Die Deutsche Bundesbank feiert Anfang August d. J. ihr 60-jähriges Jubiläum! Das Motto: Seit 1957 sorgt die Notenbank für stabiles Geld in Deutschland und Europa.

www.geldanlagen-nachrichten.de liefert in den kommenden Monaten eine ausgedehnte Serie zum Thema deutsches Geld und Geldpolitik von der Nachkriegszeit über die Währungsreform mit der Einführung der D-Mark 1948 bis zum Euro von Heute:

Von Christoph Wehnelt

 Nr. 3

Der Devisenmarkt: Vom Dollar gebeutelt

 

„Im Herbst 1979 hatte der Dollar mehr als die Hälfte seines Wertes u. a.  gegenüber der D-Mark verloren und befand sich im freien Fall“, erinnert sich Karl Otto Pöhl (Bundesbankmagazin 5/07). „Der amerikanische Finanzminister und Notenbankpräsident Paul Volcker machten, auf dem Weg nach Belgrad zum alljährlichen IWF-Treffen, in Hamburg am Wohnsitz Helmut Schmidts einen Zwischenstopp, um mit dem Bundeskanzler die Situation zu besprechen. Die amerikanischen Ideen massiver Interventionen der Bundesbank zur Stützung des Dollars wurden sowohl vom Kanzler als auch von Emminger und mir als unrealistisch abgelehnt. Volcker verließ das IWF-Treffen frühzeitig und folgte unserem Rat, dass nur eine restriktive Geldpolitik einen weiteren Dollarverfall mindern könne. Der amerikanische Diskontsatz stieg auf 12 Prozent und die Primerate betrug zeitweise mehr als 20 Prozent!  Der Dollar erholte sich und stieg bis zum 26. Februar 1985 auf sage und schreibe DM 3,47! Es war eine wahrhaft historische geldpolitische Wende zu einer langen Periode der Geldwertstabilität.“ Der tiefste Kurs hatte bei DM 1,71 gelegen. Das war am 3. Januar 1980 gewesen. Auf der Dollar-Spirale nach oben hier das Szenario einer einzigen Sitzung an der Frankfurter Devisenbörse 1983.

 

Der sonst immer glatt gekämmte Dieter Henke und sein locker gewellter Kollege Ulrich Hörstel raufen sich die Haare. So etwas hatte es bis heute noch nicht gegeben. Normaler Weise dauert die Kursfeststellung für den Dollar wenige Minuten, auch in hektischen Devisenzeiten. Heute sind Angebot und Nachfrage partout nicht deckungsgleich zu bringen und das schon fast eine halbe Stunde. Am Vormittag war der Dollar gegenüber dem Vortagskurs um viereinhalb Pfennig auf 2,43 Mark gestiegen. Der Run auf die stärkste Währung der Welt hält seit Wochen an und hat gerade in den letzten Tagen neue Rekorde gebrochen. Wer weiß, ob es heute so weiter geht. Die Hektik könnte neue Trends andeuten.

 

Henke wollte diesmal auf Nummer sicher gehen: „Wir beginnen bei rund zu zehn“, ruft er den zwei Dutzend Devisenhändlern im Saal zu. „Rund“ heißt 2,4300 und „zu zehn“ demnach 2,4310 Mark für den Dollar. Im Devisenhandel wird nämlich auf Hundertstel Pfennig genau gerechnet. „Was macht München“, fragt Hörstel in eines der vielen Telefone hinein? Denn mit Henke und Hörstel verbunden sind in diesen Minuten alle deutschen Devisenbörsen (Berlin, Düsseldorf, Hamburg, München). In Frankfurt wird jedoch der internationale Preis für die deutsche Währung festgemacht: in Dollar, in Pfund Sterling, in den EWS-Währungen sowie allen übrigen Devisen. Das ist auch der Grund, warum weltweit an den Devisen-Anzeigetafeln aller Banken für die DM-Notiz „Frankfurt“ steht und nicht etwa Bonn als Bundeshauptstadt.

