Bargeld in der Volkswirtschaft: Nach dem Hund ist das Geld wahrscheinlich der
treueste Begleiter des Menschen in dessen Geschichte
Frankfurt/Main (29.1.17) – Die Abschaffung des Bargelds regt immer wieder kleinkarierte Politiker zu Diskussionen und „Otto Normalverbraucher“ zu waghalsigen Spekulationen an. Numismatiker sehen in der Entwicklung eher gewisse Chancen, wie der Wert ihrer Münz-und Geldscheinsammlung unversehens steigen könnte. – Da tut es gut, wenn ein veritabler Fachmann das Wort ergreift und Klarheit über die Geschichte des Bargelds schafft. Carl-Ludwig Thiele, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank gehört zu dieser Spezies. Beim Bargeldsymposium seines Hauses, das erstmals im Geldmuseum veranstaltet wurde, wurden ganz unterschiedliche Facetten dieses volkswirtschaftlich hoch bedeutenden Mediums aufgedeckt. Es ist zwar schon einige Zeit her, aber der Vortrag von Vorstand Thiele hat nichts an Aktualität verloren. Hier ganz wesentliche Auszüge daraus:
Nach dem zum Haushund domestizierten Wolf dürfte das Geld wahrscheinlich der treueste Begleiter des Menschen in dessen Geschichte sein. Natürlich geht es um die beiden Formen des Geldes: Banknoten und Münzen. Deren Entstehung und Entwicklung sind mittlerweile recht gut erforscht, wohingegen sich die Anfänge des Geldes im Dunkel der Geschichte verlieren.
In unserem Kulturkreis wird die Münze um die Mitte des siebten Jahrhunderts v. Chr. im östlichen Ägäisraum ‚erfunden’. Warum aber braucht der Mensch die Münze, nachdem er jahrtausendelang bei seinen ökonomischen Transaktionen ohne sie ausgekommen ist?
Im Grunde brauchte er sie auch weiterhin nicht, sie entsteht jedoch zunächst aus Prestigegründen, als Auszeichnungsobjekt der Führungselite, um dann recht zügig ökonomische Funktionen zu übernehmen.
Die Funktion als Massenkommunikationsmittel bleibt selbstredend erhalten. Die optisch wohl stärkste Botschaft vermittelt die ‚Blaue Mauritius‘ der antiken Numismatik. Das absolute Highlight im Geldmuseum der Deutschen Bundesbank: Eine nur in diesem einen, zweifelsfrei echten, Exemplar erhaltene goldene Gedenkprägung aus dem Jahr 43 v. Chr., die die Ermordung des Gaius Iulius Caesar durch Brutus und seine Mitverschwörer feiert. Dargestellt beziehungsweise genannt werden der Mörder (nämlich Brutus), die Mordwaffen (Dolche), der Tag der Tat (die Iden des März) und der Grund der Ermordung des Iulius Caesar (in Form der Freiheitskappe zwischen den Dolchen).
Das Bild über der Münzinschrift war für die Römer eindeutig: Die Dolche, die den Tyrannen töteten, hatten den Sklaven die Freiheit wiedergegeben, hier symbolisiert durch die Mütze, die die Sklaven bei ihrer Freilassung erhielten. Weltgeschichte auf einer einzigen 2.000 Jahre alten Münze!
Hoffnungsvoll dagegen die behutsame Pflanzerin auf dem letzten deutschen 50 Pfennigstück – Sinnbild für Neuanfang und Wiederaufbau nach Zerstörung, Verwüstung und Leid.
Unbestritten dürfte sein, dass Geld in seiner Funktion als Recheneinheit zur Arbeitsteilung beigetragen hat. Mit der Erfindung von Geld konnte der Wert der produzierten Waren bestimmt werden. Das erleichterte den Handel. Erst Geld erschloss das große Potenzial, das in der Arbeitsteilung steckte.
Bargeld hat mit Beginn seiner Nutzung erhebliche Ressourceneinsparungen gebracht. Die Kosten für den Transport und die Informationsbeschaffung, der Zeitaufwand und die Kosten für die effektive Warenübergabe wurden mit der Einführung von Bargeld als Zwischengut und Recheneinheit enorm reduziert. Die so frei gesetzten Ressourcen konnten in einer sich weiter entwickelten Gesellschaft anderweitig eingesetzt werden und – soweit entsprechend eingesetzt – den Wohlstand einer Gesellschaft mehren. Geld hat kein Verfallsdatum. In Bargeld wurde der Wert der verkauften Ware gespeichert und machte es möglich, diesen Wert in einer Periode in der Zukunft zu übertragen. Schnell wachsende Städte mit zunehmendem Lokal- und sich ebenfalls ausweitendem Fernhandel stellen neue Anforderungen an das Bargeld.
