GAM Ausblick 2016 – Die wichtigsten politischen Risiken im Jahr 2016
Zürich (17.12.15) – Krisen sind in unserer Welt Alltag. In der Regel sind wir stets mit mehreren Krisen und Risiken konfrontiert, die das Potenzial haben, die Welt auf Jahre hinaus zu prägen. Geopolitische Risiken lassen sich naturgemäß schwer vorhersagen. Dennoch haben die Investmentexperten bei GAM einige Schlüsselthemen identifiziert, die sie 2016 im Auge behalten werden.
Brexit – Larry Hatheway, Group Head of Multi-Asset Portfolio Solutions und Chefökonom der Gruppe
„Es bleibt unwahrscheinlich, dass das Referendum in Großbritannien in einem Ausscheiden des Landes aus der EU resultiert. Dennoch stellen die Unsicherheit über das Ergebnis und dessen Folgen für die Wertpapierkurse ein Risiko für die Finanzmärkte dar. Eine Parallele dazu bildet das Schottland-Referendum. Die Marktauswirkungen könnten auch eine gewisse Schwäche des britischen Pfunds und der Finanzwerte beinhalten.“
Fehlendes Wachstum in Europa – Oliver Maslowski, Portfoliomanager, europäische Aktien
„Die Wachstumskrise, unter der Europa leidet, ist immer noch ungelöst und könnte durch die Migrationskrise noch verschärft werden. Hinzu kommt, dass die Schuldenkrise in der Eurozone noch lange nicht gelöst ist. Dessen müssen sich die Anleger bewusst sein. Das Haushaltsdefizit vieler Länder verstößt immer noch gegen die Maastricht-Kriterien. Das gilt etwa für Frankreich, Griechenland, Italien, Portugal und Spanien. Dank der expansiven Geldpolitik werden die Schulden immer höher, während das BIP-Wachstum schwach bleibt. Im Augenblick verhindern nur die äußerst niedrigen Zinsen, dass die Kredite vieler dieser Länder notleidend werden. Durch die Migrationskrise werden die Schulden in der EU weiter steigen, während der erhoffte Beitrag der Migration zum Wirtschaftswachstum abzuwarten bleibt.“
Ölpreis und Naher Osten – Paul McNamara, Investment Director, Strategien für Schwellenländeranleihen
„Meiner Ansicht nach bilden die Auswirkungen des niedrigen Ölpreises im Nahen Osten das größte Risiko weltweit. Die Belastung macht sich bereits bemerkbar, und wenn der Preis niedrig bleibt, könnte dies durchaus zu Instabilität führen. In Saudi-Arabien beträgt das Haushaltsdefizit derzeit etwa 20 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP), und die Regierung hat ein aggressives Programm zur Aufnahme von Schulden angekündigt. Allerdings verfügt Saudi-Arabien, wie die meisten Länder in der Region, dank seines Staatsfonds über bedeutende Reserven für schlechte Zeiten. Im Iran ist die Situation weniger transparent, aber die Rendite von 26 Prozent für Inlandsanleihen deutet darauf hin, dass hier ebenfalls Probleme bestehen. Wir heben diese beiden Länder hervor, da sie zusammen knapp 20 Prozent der globalen Ölproduktion hervorbringen.“
Höhere Löhne und niedrigere Margen – John Lambert, Investment Manager, globale und britische Aktienstrategien
„Die Einkommensungleichheit ist schon seit einiger Zeit ein wichtiges Thema, insbesondere in westlichen Ländern. Der Anteil der Besserverdienenden am Gesamteinkommen in der US-Gesellschaft bewegt sich auf Niveaus, die zuletzt am Ende der ,Wilden Zwanziger‘ zu beobachten waren. Die Unternehmen in den USA und in ganz Europa beginnen jedoch, die Löhne anzuheben, was sowohl auf die Knappheit an geeigneten Fachkräften als auch auf eine allgemeine Richtungsänderung der politischen Strömungen zurückzuführen ist. Das ist sicherlich eine gute Sache. Allerdings geht aus Studien zum US-Markt hervor, dass eine starke Erhöhung der Mindestlöhne negative Auswirkungen auf ein Drittel oder gar die Hälfte aller Unternehmen haben und ihre Rentabilität beeinträchtigen könnte. Da die derzeitige, schon lange andauernde Haussephase auf der Idee beruht, dass die historisch hohen Margen von Dauer sind, sehen wir hier ein erhebliches Risiko für die weltweite Konsenserwartungen.“
Irak – Roberto Cominotto, Portfoliomanager, Energiestrategien
