Frankfurt/Main (28.10.15)/PK – Es fällt schwer, das Leid der Flüchtlinge für einen Augenblick auszublenden und sich einmal emotionslos zu fragen, wie sich der wachsende Flüchtlingsstrom auf die deutsche Wirtschaft auswirken wird. Nach Schätzung der Allianz-Volkswirte werden die Flüchtlinge indirekt dazu beitragen, dass das deutsche Bruttoinlands-Produkt in diesem Jahr – zusätzlich – um 0,1 Prozent und im nächsten Jahr um 0,3 Prozent wachsen werde. Die Allianz-Volkswirte um ihren Chef, Michael Heise, gehen dabei davon aus, dass in diesem Jahr etwa eine Million und in nächsten Jahr weitere 600000 Flüchtlinge nach Deutschland kommen werden. Nicht alle werden einen Asylantrag stellen, geschweige dann auch Asyl erhalten. Dennoch: dank der Flüchtlinge wird die deutsche Bevölkerung in den nächsten beiden Jahren – unter dem Strich – um 1,4 Millionen Menschen wachsen. Um 1,8 Prozent. Für eine Industrienation sei dies ein außergewöhnlich starkes Wachstum, hieß es beim Allianz-Pressespräch am Vormittag. Klar sei, dass in 2015 und 2016 aufgrund der zusätzlichen staatlichen Ausgaben für Unterbringung, Versorgung und Betreuung nennenswerte Nachfrageimpulse entstehen werden. „Die durch die staatlichen Mehrausgaben bewirkten Konjunkturimpulse sind aber nicht der entscheidende Aspekt“, so Heise.

Geballte makroökonomische Kompetenz der Allianz. Von links nach rechts: Gregor Eder, Michael Heise und Rolf Schneider – Foto:PK
Wie sich der Flüchtlingsstrom langfristig auf die deutsche Wirtschaft auswirken werde, sei derzeit noch nicht seriös zu beantworten. Die Allianz-Volkswirte haben sich dennoch die Mühe gemacht, ein Langfrist-Szenarium zu erstellen und sich zu fragen, welche volkswirtschaftlichen Impulse von den Flüchtlingen ausgehen und welche Belastungen sie hervorrufen. Für Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise ist entscheidend, ob eine möglichst schnelle Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt gelingt. „Darauf müssen alle Anstrengungen gerichtet sein mit dem Ziel, die Beschäftigungsquote der Flüchtlinge schnell zu steigern und ihnen durch Qualifizierungsmaßnahmen auch einen beruflichen Auf-stieg aus anfänglichen Niedriglohnjobs zu ermöglichen.“ Nur dann wird eine längerfristige Belastung für den Staat und die Sozialkassen zu vermeiden sein.
Das deutsche Wirtschaftswachstum dürfte sich im zweiten Halbjahr 2015 infolge der welt-wirtschaftlichen Schwäche leicht verringern. Im Jahresdurchschnitt 2015 ist daher nur noch ein Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts um 1,7% zu erwarten. Im nächsten Jahr bestehen aber gute Chancen auf eine moderate Beschleunigung der Konjunktur. Von staatlicher Seite gehen expansive Impulse auf die Konjunktur in einer Größenordnung von 0,6% des BIP aus, wobei rund die Hälfte auf den Flüchtlingszustrom zurückzuführen ist. Im Jahresdurchschnitt 2016 wird die deutsche Wirtschaft voraussichtlich um 2,0% wachsen.
„Nach unserer Einschätzung wird die globale Wirtschaftsaktivität in diesem Jahr erneut nur mäßig expandieren und mit einer Zuwachsrate von 2,4% die des Vorjahres vermutlich sogar knapp unterschreiten. Einem etwas höheren Wachstumstempo im Aggregat der Industrieländer, das wesentlich von der fortschreitenden Erholung im Euroraum profitiert, steht eine weitere und klare Wachstumsverlangsamung in den Schwellenländern gegenüber.“
Der anhaltende Rückgang der Wirtschaftsleistung in Brasilien und in Russland trägt dazu bei. Überdies strahlt das verlangsamte Wachstum des Industriesektors in China angesichts der Bedeutung des Landes als Absatzmarkt und Rohstoffkonsument auf die Entwicklung in anderen Schwellenländern aus. Mit dem Rohstoffpreisverfall, dem maßgeblich auch ein in den letzten Jahren ausgeweitetes Angebot zugrunde liegt, sowie der Unsicherheit über Zeit-punkt und Geschwindigkeit einer Normalisierung der US-Geldpolitik ist es zu erheblichen Verschiebungen in den Wechselkursrelationen gekommen. Wir nehmen an, dass die Schwäche in einigen großen Schwellenländern nur vorübergehend ist, und dass sich die konjunkturelle Lage in diesen Ländern im Laufe des nächsten Jahres wieder festigt. „Die globale Wirtschaftsaktivität und der Welthandel werden aber auch im kommenden Jahr nicht an frühere Trends anknüpfen können“, so Heise. Unsicherheit über den weiteren Konjunkturverlauf wird bestehen bleiben.

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