Frankfurt/Main (26.11.15) – Im auf Touren gekommenen Prognose-Marathon Frankfurter Chefvolkswirte und Kapitalmarkt-Experten hat Gertrud Traud endlich Farbe ins Spiel gebracht. Und zwar im wörtlichen Sinne. Als sie heute vor die Presse trat, trug die Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) ein rotes Kostüm, das ihrer makellosen Figur Grandessa verlieh und ein Hingucker war. So elegant Gertrud Traud auftrat, so hart war sie mit manchem Urteil. Vom extrem expansiven geldpolitischen Kurs der Europäischen Zentralbank hält Traud überhaupt nichts. Sie sieht EZB-Präsident Mario Draghi in die Irre laufen.

Denkt sie an Mario Draghi, sieht sie rot: Gertrud Traud, Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) - Foto: PK

Denkt sie an EZB-Präsident Mario Draghi, sieht sie rot: Gertrud Traud, Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) – Foto: PK

Danach gefragt, ob Draghis Kurs die Finanzstabilität in der Eurozone gefährde, schoss es aus der Chefvolkswirtin heraus: „Ja, das ist ein Risiko für die Finanzstabilität“.  Wie die meisten ihrer Chefvolkswirt-Kollegen erwartet Traud, dass die EZB im Dezember ihr Anleihekaufprogramm ausweiten und die ohnehin schon negativen Einlagenzinsen weiter senken werde.

Gertrud Traud gilt seit langem als eigensinnige Volkswirtin, die sich vom Mainstream gängiger Prognosen abkoppelt und damit immer wieder beeindruckt. Von ihrer Kritik an der EZB einmal abgesehen, nimmt die Helaba-Weissagerin auch an anderen Stellen eine Sonderrolle ein. Wie etwa beim Blick auf China. Die Aufregung, dass die Wirtschaft Chinas nur noch mit fünf, sechs Prozent jährlich wachse (statt wie früher zweistellig), diese Aufregung kann Traud nicht nachvollziehen. Die Entwicklung in China, hin zu gemäßigten Wachstumsraten, sei ein ganz normaler Prozess, diagnostizierte Traud. Chinas Bruttosozialprodukt werde in den nächsten Jahren nur noch um fünf Prozent steigen. „Und das ist kein Problem für die Weltwirtschaft“.

Beim Blick auf die US-Notenbank unterscheidet sich Gertrud Traud nur in Nuancen vom Mainstream. Traud erwartet, dass die US-Notenbank im Dezember die Leitzinsen zum ersten Mal seit Jahren anheben werde. Und im nächsten Jahr dann um weitere vier Mal. Ende 2016 dürften die Leitzinsen in den USA daher bei 1,5 Prozent liegen. Und damit immer noch weit unter dem langjährigen Durchschnitt von über drei Prozent.

Weitere Einzelheiten des Traudschen Konjunktur- und Kapitalmarkausblicks 2016 faßt folgende Pressemitteilung der Helaba zusammen.

Die Weltwirtschaft expandiert 2016 mit einem Plus von 3,3 Prozent etwas stärker als im Vorjahr. „Die wesentlichen Impulse kommen dabei aus den Industrieländern“, erläutert Dr. Gertrud R. Traud, Chefvolkswirtin der Helaba, bei der Präsentation des Konjunktur- und Kapitalmarktausblicks 2016. Das Hauptszenario der Helaba-Volkswirte ist der „Staffellauf“: Nur beim optimalen Zusammen­spiel von Geschwindigkeit und Geschicklichkeit sind Spitzenleistungen möglich. Für die Teams der Industrie- und Schwellenländer ist damit die „Stabübergabe entscheidend“. Allerdings liegt ein der­artig perfektionierter Trainingsstand bei keiner der Volkswirtschaften vor. So wird – ökono­misch gesprochen – die Weltwirtschaft in 2016 zwar an Dynamik zunehmen, aber das Tempo bleibt in den meisten Ländern moderat. Diesem Szenario messen die Analysten eine Eintrittswahrscheinlichkeit von 70 Prozent bei. 

„Die dauerhaft niedrigen Ölpreise und das gesunkene Preisniveau vieler anderer Rohstoffe stellen einen Startvorteil für die Importländer dar. In Deutschland sowie in den meisten anderen Ländern Europas und in den USA wirkt dies wie ein Akzelerator, der den Konsum weiter ankurbelt“, so Traud weiter. Die Stabübergabe an die Ausrüstungsinvestitionen verläuft aufgrund der noch bestehenden Unsicherheiten dagegen nicht reibungslos. Und auch die Exporte der Industrieländer nehmen kaum Geschwindigkeit auf, da die rohstoffexportierenden Schwellenländer bedingt durch die ausbleibenden Einnahmen weniger nachfragen. 

