Frankfurt/Main (30.9.16) – Gestern die Ankündigung, in den nächsten Jahren rund 9.600 Stellen zu streichen, heute die Ankündigung,  mit der Strategie „Commerzbank 4.0“ die angeschlagene Großbank neu auszurichten. Wie das gehen soll, beschreibt die Bank in ihrer am Vormittag verbreiteten Pressemitteilung so: Die Commerzbank wird bis Ende 2020 ihre Profitabilität nachhaltig erhöhen. Im Rahmen der Strategie „Commerzbank 4.0“ wird sie sich konsequent auf ihre Kerngeschäfte konzentrieren, 80 % ihrer relevanten Prozesse digitalisieren und dadurch signifikante Effizienzgewinne realisieren. Ihr Geschäft fokussiert sie in den zwei Kundensegmenten „Privat- und Unternehmerkunden“ sowie „Firmenkunden“. Die Segmente Mittelstandsbank und Corporates & Markets werden gebündelt und das Handelsgeschäft im Investmentbanking reduziert. Durch die Verkleinerung des Handelsgeschäfts werden Ergebnisvolatilität und Risiken aus regulatorischen Änderungen verringert sowie Kapital freigesetzt und in das Kerngeschäft mit Kunden investiert.

Die Netto-Eigenkapitalrendite (RoTE) der Commerzbank soll Ende 2020 über 6 % liegen. Dieses Ziel spiegelt die Erwartung eines weiter herausfordernden Zinsumfelds wider. Bei einer Normalisierung ist eine Netto-Eigenkapitalrendite über 8 % erreichbar. Insgesamt erwartet die Commerzbank für das Jahr 2020 Erträge von 9,8 bis 10,3 Milliarden Euro. Durch eine auf 6,5 Milliarden Euro reduzierte Kostenbasis wird die Aufwandsquote unter 66 % sinken. Sollte sich das Zinsumfeld normalisieren, können die Erträge auf über 11 Milliarden Euro steigen und die Aufwandsquote auf rund 60 % sinken.

 

Die Common-Equity-Tier-1-Quote (CET 1) nach voller Anwendung von Basel 3 wird im aktuell absehbaren regulatorischen Umfeld fortlaufend bei rund 12 % erwartet und 2018 über 12 % liegen. Für das Jahr 2020 erwartet die Bank eine Quote von über 13 %.

 

Zur Finanzierung der Restrukturierungskosten von rund 1,1 Milliarden Euro wird die Commerzbank vorerst keine weiteren Dividendenzahlungen vornehmen und ihre Ergebnisse in die Gewinnrücklage einstellen.

 

Die Fokussierung auf das Kerngeschäft und die damit einhergehende Aufgabe einzelner Geschäftsaktivitäten sowie die Digitalisierung und Automatisierung von Arbeitsabläufen werden zu einem Stellenabbau in Höhe von rund 9.600 Vollzeitkräften führen. Die Bank wird zeitnah die vorbereitenden Gespräche mit den entsprechenden Arbeitnehmergremien aufnehmen. Gleichzeitig werden rund 2.300 neue Stellen in Wachstumsfeldern entstehen. Damit beläuft sich der Nettostellenabbau auf rund 7.300 Vollzeitkräfte.

 

„Der Stellenabbau ist ein tiefer Einschnitt und ein schmerzhafter Prozess für die Bank und jeden Betroffenen. Er ist aber notwendig, um die Bank zukunftsfähig zu machen. Die Commerzbank ist zwar stabil, sie ist aber nicht profitabel genug“, sagt Martin Zielke, Vorsitzender des Vorstands der Commerzbank. „In den vergangenen Jahren haben wir viel erreicht: Wir haben die Qualität unserer Bilanz verbessert, Risiken abgebaut und unsere Kapitalbasis deutlich gestärkt. Die anhaltend schwierigen Rahmenbedingungen verlangen nun ein mutiges Umdenken und eine echte Transformation der Bank. Wir konzentrieren uns dafür ausschließlich auf unsere Stärken, automatisieren unsere Prozesse und legen so die Grundlage für profitables Wachstum bei geringeren Kosten. Die neue Commerzbank 4.0 ist fokussiert, digital und effizient.“

 

Konzentration auf Stärken

 

Mit den zwei Segmenten „Privat- und Unternehmerkunden“ sowie „Firmenkunden“ konzentriert sich die Commerzbank künftig noch stärker auf ihr Kerngeschäft. „Wir fokussieren uns auf die Bereiche, in denen wir unseren Kunden einen besonderen Mehrwehrt liefern und uns so vom Wettbewerb abheben. Und wir trennen uns konsequent von Geschäftsfeldern, in denen wir für uns keine Zukunft sehen“, sagt Martin Zielke. Das betrifft vor allem das Investmentbanking. Dessen Handelsaktivitäten werden vereinfacht und auf die Bedürfnisse der Kernkunden der Bank ausgerichtet. Das bisherige Segment Corporates & Markets wird in das Firmenkunden-Segment integriert. Für Firmenkunden wichtige Dienstleistungen wie das Begleiten von Emissionen und Absicherungsgeschäfte bleiben dabei weiter Kernbestandteil des Commerzbank-Leistungsportfolios. Das technologieintensive, auf Market-Making und auf die Herstellung von Anlageprodukten ausgerichtete strukturierte Aktiengeschäft in Equity Markets & Commodities (EMC) wird ausgegliedert. Das exotische Derivategeschäft im Zinshandel wird eingestellt, während der Anleihehandel in Fixed Income & Currencies (FIC) reduziert wird. Die Kapitalentlastung durch diesen Rückzug soll in das Segment „Privat-und Unternehmerkunden“ reinvestiert werden. Bis 2020 will die Bank durch Fokussierung, Abschaffung von Redundanzen, Vereinfachung von Infrastruktur sowie durch Digitalisierung Kosteneinsparungen von 1,1 Milliarden Euro erreichen.

