürften turbulente Zeiten bevorstehen“.
Vor allem aber werde es immer wichtiger, dass die Unternehmen ihre Geschäftsmodelle modernisieren und kontinuierlich anpassen, so Harms: „Ziel muss sein, auf Nachfrageänderungen flexibel reagieren zu können und mit sich wandelnden Kundenbedürfnissen Schritt zu halten. Die Digitalisierung der Wirtschaft, kürzer werdende Konjunkturzyklen, die steigende Volatilität – diese Trends forderten von den Unternehmen heute eine hohe Anpassungsfähigkeit und -geschwindigkeit. Wer morgen noch wettbewerbsfähig sein will, muss bereit sein, sich und sein Geschäftsmodell infrage zu stellen und notfalls sogar komplett neu zu erfinden“.
Quelle: EY

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