 

Hörstel noch nicht echauffiert: „Was macht München?“ Dem Vertreter der Bank of Tokyo im Saale gefällt der runde Kurs. „Ich gebe 24,5 Millionen Dollar“, sagt der Japaner. Ein anderer will ebenfalls einen größeren Betrag „bestens“ verkaufen. Henke merkt sehr bald, dass er zu den guten Kursen zwar ein großes Angebot aber keine Nachfrage hat. „Rund zu fünf wird nun gerechnet,“ gibt er bekannt. Da rührt sich die BHF-Bank in der Person einer flinken jungen Dame: „Zehn Millionen bestens.“ Tokyo hält das Gebot aufrecht. Andere bleiben ebenfalls drin. „22 Millionen bestens aus Düsseldorf,“ vermeldet Hörstel. Die amerikanische Morgan-Bank hängt sich mit zehn Millionen dran. Henke: „Bei rund ist was da.“ Er meint Nachfrage. Doch zuwenig. „Wir rechnen neu.“ Henke kommt ins Schwitzen. „85 zu rund“ (2,4285 zu 2,4300). Alle bleiben mit ihren Geboten drin. Keiner will Dollars kaufen zu diesen hohen Preisen.

 

Der in D-Mark ausgedrückte Dollar-Preis ist der D-Mark-Kurs. Doch der will sich heute gar nicht feststellen lassen. Henke: „Alles neu, 60 zu 80.“ Das bringt dem Makler aber nicht viel ein. Die BHF-Bankkauffrau wendet ein: „Das Niveau ist immer noch zu hoch. Im Freiverkehr wird der Dollar 40 zu 60 gehandelt.“ Das Mädchen hatte Recht. „Henke: „Ich nehme alles neu auf, 60 zu 70.“ Damit war der Makler aber auch nicht gut beraten. Dem Weißköpfigen schwillt das Gesicht langsam tief rot an. „Neu 30 zu 45.“ Jetzt kommen die Käufer auf den Plan. „20 billige.“ Eine hübsche Untertreibung für die Nachfrage von 20 Millionen Dollar zum Kurs von 2,4230 Mark, die somit zusammen fast 50 Millionen Mark kosten. „35 Geld für 50 Millionen,“ schallt es aus der Ecke der Dresdner Bank. „Zehn billige,“ hängt sich ein anderer dran. „Was macht die Bank von Tokyo,“ fragt Henke? Die Japaner wollen den Markt nicht billigst versorgen.

 

Was Henke noch vor Minuten auf der Angebotsseite zuviel hatte, war nun auf der Nachfrageseite zuviel. Er schielt immer wieder zu dem Mann von der Bundesbank hinüber, ob der nicht etwa sagt: „Die Differenz übernehme ich.“ Die Bundesbank hat auf diese Weise immer die Möglichkeit, einen ganz bestimmten Kurs zu machen. Sie kann ihn mit der Hergabe vieler Dollars drücken oder durch den Kauf die Nachfrage und damit den Preis stabilisieren oder steigern. Zurzeit weiß die deutsche Zentralbank, dass sie die Milliarden-Geschäfte mit Dollars weltweit nicht ausreichend befriedigen kann oder will. Sie kann auch keinen Kurs machen und ihn längere Zeit durchhalten. So ufri sie in diesen hektischen Zeiten der Entwicklung freien Lauf. Sie greift in den Markt nicht ein. „Jetzt wieder 50 zu 70. 55 Geld für 50.“ Die BfG: „Kauf zehn.“ Das BHF-Mädchen schmollt: „Nichts.“

 

Henke packt die schiere Verzweiflung: „Wir rechnen 55 zu 70.“ Zwei billige will die amerikanische Chase. Henke: „Kommt da noch was?“ Nein, nichts kommt. „Ich muss versuchen Kurse zu machen“, stöhnt der Makler. „Versuche 62 zu 70.“ Hörstel klappert die anderen Devisenbörsen ab. „Was macht Hamburg?“ Der Hörer wird wieder hingelegt. „Was macht München?“ Ein Banker aus dem Saal: „Ich bleibe bei 20 billigen.“ „Was ist in Düsseldorf?“ Hörstel macht Notizen. „Wir kaufen total 15 billige“, plärrt einer aus den hinteren Reihen. „Orderannahmeschluß,“ schimpft Hörstel. Hätte er das nicht getan, wäre in dieser Gegend ein Kurs zustande gekommen.

