Einer, der alles richtig gemacht hat
Ernst Bracker, Nestor der Frankfurter
Investmentbranche wird 90
Von Christoph Wehnelt
Frankfurt/Main (8.2.16) – Er gehört zu den Gründervätern der Investmentindustrie am Finanzplatz Frankfurt/Main. Der Hamburger wird am 14. Februar 2016 neunzig Jahre alt. Typisch für damals: Abitur, Wehrmacht und Gefangenschaft. 1946 nahm er in der Hansestadt das Studium der Jurisprudenz auf. Nach dem Ersten und Zweiten Staatsexamen wurde er 1955 in Hamburg zum Dr. jur. promoviert. Anschließend stieg er in die Hamburger Kreditbank ein und wurde zeitgleich 1955 Stellvertretender Syndikus an der Hanseatischen Wertpapierbörse.

Ernst Bracker – Foto: CW
So einen Mann hatte damals die Deutsche Bank für ihre gerade gegründete Investmenttochter, Deutsche Gesellschaft für Wertpapiersparen (DWS), gesucht und 1956 gefunden. Denn ihn holte Franz Heinrich Ulrich. Der junge Börsenfachmann sollte gemeinsam mit dem Mannheimer Filialdirektor der Deutschen Bank, Heinz Cammann, das neue Produkt „Investmentfonds“ entwickeln. Bracker zog am 1. September 1956 in die Geschäftsleitung der DWS ein. Der Hanseat wurde Hesse und lebt seit Jahrzehnten in Glashütten.
1970 wurde der Bundesverband der Investmentgesellschaften ins Leben gerufen. Gründungsmitglieder waren Dr. Ernst Bracker (DWS), Wolfgang Reuter (Union Investment) und Dr. Wolfgang Tormann (DIT). Das BVI-Vermögen belief sich damals auf umgerechnet 5,4 Milliarden Euro.
In Frankfurt schlägt er seine Residenz im vornehmsten Viertel des Westends auf. Ruhig und grün sollte es sein und es wurde der Grüneburgweg 113. Der Frankfurter Korrespondent der Wirtschaftswoche besuchte ihn dort in den 80er Jahren. Er staunte und schrieb: Das Haus gehört zu jenen Prachtbauten des Fin de Siècle, mit denen die neureichen Geldbürger Frankfurts vor 100 Jahren das Westend kultivierten. Viel Sandstein fand Verwendung, dazu in Nr. 113 geschnitztes Balkenwerk im oberen Drittel des Gebäudes mit hell ausgesparten Flächen für stilisierten Blumenschmuck. Ringsherum um das bildschöne Grundstück ein massiver Eisenzaun, Lanze dicht bei Lanze. Brackers Büro ist relativ klein und preußisch sparsam ausgestattet. Das aber „ist nicht Architektur, das ist Geschäftsphilosophie, Understatement im Jugendstil“, sagt ein Bracker-Intimus.
Der „Jurist im Jugendstil“ liebt den Spätromantiker Richard Wagner. Er zählt zu den treuen Gästen auf dem Grünen Hügel. Doch der Grund dafür liegt nicht nur im Standesbewusstsein „Es ist erreicht. Wir gehören dazu“. Bracker pflegt tatsächlich die klassische Musik und adoriert alljährlich neben Wagner Werken in Bayreuth – Mozarts Klassik in Salzburg.
Dringt man allerdings in die heiligen DWS-Hallen zum „Oberpriester“ vor, verflüchtigt sich jede Leichtigkeit, Pathetik macht sich breit. Der Gral wird von Finanzrittern beherrscht und Bracker doziert in harten Staccati: „Philosophie des Investmentsparens ist die Beteiligung einer möglichst breiten Bevölkerungsgruppe am Produktivkapital nach dem Prinzip der Risikostreuung.“ Oder: „Bei jeder Diskussion über die Aktie als Anlage- und Finanzierungsinstrument sollte uns immer bewusst bleiben, dass es nicht nur um die Aktie als Instrument der Versorgung unserer Wirtschaft mit dem notwendigen Investitionskapital geht, sondern um unser Wirtschaftssystem überhaupt. Wer die Aktie in Frage stellt und das wird heutzutage immer wieder versucht, tut das Gleiche mit unserer Gesellschaftsordnung.“
Diese Ideologie wird im Bereich der DWS-Mutter, der Deutschen Bank, dann und wann verbreitet. Sie ist nicht eben originell. Pikant aber wird die Sache, wenn Bracker die Dividendenpolitik der deutschen Großunternehmen kritisiert und sich damit in Konfrontation zu seinem Aufsichtsratsvorsitzenden, Friedrich Wilhelm Christians, manövriert, der seinerseits in vielen Aufsichtsräten der kritisierten Unternehmen sitzt und dort die Ausschüttungspolitik kräftig beeinflusst. Dazu Bracker: „Wir haben Bewegungsfreiheit genug, um unsere eigenständige Politik durchzusetzen auch im Konzern. Die Deutsche Bank erscheint nur von außen so monolithisch.“
Christians schätzt die unverblümte Art des Investmentmanagers, ein Wesenszug, der offenbar nicht allzu häufig in seinem Hause anzutreffen ist. Brackers Dividendenkritik ist auch differenziert genug, um für höhere Ausschüttungen zu plädieren, ohne die Thesaurierungsapostel der Deutschen Bank allesamt zu vergrätzen. Manager anderer Fondsgesellschaften machen es sich in diesem Punkte einfacher. Sie fordern mehr Dividende, um bessere Verkaufsargumente für ihre Fonds zu haben, um strahlender vor deren Anteilseigner zu stehen.