„Ein Auseinanderbrechen des Irak ist meiner Meinung nach nur eine Frage der Zeit. Während sich Kurden, Sunniten und die von Schiiten dominierte Regierung in Bagdad derzeit auf ihren Kampf gegen den IS konzentrieren, gewinnen die sezessionistischen Kräfte in den kurdischen und sunnitischen Regionen an Stärke. In diesem Jahr begann die halbautonome kurdische Region mit direkten Ölexporten unter Umgehung der Zentralregierung in Bagdad gegen deren Willen. Und in Washington fordern Kurdenführer Unterstützung für einen unabhängigen Staat. Ein Auseinanderbrechen des Landes würde wahrscheinlich mehr Instabilität und Grenzstreitigkeiten im Irak, aber auch in den kurdischen Territorien in der Türkei und im Iran hervorrufen. Da der Irak einer der größten Ölproduzenten ist, könnte eine solche Instabilität weitreichende Auswirkungen auf den Ölmarkt haben. Im Augenblick beinhaltet der Ölpreis keine geopolitische Risikoprämie, und keines der anderen großen ölproduzierenden Länder verfügt über die nötigen Überkapazitäten, um eine erhebliche Produktionsstörung auszugleichen.“
Chinas geopolitische Ambitionen – Michael Lai, Investment Director, asiatische Aktienstrategien
„Die zunehmenden politischen Spannungen in Asien dürften 2016 die Stimmung in der Region beeinflussen. Die anhaltenden Bemühungen Chinas, seine Oberhoheit über den Großteil des südchinesischen Meeres durchzusetzen, sowie seine hemmungslosen Landgewinnungs- und Bauaktivitäten für Einrichtungen, die militärischen Anlagen gleichen, dürften die Spannungen unter den Ländern mit konkurrierenden Ansprüchen in dem umstrittenen Territorium weiter anheizen. Um der Dominanz Chinas zu begegnen, werden diese Länder die Hinwendung der USA nach Asien weiter begrüßen und könnten möglicherweise sogar ein stärker militarisiertes Japan positiv bewerten. Um die Situation noch mehr anzuheizen, werden in Taiwan im nächsten Jahr Wahlen abgehalten, wobei allgemein erwartet wird, dass das Unabhängigkeitslager um die DPP die Führung übernimmt.“
Protektionismus und Handelsschranken – Ernst Glanzmann, Investmentmanager und Leiter japanische Aktien
„Es könnte zu einem Umschwenken zu mehr Protektionismus beim Güter- und Personenverkehr kommen. Zum einen könnten die vorherrschende schwache Erholung des Welthandels und der Weltwirtschaft sowie die jüngsten exportfördernden Maßnahmen Chinas eine weltweite Erhöhung der Zölle oder anderer Einfuhrschranken auslösen. Darüber hinaus könnte die jüngste Welle von Terroranschlägen der extremen Rechten mehr Wählerstimmen zuführen, der ungehinderte Personenverkehr könnte stärker eingeschränkt werden, und einige Länder könnten eine Quote für Arbeitsvisa einführen. In einem derart im Wandel befindlichen Umfeld wird die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern gewöhnlich größer.“
US-Präsidentschaftswahlen – Matt Linsey, geschäftsführender Partner und Portfoliomanager bei North of South Capital LLP, die eine Strategie für Schwellenländeraktien für GAM verwaltet
„Eine seltener diskutierte Quelle politischer Risiken für 2016 sind die US-Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr. Um ein Beispiel zu nennen: Vor einigen Monaten genügte ein einziger Tweet von Hillary Clinton zu überhöhten Arzneimittelpreisen, um einen Kurseinbruch bei Biotechnologieaktien auszulösen. Es ist zwar keineswegs sicher, dass Donald Trump die Nominierung der Republikaner gewinnt, er deutete jedoch eine Reihe protektionistischer Maßnahmen an, die sicherlich Auswirkungen auf die Schwellenländer hätten. Unabhängig davon, wer das Rennen gewinnt, rechnen wir mit signifikanten Infrastrukturinvestitionen, insbesondere wenn sich das Wirtschaftswachstum in den USA verlangsamt. Denn die Geldpolitik hat ihre Mittel erschöpft. Für die Rohstoffmärkte, die immer noch unter dem Rückgang der Nachfrage in China leiden, könnte dies ein gewisser Hoffnungsschimmer sein.“
EZB und Fed: Zeit, sich zu bewegen? – Tim Haywood, Investment Director und Leiter Fixed Income
„Die EZB und die Fed laufen Gefahr, ihre erwarteten bzw. bereits umgesetzten geldpolitischen Schritte vom Dezember schon bald zurücknehmen zu müssen. In den letzten vier Jahrzehnten waren die ISM-Daten zum Industrieproduktion ein guter Indikator für Rezessionen, wenn der Index unter 50 Punkte sank, was jetzt der Fall ist. Viele regionale Umfragen zeigen ebenfalls eine Eintrübung des Geschäftsklimas in den USA an. Ist dies der richtige Hintergrund für eine Zinserhöhung? Infolgedessen würde ich das Risiko einer geldpolitischen Wende der Fed innerhalb von zwölf Monaten bei 25 Prozent ansetzen. Das kräftige Geldmengenwachstum in Europa sollte das künftige Wachstum stärken. Ist dies ein Hintergrund, der weitere Impulse erforderlich macht? Einer Kehrtwende der EZB würde ich die gleiche Wahrscheinlichkeit beimessen.“
Quelle: GAM

Stay In Touch