Frankfurt/Main (28.2.17)/PK – Gerhard Grandke, der geschäftsführende Präsident des Sparkassen-und Giroverbandes Hessen-Thüringen, ist kein Fastnachtsmuffel. Auf die Idee, dass er einer sein könnte, dürften manche Journalisten gekommen sein, als sie für heute eine Einladung zur Jahrespresskonferenz erhalten hatten.  An Fastnachtsdienstag. Gerhard Grandke, einst Oberbürgermeister von Frankfurts haßgeliebter Nachbarstadt Offenbach, scheint trotz seiner OB-Offenbach-Vergangenheit auch ein Faible für Frankfurt zu haben, hält er Frankfurt doch für d i e Sparkassenstadt Deutschlands. Auch seinetwegen. Aber natürlich auch wegen der vielen anderen, zur großen Sparkassen-Familie zählender Banken und Institutionen. — Aber darum ging auf der Jahres-Pressekonferenz an Fastnachtdienstag in Frankfurt nur in zweiter Linie. Im Mittelpunkt stand natürlich die geschäftliche Entwicklung, genauer gesagt, das Geschäftsergebnis der 50 zum Verband zählenden Sparkassen im vergangenen Jahr. Und das sei, so heißt es in der Presseerklärung, „wieder ordentlich ausgefallen“. Trotz aller Nullzins-Widrigkeiten.

Weiter heißt es dort:  „Wir sind im Kundengeschäft erneut kräftig gewachsen. Und auch die Ertragsentwicklung unserer Sparkassen kann sich angesichts der weiterhin nicht einfachen Rahmenbedingungen durchaus sehen lassen“, fasste Gerhard Grandke, der Geschäftsführende Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes Hessen-Thüringen, im Rahmen der Jahrespressekonferenz des Verbandes in Frankfurt am Main bzw. Erfurt das Geschäftsjahr 2016 zusammen.

Bilanzsumme wächst dank starkem Kundengeschäft

Die Bilanzsumme der 50 Mitgliedssparkassen stieg 2016 insgesamt um 1,8 Mrd. € bzw. 1,5% auf 118,5 Mrd. €. Die Wachstumsimpulse gingen dabei einmal mehr vom Kundengeschäft auf der Aktiv- und der Passivseite aus.

Kreditgeschäft auf Wachstumskurs

Besonders dynamisch präsentierte sich 2016 das Kundenkredit-geschäft der Sparkassen, das insgesamt um 2,4 Mrd. € bzw. 3,4% auf 71,1 Mrd. € zulegte. Während die Ausleihungen an die öffentlichen Haushalte mit 6,2 Mrd. € leicht unter dem Vorjahr lagen (-110 Mio. € bzw. -1,7%), nahmen die Kreditbestände bei den Privatpersonen um 875 Mio. € bzw. 2,9% auf 31,0 Mrd. € zu. Für das Wachstum zeichneten wiederum die Baufinanzierungen verantwortlich. Die Bestände verbesserten sich dort um 1,1 Mrd. € bzw. 4,4% auf 26,7 Mrd. €. Das stärkste Wachstum im Kreditgeschäft der Sparkassen entfiel auf die Firmenkunden. So erhöhten sich die Ausleihungen an Unternehmen und Selbständige kräftig um 1,4 Mrd. € bzw. 4,6% auf 31,9 Mrd. €. „Das unterstreicht, dass die Firmenkunden der Sparkassen positiv in die Zukunft sehen und sich bislang von all den politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten unserer Zeit nicht aus der Ruhe bringen lassen“, freute sich Grandke.

