GAM: China-Risiko –  Erhöhte Unsicherheit bietet auch Chancen –

Anleger könnten von erhöhter Unsicherheit profitieren

 

London (15.12.16) – Die chinesische Regierung will mit strengen Kapitalkontrollen den Verfall der Währung aufhalten. Die Maßnahmen sehen unter anderem auch Beschränkungen bei Fusionen und Übernahmen im Ausland sowie Obergrenzen für internationale Renminbi-Zahlungen und Goldimporte vor. Die Gefahr drohender Übernahmen von deutschen und anderen westlichen Unternehmen durch chinesische Investoren, die der deutsche Wirtschaftsminister und Vizekanzler Sigmar Gabriel zuletzt häufig betonte, dürfte dadurch vorerst sinken. Roberto Bottoli, Manager der Merger Arbitrage Strategie von GAM, analysiert die möglichen Auswirkungen der angekündigten Maßnahmen Chinas.

 

Das Volumen und die Zahl der Übernahmen durch chinesische Unternehmen in den USA, der Europäischen Union und Japan haben sich in den letzten Jahren signifikant erhöht. In den ersten drei Quartalen des laufenden Jahres tätigten chinesische Käufer in den Vereinigten Staaten, Westeuropa und asiatischen Industrieländern Unternehmenskäufe im Gesamtwert von 208 Milliarden US-Dollar – und überschreitet damit das Gesamt-Volumen des Jahres 2015 (97 Milliarden US-Dollar) um mehr als das Doppelte und des Jahres 2014 (44 Milliarden US-Dollar) um mehr als das Vierfache. „Die treibende Kraft hinter diesem Trend ist, dass China dringend Know-how erwerben muss, um die Lücke zu den fortgeschritteneren Ländern zu schließen“, erläutert Robert Bottoli. „Der Kapitalabfluss aus China hat jedoch einen starken Abwärtsdruck auf den Renminbi ausgeübt. Diesen wollen die chinesischen Behörden nun unbedingt umkehren.“

 

China ist auf ausländisches Know-How angewiesen

Allerdings ist noch unklar, wie streng die neuen Regelungen in der Realität umgesetzt werden. Im Wesentlichen soll verhindert werden, dass chinesische Unternehmen Landeswährung ins Ausland bringen. Bottoli sieht jedoch keinen Grund zur Panik: „Übernahmen ausländischer Unternehmen werden wahrscheinlich stärker dahingehend geprüft, ob sie Chinas strategischen Interessen dienlich sind“, so der Experte. „Um die Produktivität zu verbessern, braucht China unbedingt Zugang zu Prozessen und Technologien, deren interne Entwicklung zu viel Zeit verschlingen würde. Damit bleibt dem Land kaum eine andere Wahl, als diese Fähigkeiten im Ausland einzukaufen.“ Transaktionen mit einem Volumen von über zehn Milliarden US-Dollar dürften besonders sorgfältig auf ihren strategischen Wert überprüft, solche im Wert von unter einer Milliarde US-Dollar würden voraussichtlich weniger genau unter die Lupe genommen. Auch der Verschuldungsgrad des jeweiligen Unternehmens wird künftig eine Rolle für eine Übernahme spielen – da China versucht, die eigene Verschuldung einzudämmen.

 

Anlass zur Sorge würde es hingegen geben, wenn künftig Transaktionen blockiert würden, die zum jetzigen Zeitpunkt bereits im Gange sind. Bottoli zufolge ist es jedoch unwahrscheinlich, dass China Transaktionen von strategischer Bedeutung, die bislang gefördert wurden, nun plötzlich verhindern würde. „Dass das staatliche chinesische Devisenamt Tianjin Tianhai Investment Anfang Dezember die Übernahme des US-amerikanischen IT-Großhändler Ingram Micro über 5,8 Milliarden US-Dollar genehmigt hat, ist definitiv ein positives Signal“, sagt der Experte.

