
Helaba-Vorstands-Vorsitzender Herbert Hans Grüntker – Foto: Archiv/PK
Helaba-Chef Grüntker warnt EZB: „Ausstieg wird zu massiven Verwerfungen an den Märkten“ führen
Frankfurt/Main (27.9.16) – Auch Binsenweisheiten müssen gelegentlich wiederholt werden, damit sie nicht vergessen werden. Beim Blick auf die umstrittene Geldpolitik der Europäischen Zentralbank EZB wiederholte der Vorstandsvorsitzende der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), Herbert Hans Grüntker am zurückliegenden Wochenende die hinlängliche bekannte Einsicht, dass die Abkehr der EZB von ihrem Niedrig-Null-Zins-Kurs hin zu normalen Zins-Verhältnissen zu – so Grüntker wörtlich – „massiven Verwerfungen an den Märkten führen“ – werde. Das wissen alle Marktteilnehmer natürlich. Aber dennoch ist es hin und wieder sinnvoll, an diese Allerweltserkenntnis zu erinnern. Eingebettet hatte Grüntker seine Warnung vor massiven Verwerfungen an den Märkten bei einer Rückkehr zu normalen Zins-Verhältnissen in seine Grundsatzrede zur Lage der Helaba. Wir dokumentieren sie hier in Auszügen.
Meine Damen und Herren, ich habe im Jahresverlauf festgestellt, dass Kommunikation und Erwartungsmanagement bezüglich unserer Ergebnisse und Ergebnisprognosen eine Herausforderung darstellen. In unserer Pressekonferenz im März hatte ich ausgeführt, dass wir angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen mit einem spürbaren Rückgang unseres Ergebnisses rechnen. Als wir dann im Mai ein Quartalsergebnis auf Vorjahresniveau bekannt gaben, wurde aus Ihrem Kreis die Frage gestellt, ob wir unser Publikum „kirre“ machen wollten.
Und bei einem Rückgang im Ergebnis vor Steuern von 23% zum Halbjahr fand die Einschätzung des Vorstands, dass man sich damit auf Kurs befinde, wenig Widerhall. Lassen Sie mich die Gelegenheit nutzen, eine Einordnung des Halbjahresergebnisses aus meiner Sicht vorzunehmen. Wir mussten uns zum 30.06.2016 mit einem extrem starken Halbjahr 2015 vergleichen. Im Vorjahr hatten wir mit einem Ergebnis von 362 Mio. Euro schon 60% des Gesamtjahresergebnisses eingefahren, das mit 496 Mio. Euro nur hauchdünn unter unserem Rekordergebnis aus 2014 lag.
Mit dem diesjährigen Halbjahresergebnis in Höhe von 279 Mio. Euro sehen wir uns deshalb auf Kurs, weil wir unser anteiliges Planergebnis übertroffen und dabei bereits sämtliche regulatorischen Abgaben verarbeitet haben. Der eine oder andere von Ihnen weiß, dass ich ein Anhänger von Zahlen und Fakten bin. Im ersten Halbjahr haben wir eine Eigenkapitalrentabilität von 7,4% und eine cost-income ratio von 64% erzielt, und dies – wie gesagt – nach Verarbeitung sämtlicher regulatorischer Abgaben.
Wir verfügen über eine CET 1-Quote von 13,9%, die deutlich über unserer SREPQuote liegt. Und im Stresstest haben wir unter allen deutschen Instituten in absoluter und relativer Betrachtung – nach dem Förderinstitut NRW-Bank – den zweiten Rang eingenommen. In allen Stresstestszenarien konnten wir eine CET 1-Quote oberhalb unserer SREP-Quote ausweisen.
Für unser Haus, das einem Sektor angehört, der, nach allem was man jüngst darüber lesen und hören konnte, nicht unter dem Druck steht, attraktive Renditen erwirtschaften zu müssen, finden meine Kollegen und ich unsere Halbjahreszahlen und Kennziffern gar nicht schlecht. Wir glauben, wir können uns damit sehen lassen. Deshalb haben wir auch gesagt, dass wir uns zum Halbjahr auf Kurs sehen und zufrieden sind. Auch mit Blick auf das Jahresende sind wir zuversichtlich, unsere Planwerte erfüllen zu können.