Neukreditgeschäft auf hohem Niveau

Auch das Neukreditgeschäft der Sparkassen stand ganz im Zeichen des Wachstums. Die Darlehensauszahlungen verbesserten sich um 1,7% und erreichten 11,8 Mrd. €. Die Darlehenszusagen kletterten um 1,3% auf den neuen Höchstwert von 12,7 Mrd. €.
Bei den Firmenkundenkrediten gingen die Zusagen dank eines starken 2. Halbjahres um 1,0% nach oben. Denselben Zuwachs verbuchte auch das Kreditneugeschäft im privaten Wohnungsbau – trotz des ohnehin schon sehr hohen Vorjahreswertes und der europäischen Wohnimmobilienkreditrichtlinie, die im März 2016 in deutsches Recht umgesetzt wurde. Mit dieser Richtlinie sind die Informations-, Prüfungs- und Dokumentationspflichten der Banken und Sparkassen in der privaten Wohnungsbaufinanzierung verschärft worden. Der Aufwand der Institute und die durchschnittliche Bearbeitungszeit einer Standardbaufinanzierung gingen dadurch deutlich nach oben.

„Das Plus bei unserem Baufinanzierungsneugeschäft zeigt, dass die Sparkassen flexibel sind und mit dem erhöhten Aufwand umgehen können. Wir haben das gut hinbekommen. Unsere Sparkassen machen weiterhin ein seriöses Immobiliengeschäft. Wir beraten hier gerne. Denn das ist unsere Stärke. Gleichwohl macht es Sinn, dass der Gesetzgeber nicht zuletzt auch wegen der Bundesratsinitiative des Landes Hessen noch einmal einzelne Punkte der Umsetzung der Wohnimmobilienkreditrichtlinie praxisgerecht nachrüsten möchte“, hob Grandke hervor.

Kundeneinlagen bei Sparkassen legen zu

Auf der Passivseite stiegen die Verbindlichkeiten der Sparkassen gegenüber Kunden um 2,2 Mrd. € bzw. 2,4% auf 93,8 Mrd. €. Dabei setzte sich der Trend zur kurzfristigen Geldanlage 2016 fort. Während die Täglich fälligen Gelder um 6,8% zulegten, waren Spareinlagen (-3,2%), Termingelder (-29,2%) und Eigenemissionen (-13,5%) deutlich weniger gefragt.

Wenig Bewegung im Kundenwertpapiergeschäft

Wenig Bewegung gab es 2016 im Kundenwertpapiergeschäft. Die Umsätze sanken um 11,9% auf 11,4 Mrd. €. Das lag in erster Linie an den Wertpapierverkäufen, die um 20,2% sanken. Dagegen lagen die Wertpapierkäufe der Sparkassenkunden lediglich um 4,4% unter dem Vorjahresniveau. Wegen der deutlich gesunkenen Verkäufe und der geringfügig geringeren Käufe lag der Nettoabsatz mit 1,6 Mrd. € fast dreimal so hoch wie 2015. Mit 1,3 Mrd. € entfiel fast der gesamte Zuwachs auf die Investmentfonds. Aber auch bei den Aktien (+189 Mio. €) und den Festverzinslichen (+47 Mio. €) stand unter dem Strich ein positiver Nettoabsatz.

Geldvermögensbildung der Sparkassenkunden wächst wie lange nicht mehr

Dank des hohen Nettoabsatzes und der Einlagenzuwächse erhöhte sich die Geldvermögensbildung der Privatkunden der Sparkassen in Hessen und Thüringen 2016 um über 30% auf 3,6 Mrd. €. „Einen so hohen Wert hatten wir seit fast zehn Jahren nicht mehr. Das macht deutlich, dass sich unsere Kunden gut auf die neue Normalität der Niedrigzinsphase eingestellt haben. Wer weniger Zins als früher erhält, muss mehr und ein Stück weit anders sparen, um sein Sparziel zu erreichen. Unsere Kunden haben das erkannt. Otto Normalsparer ist also klug und vernünftig unterwegs“, lobte Grandke.

Kernkapitalquote: 18,2 %

 

Die Sparkassen in Hessen und Thüringen konnten auch 2016 wieder ihr Eigenkapital aufstocken. Die Eigenmittel stiegen bis Ende Dezember 2016 um 3,9% auf 11,5 Mrd. €. Davon waren gut 10,2 Mrd. € Kernkapital. Die Kernkapitalquote verbesserte sich auf 18,2%.