 

So beginnt Henke wieder: „Alles neu, 70 zu rund.“ Im Freiverkehr war zu diesem Zeitpunkt 80 Geld. „Was macht Berlin?“ „Tokyo gibt 24.“ Es half nichts. Henke: „Versuche 70 zu 90.“ Ein Banker: „80 Geld für 15.“ Ihm war jedoch ein peinlicher Fehler unterlaufen. „80 Brief für 15,“ verbessert er sich. Hörstel hat die Ruhe noch nicht verloren: „Sie bieten also 15 Millionen Dollar, die Hälfte von 30, zum Kurs von 2,4280.“ Das Kursspiel glückt auch hier nicht. „Versuche 70! 70 ist Brief.“ Hörstel: „Bei 70 sind 63,55 Millionen da.“ Henke: „Versuchen wir’s halt ufriede. Wir rechnen neu 50 zu 80.“ Die Morgan Bank bleibt bei zehn billigen. Die Chase faselt etwas von anderthalb. „Dann rechnen wir eben 55 zu 70.“ Die Deutsche Bank zieht alles zurück. „Das BHF-Mädchen: „Ich auch nichts.“ Hörstel: „Orderannahmeschluß.“ Etwas später Henke: „Der Kurs ist 55 geworden.“ Alle sind erleichtert. Die Dresdner Bank hat zu diesem Preis 35,35 Millionen Dollar übernommen.

 

Seit Eröffnung der Devisenbörse ist eine ¾  Stunde vergangen. Jetzt erst kann die Mitarbeiterin Henkes an die Kurstafel hinter „USA“ schreiben: 2,4255 / 2,4215 / 2,4295. Die Tafel hat drei Spalten. Als erstes kommt der Mittelkurs, dann der Geld- und schließlich der Briefkurs, wobei zwischen Geld- und Briefkurs immer eine Differenz von 0,8 Pfennig eingehalten wird. Das gehört zu den Geschäftsbedingungen. Die Bundesbank hatte an diesem Tage nicht an der Börse interveniert.

 

Während Henke und Hörstel sich abstrampelten, weilte Bundesbankpräsident Pöhl am Genfer See ufrieden  der Internationalen Währungs-Konferenz. Dort ließ er verlauten, dass die jüngsten hektischen Kursbewegungen auf den Devisenmärkten – mit 2,43 war immerhin eine seit langem nicht mehr dagewesene Höchstmarke erreicht worden –  nicht auf fundamentalen Veränderungen wirtschaftlicher Daten basierten, sondern auf Kapitalbewegungen wegen plötzlicher Veränderungen der Zinsdifferenzen (hohe Zinsen in Amerika und niedrigere in Deutschland) zurückzuführen seien. Deshalb seien Interventionen der Notenbank keine angemessene Antwort. Und weil Pöhl das meinte, hatte der junge Bundesbanker zur selben Stunde in der Frankfurter Devisenbörse nichts zu tun. Das Instrument der Interventionen wolle man aber nicht grundsätzlich aufgeben, ließ Pöhl in Lausanne verlautbaren.

 

Die Bundesbank mischt, wenn es sein muss, an den Devisenmärkten auch direkt mit. Sie interveniert, indem sie beim freien Spiel des Kaufens und Verkaufens einsteigt. Wie alle Banken dieser Welt hat auch die Bundesbank ihre Händler an den Monitoren der Agentur Reuters, die je nach Politik und Marktlage tätig werden. Dabei geht es vorrangig um den Dollar. Alle anderen Devisen ordnen sich dann wie von selbst. Ausgefeilte Dollar-Strategien werden da  von den Notenbanken in Washington/New York und Frankfurt entwickelt. Manchmal werden auch die Japaner mit eingeschaltet. Alle übrigen Währungen und ihre Notenbanken versinken dabei fast in die Bedeutungslosigkeit. Das gilt auch für Paris und London. Bundesbank und Federal Reserve (Fed) helfen sich gegenseitig auch über Swap-Abkommen, in denen sich beide Seiten verpflichten, die für Interventionen benötigten Währungen dem anderen zur Verfügung zu stellen. Damit ergeben sich drei Ebenen der Interventionsmöglichkeit: die Börse, der Interbanken-Handel und das ganz große Rad in Kooperation mit den Notenbanken.