Meine Damen und Herren, soweit die Zustandsbeschreibung. In Bezug auf das kleine Präsent, das wir Ihnen mit unserer Einladung zugesandt haben, verlangen Sie zu Recht einen Blick in die Zukunft. Ich hatte bei meinem Amtsantritt vor einem Jahr ausgeführt, dass die Kreditwirtschaft angesichts der außergewöhnlichen Rahmenbedingungen Neuland betritt – ich nannte es „terra incognita“.
In diesem Zusammenhang hatte ich meine Branchenkollegen mit dem Spruch „Willkommen in der neuen Realität des Bankgeschäfts“ begrüßt. Was habe ich vor einem Jahr unter der neuen Realität des Bankgeschäfts verstanden?
– War es die Niedrigzinsphase, die uns vor einem Jahr schon fast unheimlich schien?
– Oder war es die Regulierung, von der wir ausgingen, dass sie tief in unsere Geschäftsmodelle eingreifen würde?
– Oder war es die Digitalisierung, die etablierte Geschäftsprozesse und Wertschöpfungsketten in Frage stellt?
– Meine These im November vergangenen Jahres war, jeder Einzelaspekt könnte den Anspruch erheben, dass wir damit Neuland, also terra incognita, betreten. Die ganze Dramatik wird aber erst durch die materielle Kumulation der Effekte und die zeitliche Koinzidenz deutlich.
Wenn wir also schon vor einiger Zeit unbekanntes Gelände betreten haben, dann sind wir heute weiter vorangekommen, und es stellt sich die Frage, welche Erkenntnisse wir auf dem Weg durch das unbekannte Gelände mitgenommen haben. Wenn ich vor einem Jahr von einer Niedrigzinsphase sprach, die uns schon vor einem Jahr fast unheimlich war, so haben wir uns nunmehr fortentwickelt. Der Ausdruck Niedrigzinsphase ist ja schon fast ein Euphemismus für die Zinssituation, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Nullzins oder Negativzins beschreiben die Situation besser. Und wir gehen alle davon aus, dass diese unnatürliche Situation länger als erwartet andauern wird. Und es ist nicht nur das absolute Zinsniveau, das die Branche unter Druck setzt. In Folge der Marktinterventionen der EZB ist die Preisbildungsfunktion für den Zins weitgehend außer Kraft gesetzt.
Dies gilt für das absolute Zinsniveau und die Zinsstrukturkurve und insbesondere für die Credit Spreads. Risiken werden nicht mehr angemessen bepreist. Die EZB vertreibt die Kreditinstitute aus dem Markt für vergleichsweise risikoarme Anlagen. Durch ihr Ankaufprogramm hat sie den Markt für Staatsanleihen, Covered Bonds und neuerdings Corperate Bonds fest im Griff.
Wir erleben ein „Crowding Out 2.0“. Einige von Ihnen werden sich erinnern, dass man Anfang der 80er-Jahre angesichts des Kapitalbedarfs der öffentlichen Hand befürchtete, dass der Privatsektor vom Kapitalmarkt verdrängt würde. Unter „Crowding Out 2.0“ verstehe ich den Effekt, dass die EZB den Kreditsektor aus dem Segment der risikoarmen Anlagen vertreibt und ihn bewusst oder unbewusst in stärker risikoorientierte Segmente treibt. Und weil alle Marktteilnehmer in diese Segmente drängen, sinken die Risikoprämien massiv.
Die Auswirkungen auf den Bankensektor sind erheblich und nachhaltig. Alle Empfehlungen, die Rückgänge bei der Ertragsquelle Zins durch höhere Provisionserträge auszugleichen, sind aus meiner Sicht wohlfeil, da nicht umsetzbar. Wenn ich von der neuen Realität der Zinslandschaft spreche, habe ich den Eindruck, dass die Frage, ob die unkonventionellen Maßnahmen der EZB dem Euroraum als Ganzes und den einzelnen Ländern helfen, schon fast in den Hintergrund getreten ist. Denn der Beweis für den Erfolg der Maßnahmen steht noch aus.
Welche Erklärungsansätze mag es für diesen ernüchternden Befund geben?
– Offensichtlich können auch die unkonventionellsten Maßnahmen nicht allen Ländern helfen, weil dort die Rahmenbedingungen einfach nicht stimmen.
– Einige Länder lehnen sich zurück, weil ihnen die EZB mit den unkonventionellen Maßnahmen die Umsetzung harter Maßnahmen erspart. „Moral hazard“ gibt es nicht nur bei Banken. „Moral hazard“ gibt es auch bei Staaten, das erleben wir aktuell im Euroraum.
