Die Deutsche Bundesbank feiert Anfang August d. J. ihr 60-jähriges Jubiläum! Das Motto: Seit 1957 sorgt die Notenbank für stabiles Geld in Deutschland und Europa.

www.geldanlagen-nachrichten.de liefert in den kommenden Monaten eine ausgedehnte Serie zum Thema deutsches Geld und Geldpolitik von der Nachkriegszeit über die Währungsreform mit der Einführung der D-Mark 1948 bis zum Euro von Heute.

 

Von Christoph Wehnelt

Nr. 2

Die Wacht am Main – Ausscheren aus dem

internationalen Geleitzug der Inflation

 

Moderne Wirtschaften brauchen hoch entwickelte Geldsysteme. Im internationalen Verkehr können Währungen allerdings Probleme verursachen, weil sie entweder schlecht gemanaget sind oder schlicht als Machtinstrumente eingesetzt werden. Noch schlimmer, wenn beides zusammentrift und die Spekulation sich oben drauf setzt.  Die Währungskämpfe zwischen Dollar und D-Mark waren immer schon ein ausgemachtes „Schurkenstück“.  Als Otmar Emminger, der damalige „Außenminister“ der Deutschen Bundesbank, dem Geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds, Per Jacobsson, in Washington persönlich die Nachricht über die D-Mark-Aufwertung um fünf Prozent von 4,20 auf 4,00 D-Mark gegenüber dem Dollar überbrachte, ging dieser in seinem Amtszimmer mit hoch erhobenen Fäusten auf Emminger zu und wetterte: „Was haben Sie getan, Sie Schurke?“ (Emminger: D-Mark, Dollar, Währungskrisen  S. 126)

 

Die schurkischen Deutschen hatten Anfang März 1961 die erste D-Mark-Aufwertung im IWF-System durchgesetzt. Es sollten noch diverse Aktionen dieser Art folgen bis 1973 die D-Mark die Dollar-Fesseln abwerfen konnte. Seitdem sind die Währungskrisen zwar nicht weniger geworden, aber die Bundesbank hatte mehr Bewegungsfreiheit. Das „Schurkenstück“ der Abschaffung des Bretton Woods System hatte schon mit der ersten eigenmächtigen Aufwertung begonnen und kam ab 1971 so richtig in Gang.

 

Auf dem Weg der D-Mark vom Besatzungskind zum Weltstar brachte die Wahingtoner Wechselkursneuordnung vom Dezember 1971 nur eine kurze Atempause. Zwar hatte der wegen der Watergate-Schurkerei schon angeschlagene Präsident Richard Nixon diese Neuordnung als das bedeutendste Währungsabkommen der Weltgeschichte nach dem 2. Weltkrieg bezeichnet. Mit dieser Einschätzung lag er aber falsch. Das internationale Währungssystem à la Bretton Woods hielt nicht mehr lange. Anfang März 1973 war es soweit. Zitat Emminger: „Da zogen wir die Notbremse. Das war die Totenglocke für das Paritäten-System von Bretton Woods.“ (ebenda S. 240)

 

Im Zusammenhang mit einer gravierenden Pfund-Sterling-Krise 1972 war schon Minister Karl Schiller ins Aus gestolpert. Es folgte eine Lira-Krise, die dem Schweizer Franken Schwierigkeiten bereitete und erhebliche Dollar-Franken-Spekulationen auslöste. Die Schweizerische Nationalbank handelte pragmatisch, hat den Ankauf von Grundstücken, Wertpapieren etc. verboten undschloss ihre Devisen-Schalter. Somit brandeten die Dollar-Milliarden  allein bei der Deutschen Bundesbank an. Am 2. März 1973 stellte sie die Dollar-Ankäufe zu festen Paritäten ein – wie sie das IWF fast 30 Jahre vorgeschrieben hatte. Über 20 Milliarden Dollar waren in den vergangenen Monaten in das deutsche Bankensystem geschwmmt worden. Am 1. März mussten noch über zwei Milliarden Dollar zum Kurs von 2,8350 D-Mark aufgenommen werden. Dann aber war Schluss damit. Erst am 19. März wurden die Devisenschaflter in Deutschland wieder geöffnet mit einer kleinen Überraschung: Der Dollar notierte nur einen Pfennig niedriger als drei Wochen zuvor.