 

Durch die Aufwertung der  Mark in der 2. Hälfte der 70er konnten die damaligen horrenden Ölpreissteigerungen für die deutschen Verbraucher leichter verkraftet werden. Öl wird international in Dollar fakturiert. Eine aufwertende D-Mark macht das Öl daher billiger. Sie wirkt sich allerdings als Pferdefuß bei den Exporten aus. „Wir wollen nur die erratischen Kursbewegungen abmildern“, hat der Pöhl-Vorgänger, Otmar Emminger, immer wieder hervorgehoben. Was sind aber die Gründe für die riesigen Devisenströme, die mit wechselnden Richtungen durch die Weltwirtschaft driften? Die Deutschen haben lange Zeit vielmehr exportiert als importiert und konnten dadurch rund 100 Milliarden Mark an Devisen bei der Bundesbank anhäufen. Der zunehmende Wohlstand machte uns über die Jahrzehnte auch träger. Ende der 70er Jahre war es dann soweit, dass die Deutschen mehr verbrauchten als sie zu leisten in der Lage oder gewillt waren. Über die gesamte Volkswirtschaft gerechnet, verfrühstückten wir 1980 genau zwei Prozent mehr als wir produzierten. Der abermals gestiegene Ölpreis hat viel dazu beigetragen. Aber er ist nicht an allem schuld.

 

Rücksichtslos haben sich die Deutschen aus dem Ausland bedient mit Waren und Dienstleistungen (z. B. Urlaub). Sie glaubten auch noch Anspruch darauf zu haben und bezahlten die Chose aus den Devisenreserven, die ungehemmt wegschmolzen. Und so marschierten wir in ein Defizit der außenwirtschaftlichen Rechnung. Die Leistungsbilanz, die all das spiegelt, wurde stark negativ. 1980 fehlte Deutschland über 30 Milliarden an Devisen. Auf solche Zahlen reagieren die internationalen Devisenhändler sehr nervös. Ihr Meinung ist schnell gebildet: Wer seine Kasse nicht in Ordnung halten kann, taugt nichts, und wer nichts taugt, dessen Währung taugt erst recht nichts. Die meisten fliehen aus der D-Mark. Die Situation wird umso schwieriger durch die geographische Lage. Wenn in Polen die Russen husten, kommt die D-Mark unter Druck. Raus aus der Mark, rein in den Dollar heißt dann die Devise. Durch die Finanzzentren der Welt taumeln ganz erhebliche D-Mark-Beträge: derzeit rund 150 Milliarden Mark. 80 Milliarden Auslandsanleihen und 70 Milliarden Reserven bei den anderen Zentralbanken. Dazu kamen viele Milliarden an Liquidität für die deutschen internationalen Handelsgeschäfte.

 

Für Henke und Hörstel ist das Wichtigste ein freier internationaler Devisenmarkt. Die Währungen müssen konvertibel, frei handelbar sein. Die zentralen Verwaltungswirtschaften im Osten halten sich davon fern. Dort setzen die Regierungen den Außenwert ihrer Währungen fest aufgrund eines politisch-wirtschaftlichen Mix. Die freie Marktwirtschaft im Westen setzt auf das freie Spiel der Marktkräfte, wenn auch die Politik immer wieder mal Wünsche äußert, die von unabhängigen Notenbanken wie der Bundesbank nach Leibeskräften zurückgewiesen werden. Aber auch für gegängelte Ostwährungen bilden sich Märkte, graue Märkte. Bestes Beispiel ist die D-Mark Ost, die offiziell zur Westmark 1:1 umgetauscht wird, inoffiziell aber für ein Drittel oder ein Viertel der DM-West zu haben ist. Besonders die gegenseitigen Besucherströme versorgen den Markt mit der heißen, weil von Ost-Berlin, verbotenen Ware.

