Roland Berger: Wirtschaftspolitische Unsicherheiten und digitale Transformation fordern Unternehmen zunehmend heraus

 

 

München (29.4.16) – Die deutsche Wirtschaft steht trotz Wachstums vor großen Herausforderungen: Chinas lahmende Konjunktur, ein möglicher Austritt der Briten aus der Europäischen Union (BREXIT) und die zunehmende Verunsicherung durch die anhaltende Flüchtlingskrise könnten den Wachstumskurs deutscher Unternehmen bremsen. Nach Ansicht der für die neue „Restrukturierungsstudie 2016“ von Roland Berger befragten Experten steigt darüber hinaus der Druck durch die zunehmende Digitalisierung (34%) und disruptive Innovationen sowie anhaltende Konsolidierungstrends (25%) in vielen Branchen. Diese Entwicklungen spiegeln sich auch in der Restrukturierungspraxis wider: Anzahl und Komplexität der Restrukturierungsfälle werden weiter steigen, so das Ergebnis der Studie. Befragt wurden über 1.000 Restrukturierungsexperten in Deutschland.

 

„Der Anpassungsdruck für die Unternehmen hat in den letzten zwölf

Monaten enorm zugenommen“, sagt Sascha Haghani, stellvertretender

Deutschlandchef von Roland Berger und Leiter des Competence Center

Restructuring & Corporate Finance. „Obwohl die Digitalisierung

bereits in vollem Gange ist, haben viele Unternehmen noch keine

nachhaltige Strategie formuliert. Nun erschweren Instabilitäten und

zusätzliche Herausforderungen wie der BREXIT oder die

Flüchtlingssituation die weitere Entwicklung der Unternehmen

zusätzlich.“

 

Wirtschaftliche und politische Unsicherheit erhöht Komplexität

 

Vor diesem Hintergrund erwartet die Mehrheit (67%) der Befragten in

den kommenden zwölf Monaten eine steigende Zahl von

Restrukturierungen. Über 60 Prozent glauben zudem, dass die

Komplexität der Restrukturierungsfälle zunehmen wird. „Viele

Unternehmen sind durch den schnellen Wandel aufgrund neuer

Wettbewerber, zunehmender Digitalisierung und politischer

Unsicherheiten herausgefordert“, sagt Gerd Sievers, Senior-Partner

von Roland Berger und Autor der Studie. „Daher müssen sie zügig

handeln, sonst ist eine Krise vorprogrammiert.“

 

Digitalisierung als zwingende Voraussetzung für einen erfolgreichen

Turnaround

 

Nachhaltige Restrukturierungskonzepte sind ohne Beachtung der in

allen Branchen anstehenden digitalen Transformation kaum noch

denkbar. Trotz der Herausforderungen kann eine umfassende

Digitalisierungsstrategie aber auch die Chance für einen

erfolgreichen Turnaround sein. „Entscheidend ist dabei allerdings,

dass in den Firmen das gesamte Geschäftsmodell auf den Prüfstand

kommt“, sagt Sievers. Dementsprechend messen auch 39 Prozent der

Studienteilnehmer strategischen Restrukturierungsmaßnahmen die größte

Bedeutung gegenüber operativen und finanziellen Maßnahmen bei.

 

Insbesondere in der Energiewirtschaft müssen Geschäftsmodelle

grundlegend an die Herausforderungen der Energiewende sowie die

zunehmende Digitalisierung des Geschäfts mit Privat- und

Industriekunden angepasst werden, glauben 26 Prozent. Gleiches gilt

für die Automobilindustrie (22%), deren künftiger Erfolg maßgeblich

von der Umsetzung alternativer Antriebsmodelle und innovativer

Mobilitätskonzepte abhängen wird. Auch die Konsumgüterindustrie muss

handeln, denn sie kämpft weiterhin mit ständig steigenden

Kundenanforderungen und neuen digitalen Wettbewerbern, erklären 12

Prozent der Befragten. Bei der Finanzdienstleistungsindustrie sehen

die Befragten dagegen weniger Handlungsbedarf als im Vorjahr, obwohl

auch diese stark von neuen digitalen Geschäftsmodellen und

verschärften Regularien betroffen ist.

 

Parallel zunehmende Herausforderungen im Restrukturierungsumfeld

 

Die Beratungsunternehmen sehen sich vor dem Hintergrund eines

steigenden Restrukturierungsbedarfs zunehmend mit Anfechtungs- und

Haftungsthemen konfrontiert. So gaben 27 Prozent der Befragten an,

dass die juristische Spezialisierung sowie haftungsbeschränkende

Vereinbarungen (22%) und der Versicherungsschutz zur Absicherung der

Beratungsunternehmen (14%) zunehmen werden. „Das zunehmende

Sicherheitsdenken der Sanierungsberater darf aber der umfassenden

Anpassung von Geschäftsmodellen gerade im Kontext der

Herausforderungen der Digitalisierung nicht entgegenstehen“, sagt

Sievers.

 

Zudem betreffen die neuen Trends im Restrukturierungsbereich auch die

Finanzierer und Banken. So glauben 24 Prozent der Studienteilnehmer,

dass der zunehmende Kostendruck in den Workout-Abteilungen der Banken

zu Anpassungen führen wird. 23 Prozent erwarten etwa eine stärkere

Fokussierung auf die aktive Betreuung größerer Kreditengagements. 19

Prozent erwarten eine Zunahme von Verkäufen notleidender Kredite und

14 Prozent eine verstärkte Auslagerung der Betreuung dieser Kredite

an Dritte.

 

Das könnte den bereits bestehenden Trend zu rein

finanzwirtschaftlichen Restrukturierungen verstärken, während

gleichzeitig die leistungswirtschaftliche und strategische Sanierung

aus dem Fokus rückt. Eine problematische Entwicklung, findet Roland

Berger-Experte Sascha Haghani: „Dann werden Unternehmen kurzfristig

stabilisiert, Kernprobleme aber nicht beseitigt oder neue

Geschäftsmodelle für die digitale Wirtschaft nicht oder zu spät

entworfen. Es drohen „Boomerang-Restrukturierungen“, Fälle also, die

nach kurzer Zeit bereits wieder in den Fokus rücken.“