Tschernobyl-Schäden deutlich höher als bislang berechnet
München (13.4.16) – Die volkswirtschaftlichen Schäden der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor genau 30 Jahren sind deutlich höher als bislang berechnet. Zu diesem Resultat kommt eine Studie von Forschern des ifo und der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, die jetzt im ifo Schnelldienst veröffentlicht wurde. „Die negativen psychischen Langzeitfolgen wurden bislang nicht berücksichtigt. Wir haben sie jetzt in Geldwerte umgerechnet bei jenen 96 Prozent der ukrainischen Bevölkerung, die nicht einer medizinisch bedenklichen Strahlung ausgesetzt waren, sondern verunsichert und verängstigt waren und sind“, erläutert Ko-Autorin Natalia Danzer, stellvertretende Leiterin des ifo Zentrums für Arbeitsmarktforschung und Familienökonomik.
„Der jährliche Wohlfahrtsverlust bei dieser großen Mehrheit der ukrainischen Bevölkerung beläuft sich auf jährlich 2 bis 6 Prozent der Wirtschaftsleistung. Diese Summen müssen hinzugerechnet werden zu den 5 bis 7 Prozent ihrer jährlichen Wirtschaftsleistung, die die Ukraine ohnehin aufwendet, um das zerstörte Kraftwerk und die Umgebung zu sichern, zu dekontaminieren sowie um Betroffene zu entschädigen. Außerdem verlässt sich ein Teil der betroffenen Erwerbsbevölkerung stärker auf staatliche Unterstützung und bezieht finanzielle Geldleistungen in Höhe von 0,5 bis 0,6 Prozent der Wirtschaftsleistung.“
Nicht einbezogen in die Rechnung wurden psychische Folgen für jene vier Prozent der Bevölkerung in der Nähe des explodierten Kraftwerkes und die besonders belasteten Aufräumarbeiter. „Insofern ist unsere Schätzung wohl eher eine Untergrenze“, sagt Danzer. „Die Sorgen der Bevölkerung entstanden zu einem beträchtlichen Teil aus widersprüchlichem Handeln der Sowjetunion. Einerseits wurden staatliche Maßnahmen zur Eindämmung der Folgen der Katastrophe ergriffen, wie die Verteilung von Jod-Prophylaxe-Tabletten oder medizinische Kontrolluntersuchungen. Andererseits blockierte der Staat die Informations- und Aufklärungsarbeit. Diese Situation war ein idealer Nährboden für Gerüchte um die tatsächliche Gefahr und potenzielle Gesundheitsfolgen der Reaktorkatastrophe“, fügte sie hinzu. „Die Ergebnisse verdeutlichen die immense Bedeutung eines effizienten und glaubwürdigen Krisen- und Katastrophenmanagements von Regierungen.“
Zur Analyse wurden Daten einer repräsentativen Stichprobe der ukrainischen Längsschnittbefragung (Ukrainian Longitudinal Monitoring Survey, ULMS) der Jahre 2003, 2004 und 2007 herangezogen. Aus der Untersuchungsgruppe werden Personen ausgeschlossen, die nach dem Reaktorunfall geboren wurden. Außerdem wurden stark Betroffene wie Aufräumarbeiter und umgesiedelte Personen nicht berücksichtigt. Am 26. April 2016 jährt sich die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl zum 30. Mal.

Stay In Touch