Ernst & Young: Top-Konzerne in Europa und den USA mit Umsatz- und Gewinnrückgang
Stuttgart (29.5.16) – Sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten gingen die Umsätze und Gewinne der jeweils 300 größten Unternehmen im vergangenen Jahr zurück: Europas Top-Konzerne verzeichneten unterm Strich einen Umsatzrückgang um vier Prozent, der Gesamtgewinn brach sogar um 14 Prozent ein. In den USA fiel der Gewinnrückgang mit drei Prozent deutlich geringer aus, auch die Umsätze sanken um drei Prozent und damit weniger stark als in Europa.
Hauptgrund für den Umsatz- und Gewinnrückgang auf beiden Seiten des Atlantiks – vor allem aber in Europa – ist der Verfall der Öl- und Rohstoffpreise. So verzeichneten Bergbau- und Rohstoffkonzerne einen Umsatzrückgang von insgesamt 15 Prozent, die Umsätze der Ölkonzerne in Europa und den USA brachen sogar um 31 Prozent ein. Diese beiden Branchen stehen in Europa für 22 Prozent des Gesamtumsatzes der Top 300 Unternehmen (Vorjahr 28 Prozent). In den USA haben sie hingegen ein deutlich geringeres Gewicht (11 Prozent des Gesamtumsatzes).
Insgesamt erwirtschafteten die Top-Unternehmen Europas einen Umsatz von 7,0 Billionen Euro bei einem operativen Gewinn von 536 Milliarden Euro, die US-Konzerne kamen auf umgerechnet 8,7 Billionen Euro Umsatz und 1,0 Billionen Euro Gewinn.
Unter den zehn umsatzstärksten Unternehmen Europas finden sich mit Volkswagen (2. Platz), Daimler (5.), Eon (7.) und BMW (9.) vier deutsche Unternehmen.
Beim operativen Ergebnis schaffen es Daimler – mit dem europaweit höchsten Gewinn –, BMW (6. Platz) und Siemens (10.) in die Top Ten. Dies- und jenseits des Atlantiks bleibt allerdings Apple das Maß aller Dinge: Mit einem operativen Gewinn von umgerechnet 65,6 Milliarden Euro machte der iPhone-Hersteller mehr Gewinn als die fünf gewinnstärksten europäischen Unternehmen zusammen.
Mit einem operativen Verlust von 4,1 Milliarden Euro wies Volkswagen im vergangenen Jahr den zweithöchsten Verlust in Europa aus – noch stärker in die roten Zahlen rutschte nur der Ölkonzern BP (minus 7,9 Milliarden Euro).
Das sind Ergebnisse einer Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY (Ernst & Young), für die Bilanzzahlen der jeweils 300 umsatzstärksten börsennotierten Unternehmen in Europa und den USA (ohne Banken und Versicherungen) analysiert wurden.
Immerhin: Jenseits des Rohstoffsektors ging es im vergangenen Jahr für die meisten Branchen aufwärts – wobei die europäischen Unternehmen sogar stärker zulegten als ihre US-amerikanischen Wettbewerber. Denn während in den Vereinigten Staaten nicht einmal jedes zweite Unternehmen den Umsatz steigern konnte, schafften in Europa fast zwei von drei Konzernen (64 Prozent) ein Umsatzplus. Besonders gut entwickelten sich die schwedischen und deutschen Unternehmen mit Wachstumsraten von 10,5 bzw. 5,5 Prozent, während die britischen und niederländischen Unternehmen Umsatzrückgänge von 10,4 bzw. 19,4 Prozent verzeichneten.
Markus Thomas Schweizer, Managing Partner des Bereichs Advisory bei EY Deutschland, Schweiz und Österreich, kommentiert: „Für die Mehrzahl der europäischen Großunternehmen ging es bei Umsatz und Gewinn aufwärts. Sie profitierten zum einen von der anziehenden Konjunktur in Teilen Europas und der wiedererstarkten US-amerikanischen Wirtschaft, vor allem aber vom schwachen Euro“. Der starke Wertverlust des Euro ließ im Ausland erzielte Einnahmen bei der Umrechnung in die europäische Gemeinschaftswährung wachsen – wovon vor allem stark internationalisierte und in Euro bilanzierende Unternehmen profitierten.
Gegenteilige Effekte mussten im vergangenen Jahr die US-Konzerne verkraften, deren Umsatz- und Gewinnentwicklung vom starken US-Dollar gebremst wurde. „Dass die US-Unternehmen trotz des starken US-Dollars sowohl bei der Umsatz- als auch bei der Gewinnentwicklung besser dastehen als ihre europäischen Wettbewerber und ihre Margen sogar leicht erhöhen konnten, zeigt die bemerkenswerte Flexibilität und Anpassungsfähigkeit der US-Wirtschaft“, kommentiert Schweizer. Nach wie vor wirtschaften die amerikanischen Konzerne wesentlich profitabler: Margen von zehn Prozent oder mehr schafften im vergangenen Jahr in den USA zehn von sechzehn Branchen, in Europa erwirtschafteten nur sieben Branchen eine Umsatzrendite von mindestens zehn Prozent.
