Laudatio zum 70. Geburtstag
von Dr. Karl-Gerhard Seifert
(Cassella, Allessa, Farbwerke Hoechst) Schloss Höchst am 2. 9. 2016 –
Von Christoph Wehnelt
Lieber Herr Dr. Seifert, hochverehrte gnädige Frau! Als mich die freundliche Einladung erreichte, in diesen heiligen Hallen eine Laudatio für Sie, lieber Herr Dr. Seifert, halten zu dürfen, blieb meine nummerierte Hoechster Armbanduhr Nr. 152 stehen! Sie stammt noch aus den guten alten Zeiten, als die Welt noch in Ordnung war. Der Schlatermund-Lauda-Blitz traf sie und mich gleichermaßen. – Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir, Amen.
Gerne hätte ich Sie und die ganze Gemeinde hier mit „Hello“ begrüsst, doch dieser Begriff ist zwischen Jahrhunderthalle und Schloss allzu negativ besetzt. Beginnt doch gleich meine Bull & Baers – Uhr zu toben. Sie will nicht noch einmal wie im Herbst 1999 das Ausscheiden der Hoechst Aktie aus dem Dax anzeigen.
– Der Bulle brüllt aber schon wieder und der Bär brummt unüberhörbar, ist doch wieder eine große Fehlentwicklung am Bankplatz Frankfurt erkennbar. Weil die Briten „Brexit“ wählten, muss die Börse D-Exit machen. Meine dritte Uhr, aus Plastik aber mit hochmodernem französischen Design in den Nationalfarben „blau-weiß-rot“, stammt noch aus der Zeit, als unsereiner nach Paris reiste, um mit Karajan 25-Jahre Roussel Uclaf zu feiern, der damaligen Tochtergesellschaft der Hoechst AG. Damals waren sie im Vorstand Chef des Pharma-Bereichs, also Chef des größten Arzneimittelherstellers der Welt.
Vormittags hatten wir den Eisenbahn-Waggon besucht, in dem der Großvater unseres Freundes „von Winterfeldt“ die deutsche Niederlage nach dem 1. Weltkrieg besiegelte und eine Generation später tapfere Kämpfer auf beiden Seiten sich gegenseitig die Revision von damals bescheinigten.
Dann habe ich noch eine Uhr, die Vierte, bei mir. Sie stammt aus Brummis-Zeiten und beginnt fürchterlich zu toben, wenn die gesellschaftlichen Verzerrungen wegen eines allzu verqueren Geschichtsbilds überhand nehmen. Brummi brummt schon ganz vernehmbar, wenn Deutschland nach Europa zum Null-Tarif gänzlich abgeschoben werden soll.
Kommen wir doch eben noch, lieber Herr Dr. Seifert, auf Ihr 25-jähriges Hoechst- Jubiläum zu sprechen. Da ging es zünftig zu. Angestoßen wurde ganz untypisch mit:
Grüezi! Karl-Gerhard, sagte damals Reinhard Hante von Clariant. Das hättest Du Dir auch nicht träumen lassen vor 25 Jahren, als Du hier in Hoechst angefangen hast, dass Grüezi mal in unserer Form, in unserer Firma ein Willkommensgruß ist. Allenfalls beim Skifahren.
Er, Seifert, habe, wie das so seine Art ist, zunächst eigentlich keine Feier machen wollen. Aber es könnten zwei Gründe sein, dass er doch einwilligte! Der eine, dass er endlich mal erfährt, was für ein Prachtskerl er ist. Oder das zweite, was vielleicht ernster ist, dass er als Leitfigur für uns Clariant-Mitarbeiter hier in Deutschland die Notwendigkeit einer Feier eingesehen hat. Soweit der Originalton des Reinhard Hante aus dem Clariant-Management, der vor fast 20 Jahren im Text so fortgefahren ist:
Karl-Gerhard, Du bist einer der wenigen Hessen, die bei Hoechst richtig Karriere gemacht haben. Und ich verrate kein Geheimnis, bei Schweizer Firmen ist diese Landsmannschaft noch weniger vertreten. Du kannst dich in die Sorgen, in die Nöte, in die Probleme der Mitarbeiter rein denken. Du weißt, wie eine Fabrik funktioniert von innen heraus. Und das ist einer der Gründe, warum Du auch in der Belegschaft so gut angesehen und hoch geschätzt bist. Dafür bedanke ich mich ganz herzlich bei Dir. – Damit hat Reinhard Hante für uns nun genügend applaudiert.