Größere Nominale in Silber und nun auch in Gold sind erforderlich, um große Summen in physisch kleinen Bargeldmengen transferieren zu können – Groschen, Gulden, Taler lösen seit dem 13. Jahrhundert schrittweise den bis dahin allein existierenden Pfennig ab.
Die Neuzeit bringt auf dem Bargeldsektor zwei Neuerungen mit ungeheurer Wirkungskraft hervor, die bis heute nicht nachgelassen hat: Das 17. Jahrhundert das Papiergeld und das 18./19. Jahrhundert die stoffwertlose Münze – beides in unseren Geldbörsen zu finden.
Der technische Aufwand für die Herstellung von Münzen ist ziemlich hoch. Ein Geldschein dagegen ist schnell und kostengünstig hergestellt; es bedarf lediglich des Papiers und einer Druckerpresse; und Geldsorgen existieren nicht mehr.
So einfach, so falsch – wie es Mitte des 17. Jahrhunderts ein Johann Palmstruck in Schweden und Anfang des 18. Jahrhunderts ein John Law in Frankreich schmerzhaft feststellen mussten.
Beide hatten bei der verlockend einfachen Produktion von Geld gegen das eherne Prinzip der Deckung verstoßen, das heißt gegen das Versprechen der Papiergeld ausgebenden Autorität, einen Schein jederzeit gegen die Herausgabe von Münzgeld zurückzunehmen.
In allen Lebenslagen rufen gebrochene Versprechen zwangsläufig Misstrauen gegen die Sache an sich und Zorn auf den aktuellen Verursacher hervor, sehr schnell und sehr nachhaltig, wenn es um Geld geht: Palmstruck endete im Gefängnis, Law verließ fluchtartig das Land.
Heutige Vertrauensdefizite werden nicht mehr durch die Banknote an sich hervorgerufen. Ganz im Gegenteil gelten sie als werthaltige Objekte, deren physischer Besitz den Vermögenserhalt in unsicheren Zeiten garantiert. Auch die Münze durchlebte Vertrauenskrisen, solange ihre Kaufkraft maßgeblich durch ihren Edelmetallgehalt bestimmt wurde.
Den größten Entwicklungssprung machte sie in dem Moment, in dem ihre Materialität keine Rolle mehr spielte und die Wertgarantie einzig auf Vertrauen basierte – an keiner Stelle deutlicher ausgedrückt als auf einer Münze selbst: Non aes sed fides – nicht Metall, sondern Vertrauen. Zu finden auf Malteser Kupfermünzen des 16. Jahrhunderts, die anstelle von Silbermünzen ausgegeben wurden mit dem Versprechen, dass das unedle Stück die Kaufkraft des Edelmetallnominals haben sollte. Das hat knapp 100 Jahre lang funktioniert.
Bis in das vergangene Jahrhundert hinein war Bargeld in sinnlich fassbarer Form noch ein Mittel der ‚Herrschaftsausübung‘ – ist es vielleicht heutzutage noch? Viele von Ihnen kennen sicher noch die Lohntüte, in der der in der Familie allein werktätige Mann seinen in bar ausgezahlten Lohn nach Hause brachte.
Bargeld als Machtinstrument – es gibt nichts Neues unter der Sonne, wenn Sie sich an die eingangs beschriebene archaische ‚Verteilung von oben nach unten‘ erinnern wollen.
Noch ein Wort zu der Anpassungsfähigkeit des Bargeldes an die Erfordernisse des Marktes in der jüngsten Vergangenheit. Groß war die öffentliche Verwunderung, als mit der Einführung der letzten DM-Serie vor dem Euro plötzlich ein 200 DM-Schein im Nominalienkanon auftauchte, geschuldet der Erkenntnis, dass die Lücke zwischen 100 DM-Schein und 500 DM-Schein zu groß und offensichtlich ein Bedarf für eine neuen Größe gegeben war.
Dafür sollte, in ersten Überlegungen, der 5er ‚sterben‘, ein traditionsreicher Schein, in der deutschen Geschichte ‚mit dabei‘ seit 1874. Bargeld ist eine Erfolgsgeschichte. Die Münze hat schon seit über 2.500 Jahren überlebt – in ungebrochener Tradition. Und auch Papiergeld hat seit seiner Erfindung überlebt. Münzen und Geldscheine sind da – und sie werden bleiben, auch über den nächsten Bargeldkongress hinaus.

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