 

Privat- und Unternehmerkunden: starke Position weiter ausbauen

 

Das neue Segment Privat- und Unternehmerkunden umfasst die Privat- und Unternehmerkunden der Commerzbank sowie die Töchter Comdirect, Commerz-Real und M-Bank. In der Kundengruppe Unternehmerkunden werden die Geschäftskunden und kleineren Mittelstandskunden zusammengeführt.

 

In Privat- und Unternehmerkunden will die Bank bis 2020 im deutschen Markt netto zwei Millionen Neukunden gewinnen. Insbesondere der weitere Ausbau der digitalen Multikanalbank und innovative Produkte wie eine neue digitale Ratenkreditplattform und ein digitales Asset Management inklusive Robo-Advising sollen das Wachstum vorantreiben. Zudem setzt die Commerzbank weiterhin auf ein dichtes Filialnetz. Neben den großen Flagship-Filialen in den Ballungszentren wird die Commerzbank mit den kleinen und modernen „City-Filialen“ einen neuen Filialtyp einführen.

 

„Wir wachsen im Privatkundengeschäft seit Jahren nachhaltig und profitabel in einem stagnierenden Markt. Diese Erfolgsgeschichte werden wir fortschreiben und auf Unternehmerkunden übertragen“, sagt Zielke. Durch die gute regionale Erreichbarkeit, passgenaue Produktportfolios, digitale Lösungen und die Möglichkeit, private und geschäftliche Angebote aus einer Hand anzubieten, plant die Bank ihren Marktanteil bei Unternehmerkunden über die nächsten vier Jahre deutlich auf 8 % zu steigern. Im neuen Segment Privat- und Unternehmerkunden wird über diese Maßnahmen ein Ertragswachstum von mindestens 1,1 Milliarden Euro bis Ende 2020 angestrebt.

 

Firmenkunden: aus führender Position national und international wachsen

 

Im Firmenkundengeschäft will die Bank ihre führende Position in der Handelsfinanzierung weiter ausbauen. Dabei setzt sie auf fokussiertes Wachstum in den wichtigsten Handelskorridoren für deutsche und europäische Firmenkunden. Aufgrund ihrer tiefen Durchdringung der deutschen Schlüsselindustrien Automobil und Transport, Chemie und Pharma, Maschinenbau, Energie und Infrastruktur sowie Verbrauchsgüter und Handel verfügt die Commerzbank über eine umfassende Sektorkompetenz, die sie vom Wettbewerb abhebt. Diese wird sie künftig verstärkt auch ihren internationalen Kunden in Europa zur Verfügung stellen. Auch beim Mittelstand mit einem Umsatz zwischen 15 und 50 Millionen Euro möchte die Commerzbank ihre Marktposition durch internationale Kompetenz und Digitalisierung weiter ausbauen. Dafür wird sie ihr Leistungsangebot weiterentwickeln und neue digitale Produkte und Dienstleistungen einführen.

 

Die Zusammenarbeit zwischen Kundenbetreuern und Produktexperten soll durch die Bündelung von Mittelstandsbank und Corporates & Markets nochmal verstärkt werden. „Im Segment Firmenkunden bauen wir auf die Stärken der Mittelstandsbank auf und integrieren die für Kunden relevanten Produkte und Dienstleistungen aus dem Kapitalmarktgeschäft“, so Zielke. Im neuen Segment wird mit diesen Maßnahmen ein Ertragswachstum von über 300 Millionen Euro bis Ende 2020 angestrebt.

 

Entwicklung zum digitalen Technologieunternehmen

 

In den nächsten vier Jahren will sich die Commerzbank zu einem digitalen Technologieunternehmen entwickeln. Ohne ihren Gesamtinvestitionsaufwand zu erhöhen, investiert die Bank durch die Reallokation vorhandener Mittel rund 700 Millionen Euro pro Jahr in die Digitalisierung und in ihre IT. Auf einem „Digital Campus“ sollen künftig agile Projektteams Digitalisierungsprojekte vorantreiben und Prozesse automatisieren und optimieren. Bis zum Jahr 2020 werden 80 % der relevanten Geschäftsprozesse digitalisiert. Die Bank erwartet dadurch signifikante Kostensenkungen und Effizienzen.