 

Aber die D-Mark war befreit vom Moloch aus Washington. Der Dollar sollte in der Folgezeit noch Kurse von 3.47 D-Mark sehen oder auch 1,35 DM, je nach politischer Lage sowie Zins- und Inflationstrends. Das spektakulärste Ergebnis der neuen Stabilitätspolitik  unter außenwirtschaftlicher Abschirmung ab 1973 war, dass sich die Bundesrepublik sichtbar von der um sich greifenden internationalen Teuerung lösen konnte, nachdem sie bis Anfang 1973 vom weltweiten Inflationstrend unerbittlich mitgezogen worden war. Die D-Mark wurde zur stabilsten Währung der Welt. Diese Kärrnerarbeiten zur Bereinigung der Dollarabhängigkeit hatten als Bundesbankpräsidenten Karl Blessing (1958 – 1969) und Karl Klasen (1970 – 1977) zu leisten. Klasen hatte zwischendurch auch mal eine kleinbürgerliche Seite.

 

 

Bleibet im Lande und sparet Devisen

 

Offizielle in der Deutschen Bundesbank können sich über die Äußerungen von Ex-Bundesbankpräsident und Kanzler-Intimus, Karl Klasen, nur wundern. „Wahrscheinlich wollte er nur breite Bevölkerungskreise auf das Währungsproblem aufmerksam machen“, heißt es beschwichtigend. Auf die Frage der Bild-Zeitung: „Wir geben in diesem Jahr für den Urlaub und für Waren im Ausland fast 30 Milliarden Mark mehr aus, als wir einnehmen – geht das noch lange gut?“, hatte Klasen gesagt: „Auf Dauer bestimmt nicht.“ Daraufhin empfahl der Ex-Präsident den Bundesbürgern einen „Deutschland-Urlaub und Ölsparen.“ Beides sollte dazu dienen, die deutsche Devisenkasse zu schonen.

 

„Jeder, der in Deutschland seinen Urlaub verbringt, sollte die Hotelrechnung von der Steuer absetzen können“, regte Werner Wiederhold, Direktor der Dresdner Bank, beim Hessischen Bankenverband an. Er traf damit zwar nicht die Stimmung der Banker, doch schnitt er ein wichtiges Thema an. Verbands-Vorstandskollege, Klaus Subjetzki (BHF-Bank) fragte: „Wie können wir aber auf das Urlaubsverhalten der Deutschen einwirken?“ In Bremen stellte Bundesbankpräsident, Karl Otto Pöhl, fest: „Die Ausgaben der Touristen sind die Einnahmen unserer Kunden.“ Bundesbankvizepräsident, Helmut Schlesinger, hält nichts von dirigistischen Maßnahmen in der Außenwirtschaft weder beim Tourismus noch anderswo. Er hat andere Ideen.

 

Ihm kommt es auch nicht auf eine Exportoffensive der deutschen Industrie an. Im jüngsten Monatsbericht der Bundesbank schreibt er: Nachdem jedoch inzwischen in der Leistungsbilanz eine beträchtliche strukturelle Lücke entstanden ist, bedeutet der starke Importsog bei ausländischen Fertigwaren, dass eine Besserung der außenwirtschaftlichen Lage nur zu erreichen sein wird, wenn die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft durch weitere Bemühungen um mehr Preisstabilität und durch eine maßvolle Lohnpolitik wieder gestärkt wird, und zwar nicht nur auf den Exportmärkten, sondern ebenso im Hinblick auf die Konkurrenz mit Auslandswaren am Inlandsmarkt. Schlesinger: „Unsere Leistungsbilanzprobleme rühren nicht nur vom Öl her.“ Der Bundesbankvize hält der deutschen Industrie vor, sich permanent Inlandsmarktanteile abknöpfen zu lassen. „Das gilt für Konsum- wie für Investitionsgüter.“ Schlesinger rechnet vor: In der Bekleidungsindustrie stiegen die Importquoten seit 1974 von 25 Prozent auf 37 Prozent, in der Elektroindustrie von 15 auf 20 Prozent, beim Maschinenbau von 17 auf 21,5 Prozent. Und für Urlaubsreisen geben heute die Deutschen 2,7 Prozent des Bruttosozialprodukts aus, gegenüber nur 1,9 Prozent 1974 und 1,5 Prozent 1970.

 

Die Bundesbank will damit aber nicht irgendwelche „buy German“-Appelle loswerden. Eher verlangt sie mehr Anstrengungen der deutschen Anbieter zum Wohle der D-Mark. In der deutschen Zentralbank hält man nicht mehr viel von globalen Überlegungen wie etwa dieser: Wenn es auf der einen Seite, bei den Öl exportierenden Staaten, Überschüsse von 120 Milliarden Dollar gibt, müssten an anderer Stelle Defizite in dieser Größenordnung auftreten. Moralisch sei es daher nur recht und billig, dass die reichen Staaten, an erster Stelle die Bundesrepublik, auch einen Großteil des Defizits trügen. „Moralisch mag es richtig sein,“ wendet ein Bundesbankdirektor ein, „aber wirtschaftlich nicht.“

 

