Brexit“ – LGIM-Experten erwarten Rezession für zweite Jahreshälfte

 

London (26.6.16) – Das „Nein“ der Bürger Großbritanniens zu einem Verbleib in der Europäischen Union (EU) hat am Morgen danach einen Schock auf den Finanzmärkten ausgelöst. „Wir erwarten einen spürbaren Rückgang der Unternehmensinvestitionen und der privaten Konsumausgaben“, sagt Chris Jeffery, Stratege bei LGIM. „Vor diesem Hintergrund würde Großbritannien bereits in der zweiten Jahreshälfte 2016 in die Rezession rutschen“. In diesem Szenario würde eine Zinswende der Bank of England in weite Ferne rücken. Zwar würde die britische Nationalbank ihren Leitzins – anderes als die EZB – höchstwahrscheinlich nicht unter null Prozent senken, allerdings wären umfangreiche Programme zur geldpolitischen Lockerung eine wahrscheinliche Maßnahme, wie etwa Quantitative Easing, Kreditlockerungen und Liquiditätsvorlagen.

 

Auch die politischen Risiken nehmen zu

„Das Ergebnis des Referendums ist ein politisches, und für die UK-Regierung nicht rechtlich bindend. Zwar lässt sich ein Austritt nicht mehr vermeiden, allerdings sind derzeit noch viele Punkte offen“, erklärt Hetal Mehta, Senior European Economist. Mit der Ankündigung, bis Oktober zurücktreten zu wollen, machte Premierminister David Cameron gleichzeitig klar, dass er die Verantwortung über den formalen Antrag zum EU-Austritt an seinen Nachfolger übergeben wird. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob die Entscheidung zum EU-Austritt in den kommenden Wochen auch vom britischen Parlament bestätigt werden muss. Allerdings: Da etwa zwei Drittel aller Parlamentsmitglieder die „Remain“-Kampagne unterstützten, würde dieser Prozess alles andere als harmonisch ablaufen. Und mit Camerons Rücktritt können auch neue Parlamentswahlen nicht ausgeschlossen werden. Allerdings wird dieser Prozess durch ein Gesetz erschwert, das Parlamentswahlen im festen Tonus von fünf Jahren vorsieht.

 

Sobald diese Fragen geklärt sind und der formale Antrag zum EU-Austritt gestellt wurde, muss Großbritannien dafür die Bedingungen gemäß Artikel 50 des Vertrags von Lissabon (EU-Vertrag) über bis zu zwei Jahre lang aushandeln. „Von diesen Verhandlungen, insbesondere von Handels- und Einwanderungsabkommen, hängen auch die weiteren Marktprognosen ab“, erklärt Mehta. „Unerlässlich für die britische Wirtschaft ist vor allem der Erhalt des Marktzugangs für Dienstleistungen und Investitionen sowie die Freizügigkeit für Arbeitskräfte.“

 

Auswirkungen für die EU bleiben ungewiss

In den kommenden Monaten wird Europa vor allem diese politische Debatte rund um den Brexit beschäftigen. Insbesondere die schottische Unabhängigkeitsbewegung könnte erneut an Fahrt gewinnen. Auch wenn kurzfristig ein wiederholtes Schottland-Referendum unwahrscheinlich ist, da die Scottish National Party nicht länger die Mehrheit im schottischen Parlament bildet, steht dieser Punkt wieder auf der politischen Tagesordnung. „Am Morgen nach dem Referendum gibt es eigentlich mehr Fragen als Antworten“, kommentiert Mehta. „Der Brexit könnte die verbleibenden EU-Mitglieder noch stärker zusammenschweißen – oder aber antieuropäische, nationalistische Bewegungen verstärken.“