Stuttgart (17.3.16) – Der schwache Euro macht es möglich: Die DAX-Konzerne konnten im vergangenen Jahr der abgekühlten weltweiten Konjunkturentwicklung trotzen und ihren Umsatz um satte acht Prozent steigern – von 1,04 Milliarden Euro auf den neuen Rekordwert von 1,12 Milliarden Euro. Der Zuwachs geht allerdings zu einem erheblichen Teil auf das Konto des schwachen Euros – rechnet man den Rückenwind durch die Abwertung der europäischen Gemeinschaftswährung heraus, wären die Umsätze gerade einmal um drei Prozent gestiegen.

 

Der starke Wertverlust des Euro lässt im Ausland erzielte Einnahmen bei der Umrechnung in Euro wachsen – wovon vor allem stark internationalisierte Unternehmen profitieren, die erhebliche Umsätze außerhalb des Euroraums erwirtschaften. Von dem im Gesamtjahr erzielten Umsatzplus von
80 Milliarden Euro gingen immerhin 46 Milliarden auf Währungseffekte zurück.

 

Weniger positiv war die Gewinnentwicklung: Der operative Gewinn (EBIT) der Unternehmen ging um fünf Prozent von 96,5 auf 91,5 Milliarden Euro zurück: Grund für den Gewinnrückgang waren vor allem die hohen Verluste der Deutschen Bank (6,1 Milliarden Euro) und von E.ON (4,2 Milliarden Euro).

 

Immerhin: Die Mehrzahl der Unternehmen verzeichnete einen Gewinnzuwachs: 20 Unternehmen konnten beim Gewinn zulegen. Beim Umsatz schafften bis auf BASF sogar alle Unternehmen ein Plus (ohne Banken).

 

Das deutlichste Umsatzwachstum konnte Vonovia (plus 93 Prozent) vermelden – allerdings stark beeinflusst durch die Gagfah-Übernahme. Den höchsten Gewinnanstieg verzeichnete hingegen die Commerzbank, die ihren operativen Gewinn um 177 Prozent von knapp 690 Millionen Euro auf 1,9 Milliarden Euro steigerte.

 

In absoluten Zahlen hatte Daimler beim Gewinn die Nase vorn: Der Stuttgarter Autokonzern erwirtschaftete 2015 einen Gewinn von 13,2 Milliarden Euro. Im Gewinnranking folgen Allianz und BMW mit 10,7 bzw. 9,6 Milliarden Euro.

 

Das sind Ergebnisse einer Analyse der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY auf der Basis der Geschäfts- bzw. Quartalsberichte der im Deutschen Aktienindex (DAX) gelisteten Unternehmen. Der Volkswagen-Konzern veröffentlicht seine Bilanz erst am 28. April und ist daher nicht Teil dieser Analyse.

 

Die operative Lage sei bei der Mehrheit der Unternehmen derzeit zufriedenstellend, kommentiert Thomas Harms, Partner bei EY: „2015 war insgesamt ein gutes Jahr für die meisten DAX-Konzerne – die Umsatz- und Gewinnentwicklung zeigte zumeist nach oben. Dabei spielten allerdings Währungseffekte und Zukäufe zum Teil eine erhebliche Rolle. Ohne diesen Rückenwind sähe die Bilanz deutlich weniger erfreulich aus. Wachstum aus eigener Kraft ist derzeit schwierig“.

 

Zudem hat sich die Wachstumsdynamik der Unternehmen im vierten Quartal abgeschwächt: Die Umsätze stiegen im Zeitraum Oktober bis Dezember um vier Prozent, immerhin sieben Unternehmen verzeichneten einen Umsatzrückgang.

 

USA-Umsätze steigen am stärksten

Als Umsatzmotor erweist sich zurzeit der starke US-Markt, wo viele deutsche Unternehmen zweistellige Zuwachsraten verzeichnen: Insgesamt kletterten die von den DAX-Konzernen in Nordamerika erwirtschafteten Umsätze um 23 Prozent, der Anteil des nordamerikanischen Markts am Gesamtumsatz wuchs von 24 auf 27 Prozent. „Die angelsächsischen Länder USA und Großbritannien haben sich im vergangenen Jahr zu den Hauptwachstumstreibern für die deutschen Konzerne entwickelt. Aber auch in Deutschland liefen die Geschäfte gut – dank des guten Konsumklimas und der stabilen Binnenkonjunktur“, beobachtet Harms.

 

In Europa schafften die DAX-Konzerne ein Plus von vier Prozent. Sie profitierten dabei von der robusten Konjunkturentwicklung in Deutschland und Großbritannien und der Erholung in einigen ehemaligen Krisenländern wie Spanien oder Irland. „Die Konjunktur in Europa zieht wieder spürbar an – und hier erwirtschaften die DAX-Konzerne immerhin noch fast die Hälfte ihres Umsatzes“.

