MFS: Es ist schon ziemlich spät –
im Konjunkturzyklus
Boston/Frankfurt (11.7.16) – Während die Entscheidung Großbritanniens, die Europäische Union zu verlassen, die Märkte vorübergehend unter Druck gesetzt hat, war mein Vertrauen in Aktien schon vor dem Votum am schwinden. Aber lassen wir den Brexit mal beiseite und schauen uns die fundamentalen Langzeitparameter an. Meine Prognose für die Aktienmärkte bleibt nüchtern, wenn sich nicht die folgenden fünf wesentlichen Indikatoren verändern.
1) Stärkere Preisbildungshoheit multinationaler Konzerne aus den USA
2) Höhere Konsumausgaben im Bereich Waren und Dienstleistungen
3) Eine Abschwächung des Dollar gegenüber anderen Währungen
4) Höhere Investitionsausgaben, vor allem in der Informationstechnologie
5) Verringerung der Arbeits- und Gesundheitsausgaben
Dabei stehen meiner Meinung nach vor allem die Aktivitäten des Privatsektors und dessen Fähigkeit, Cashflow zu generieren im Mittelpunkt. Während des aktuellen Konjunkturzyklus, der 2009 begonnen hat, konnten die USA und viele weitere entwickelte Märkte hohe Margen, einen im Vergleich zur Größe der Gesamtwirtschaft rekordverdächtigen Free Cashflow und hohe Eigenkapitalrenditen erzielen. Dies hat viele vorsichtige Investoren überrascht, denn sowohl die amerikanischen als auch die globalen Wachstumsraten lagen unterhalb der Erwartungen. Die Gründe für das starke Wachstum waren vielschichtig und basierten auf Effizienzsteigerungen im produzierenden Sektor, einem produktiveren Technologieeinsatz, höherem Umschlag des Firmenvermögens, wenig kapitalintensiven Wachstumsstrategien, einem Einsatz weltweiten Arbeitsangebots, der Nutzung operativer statt finanzieller Hebel und geringeren Kosten.
Während der letzten drei Quartale sind die meisten dieser für risikoreiche Investments unterstützenden Faktoren ins Stocken geraten. Die Gewinnmargen sind nicht nur im Bereich Rohstoffe und Bergbau zurückgegangen, sondern über den gesamten S&P 500 hinweg – entgegen gängiger Trends, die bis 2009 zurückreichen. Mittlerweile ist der prozentuale Anteil der bei den Inlandsverkäufen anfallenden Vertriebs-, Verwaltungs- und Gemeinkosten (VVG-Kosten) am Umsatzerlös gestiegen. Finanzielle Hebel ersetzen wieder die operative Leistung und sowohl die Eigenkapitalrendite als auch die Gewinne bleiben bis zur Jahreshälfte schwach.
All diese Aspekte zahlen auf eine wichtige Kennzahl ein: den Teil des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts (BIP), der an die Kapitaleigentümer geht. Wenn die Wirtschaftsleistung, die in Form von Gewinnen an die Eigentümer geht, beginnt nachzulassen, so hat dies unmittelbare Auswirkungen auf Investitionen und die Ausgaben für langlebige Güter.
Beide schwächeln im Moment. Große Ausgaben wie die Anschaffung von Maschinen in der verarbeitenden Industrie oder die Ausgaben für Informationstechnologie in allen Wirtschaftsbereichen sind unverzichtbar für künftiges Wachstum sowohl der Arbeitsplätze als auch der Gewinne und bilden die Voraussetzungen für einen stabilen Konjunkturzyklus.
Diese großen Ausgaben haben sich abgeschwächt und der Trend zeigt weiter nach unten.
Dem US-Verbraucher geht es besser. Die Konsumausgaben steigen, auch wenn das zusätzliche Einkommen, das vor einiger Zeit mit den gesunkenen Energiekosten einherging, nicht ausgegeben wurde. Die mittlerweile wieder anziehenden Energiepreise sind jedoch beunruhigend. Der US-Dollar hat im Laufe dieses Konjunkturzyklus immer wieder Schwäche gezeigt. Aufgrund des Zinsgefälles und der Suche nach Sicherheit befindet er sich nun wieder im Aufwärtstrend. Die starken Unternehmenskennzahlen, die charakteristisch für diesen besonders langen Konjunkturzyklus waren, sind in so gut wie jedem Bereich schwächer geworden.
Insgesamt neige ich dazu Aktien schwächer zu gewichten. Innerhalb des Aktienuniversums würde ich amerikanische Titel gegenüber britischen, denen aus der Eurozone und aus Japan bevorzugen. Einige der Emerging Markets erscheinen vielversprechend, vor allem Lateinamerika und Osteuropa, wobei die richtige Auswahl auch hier wie immer entscheidend ist. Im Anleihebereich bevorzuge ich Hochzinsanleihen, weil die Fundamentaldaten in den USA immer noch solide sind und die Chancen meiner Meinung nach gut stehen, dass die Vereinigten Staaten auf absehbare Zeit eine Rezession vermeiden können.
Die Geschichte lehrt uns, dass eine Abschwächung des Konjunkturzyklus ein Vorbote für eine Rezession sein kann. In der Regel zeigt sich dies anhand steigender Zinsen, die den Konsum und Unternehmensausgaben bremsen. Die Risiken für eine Rezession in den USA nehmen zu. Das Risiko steigender Zinsen jedoch scheint gering. Ich halte eine dauerhaft enttäuschende Ertragslage für ein realistischeres Szenario als eine nahende Rezession. Also kein wirtschaftlicher Kollaps – eher eine Art Schwebe für Investoren, wenn man so will. Ich hoffe, dass sich die eingangs genannten fünf Indikatoren wieder in die richtige Richtung entwickeln. Solange dies nicht passiert, sollten die spätzyklischen Flaggen Investoren zur Vorsicht mahnen.

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