 

Noch lange Jahrzehnte nach dem 2. Weltkrieg hatten wir in der westlichen Welt ebenfalls ein System fester Wechselkurse, allerdings mit starker wirtschaftlicher Fundierung. Bretton Woods steht als Name dafür, weil das System in den 40er Jahren dort ausgearbeitet und beschlossen worden ist. Danach wurde auch die D-Mark jahrelang erst mit 4,20, dann mit vier Mark zum Dollar festgesetzt. Doch die wirtschaftliche Entwicklung in den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik lief stark auseinander. Die D-Mark drängte ständig zur Aufwertung, weil hierzulande (damals) eine solidere Finanzpolitik und stabilere Geldpolitik betrieben wurde. Nur eine völlige Freigabe des Kurses konnte wieder die richtigen Relationen herstellen. Otmar Emminger hat sie 1973 durchgepaukt. – Gegen den Widerstand der Bundesbank wurde am 13. März 1979 das Europäische Währungssystem (EWS) eingeführt, eine Fortsetzung des DM-Blocks, der sich schon mit verschiedenen Zwischenstationen viel früher herausgebildet hatte. Im EWS wurden für die angeschlossenen europäischen Währungen weitgehend feste Wechselkurse vereinbart, allerdings mit einer Schwankungsbreite von 2,25 Prozent nach oben und unten. Für die italienische Lira gelten drei Prozent. Ein Interventionsmechanismus wurde ebenfalls eingebaut. Wenn nichts mehr hilft, müssen sich Notenbankgouverneure und Finanzminister treffen, um neue Mittelkurse für die beteiligten Währungen festzusetzen. Realignment heißt diese Prozedur.

 

Henke und Hörstel sind übrigens Devisenhändler und keine Sortenhändler. Bares interessiert sie beim Börsenpoker nicht. Devisen sind ihre Profession, Guthaben bei ausländischen Banken, auf fremde Währung lautendes Giralgeld. Wenn Dostojewski sagt: Geld ist geprägte Freiheit, so kann sich das wirklich nur auf die Sorten beziehen. Für das Giralgeld gilt leider Gottes in zunehmendem Maße: Geld ist verbuchte Unfreiheit, denn die Verschuldung vieler Länder bei anderen Staaten, also der devisenschwachen Länder bei den reichen Ölstaaten z. B. nimmt schon beängstigende Formen an. Viele Entwicklungs- und Schwellenländer bekommen auf den internationalen Märkten wie in Luxemburg, London und New York kein Geld mehr und sind damit in die totale Abhängigkeit der Gläubigerländer geraten. Henke und Hörstel interessiert das wenig. Sie lassen an ihrem Selbstverständnis nicht rütteln, weil sie mit ihrer Kursfindung ganz wichtige Elemente des freien Marktes sind. Ausgleich von Angebot und Nachfrage heißt ihr Auftrag, welche Schurkenstaaten auch immer hinter den Währungen stehen.

 

 

Kein Grund zum Feiern: 25 Jahre Bundesbank

 

Juli 1982 – In nunmehr 25 Jahren hat sich die Deutsche Bundesbank im Inland Respekt als unabhängige Wächterin über Stabilität und Geldwert erworben. Im Ausland gilt sie vielfach als Vorbild. Doch ihre glänzende Position muss sie  immer neu gegen den Totalitätsanspruch der Bonner Politik  und die Neider in Europa verteidigen. Die Wächter in der Währungsburg am Main sind motiviert und unabhängig.

 

Frankfurter Börse an einem ganz normalen Tag. Der Rentenhändler der Bundesbank auf dem Parkett registriert ein wachsendes Angebot an öffentlichen Anleihen. Einige Banken wollen ganze Serien von Emissionen des Bundes, Der Bahn und der Post abstoßen. Das deutet auf erwartete Zinssteigerungen hin. Auch an den übrigen sieben deutschen Börsen herrscht krasser Angebotsüberhang bei Anleihen.

 

Auf kurzem Dienstweg wird Professor Claus Köhler informiert, im Direktorium der Bundesbank für den Kapitalmarkt zuständig. Er weiß, was er zu tun hat. Er fährt eine Strategie, die in der vorangegangenen Zentralbankratssitzung für den Eventualfall aufkommender Markteruptionen abgesprochen wurde. „Wir dürfen“, seine Devise, „den Zins nicht zu schnell ansteigen lassen.“ Order an den Rentenhändler: „Wir übernehmen das gesamte Angebot.“

 

An diesem Tag setzen die Händler am Parkett locker Offenmarktpolitik der Zentralbank in die Tat um. Der Großeinkäufer im Namen des Direktoriums kauft für Rechnung der Notenbank öffentliche Anleihen in dreistelligen Millionenbeträgen.

