BMO Global AM: Brexit stärkt Attraktivität

von europäischen Aktien

 

London (5.7.16) – Die politische Unsicherheit in Großbritannien ist nach dem Brexit-Votum folgerichtig gestiegen. Premierminister David Cameron hat bereits angekündigt, dass er im Herbst zurücktreten wird – potenzielle Nachfolger wie Theresa May und Michael Gove stehen schon bereit. Die Analyse der Umfragewerte hat starke Unterschiede auf der regionalen Ebene ergeben: Schottland und Nordirland votierten deutlich für einen Verbleib in der Europäischen Union (EU). Die Scottish National Party bereitet schon Schritte für ein zweites Unabhängigkeitsreferendum vor. Von anderen europäischen Staats- und Regierungschefs wird bei den anstehenden Austrittverhandlungen des Vereinigten Königreichs aus der EU ein entschiedenes Vorgehen erwartet. Vor diesem Hintergrund analysiert Paul Niven, Leiter Multi-Asset Investment bei BMO Global Asset Management, die aktuelle Marktsituation und erklärt, welche Möglichkeiten sich für Multi-Asset-Strategien bieten.

 

US-Markt bleibt vom britischen „Nein“ zur EU unbeeindruckt

 

„Die Wirtschaft in Großbritannien wird mittelfristig stark unter den Konsequenzen des Brexit leiden. Das dortige Wirtschaftswachstum hatte sich bereits längere Zeit vor der Abstimmung verlangsamt, und auch die Inflation der Immobilienpreise sank deutlich ab. Die Anlagen aus dem Ausland könnten ebenfalls sinken, gerade weil ausländische Investoren aus nicht EU-Staaten die britische Mitgliedschaft in der EU immer als besonders attraktiv befunden haben“, erklärt Niven. Wahrscheinlich werden viele dieser Mittel künftig in EU-Länder fließen. Aus diesem Grund geht Niven davon aus, dass die Bank of England die Zinsen absenken wird und auch ein steuerlicher Stimulus gesetzt wird. Voraussichtlich würden die politischen die ökonomischen Effekte überlagern. Für große europäische Volkwirtschaften wie Deutschland, Spanien, Frankreich und Italien macht der Handel mit Großbritannien nur einen kleinen Anteil ihres Bruttoinlandsprodukts aus. „Die Europäische Zentralbank wird wohl auch weiterhin proaktiv handeln und den Kurs der geldpolitischen Lockerung beibehalten. Abgesehen von britischen Titeln sind europäische Aktien im Vergleich zu US-amerikanischen Aktien daher momentan recht attraktiv. Die relativ niedrige Arbeitslosigkeit in den USA und die höheren Löhne drücken die Gewinnmargen der Unternehmen, und beschränken so auch das Gewinnwachstum. Das wiederum führt zu geringeren Renditeaussichten am US-Aktienmarkt. Die Aussichten für europäische Aktien sind daher besser, wenn man UK-Aktien außen vorlässt“, so Niven.

 

Auch am europäischen Kreditmarkt hat sich die Lage verbessert, da die Zinssätze für neue  Unternehmenskredite gefallen sind und die Nachfrage ansteigt. Die Wachstumsprognosen für die europäische Wirtschaft haben sich zuletzt als solide erwiesen und die verhältnismäßig hohe Arbeitslosigkeit könnte die Unternehmensgewinne steigern, weil Arbeitskräfte relativ günstig sind. Im Hinblick auf die USA hätten die Brexit-Frage und die niedrigen US-Arbeitslosenzahlen vom Mai dazu geführt, dass der Markt seine Erwartungen bezüglich einer geldpolitischen Straffung durch die amerikanischen Zentralbank stark reduziert habe. Die US-Löhne und die Preisinflation würden sich langsam erhöhen, als Antwort auf die niedrige Arbeitslosigkeit. „Wir erwarten, dass der Brexit keinen großen Einfluss auf die USA haben wird. Aus diesem Grund müsste die US-amerikanische Zentralbank die Zinsen noch zweimal in diesem Jahr anheben, was die Rendite von US-Staatsanleihen und den Dollarkurs stärken würde“, sagt Niven.

 

Schwellenländer bieten positives Umfeld für Investitionen

 

„Vor dem britischen Referendum haben wir Positionen mit nur geringem Risiko bevorzugt. Allerdings nicht, weil wir das Ergebnis vorausgesehen haben, sondern weil wir Bedenken bezüglich der Unternehmensgewinne und der zyklischen Effekte auf die Bewertungen hatten. Nach dem Brexit müssen wir unsere langfristigen Positionen bei europäischen und japanischen Aktien überprüfen – letztere sind durch den Brexit nicht unmittelbar betroffen, stehen aber unter zunehmendem Druck wegen der Aufwertung des japanischen Yen“, erläutert Niven. Die Emerging Markets könnten den Brexit deutlicher zu spüren bekommen, eignen sich laut Niven aber insbesondere für taktische Investments. Er prognostiziert, dass sich die Aktienmärkte in Schwellenländern positiv entwickeln dürften. Wenn der Brexit keine nachhaltige Wirkung auf die Weltwirtschaft entfalte und es nicht zu einer erhöhten Risikoaversion komme, sei eine Rotationsbewegung von Investments in aufstrebenden Märkte zu erwarten.

 

„Unser Basisszenario geht davon aus, dass die Weltwirtschaft weiterhin auf einem schmalen Wachstumspfad schreitet und der Druck auf Löhne sowie Gewinnmargen limitiert ist. Dennoch bleiben wir Risikoanlagen gegenüber sehr vorsichtig, weil die Renditeaussichten asymmetrisch verteilt sind und wir mit weiterer Volatilität bis zum Jahresende rechnen. Die Märkte konzentrieren sich noch nicht auf die USA, obwohl die Politik dort die Schlagzeilen bestimmt. Nach der Brexit-Entscheidung erscheinen die US-Präsidentschaftswahlen im kommenden November in ganz neuem Licht“, so Niven.