Bracker wirbt dagegen um mehr Transparenz bei den Firmen, um größere Aktionärsnähe, mehr Gleichgewicht zwischen den Interessen des Unternehmens und seiner Anteilseigner. Eine Verrentung durch Dividendenkontinuität müsse zu einer Denaturierung der Aktie führen, sagt er. Der Aktie gemäßer sei vielmehr die Flexibilität der Dividendenpolitik. Hier sündigten speziell Siemens (Hausbank: Deutsche Bank) und Daimler-Benz (Mehrheit: Deutsche Bank). Bracker, der Erfolgsmensch, kann durchaus nicht alle Erfolge der DWS auf das eigene Konto oder das seiner Geschäftsführung verbuchen. Wer über das Verkaufsnetz der größten deutschen Geschäftsbank verfügt und in enger Zusammenarbeit mit dem Vorstand der Deutschen Bank Anlage- und Vertriebspolitik festlegt, setzt sich beinahe zwangsläufig am Markt durch. Dieses geballte finanztechnische Wissen garantiert den Anlegern im langfristigen Vergleich auch immer eine bessere Rendite, als wenn sie mit bescheideneren Mitteln, meist auch mit weniger Überblick und geringerem Zeitaufwand alleine agieren. In Hochzinsphasen wie jetzt geht allerdings auch mancher Kleine auf die Finanzpirsch und kauft sich in eigener Regie hochrentierliche Anleihen. Das ärgert die Investmentbanker. „Bei niedrigem Zins kommen sie dann wieder an, bedienen sich unserer Fähigkeiten und wollen höhere Renditen als auf dem Markt erhältlich“, mosert Bracker. Der Jurist, der für andere in puncto Geldanlage immer Rat weiß, lässt sich über die Streuung seines eigenen Vermögens nichts entlocken, nur eines: Steuern sparen geht bei ihm vor Investmentsparen.
Bracker, der agile Hanseate, war 20 Jahre lang im Vorstand des BVI und während verschiedener Perioden Vorsitzender des Vorstandes des Bundesverbandes der Investmentgesellschaften. In dieser Eigenschaft wurde er im Dezember 1991 von Manfred Mathes (Union Investment) abgelöst. Auch bei der Europäischen Investmentvereinigung war der weltoffene und geradlinige Wertpapierfachmann nicht nur einmal als Präsident gefragt. Sie wählten ihn schließlich auch zum Ehrenpräsidenten.
Brackers Verdienste um die Investmentindustrie sind beispielhaft: Er, der Schrittmacher in der Branche, hat sich aber noch ganz anders um den Finanzplatz verdient gemacht. Er förderte in großartiger Weise den Wirtschaftsjournalismus. Die Redakteure sollten sich den Wind der internationalen Finanzplätze um die Nase wehen lassen, was zu finanzieren Verlage und Sender nicht in der Lage oder gewillt waren, in der weltweit orientierten D-Mark-Republik aber dringend notwendig war.
Deshalb hat er in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Journalisten das Tor zur internationalen Finanzbühne geöffnet, indem er ihnen die Chance gegeben hat, die Börsen der Welt kennenzulernen und darüber zu schreiben. Er hat sie nach New York zur Wall Street und Amex geschickt, nach Chicago, Toronto, Caracas und Buenos Aires. In Teheran, Tel Aviv und Istanbul durften die Kollegen recherchieren, ebenso wie in Bangkok, Bombay, Kuala Lumpur und Tokio. Die afrikanischen Börsen nicht zu vergessen. – Bracker der Mäzen der Frankfurter Journaille. Ein Mann, der alles richtig gemacht hat. Das war früher wirklich nicht einfacher als heute.

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