 

In einem anderen Saal der Börse hat unterdessen der offizielle Devisenhandel begonnen. Hektik zeichnet die Gesichter der Akteure. Der Devisenhändler der Bundesbank aber plaudert mit einem Journalisten. Er kauft nichts und gibt nichts. Während die Händler sich abstrampeln, tritt der Präsident der Deutschen Bundesbank in Lausanne bei der International Monetary Conference auf. Aus der Westschweiz lässt Karl Otto Pöhl verlauten, dass die hektischen Dollar-Bewegungen auf den Devisenmärkten nicht auf fundamentalen Veränderungen wirtschaftliche Daten beruhen, sondern auf plötzliche Veränderungen der Zinsdifferenzen und die davon ausgelösten Kapitalbewegungen zurückzuführen sind. Pöhl: „Deshalb sind Interventionen der Notenbank keine Antwort.“ Und nun deshalb konnte der junge Bundesbankvertreter an der Devisenbörse in Frankfurt eine Plauderstunde einlegen.

 

„An der Börse geht es für unsere Leute öfter mal spektakulär zu. Dort ist eine der Fronten, wo wir unseren gesetzlichen Auftrag erfüllen können und müssen, nämlich die Geldwertstabilität zu verteidigen – nach innen und außen.“ So beschreibt der Leiter des Präsidialbüros bei Pöhl, Rüdiger von Rosen, die zwei Gesichter der Notenbank: „Offenmarktpolitik ist Geldpolitik und gehört damit zu unseren hoheitlichen Akten. Das Bundesanleihekonsortium, die Kontoführung für die öffentlichen Hände und die Gewährung von Kassenkrediten zum Beispiel haben wir gesetzlich übertragen bekommen als Hausbank des Staates, als fiscal agent.“

 

Eine Staatsbank mit zwei Gesichtern: Sie besteht am 1. August 25 Jahre. An diesem Tage des Jahres 1957 wurde das Bundesbankgesetz (Gesetz über die Deutsche Bundesbank) verabschiedet. Aber keiner denkt ans feiern. Das Silberjubiläum wird verdrängt. Otmar Emminger, der zweieinhalb Jahre als Präsident der Institution vorgestanden hatte: „Wir haben 30 Jahre Notenbank gefeiert. 1978 war das wichtigere Datum.“ Den 1948 war gemeinsam mit der Deutschen Mark ein Zentralinstitut geschaffen worden: Die Bank deutscher Länder.

 

Nun haben Pöhl und sein Direktorium Wichtigeres zu tun als Festreden zu halten. Sie müssen sich darum bemühen, den Handlungsspielraum für ihre Geldpolitik zurückzuerobern, der durch zwei Entwicklungen eingeengt wird: Die amerikanische Zinspolitik und den starken Dollar von außen und die extrem hohe Staatsverschuldung im Innern.

 

Dass die Zentrale der Bundesbank unter dem Fernmeldeturm heute schon zu klein ist, obwohl sie erst 1972 bezogen wurde, liegt an den übertriebenen Sparmaßnahmen des ehemaligen Vizepräsidenten Heinrich Troeger. Er hatte noch im Planungsstadium eine Verringerung der Etagenzahl von 14 auf 13 durchgesetzt und auch die Statik so auslegen lassen, dass Aufstockungen fast unmöglich sind. Eine Klimaanlage gibt es nur für die Gemeinschaftsräume und die Direktoriumsetage und – nachträglich eingebaut, weil es technisch unumgänglich war – für das Computerzentrum. Troegers dröge Sparsamkeit bleibt für die Bundesbanker unvergessen.

 

Tröger bleibt aber auch noch aus einem anderen Grunde ein Datum in der Bundesbankgeschichte: Mit ihm begann der politische Kuhhandel um die Direktoriumsposten. Freilich machte die Politisierung der Zentralbankspitze, der Proporz zwischen den Parteigängern im Direktorium, die international so hoch gelobte und national so verbissen verteidigte Autonomie der Zentralbank möglich. Für den Herbst 1957 stand die Wahl zum dritten Deutschen Bundestag an. Konrad Adenauer wollte unter allen Umständen noch das neue Bundesbankgesetz vor der Auflösung des Parlaments durchbringen. Dieses Gesetz sollte die Umwandlung der Bank deutscher Länder in die Deutsche Bundesbank ermöglichen.