– Und die EZB setzt sich selbst mit ihren Ankündigungen unter Druck. Unter Anwendung der Spieltheorie gibt es für die Sorgenkinder im Euro kein besseres Umfeld.
– Wenn aber die EZB überhaupt noch mit dem Gedanken an einen Einstieg in den Ausstieg spielt, sollte sie sich fragen, wieviel Zeit sie noch hat. Denn eins ist klar: Der Ausstieg wird zu massiven Verwerfungen an den Märkten führen.
Zweiter Punkt der neuen Realität ist die fortschreitende Regulatorik. Immer wieder wird eine sog. Impact Study angemahnt, um die Auswirkungen der bisherigen regulatorischen Maßnahmen bewerten zu können. Der Ansatz scheint grundsätzlich mehrheitsfähig zu sein, wird aber in der Wirklichkeit von immer neuen regulatorischen Initiativen überholt.
Das gleiche gilt für die Idee der Proportionalität der Aufsicht nach Größe der Institute bzw. nach Risikogehalt des Geschäftsmodells. Auch dieser Ansatz scheint grundsätzlich mehrheitsfähig zu sein, allein die Ergebnisse stehen noch aus.
Dass Banken nicht noch einmal zu Lasten der Steuerzahler gerettet werden sollen, ist nachvollziehbar und richtig. Die Anforderungen an Eigenkapital und Liquidität wurden und werden daher kontinuierlich erhöht.
Hat übrigens jemand im Zusammenhang mit dem Ankaufsprogramm von Corporate Bonds die Frage gestellt, welche SREP-Quote die EZB aufweisen sollte? Denn ich gehe davon aus, dass die Aussage, Banken nicht noch einmal zu Lasten der Steuerzahler zu retten, auch für die Bank der Banken gilt.
Die höheren Eigenkapitalvorschriften und die Vorhaltung von Liquidität gehen zu Lasten der Rentabilität von Banken. Dies mag der Preis für mehr Sicherheit im Bankensektor sein. Dass Anleger nicht bereit sind, diesen Preis zu bezahlen, darf aber nicht überraschen. Als hochregulierte Branche hat die Kreditwirtschaft im Wettbewerb um Eigenkapital klare Nachteile. Die Bewertung der Bankaktien sagt dazu alles.
Beim dritten Thema, das starken Einfluss auf unsere Branche haben wird, haben wir uns an das Adjektiv „disruptiv“ schon gewöhnt. Wenn wir von Digitalisierung sprechen, dann geht es nicht ohne den Ausdruck „disruptiv“. Es gehört zum Allgemeingut, dass Digitalisierung das Bankgeschäft nachhaltig verändern wird.
Leider gehört das „Wie“ noch nicht zum Allgemeingut. So wird sich die Branche über den Ansatz „trial and error“ dem Thema nähern müssen.
Wenn ich einen Ausblick auf unsere Branche wagen soll und dabei einen Zeitraum von fünf Jahren unterstelle, dann zeichnen sich aus meiner Sicht folgende Entwicklungen ab:
1. Die Eigenkapitalrenditen werden sich rückläufig entwickeln. Ein Korridor von 6,5% bis 8% ist ein realistisches Anspruchsniveau. Ich finde es sogar ambitioniert. Und, meine Damen und Herren, wir brauchen auch keinen Druck vom Kapitalmarkt. Meine Vorstandskollegen und ich verfügen über ausreichend Eigenmotivation, dieses Ziel erreichen zu wollen.
2. Unsere Branche wird in diesem Umfeld Schwierigkeiten haben, neues Eigenkapital am Markt einzusammeln.
3. Angesichts höherer Kapitalanforderungen und des begrenzten Zugangs zu neuem Eigenkapital sind die Wachstumschancen der Kreditwirtschaft in den nächsten Jahren beschränkt.
4. Die Bankstrukturkosten nehmen aufgrund der Regulatorik deutlich zu.
5. Proportionalität der Aufsicht bleibt Wunschdenken der kleineren Institute.
6. Die Branche befindet sich insgesamt in einer Phase der Konsolidierung.
7. Die Geschäftsmodelle werden auf den Prüfstand gestellt.
8. Die Digitalisierung kann zu disruptiven Veränderungen in den
Geschäftsmodellen führen. Aufgrund des „trial and error“-Ansatzes wird die
Digitalisierung in den kommenden Jahren eher Kosten- als Ertragstreiber
sein.