In diesem Umfeld sind die USA der Tempomacher. Der Zuwachs des US-Bruttoinlandproduktes (BIP) kann bis zu 3 Prozent erreichen. Die Eurozone übertrifft mit 1,6 Prozent leicht ihr Potenzial. Deutschland liegt mit einer Rate von 1,7 Prozent gleichauf. „Insbesondere auch für China und Indien erweisen sich die strukturell niedrigen Ölpreise als Wettbewerbsvorteil. China sollte einen BIP-Anstieg von 6,5 Prozent realisieren können. Die rohstoffexportierenden Länder fallen 2016 zumindest nicht weiter zurück“, so Traud. Unterstützt durch die starke Abwertung ihrer Währungen gelingt es Brasilien und Russland eine Verschärfung der Rezession abzuwenden. 

 

Inflation und Zinsen

2016 bleibt die Teuerungsrate in den USA und im Euroraum überschaubar. Zwar zeichnet sich ein Basissprung zum Jahreswechsel ab, doch abseits dessen ist kaum Preisdruck auszumachen. In den USA wird die Inflation im Jahresdurchschnitt bei 1,5 Prozent, in der Eurozone bei 0,9 Prozent liegen. Die Europäische Zentralbank (EZB) möchte im Staffellauf 2016 definitiv den Stab nicht abgeben, sondern weiter laufen, d.h. sie wird ihre Geldpolitik noch expansiver gestalten. „Dieser zusätzliche EZB-Lauf begünstigt zwar die hiesigen Aktienmärkte, hat aber negative Begleiterscheinungen: Der Trainingseifer der anderen Läufer lässt nach. Und so werden notwendige Reformen und Haushaltskonsolidierungen immer weiter in die Zukunft geschoben“, erklärt Traud.

Die US-Notenbank Fed wird dagegen die Zinsen anheben. Die 10-jährigen US-Treasuries sollten bis auf 3 Prozent anziehen und damit deutlicher als Bundesanleihen. Aufgrund des internationalen Zinszusammenhangs wird die Rendite 10-jähriger Bunds auf rund 1 Prozent steigen. Die Euro-Zinskurve wird steiler, die US-Kurve flacher.

 

Aktien und Euro

Das fortgesetzte Anleihekaufprogramm der EZB ermöglicht den europäischen Aktienmärkten neue Rekorde. Für den DAX sind vorübergehend Notierungen deutlich über der 12.000-Punkte-Marke zu erwarten. Am Devisenmarkt stützt die geldpolitische Ausrichtung zwar grundsätzlich den US-Dollar. Stärkere Ausschläge werden aber von EZB und Fed abgefangen, nicht zuletzt um die jeweilige Exportwirtschaft zu unterstützen. Die Helaba-Experten erwarten für den Euro-Dollar-Kurs 2016 eine Seitwärtsbewegung. Zum Jahresende dürfte er um 1,05 notieren.

 

Asset Allokation

In der Summe bleiben die Aussichten am Kapitalmarkt 2016 unter Chance-Risiko-Gesichtspunkten verhalten. Aktien wie auch Immobilien befinden sich bewertungstechnisch im Grenzbereich. Taktisches Agieren behält Vorrang vor einer Buy-and-Hold-Strategie. Umso mehr gilt es, bei hoher Volatilität die schnellen Themenwechsel zu antizipieren. Die Nachwehen der europäische Staatsschuldenkrise, politische Unsicherheiten im Euroraum auch aufgrund der Flüchtlingskrise, das Risiko eines Brexit, der VW-Abgasskandal und seine Folgen sowie die Deutung des Rohölpreisrückgangs als drohenden Konjunktureinbruch haben das Potenzial, abrupte Kehrtwenden an den Kapitalmärkten auszulösen. Sie haben aber nicht die Kraft für einen Wechsel in die Alternativszenarien, da sich diese Risiken im Hauptszenario nicht materialisieren. 

Im negativen Alternativszenario „Hindernislauf“ mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit von 20 Prozent ist das Rennen deutlich langsamer und das Wachstum erlahmt. Es besteht die Gefahr, dass nicht alle Teilnehmer das Ziel erreichen. Der DAX kann bis in den Bereich um 6.000 Punkte stürzen. 

Im positiven Alternativszenario „Sprint“ mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit von 10 Prozent laufen die Volkswirtschaften mit all ihren Teammitgliedern in hohem Tempo auf das Ziel zu. Es kommt zu einem breiten selbsttragenden Aufschwung. Aktien hängen Zinstitel klar ab. Der DAX testet die 14.000er Marke.