 

„Adenauers Eile hatten ihren Grund“, erinnert sich Otmar Emminger (Präsident von Juni 1977 bis Dezember 1979), „in der völligen Fehleinschätzung der Regierungsparteien CDU/CSU über den zu erwartenden Wahlausgang.“ Sie rechneten nämlich mit einer Wahlniederlage. Noch vor dem Wahlgang sollte die Umwandlung der Notenbank vollzogen und anderen Spitze ein der CDU genehmer Mann gesetzt werden. Indes waren die Abstimmungshürden in der verbleibenden Frist nur mit Hilfe der Opposition zu nehmen, und diese Opposition, die SPD, ließ sich ihr Wohlverhalten honorieren.

 

Adenauer wollte Karl Blessing als Präsidenten an die Spitze der neuen Bundesbank setzen. Die SPD brachte den ehemaligen hessischen Finanzminister Troeger als Vizepräsidenten ins Spiel. Der Handel wurde geschlossen und Blessing Präsident (1970-1977). Dabei machte es dem Realpolitiker Adenauer nichts aus, dass er das einzige CDU-Mitglied im Direktorium der Bank deutsche Länder, den Vizepräsidenten Wilhelm Könnecker, brüskierte. CDU-Könnecker wurde mit dem Eintritt von SPD-Troeger nach Inkrafttreten des Bundesbankgesetzes Anfang 1958 ins Glied zurückbefördert.

 

Mit der Amtsübernahme durch Karl Blessing konnte Adenauer außerdem zwei andere, von ihm weniger geschätzte Notenbanker in den Ruhestand schicken: Den Präsidenten des Direktoriums der Bank deutscher Länder, Geheimer Finanzrat Wilhelm Vocke, und den Präsidenten des Zentralbankrates der Bank deutscher Länder, Karl Bernard. Adenauer kühl: „Mit Vocke, dem überständigen Eisschrank, kann man nichts anfangen.“

 

Dass aus der Politisierung des Bundesbank-Managements kein Unheil resultierte, führt Otmar Emminger auf die deutsche Notenbanktradition zurück. „Die Unabhängigkeit der Bundesbank hat historisch tiefere Wurzeln als die Verabschiedung des Bundesbankgesetzes.“

 

Die Siegermächte des 1. Weltkriegs hatten der deutschen Reichsregierung eine unabhängige Deutsche Reichsbank diktiert, die sich endlich um die Geldwertstabilität kümmern sollte. Emminger: „Vorher hatte dieses Institut eine wirklich traurige Figur gemacht.“ Natürlich war die unabhängige Reichsbank kein uneigennütziges Geschenk der Sieger. Sie wollten vielmehr ihre Reparationen in sicherer Währung erhalten. Und das immerhin erreichte die Reichsbank. Noch vor Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde die Reichsbank dem Reichskanzler unterstellt. Der Grund: Es sollte keine Schwierigkeiten bei der Kriegsfinanzierung geben.

 

Und wieder mussten sich nach Kriegsende die Siegermächte um die Schaffung einer deutschen Zentralbank kümmern. Am 1. März 1948 fassten sie die Landeszentralbanken der Trizone zusammen und bastelten daraus die Bank deutscher Länder. In der Währungsreform vom Juni 1948 konnte sich das neue Noteninstitut erstmals bewähren. Überhaupt begann mit der neuen Zentralbank und dem neuen Geld erst die Staatsbildung der Bundesrepublik Deutschland. Emminger: „Das hat natürlich sehr viel zum Standing und zur Unabhängigkeit der Bundesbank – rein gefühlsmäßig – beigetragen, dass sie schon anderthalb Jahre bestand, ehe es überhaupt eine deutsche Bundesregierung gab.“

 

Dieses Erstgeburtsrecht ist eines der vielen Bausteinchen, mit denen die Notenbank seit 1948 ihre, wie die Direktoren meinten, verfassungsrechtlich unantastbare Autonomie untermauert. Diesen Anspruch bekräftigt auch Karl Otto Pöhl, wenn er sagt, das Bundesbankgesetz könne nur mit verfassungsändernder Mehrheit modifiziert werden, denn die Unabhängigkeit der Notenbank sei eine Verfassungsnorm.

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