Der für Währungsfragen zuständige Bundesbankdirektor, Leonhard Gleske, rechnet vor: „Wir haben in diesem Jahr ähnlich wie die Schweiz unser Leistungsbilanz-Defizit  aus den Währungsreserven bezahlt. Bis Juli schmolzen 17 Milliarden Mark ab, im August weitere drei Milliarden Mark.“ Wenn der Abbau der deutschen Reserven weiter so drastisch verläuft, kommt aber die D-Mark selbst in Gefahr. An der harten Währung lässt jedoch kein Bundesbanker gerne rütteln. „Was immer auch passieren mag, wenn wir 70 Milliarden Dollar als Reserven im Schaufenster haben, können wir alle Forderungen begleichen“, merkt Pöhl an. „Doch 70 Milliarden müssen im Schaufenster bleiben, damit nichts passiert.“ Denn die D-Mark ist eine Reservewährung und soll es auch bleiben. Aber die Deutschen beginnen darunter zu leiden.

 

Es ist noch gar nicht solange her, dass Emminger für die Bundesrepublik die Rolle des Schuttabladeplatzes der ungeliebten Dollars ablehnte. „Diese Rolle übernehmen wir nicht freiwillig“, hatte der Ex-Präsident noch in den späten Monaten des vergangenen Jahres mit kräftigen Worten untermauert. Jetzt allerdings sind die Vorzeichen anders.

 

Gleske hartnäckig:  „Weder in Bonn noch hier bei uns in Frankfurt denkt irgend jemand an eine Beschränkung des Reiseverkehrs.“ Es gibt auch keine Empfehlungen für einen Heimaturlaub. „Der Tourismus darf nicht isoliert gesehen werden.“ Wenn die Urlauber in Österreich, Jugoslawien, in Frankreich oder Spanien ihr Geld ließen, so Gleske, könnten diese Länder auch wieder Waren in der Bundesrepublik einkaufen. „Die höheren Energiepreise und die Teuerung in den Urlaubsländern bremsen die Reiselust der Deutschen ohnedies. Ein  Blick auf die Buchungen bei den Reisebüros bestätigt das.“  Die deutsche Leistungsbilanz hatte 1979 mit einem Defizit von neun Milliarden Mark abgeschlossen. „Auf der Basis der Entwicklung von Januar bis Mai 80“, meint Gleske, „rechnen wir mit einem Defizit von ungefähr 25 Milliarden Mark. Wir haben aber wieder Devisenzuflüsse. Die Kapitalströme drehen sich.“

 

„Nichts wird in den 80er Jahren so sein wie in den 70er … nichts“, orakelte zur Jahreswende Bundeskanzler Helmut Schmidt. Die Geldpolitiker in der Zentralbank bekommen es schon zu spüren. Das Blessing-Wort: „Notenbankpolitik ist in erster Linie eine Kunst und erst in zweiter Linie eine Wissenschaft“, behält für sie aktuelle Bedeutung. Es bedarf aller finanztechnischen und volkswirtschaftlichen Finessen, um das Defizit zu finanzieren und eine Trendumkehr in der Entwicklung der Leistungsbilanz herbeizuführen, ohne mit der harten Keule des Außenwirtschaftsgesetzes zu hantieren. Das heißt den Urlaubern Reisedevisen zuzuteilen und Importe zu beschränken. Das aber will von den Verantwortlichen niemand weder in Frankfurt noch in Bonn. Eine weitere Liberalisierung des Kapitalverkehrs soll es bringen.

 

So hat sich der Zentralbankrat neuerdings dafür ausgesprochen, die bestehenden Beschränkungen des Kapitalimports in die Bundesrepublik zu lockern. „Er stimmt insbesondere mit der Bundesregierung darin überein, dass die Laufzeitgrenzen für inländische festverzinsliche Wertpapiere, die ins Ausland verkauft werden, von vier auf zwei Jahre herabgesetzt werden“, heißt es in der Bundesbank-Erklärung. Die gleiche Frist von wenigstens zwei Jahren gilt zukünftig auch als Mindestlaufzeit für Schuldscheine, die Kreditinstitute ins Ausland verkaufen wollen sowie für neu zu begebende, ins Ausland abtretbare Schuldscheine öffentlicher Stellen. Die lange Zeit seitens der Bundesbank gehegte Abneigung gegen eine Verschuldung der öffentlichen Hände im Ausland passt nicht mehr in das aktuelle Bild. Eindringliche Appelle gehen jedoch von Frankfurt an die Schuldenmanager in Bonn, in angemessener diplomatischer und insbesondere professioneller Form im Ausland D-Mark-Kredite aufzunehmen. „Absolut unerwünscht ist die Verschuldung in Fremdwährungen. Dänische Verhältnisse dürfen bei uns nicht einreißen.“

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