Deutsche Konzerne mit steigendem Gewicht in Europa
Deutschlands Top-Unternehmen haben im vergangenen Jahr erheblich dazu beigetragen, die Bilanz Europas zumindest beim Umsatz ein bisschen aufzuhellen: Zwar kommen nur 43 der 300 europäischen Top-Unternehmen aus Deutschland (Vorjahr: 40) – Großbritannien und Frankreich sind mit 56 bzw. 47 Unternehmen stärker vertreten. Dafür steuern sie mit 1,5 Billionen Euro den mit Abstand größten Umsatzanteil bei. Der Umsatz der deutschen Unternehmen stieg zudem um 5,5 Prozent an – nur die schwedischen Konzerne schafften mit 10,5 Prozent ein stärkeres Umsatzplus. Obendrein konnte die große Mehrheit der deutschen Unternehmen – 29 von 43 – ihre Platzierung im Top-300-Ranking verbessern.
Deutlich weniger erfreulich war die Gewinnentwicklung: Das Gesamt-EBIT der deutschen Unternehmen schrumpfte um zehn Prozent von 107,6 auf 96,6 Milliarden Euro – ein Rückgang, der allerdings in erster Linie auf den Rekordverlust beim Volkswagen-Konzern zurückzuführen ist, dessen operatives Ergebnis um 16,8 Milliarden Euro sank.
USA weiter mit großem Vorsprung bei neuen Technologien
Die anhaltende – und sich zuletzt sogar verschärfende – Margenschwäche der europäischen Konzerne sei auch auf strukturelle Probleme zurückzuführen, sagt Schweizer: „Es gibt nach wie vor in Europa ein massives Übergewicht der sogenannten Old Economy“. 41 Prozent der Top-300-Unternehmen entstammen den klassischen Industriebranchen wie Maschinen- und Anlagebau, Elektroindustrie, Automobilbau sowie Öl- und Rohstoffgewinnung. Diese Unternehmen stellen sogar 51 Prozent des Gesamtumsatzes. Zum Vergleich: In den USA liegt der Anteil dieser Branchen an der Gesamtzahl der größten 300 Unternehmen nur bei 28 Prozent; und sie erwirtschaften nur 27 Prozent des Gesamtumsatzes.
Auf der anderen Seite kann Europa die Lücke in der IT-Branche nicht schließen: Gerade einmal 14 IT-Unternehmen können sich im europäischen Top-300-Ranking platzieren (Vorjahr: 12) – in den USA sind es 32 (Vorjahr 30). Noch deutlicher ist der Abstand beim Umsatz: Die europäischen IT-Konzerne erwirtschafteten im vergangenen Jahr 181 Milliarden Euro – das sind drei Prozent des Gesamtumsatzes der Top 300. Die US-amerikanischen IT-Konzerne kommen hingegen auf einen Gesamtumsatz von umgerechnet fast 1,1 Billionen Euro, was 12 Prozent des Gesamtumsatzes der US-Top-300 entspricht. „In den USA hat sich der IT-Sektor zur Leitbranche entwickelt, in Europa ist er davon weit entfernt; hier geben Industriekonzerne den Ton an. Während US-Unternehmen die Digitalisierung aller Lebens- und Wirtschaftsbereiche massiv forcieren, drohen Europas Top-Konzerne zu Getriebenen zu werden“, warnt Schweizer. „Für Europa wird viel davon abhängen, ob die digitale Transformation der Industrie gelingt – dass also klassische Industriekonzerne rasch ihre „digitale Reife“ erhöhen, um die Möglichkeiten einer vernetzten und effizienteren Produktion und neuer digitaler Geschäftsmodelle nutzen zu können“.
Ausblick: Kräftiger Gegenwind für Europas Top-Konzerne
Nachdem viele europäische Unternehmen im vergangenen Jahr noch von Währungseffekten profitieren konnten, wird es in den kommenden Monaten deutlich schwieriger werden, Wachstum zu generieren, erwartet Schweizer: „In diesem Jahr fällt der schwache Euro als Umsatzturbo aus. Hinzu kommen eine schwächelnde Weltkonjunktur und steigende wirtschaftliche und politische Risiken: Ein Brexit würde Schockwellen durch Europa senden, die US-Präsidentschaftswahl wirft ihre Schatten voraus und Europa kämpft weiter mit der Flüchtlings- und der Staatsschuldenkrise“.
Umso wichtiger sei es für die Unternehmen, an ihrer Effizienz und Flexibilität zu arbeiten – sonst drohe ein weiterer Margenrückgang, so Schweizer: „Wir müssen uns auf eine Durststrecke einstellen mit niedrigerem Umsatz- und Gewinnwachstum und höherer Unsicherheit und Volatilität“.

Stay In Touch