Betriebsergebnis vor Bewertung sinkt

Trotz der andauernden Tiefzinsphase fiel auch die Ertragsentwicklung der Sparkassen in Hessen und Thüringen 2016 wieder passabel aus. Das Betriebsergebnis vor Bewertung lag mit knapp 1,1 Mrd. € um 53 Mio. € bzw. 4,8% niedriger als im Vorjahr. Das lag in erster Linie am Zinsüberschuss, der um 102 Mio. € bzw. 4,2% auf gut 2,3 Mrd. € zurückging. „Die ultraniedrigen Zinsen haben somit deutlicher als in den Jahren zuvor auf die Zinsspanne durchgeschlagen. Unsere Sparkassen haben das durch die Ausweitung des Neugeschäfts teilweise kompensieren können – in Gänze gelang das aber natürlich nicht“, erklärte Grandke. Im Gegensatz zum Zinsüberschuss stieg der Provisionsüberschuss um 14 Mio. € bzw. 2,0% auf 709 Mio. €. Erfreulich entwickelte sich auch der Verwaltungsaufwand. Er sank 2016 um 25 Mio. € bzw. 1,2% auf knapp 2 Mrd. €.

Betriebsergebnis nach Bewertung steigt um knapp 9%

Nach Bewertung stieg das Betriebsergebnis der Sparkassen in Hessen und Thüringen 2016 leicht an. Es verbesserte sich im Vergleich zum Vorjahr um 93 Mio. € bzw. 8,7% auf knapp 1,2 Mrd. €. Dies war dem Sondereffekt des Bewertungsergebnisses geschuldet, das wegen zwei Faktoren mit 100 Mio. € positiv ausfiel. Zum einen verwandelten sich beim Bewertungsergebnis im Wertpapiergeschäft die Abschreibungen des Vorjahres (-65 Mio. €) in Zuschreibungen von 5 Mio. €. Zum anderen lösten die Sparkassen ihre Wertberichtigungen im Kreditgeschäft dank der guten konjunkturellen Lage und der robusten Verfassung des Mittelstandes noch stärker auf als 2015. Dies führte beim entsprechenden Risikovorsorgeaufwand zu Zuschreibungen von 81 Mio. € (2015: +34 Mio. €). Nach Steuerzahlungen von 301 Mio. € und einer ordentlichen Zuführung zu den Reserven erzielten die Sparkassen ein Jahresergebnis nach Steuern, das mit 326 Mio. € um etwa ein Drittel über dem Vorjahreswert lag. Die Cost-Income-Ratio erhöhte sich von 64,6% auf 65,4%.

2017: Sehr gutes Neugeschäft spricht für steigende Kreditbestände

Für 2017 erwartete Grandke nicht zuletzt dank des hervorragenden Neugeschäfts im Vorjahr erneut steigende Kreditbestände. Gleichzeitig stimmte er beim Betriebsergebnis vor Bewertung auf weiter sinkende Resultate ein. „Wir müssen den Fokus vor allem auch auf die Erträge richten. Eine Zinswende ist derzeit nicht zu erkennen. Es gilt deshalb, noch ein Stück weit unabhängiger vom Zinsüberschuss zu werden. Erfreulich ist, dass unsere Sparkassen ihre Kosten im Griff haben. Sie sind sehr gut kapitalisiert und können sich Veränderungen rasch anpassen. Wir werden deshalb auch in Zukunft mit widrigen Umständen gut zurechtkommen.“

 

Gerhard Grandke beim Blick auf 2017:

„Es gibt sehr, sehr viele Unwägbarkeiten“

geldanlagen-nachrichten.de: Herr Grandke, das zurückliegende Jahr war von Nullzinsen, ja auch von Negativzinsen geprägt gewesen. Wie hat diese historisch außergewöhnliche Situation auf das Geschäft der Verbands-Sparkassen abgefärbt?