Allerdings habe ich aus verschiedenen Quellen – und erst kürzlich wieder -vernommen, lieber Herr Seifert, dass Sie sich immer und mit Kraft für Ihre Mitarbeiter eingesetzt, somit eine hohe soziale Kompetenz bewiesen haben, abgesehen von der Management-Kompetenz und dem enormen Fachwissen. Für die Freunde sind Sie sowieso immer da!
Hier möchte ich ein Thema aufgreifen, von dem die Schweizer keine Ahnung hatten, obwohl die heißeste Phase in der Schweiz gelaufen ist. Wir schreiben das Jahr 1987. In Beirut/Libanon wurde der Geschäftsträger der Farbwerke Hoechst, Cordes, von der Hizbullah entführt. Hier sollten hohe Geldbeträge erpresst werden. Monatelang hat sich der Hoechst-Vorstand in Kooperation mit der Bundesregierung und unter Einsatz des Detektivs Werner Maus um die Freilassung von Cordes bemüht. Der strategische Kopf bei der internationalen Fahndung gegen die Kidnapper-Bande, das ausführende Organ des Hoechst-Vorstands war der Leiter der ZdA, Zentralen Direktions-Abteilung, unser strategisch denkender Karl-Gerhard Seifert. Das Allermeiste lief über Telefon mit eingestreuten Flugreisen. Wie aufwendig diese Arbeit war, darüber liegen hunderte Seiten von stenografierten Notizen und schriftlich erfassten Telefongesprächen vor. Einiges Material konnte ich selbst in Augenschein nehmen.
In der Nacht vom 10. auf 11. Oktober 1987 sollte im Genfer Hotel Beau Rivage die Geldübergabe erfolgen. Ein riesiger Koffer gefüllt bis oben hin mit Dollar- und D-Mark-Scheinen stand bereit. Dann aber hätte die Peinlichkeit3 nicht größer ausfallen können. Rings ums Hotel war blitzschnell alles abgesperrt. Dutzende von Polizisten waren im Einsatz, weil sich genau in dieser Nacht in diesem Hotel der ehemalige Ministerpräsident von Schleswig Holstein, Uwe Barschel, umgebracht hatte. Die Geldübergabe für die Freilassung von Cordes war unmöglich und offensichtlich ad infinitum aufgeschoben, fand gottlob aber einige Zeit später statt. Der Mann wurde frei gelassen. Lieber Herr Dr. Seifert, hier haben Sie sich für Hoechst und Volk und Vaterland verdient gemacht.
Wie kam es eigentlich dazu, dass wir uns näher kennengelernt haben? Wie kam es dazu, dass wir geradezu freundschaftlich zusammengerückt sind? Das ist sicherlich der wechselvollen Geschichte an den Gestaden des Mains, zwischen Hoechster Schloss und der romanischen Justinus Kirche, zwischen Brücke und Turm und der Jahrhunderthalle zu verdanken.
So ganz rudimentär habe ich folgende Erinnerungsfetzen im Hirn. Irgendwo auf der Empore der Frankfurter Oper sagte eine Dame der Gesellschaft mit Hoechster Hintergrund: Der Wehnelt ist der krasseste, den brauchen wir, der macht’s. Prof. Ernst Schadow meinte „Frech genug ist er. Ich spreche mit Seifert!“ Er tat’s und Sie, lieber Herr Dr. Seifert, waren so gütig und haben mich zu einem Gespräch kommen lassen.
Herr Schlatermund übernahm die Regie. Die Interviews liefen: Helga Becker schaltete das Aufnahmegerät ein und zückte Stenoblock und -Stift und ich machte Termine in den Finanzmetropolen Frankfurt, München und Zürich, teils auch weit darüber hinaus. Wir tingelten von Ex-Vorstand zu Ex-Aufsichtsrat und loteten immer wieder die Geschichtsträchtigkeit und Relevanz der aufgeschnappten Infos aus. So wurden der Untergang des hessischen Abendlandes und der Sonnenaufgang von Sanofi an den Gestaden des Mains nachlesbar. Das Ergebnis kennen Sie alle, die hier versammelt sind.
Hier muss nun wirklich der historische Ordnungsruf unseres Jubilars lauthals eingeblockt werden: „Tradition ist nicht, die Asche anzubeten, sondern die Glut zu bewahren.“ Dieser Satz – garniert mit 99 bunten Luftballons –prangt auf der Festschrift: 10 Jahre AllessaChemie GmbH. Unter diesem Motto hatte Allessa am 1. Juli 2001 ihre Tätigkeit aufgenommen.