 

Absturz des Ölpreises, turbulente Aktienmärkte: Risiken steigen

Außerhalb Europas gebe die Konjunkturentwicklung hingegen Anlass zu Sorge, so Harms: „In einigen wichtigen Schwellenländern entwickelt sich die Nachfrage derzeit sehr verhalten. Russland und Brasilien sind längst keine Wachstumsmärkte mehr, sondern sie haben sich zu Krisenfällen entwickelt, und auch die Entwicklung in China bereitet Sorge. Einige deutsche Konzerne spüren die Wachstumsdelle in China sehr deutlich.“ Die mittel- und langfristigen Perspektiven auf dem chinesischen Markt seien zwar weiterhin positiv, betont Harms. Aber das Wachstum verlangsame sich: „China bleibt ein Wachstumsmarkt mit nach wie vor großem Potenzial. Allerdings kehrt dort nun etwas Normalität ein: Zweistellige Zuwachsraten gehören der Vergangenheit an, der Wettbewerb wird härter, die Risiken steigen“.

 

Neben der schwachen Entwicklung in den Schwellenländern kristallisiere sich vor allem der Absturz des Ölpreises als Hauptrisiko für die Wirtschaft heraus: „Die Neuinvestitionen in der Öl- und Gasindustrie gehen massiv zurück, Ölfirmen und Zulieferer müssen Personal entlassen, das niedrigere Preisniveau führt auch in anderen Branchen wie der Chemie und im Anlagenbau zu Umsatzeinbußen. Zudem hängt der Staatshaushalt etlicher Schwellenländer zu großen Teilen von den Ölverkäufen ab. Diese Länder befinden sich aktuell in einer wirtschaftlichen Abwärtsspirale – und fallen damit auch als Absatzmärkte für die Produkte etwa der deutschen Unternehmen teilweise aus. Obendrein trägt der Ölpreisverfall dazu bei, dass sich die politische Lage in den Ölförderländern destabilisiert.“

 

Offenbar konnten die meisten Unternehmen die schwache Entwicklung in den Schwellenländern im Jahr 2015 relativ gut verkraften, vor allem dank der positiven Entwicklung in den USA und Teilen Europas. Allerdings rechnet Harms für das laufende Jahr mit kräftigem Gegenwind für die deutschen Unternehmen: „Die massiven Schwankungen bei Aktienkursen, Währungen und Rohstoffpreisen zeigen, dass die Weltwirtschaft von einer stabil positiven Entwicklung derzeit weit entfernt ist. Die aktuelle konjunkturelle Situation ist fragil – und die deutschen Unternehmen tun gut daran, weiter an ihrer Flexibilität und Effizienz zu arbeiten.“

 

Auf schwierige Zeiten vorbereiten – neue Technologietrends nicht verpassen

Angesichts der wachsenden weltweiten politischen und wirtschaftlichen Risiken stellen sich Deutschlands Top-Konzerne derzeit auf schwierige Zeiten ein, beobachtet Harms: „Einige Unternehmen haben bereits entsprechende Maßnahmen ergriffen – etwa indem sie sich von Randaktivitäten trennen, Zukäufe in Kernbereichen tätigen oder ambitionierte Effizienz- und Sparprogramme auflegen.“ Schlank und flexibel statt groß und unbeweglich sei die Devise. Das zeige sich auch bei der Entwicklung der Beschäftigung: Zwar stieg die Zahl der Mitarbeiter um zwei Prozent auf 3,23 Millionen. Aber immerhin zehn der 29 Unternehmen verzeichneten einen Beschäftigungsrückgang. Und das starke Beschäftigungswachstum etwa bei Vonovia (plus 65 Prozent), Merck (plus 25 Prozent) und Infineon (plus 17 Prozent) dürfte in erster Linie auf getätigte Zukäufe zurückzuführen sein.

 

Es  werde in turbulenten Zeiten wie diesen immer wichtiger, dass die Unternehmen ihre Geschäftsmodelle modernisieren, so Harms: „Ziel muss sein, auf Nachfrageänderungen flexibel reagieren zu können und mit sich wandelnden Kundenbedürfnissen Schritt zu halten. Die Digitalisierung der Wirtschaft, kürzer werdende Konjunkturzyklen, die steigende Volatilität – diese Trends forderten von den Unternehmen heute eine hohe Anpassungsfähigkeit und -geschwindigkeit. Da kommt noch Arbeit auf die Unternehmen zu.“

 

Die Wirtschaft stehe vor erheblichen Umbrüchen, betont Harms: „In Deutschland gibt die ‚Old Economy‘ nach wie vor den Ton an, also klassische Industriekonzerne. Die Geschäftsmodelle dieser Unternehmen müssen sich in den kommenden Jahren erheblich verändern. Viel wird davon abhängen, ob diese Transformation gelingt.“ Dazu muss das Management bereit sein, das eigene Geschäftsmodell infrage zu stellen und notfalls sogar komplett neu zu erfinden. „Um die Chancen der digitalen Revolution zu nutzen, müssen die Unternehmen massiv an ihrer Flexibilität, an den internen Abläufen und der Managementkultur arbeiten“.

Quelle: EY