Dies ist, meine Damen und Herren, die neue Realität des Bankgeschäfts. Ich glaube, wir alle haben eine relativ klare Vorstellung, was uns erwarten wird. Es werden keine angenehmen Zeiten sein.
Selbstmord aus Angst vor dem Tod ist definitiv die falsche Strategie. Mehr Selbstbewusstsein ist gefragt. Unsere Branche wird im Interesse einer erfolgreichen Volkswirtschaft dringend gebraucht. Wer sonst will nachhaltig unsere Kernfunktionen übernehmen?
Natürlich stehen wir vor einem enormen Anpassungsdruck. Die gründlichste Diagnose macht aber nur mit einer konsequenten Therapie Sinn.
Wie stellt sich die Helaba auf die neue Realität des Bankgeschäfts ein? Zunächst darf ich feststellen, dass wir von einer guten Ausgangsposition starten. Wir verfügen über ein stabiles Geschäftsmodell, eine komfortable Eigenkapitalausstattung sowie ein gutes Rating. Dies ist aber kein Grund, sich zurückzulehnen.
Welche Maßnahmen wollen wir auf den Weg bringen, um die Zukunftsfähigkeit der
Helaba zu stärken?
Ich hatte bereits im Frühjahr angekündigt, dass wir unser Geschäftsmodell schärfen wollen. Anfang dieses Monats haben wir mitgeteilt, uns von unserer Beteiligung an der HANNOVER LEASING trennen wollen. Dies ist ein erster Schritt zur Schärfung unseres Geschäftsmodells, weitere werden folgen.
Ich bin sicher, dass wir Ihnen anlässlich unserer Pressekonferenz im Frühjahr hierüber berichten können. Wir wollen die Zusammenarbeit mit den Sparkassen weiter ausbauen. Die Helaba übt die Verbundbankfunktion für rd. 160 Sparkassen in Deutschland aus. Die
Sparkassen stehen ebenso wie wir vor großen Herausforderungen und Anpassungsdruck. Wir sind überzeugt, es ergeben sich viele Ansätze für eine Intensivierung der Kooperation, die für beide Seiten von Nutzen ist.
In diesem Zusammenhang gilt unser besonderer Focus dem Markt NRW. Daher hat unser Kollege Dr. Norbert Schraad seit einigen Wochen einen zweiten Schreibtisch in unserer Niederlassung in Düsseldorf, um von dort aus das Firmenkundengeschäft in NRW auszubauen. Das gleiche gilt für das Geschäft mit den Kommunen und kommunalnahen
Unternehmen.
Ferner stärken wir sehr selektiv unsere Präsenz an den Auslandsmärkten. Vor wenigen Tagen haben wir unsere Repräsentanz in Stockholm eröffnet. Wir waren schon bisher im Immobilienkreditgeschäft sowie im Geschäft mit Unternehmenskunden in Skandinavien aktiv. Wir halten den Markt für sehr attraktiv und wachstumsstark und haben diese Einschätzung mit unserer Repräsentanz in Stockholm auch physisch unterlegt.
Meine Damen und Herren, meine Vorstandskollegen und ich lesen auch Zeitung
und nehmen somit auch Vorschläge zur Bündelung der Kräfte im Landesbankensektor zur Kenntnis. Sie kennen meine Standardantwort auf derartige Überlegungen, und sie lautet: Dies ist eine Angelegenheit der Träger. Und auch die lockere und ungezwungene Atmosphäre dieses Abends wird mich nicht zu abweichenden Äußerungen verleiten. Dies gilt übrigens auch für die weiteren Gespräche des Abends.
Meine Kollegen und ich werden (ab Montag) all unsere Kraft darauf verwenden,
das bewährte Geschäftsmodell der Helaba weiterzuentwickeln, damit wir auch in
der Zukunft erfolgreich sein werden.
Helaba-Pressesprecher Wolfgang Kuß geht in die Verlängerung
Nun noch ein Hinweis in eigener Sache. Unser langjähriger Pressesprecher und Ihr vertrauter Ansprechpartner Wolfgang Kuß ist vor wenigen Wochen 65 Jahre geworden. Ursprünglich wollten wir Herrn Kuß heute Abend in den wohlverdienten Ruhestand verabschieden. Ich bin sehr froh, dass ich Herrn Kuß überzeugen konnte, noch ein halbes Jahr (bei uns) zu verlängern. Herr Kuß, besten Dank für Ihre Loyalität und Ihre Bereitschaft, uns auch in den kommenden Monaten zu unterstützen.

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