 

Als ersten Meilenstein wird die Commerzbank im Oktober 2016 die einheitliche, digitale Vertriebsoberfläche „One“ einführen. Dadurch können Vertrieb und Kunde jederzeit auf derselben Plattform Informationen einsehen und Vorgänge bearbeiten. Zudem wird die Bank eine flexible Smart-Data-Architektur zur gezielten Kundenansprache einsetzen. In der zweiten Hälfte des Jahres 2017 soll dann ein einheitliches, cloudbasiertes Customer-Relationship-Management-System für Privat-, Unternehmer- und Firmenkunden eingeführt werden.

 

Ausblick

 

Aufgrund der Reduzierung von Handelsaktivitäten wird die Commerzbank im dritten Quartal 2016 Goodwill und immaterielle Vermögensgegenstände in Höhe von rund 700 Millionen Euro abschreiben. Somit wird das Konzernergebnis im dritten Quartal negativ sein. Die Abschreibungen haben keinen Einfluss auf die harte Kernkapitalquote (CET 1). Im Operativen Ergebnis rechnet die Commerzbank mit Erträgen in etwa auf dem Niveau des zweiten Quartals. Die Risikovorsorge wird aufgrund der nachhaltig schwachen Schiffsmärkte deutlich über dem Niveau der ersten beiden Quartale liegen. Für das Gesamtjahr 2016 erwartet die Commerzbank trotz der Abschreibungen auf Goodwill ein leicht positives Konzernergebnis.

 

Die CET-1-Quote nach voller Anwendung von Basel 3 wird gegenüber dem Vorquartal im dritten Quartal 2016 ansteigen. Zum Jahresende rechnet die Bank mit einer harten Eigenkapitalquote von nahezu 12 %, sofern keine wesentlichen Marktverwerfungen eintreten.

 

„Der effiziente Einsatz unseres Kapitals hat für uns höchste Priorität. Unsere Kapitalquote wird komfortabel über den absehbaren regulatorischen Anforderungen bleiben“, sagt Stephan Engels, Finanzvorstand der Commerzbank. „Die Umsetzung der Strategie finanzieren wir über den gezielten Einsatz unserer Ressourcen sowie durch das Einbehalten von Gewinnen. Daher verzichten wir auch auf eine Dividendenausschüttung. Zudem haben wir den notwendigen Spielraum beim Management unserer risikogewichteten Aktiva.“

Änderung im Vorstand der Commerzbank AG

Der Aufsichtsrat der Commerzbank hat heute mit Bedauern dem Wunsch von Markus Beumer entsprochen, ihn von seinem bis 31. Dezember 2020 laufenden Vertrag als Vorstand für das Segment Mittelstandsbank mit Wirkung zum 31. Oktober 2016 zu entbinden.

 

„Markus Beumer hat in den vergangenen neun Jahren als Vorstand maßgeblich daran mitgearbeitet, das Profil der Commerzbank als führende Firmenkundenbank in Deutschland und Europa weiter zu schärfen. Ich danke ihm im Namen des gesamten Aufsichtsrats für sein hohes Engagement und seine erfolgreiche Arbeit und wünsche ihm weiterhin alles Gute und viel Erfolg“, sagte Klaus-Peter Müller, Aufsichtsratsvorsitzender der Commerzbank.

 

Martin Zielke, Vorstandsvorsitzender der Commerzbank: „Markus Beumer hat die führende Position der Commerzbank als Partner des Mittelstands engagiert in einem zunehmenden Wettbewerb verteidigt und mit neuen Ideen vorangetrieben. Davon zeugt nicht zuletzt unser Erfolg in der Außenhandelsfinanzierung, wo wir mit einem Marktanteil von mehr als 30 Prozent an der Finanzierung des deutschen Exports die Nummer eins in Deutschland sind. Ich danke ihm für die gute und enge Zusammenarbeit und wünsche ihm das Beste für die Zukunft.“

 

Markus Beumer, Vorstand für das Segment Mittelstandsbank, sagte: „Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen. Aber nach elf Jahren im Firmenkundengeschäft der Commerzbank möchte ich mich in meinem Berufsleben noch einmal einer neuen Aufgabe widmen. Der gerade beschlossene, notwendige Umbau der Firmenkundensparte wird Jahre dauern und erfordert Kontinuität. Deshalb war für mich klar, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, etwas Neues zu beginnen. Ich wünsche meinen Vorstandskollegen und der ganzen Commerzbank-Mannschaft für die Zukunft alles Gute.“

 

Markus Beumer, 52, gehört seit 1. Januar 2008 dem Vorstand der Commerzbank an. Davor leitete er das Firmenkundengeschäft der Gebietsfiliale Frankfurt und ab 2006 das konzernweite Corporate Banking. Er begann seine Karriere 1991 mit einer Trainee-Ausbildung bei der Deutschen Bank in Essen.

 

Die Leitung der Firmenkundensparte übernimmt Michael Reuther.

 

Lebenslauf Markus Beumer:

https://www.commerzbank.de/media/de/konzern_1/konzerninfo/vorstand/cv_1/beumer_cv.pdf