Grandke: Wir sind mit dem Geschäftsergebnis 2016 zufrieden. Wir sind im Kundengeschäft gewachsen. Bei Krediten und Einlagen. Die Ertragsentwicklung ist trotz der niedrigen Zinsen passabel ausgefallen. Der Zinsüberschuss ist zwar gesunken. Das ist auch nicht verwunderlich, angesichts des niedrigen Zinsniveaus. Aber wir konnten durch einen verbesserten Provisionsüberschuss und einen niedrigeren Verwaltungsaufwand das Ganze zum Teil ausgleichen. Unser Betriebsergebnis vor Bewertung lag 2016 bei knapp 1,1 Milliarden Euro. Das ist angesichts der Verhältnisse ein gutes Ergebnis. Und insofern haben sich die Sparkassen auf die neue Situation (red: das extrem niedrige Zinsniveau) eingestellt und sind gut durch das Jahr 2016 gekommen.

Die Inflation in der Euro-Zone scheint zurückgekehrt zu sein. Wie sollte die EZB darauf nun reagieren?

Grandke: Die Inflation ist  vor allem wegen der höheren Energiepreise gestiegen. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass die Konjunktur in der Euro-Zone wieder Tritt faßt. Das ist ein wesentlicher Punkt. Und wenn sich die europäische Wirtschaft weiter erholt, dann sehe ich, dass die EZB, mit dem Ausstieg aus dem ultraaggressiven Geldpolitik beginnt. Es gibt ja die Erwartung, dass in den USA demnächst wieder in Sachen Zinsen wieder etwas passiert. Und man muss abwarten, welche Mischung aus der Entwicklung in Europa und in den USA entsteht, die dann zu einer Neuausrichtung bei der EZB führen wird.

Donald Trump in den USA, Wahlen in wichtigen EURO-Ländern, der Brexit: — das vor uns liegende Jahr steht vor ungewöhnlichen Widrigkeiten. Wie werden diese Widrigkeiten das Geschäft der Verband-Sparkassen prägen?

Grandke: Wir sind mental darauf eingestellt, dass wir es in nächster Zeit nicht leicht haben werden. Es gibt sehr, sehr viele Unwägbarkeiten. Die Politik der USA und die Wirkungen aus dem Brexit sind wirtschaftlich noch nicht faßbar. Was das alles für unsere Sparkassen bedeutet?! Nun, wir sind zuversichtlich. Denn wir sind sehr solide kapitalisiert. Wir haben jetzt eine Kapitalquote von über 18 Prozent. Das ist ein gutes Fundament. Wir sind sehr flexibel, was die Anpassung unserer Kostenstrukturen angeht. Auf der anderen Seite werden wir die Erträge im Provisionsgeschäft steigern. Und weiterhin an den Kosten arbeiten. Daher besteht auch kein Zweifel, dass unsere Sparkassen 2017 in einer schwierigen Phase wieder erfolgreich agieren werden.

Noch kurz zum Schluss: Die Fusion der Börsen in London und Frankfurt scheint zu scheitern. Was halten Sie davon?

Ich konnte von Anfang an nicht verstehen, dass die Deutsche Börse bereit war, im Fall der Fusion den Sitz nach London zu verlegen. Denn eines ist doch klar: Dort, wo der Sitz des Unternehmens ist, spielt die Musik. Dann kam der Brexit für viele unerwartet noch mit dazu. Für mich ein Argument mehr: Wenn es zu einer Fusion kommen sollte, kann dies nur geschehen, wenn der Hauptsitz in Frankfurt ist. Ich habe nicht verstanden, dass man für einen Vorstandsposten (red: den der Chef der Deutschen Börse, Carsten Kengeter, bei einer Fusion erhalten würde) den Hauptsitz eintauscht.

Das Gespräch führte Peter Kochanski.