Der stolze Aufsichtsratsvorsitzende, Karl Gerhard Seifert, hat dann an dieser Stelle, neben den Luftballons in wenigen Sätzen die Geschichte der Firma skizziert: Die Cassella AG war vor über 100 Jahren das größte Textil-Farbstoffunternehmen der Welt, die Naphtol-Chemie ein bedeutender Hersteller für aromatische Zwischenprodukte. Beide Unternehmen wurden im Laufe des letzten Jahrhunderts Teile der IG Farben und schließlich Gesellschaften der Produktionsstätten im Hoechst-Konzern. Beide wurden 1997 an die Clariant verkauft und nach einer Änderung der Strategie 2001 an die AllessaChemie veräußert.
Die FAZ hat kürzlich in ihrem Regionalteil die Cassella-Alessa-Geschichte bis in die Zukunft weiter geschrieben. Da heißt es u. a.: Am 15. September soll im Cassella Industriepark groß gefeiert werden. Aus diesem Anlass wird die „Allessa“ auch ein neues Logo enthüllen, das mit dem Eigentümer der Cassella-Namensrechte, Karl-Gerhard Seifert, abgesprochen ist. – Wir werden es erleben.
Kehren wir doch mal zurück zu den Wurzeln. Wo kommt unser Jubilar her und wie kam er weiter? Da geht es zunächst zu wie bei Peter Rosegger „Als ich noch ein Waldbauernbub war.“
In Reichensachsen, einem kleinen Dorf bei Eschwege im Werra-Meißner-Kreis wurde ich am 29. August 1946 geboren. Meine Großeltern mütterlicherseits waren Landwirte, während mein Großvater väterlicherseits Postbeamter war. In diesem Dorf lebte ich mit meiner Mutter und Großmutter auf einem Bauernhof, während mein Vater in Göttingen, München und Erlangen Chemie studierte und promovierte. Durch Zufall fand ich viele Jahre später Fotos von meinem Vater und seinem Professor von einer Exkursion der Erlanger Doktoranden zu Cassella in Fechenheim. Cassella sollte Seifert bis heute nicht mehr loslassen.
Durch die Anstellung des Vaters bei den Farbwerken Hoechst war auch der Lebensweg für Karl Gerhard vorgezeichnet. Schulen besuchte er in Unterliederbach und Hofheim. In diesem Umfeld siedelte sich fast gleichzeitig auch die Familie seiner künftigen Frau an. Hier im Main-Taunus-Gymnasium machte er 1966 das Abitur und entdeckte ganz nebenbei in der Schülerzeitung seine journalistischen Fähigkeiten. Er machte 1965 auch Wahlpropaganda für Willy Brandt und gab den Mitschülern Tipps, wie man aus dem Religionsunterricht austreten kann. Etwas mehr Frömmigkeit wäre schon angebracht gewesen. In den Ferien ging es per Anhalter durch ganz Europa.
In Göttingen studierte unser Jubilar Chemie und wurde schon nach 12 Semestern zum Dr. der theoretischen Chemie promoviert. Der kurvenreiche und gleichermaßen sehr interessante Werdegang unseres Jubilars führte ihn 1973 zur Hoechst AG. Professor Klaus Weissermel maßregelte ihn gleich zu Anfang: „Junger Mann, wir mögen es überhaupt nicht, wenn man sich über das Arbeitsamt bewirbt. Wir erwarten schon, dass sich die jungen Kollegen direkt bei den Firmen bewerben.“ Der abgekanzelte Seifert versuchte ihn doch noch gewogen zu machen um zu retten, was zu retten war, indem er ihm erzählte und darauf hinwies, dass er bei IBM auf einem sehr aufregenden Arbeitsgebiet, nämlich „Supraleitung von organischen Substanzen“ bei höheren Temperaturen geforscht hätte.
Diesen Einspruch wischte Weissermel mit dem Satz weg:
„Das geht nicht. Das kann gar nicht sein. Vergessen Sie das. Die Amerikaner spinnen.“ Wie auch immer und wer auch immer gesponnen hat: Hoechst wurde Seiferts Schicksal, das ihn, wie wir wissen, über die Stationen – Betriebsleiter bei Hoechst do Brasil, ZDA, Vorstand – zum Schlossherren hier und heute aufsteigen ließ.
Die Familie zog nach Hofheim. Dort erblickten die Töchter Laura und Linda das Licht der Welt und können sich bis heute freuen, dass es nicht der einzige Lichtblick war. Der ganzen Familie wünschen wir auch für die Zukunft Glück und Segen. – Erheben wir uns und unsere Gläser zu Ihrem Wohle!

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