Berenberg-Bank: Wie Anlegerstimmung die Kurse treibt / Auf Euphorie folgt aber – auch an der Börse – nicht selten Ernüchterung.
Hamburg (3.9.15) – Aktien sind alternativlos – so jedenfalls lautete die Losung noch bis vor wenigen Wochen. Sinkende Renditen sorgten über viele Quartale dafür, dass Anleger das Risiko in ihren Portfolios sukzessive erhöhten. Sie wechselten nicht nur in risikoreichere Anleihesegmente. Mehr und mehr setzte sich auch die Erkenntnis durch, dass an Aktien kein Weg vorbeiführe. Der niedrige Wechselkurs des Euros, fallende Energiepreise und die expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) sorgten zu Jahresbeginn dafür, dass sich die Stimmung speziell am europäischen Aktienmarkt zusätzlich verbesserte. Obwohl die oben genannten Argumente weiter gelten, kippt die Stimmung nun plötzlich und führt zu deutlichen Kursverlusten.
Die „Stimmung“ am Kapitalmarkt zu messen ist schwer. Mittels einer Umfrage unter Anlegern ist das kaum möglich. Zwar gibt es solche Umfragen, aber keine von ihnen ist repräsentativ. Dazu sind die Kräfte am Kapitalmarkt schlicht und einfach auch zu unterschiedlich verteilt. Eine repräsentative Umfrage unter deutschen Privatanlegern hätte beispielsweise – selbst, wenn es sie gäbe – kaum Relevanz, weil das durch sie bewegte Wertpapiervermögen im globalen Kontext kaum ins Gewicht fällt. Zudem unterscheiden sich Anlagehorizont und Anlageverhalten der einzelnen Anlegergruppen deutlich voneinander. Ein skeptischer Trader bezieht sich bei seiner Vorsicht gegebenenfalls auf die kommenden Stunden/Tage, während der Anlagehorizont einer Versicherung oder Pensionskasse Monate oder Jahre umfasst. Ein weiterer Faktor ist, dass viele professionelle Anleger von der Stimmung ihrer Kunden abhängig sind. Der Optimismus eines in europäischen Nebenwerten investierenden Fondsmanagers ist zum Beispiel nur wenig wert, wenn seine Anleger im großen Stil Gelder abziehen. Die Stimmung alleine ist im Grunde auch nicht entscheidend. Um aus einer Stimmungserhebung eine mögliche (künftige) Marktbewegung abzuleiten, hilft es, wenn Sie die aktuelle Positionierung der Befragten kennen. Befragen Sie zum Beispiel deutsche Sparer und Privatanleger, wie sie die künftige Entwicklung der Aktienmärkte einschätzen, muss Sie eine skeptische Einschätzung weder überraschen noch erschrecken. Trübt sich hingegen die Stimmung mehr oder weniger voll investierter US-Privatanleger ein, dann könnte das durchaus Folgen auf die weitere Marktentwicklung haben. Die besten Ergebnisse erzielen Sie dann, wenn Sie beobachten, was Anleger mit ihrem Geld tatsächlich machen, und noch besser ist es, wenn Sie über eine relevante Periode so etwas wie einen „Konsens“ beobachten. Nehmen wir das Umfeld der vergangenen Quartale: Die Zinsen sind historisch niedrig und nahe Null. Man erklärt Ihnen, dass Sie mit Anleihen guter Bonität und Cash real Geld „vernichten“, weil ihr Ertrag absehbar niedriger sei als „Inflation plus Kosten“. Ob wohlkalkuliert, notgedrungen, aus Unwissenheit, aus Sorglosigkeit, mit viel Optimismus oder gar Euphorie, spielt dabei gar keine Rolle. Fakt ist: Anleger erhöhen das Risiko. Und das nicht über Tage und Wochen, sondern über Monate und Quartale. Das hilft den Kursen, und so stellen Sie wenig überrascht fest, dass Anleihen und Aktien steigen und jeder kleine Rücksetzer zum Einstieg genutzt wird. Ein solches Umfeld ist erst einmal positiv, denn es ist kurzfristig betrachtet die Garantie für weiter steigende Kurse. Niedrige Energiepreise, ein niedriger Euro und Staatsanleihekäufe durch die EZB sorgen zudem für eine „runde, plausible Story“, die die Bedenken gegen eine (weitere) Erhöhung des Risikos in Ihrem Portfolio wegwischen. Was spräche auch dagegen?! In dem Fall wäre der Zeitaufwand für eine „Sentimentanalyse“ relativ gering – ein Blick auf die Kurse verrät Ihnen schnell, was Sache ist.
