Kassel (15.9.15)/PK – Jeder spürt es: Das Flüchtlingsdrama stellt den Zusammenhalt Europas, sofern es ihn bislang je gegeben hat, auf die Probe. Auf die Zerreißprobe. Dieses Bild hat auch Jürgen Stark vor Augen. Jürgen Stark war bis vor einigen Jahren Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, solange, bis ihm der Nullzins-Geldflut-Kurs seines damaligen Chefs, Mario Draghi mißfiel und Stark die EZB verließ. Jürgen Stark war bereits damals ein brillianter Rhetor. Und er ist es immer noch. Daher zog Jürgen Stark die Finanzmakler der Plansecur-Gruppe heute in Kassel auch mühelos in seinen Bann, als  er sich in seinem Vortrag fragte, wohin Europa und Euro steuerten, noch präziser gefragt: wohin beide trieben. — Tja, wohin? Weil selbst ein Ökonom vom Range Jürgen Starks letztlich auch nur spekulieren und mehr oder weniger wahrscheinliche Szenarien benennen kann, blieb es eben bei Spekulationen. Am wahrscheinlichsten hält es Jürgen Stark, dass sich Europa irgendwie weiter durchlaviere. Im Ökonomen-Deutsch heißt dies: muddling through. Und, dass es ganz offen zu einer Haftungs- und Transfer-Union in Europa kommen werde. So wie sie sich schon jetzt darstelle. Ohne, dass sie freilich offiziell so benannt werde.

Klarer sieht Jürgen Stark die Entwicklung in Griechenland und bei den Zinsen. Ein Grexit, also den Ausstieg Griechenlands aus der Eurozone, hält Stark für „nicht unwahrscheinlich“. Er sei nur verschoben, keineswegs für immer aufgehoben.

Und bei den Zinsen erwartet der einstige Euro-Währungshüter noch eine lange Phase extrem niedriger Niveaus. Spätestens bei dieser Vorhersage brachte Jürgen Stark das Auditorium der Plansecur-Finanzmakler ins Grübeln. Denn ihnen schwimmen wegen der Quasi-Null-Zinsen die Felle weg, weil sich immer mehr Lebensversicher aus der klassischen Lebensversicherung verabschieden und sie kurzerhand nicht mehr anbieten. Dabei galt die Kapitallebensversicherung jahrzehntelang als d i e klassische Form der privaten Altersvorsorge. Nun aber wankt sie und damit schwinden auch die darauf basierenden Geschäfte der Plansecur-Finanzmakler. Nur gut, dass es viele Ersatzprodukte gibt, auf die sie zurückgreifen und ausweichen können. Um welche Finanzprodukte es sich dabei handelt, zeigte sich auf der Finanzplanungsmesse in Kassel eindrucksvoll. Es war alles vertreten: von hochspekulativen und damit von mir als sehr unseriös  eingestuften Anlagemöglichkeiten, die Renditen von 20 Prozent versprechen, bis hin zu anständigen Finanzanlagen sozial-ökologisch und damit nachhaltig ausgerichteter Anbieter.

Dass Jürgen Stark den Kurs der Europäischen Zentralbank für falsch hält, daran ließ er übrigens keinen Zweifel. Seitdem die EZB monatlich für 60 Milliarden Euro Anleihen kaufe und damit die Finanzmärkte mit billigem Geld flute, seitdem sei der Euro „heruntergeprügelt“ worden. Dass Jürgen Stark an dieser Stelle in die Populär-Wirtschafts-Sprache abtriftete und das Professorale verließ,  dies verdeutlichte nur, wie sehr ihn der Kurs der EZB nervt.

Dabei wisse die EZB selbst, dass dieser Kurs in die Irre führe. An dieser Steller zitierte Jürgen Stark seinen Intim-Zins-Feind Mario Draghi mit den Worten, das Fluten allein bringe nichts. Mario Draghi zu zitieren, fiel Jürgen Stark leicht, denn Draghi hatte mit diesem Bekenntnis Jürgen Stark aus dem Herzen gesprochen. Ausnahmensweise.

Dumm nur, dass Mario Draghi den Ton bei der EZB angibt und ihren Kurs bestimmt. Jürgen Stark  ist hingegen – um im Bild zu bleiben –  längst ausgestiegen, kann also kaum noch etwas ausrichten.

Bei Johannes Sczepan ist das anders. Johannes Sczepan ist Geschäftsführer der Plansecur-Gruppe. Ihm schien es zu gelingen, seine Finanzpartner- und -Makler für die bevorstehende Saison zu motivieren. In den 70 Tagen bis Mitte Dezember wickeln die Plansecur-Makler ein Gutteil ihres Jahresgeschäfts ab. Von diesem Quartal hänge es ab, so Sczepan, ob das bisher erreichte Wachstumstempo in diesem Geschäftsjahr beibehalten, möglicherweise sogar gesteigert werden könne. In den ersten zwei Monaten des laufenden Geschäftsjahres war die Plansecur-Gruppe nach Angaben von Johannes Sczepan um 6 Prozent gewachsen.