 

Protektionismus könnte grenzüberschreitende Transaktionen ausbremsen

„Angesichts zunehmender protektionistischer Tendenzen, insbesondere in Deutschland, Großbritannien und den USA, werden die westlichen Regierungen die Maßnahmen sicherlich begrüßen“, so Bottoli. In Großbritannien drängt Premierministerin Theresa May auf eine kritischere Überprüfung ausländischer Investitionen. Der Kauf der schweizerischen Syngenta durch ChemChina, die größte chinesische Übernahme eines ausländischen Unternehmens, verzögert sich aufgrund einer eingehenden Untersuchung durch die EU-Wettbewerbsbehörde. Im letzten Jahr wurde eine Reihe von Übernahmevorhaben, bei denen chinesische Investoren für amerikanische Unternehmen Gebote abgegeben haben, gestoppt, weil das US-amerikanischen Komitee zur Kontrolle von Auslandsinvestitionen (CFIUS) Einwände erhoben hatte.

 

Die deutsche Regierung zog im letzten Monat ihre Zustimmung zur Übernahme des Halbleiterausrüsters Aixtron durch eine Gruppe chinesischer Investoren zurück. Wenige Tage nach dieser beispiellosen Entscheidung warf Gabriel China „Foulspiel“ vor. Außerdem würden Investitionen europäischer Unternehmen in China behindert. US-Präsident Obama blockierte am 2. Dezember den Verkauf des US-Geschäfts von Aixtron und folgte damit einer Empfehlung des CFIUS, sodass der Deal beinahe platzte.

 

„Die protektionistische Haltung des designierten US-Präsidenten Donald Trump könnte sich auf grenzüberschreitende Transaktionen negativ auswirken, insbesondere wenn ein chinesischer Käufer es auf ein US-Unternehmen abgesehen hat“, führt Bottoli fort. Einfluss könnte dies auch auf den Prüfungsprozess von Behörden wie dem Komitee zur Kontrolle von Auslandsinvestitionen haben. Schließlich entscheide dieses Gremium nicht nur über Übernahmen und Fusionen, bei denen ein beteiligtes Unternehmen seinen Hauptsitz in den USA habe, sondern auch wenn lediglich Teile des Gesamt-Geschäfts in den USA liegen –wie bei der geplanten Übernahme von Aixtron. Das gelte besonders für nicht-amerikanische multinationale Unternehmen.

 

Chance im Risiko

„Die erhöhte Unsicherheit rund um chinesische Auslandsgeschäfte treibt schon jetzt die M&A-Arbitrage-Spreads in die Höhe, also die Differenz zwischen dem Marktwert der Aktien eines Zielunternehmens und dem Angebotspreis. Das bedeutet, dass sie für einen Anleger, der die involvierten Risiken richtig einschätzt, umso lohnender sein können“, erklärt Bottoli. Das derzeitige politische Kräftemessen zwischen China und anderen Ländern bei grenzüberschreitenden Fusionen und Übernahmen dürfte laut dem Experten beigelegt werden, da beide Seiten über genügend Möglichkeiten verfügen, Druck aufeinander auszuüben.

 

Eine Beilegung ist in beiderseitigem Interesse: Denn China kommt langfristig nicht ohne Marktdiversifizierung aus, benötigt Know-how in wertschöpfenden Sektoren und chinesische Unternehmen möchten Umsätze in harten Währungen erzielen. Westliche Unternehmen hingegen benötigen aufgrund des geringen Wachstums in ihren Heimatmärkten Zugang zum chinesischen Markt. „Diese strategischen Faktoren dürften dazu führen, dass ein für beide Seiten zufriedenstellender Kompromiss gefunden wird. Das könnte geraume Zeit dauern und wird auch nicht reibungslos ablaufen, doch das suboptimale Wachstum dürfte beide Seiten zu weiteren Verhandlungen bewegen, falls nicht bald eine Lösung gefunden wird“, schließt Bottoli.