Von der Sentimentanalyse zur Anlageentscheidung
Wir bleiben beim oben skizzierten Bild. Angenommen, Sie hätten die aufgezeigten Beobachtungen gemacht, dann stellt sich für Sie nun die Frage, wie Sie diese bewerten und was das für Konsequenzen auf Ihre eigene Anlagestrategie hat. Es gibt drei Möglichkeiten: Sie haben den für Sie mittel- bis langfristigen Mix gefunden. Sie wissen, dass es immer wieder Schwankungen gibt, und laufen diesen weder nach oben noch nach unten hinterher. In dem Fall nehmen Sie es hin, wie es ist. Wenn Sie eher tradingorientiert vorgehen, erkennen Sie die Gunst der Stunde! Was gibt es Besseres als einen Trend? Und so hängen Sie sich an die Bewegung, erhöhen selber das Risiko, denn Sie wissen „The trend is your Friend“. Etwas schwieriger fällt die Entscheidung, wenn Sie Ihr Depot taktisch, aber auf Sicht mehrerer Wochen/Monate bewirtschaften. Was zählt nun mehr? Der identifizierte Trend oder die Risiken, die aus ihm entstehen? Sie wissen nur zu gut, dass Anleger in einem Umfeld wie dem oben beschriebenen dazu neigen, das Risiko zu unterschätzen und somit gegebenenfalls etwas zu kräftig zuzugreifen. Sie wissen auch, dass Sie mit Cash möglicherweise nach Abzug von Kosten und Inflation reale, aber für Sie tragbare Verluste erleiden. Dass Aktien deswegen „alternativlos“ seien, gilt aber natürlich nur dann, wenn Sie einen Aufwärtstrend voraussetzen. Im Abwärtstrend geht von Cash und einer Rendite um „Null“ plötzlich ein gewisser Charme aus. Handeln Sie also antizyklisch, dann bedeutet für Sie überbordender Optimismus und Euphorie „Vorsicht“. Sie reduzieren Risiko – wohlwissend, dass Sie die Party vor (!) ihrem Ende verlassen. Agieren Sie prozyklisch, dann sind Sie darauf angewiesen, dass Sie rechtzeitig mitbekommen, dass die Musik nicht mehr spielt und sich der Trend dreht. Das ist mindestens genauso schwierig, wenn nicht gar noch schwieriger. Und damit sind wir wieder beim aktuellen Umfeld: Alle oben aufgeführten Argumente für ein Aktieninvestment gelten nach wie vor. Aber plötzlich führen wenige Verdachtsmomente zu kräftigen Verlusten. Die Stimmung wird also ganz offensichtlich (dazu bedarf es keiner Umfrage) nervöser. In den wenigen Tagen der Abwärtsbewegung wurde aber vermutlich nicht jenes Risiko wieder abgebaut, das Anleger ggf. zu viel aufgebaut haben. Mit anderen Worten: Sie „messen“ jetzt eine angeschlagene Stimmung, aber global weiterhin historisch relativ hohe Aktien-/Risikoquoten. Das verträgt sich nicht. Ebenfalls beobachten Sie, dass nun nicht mehr jeder Rücksetzer zum Kauf, sondern im Gegenteil Kurserholungen zum Verkauf genutzt werden. Auch das ist ein Hinweis für Sie, dass die Korrektur vermutlich noch nicht abgeschlossen ist.
Für Ihre Anlagestrategie ergeben sich damit die gleichen drei Möglichkeiten wie oben skizziert: Wer seine langfristig gültige Allokation gefunden hat, den kümmern diese Schwankungen nicht. Der tradingorientierte Anleger geht „übergeordnet“ zunächst einmal von einer Fortsetzung der Korrektur aus, und der mittelfristig orientierte Anleger wird antizyklisch in dem Maß mutiger, wie er auf dem Weg nach oben vorsichtiger wurde.

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