Credendo Länderblickpunkt: In Vietnam Wirtschaftsboom durch handels- und investitionsfreundliche Politik
Wiesbaden (1.3.17) – Vietnam profitiert von einem stabilen und wirtschaftsfreundlichen politischen Umfeld. Die Haltung der Regierung gegenüber Direktinvestitionen und Handel ist durchweg positiv. Gleichzeitig werden weitere Schritte hin zu dringend notwendigen Reformen unternommen, die sich insbesondere auf die Liberalisierung der Wirtschaft sowie auf die Restrukturierung von Staatsunternehmen beziehen. So baut die Regierung Obergrenzen für ausländisches Eigentum ab, in einigen Bereichen wird sogar eine uneingeschränkte ausländische Beteiligung zugelassen.
Darüber hinaus setzt die vietnamesische Regierung auf eine ausgeglichenere Außenpolitik. Trotz des Balanceakts zwischen dem Nachbarn China und den westlichen Mächten, konnte Vietnam die Beziehungen zu den USA im Laufe der Zeit stark verbessern und sich zu einem wichtigen US-Bündnispartner entwickeln. Dies gilt insbesondere für die Kooperation im Verteidigungs- und Sicherheitsbereich, die sich kürzlich in der Aufhebung des US-Waffenembargos äußerte. Nichtsdestotrotz stellt Donald Trumps protektionistische Handelspolitik für die positiven Aussichten Vietnams ein Abwärtsrisiko dar, da die USA wichtigster Exportmarkt des Landes sind. Der angekündigte Ausstieg der USA aus dem TPP-Abkommen wäre somit ein herber Schlag für die vietnamesische Wirtschaft, da Asien in hohem Maße von dieser Partnerschaft profitieren würde. Das eher klassische Freihandelsabkommen Chinas (RCEP) würde Vietnam jedoch immer noch gewisse Fortschritte ermöglichen. „Ein größeres Risiko würde von höheren US-Einfuhrzöllen ausgehen“, sagt Christoph Witte, Deutschland-Chef des belgischen Kreditversicherers Credendo. „Diese könnten den Textil- und Bekleidungssektor, der die zweitwichtigste Exportbranche des Landes darstellt, in Schieflage bringen. Die USA nimmt aktuell rund 50 Prozent aller Waren ab.“ Zudem wurde Vietnam infolge der Wahl Trumps bisher zwar kaum von Kapitalrückführungen und Abwertungsdruck getroffen, jedoch würde ein von größerer Volatilität und Unsicherheit geprägtes internationales Umfeld, das zu Kapitalabflüssen aus Schwellenländern führt, auch für Vietnam sicherlich nicht folgenlos bleiben – besonders, wenn der Renminbi weiter an Wert verliert.
Leistungsstärkste Wirtschaft Südostasiens
Bislang gehört die vietnamesische Wirtschaft aber zu den leistungsstärksten und diversifiziertesten im gesamten südostasiatischen Raum. Obwohl eine beispiellose Dürre die Ernten 2016 schwer traf, hat sich das BIP-Wachstum erholt und zwischen 2014 und 2016 6,3 Prozent erreicht. Diese makroökonomische Stabilität beruht insbesondere auf zwei Säulen – und zwar auf den Exporten sowie den Direktinvestitionen. Grund für die solide Exportleistung Vietnams in Zeiten nachlassender globaler Nachfrage ist der Wandel der Exportstruktur hin zur Fertigung von Hightechprodukten. Innerhalb weniger Jahre hat sich die Industrie der Informations- und Kommunikationstechnik zur wichtigsten Exportbranche Vietnams entwickelt und erwirtschaftet derzeit über 25 Prozent aller Waren- und Dienstleistungsexporte. Die positive Entwicklung der Direktinvestitionen geht überwiegend auf asiatische Großkonzerne zurück, die sich aus China zurückziehen und von den niedrigeren und regional wettbewerbsfähigen Lohnkosten Vietnams profitieren. Die Verbesserung der makroökonomischen Bedingungen zeigt sich besonders in der robusten Zahlungsbilanz, die vom raschen Anstieg der vietnamesischen Exporte und einem permanenten Aufwärtstrend der Direktinvestitionen profitiert: So sind die Nettozuflüsse zwischen 2014 und 2016 um 60 Prozent gestiegen.
Schwache Haushaltslage und anfälliger Bankensektor trüben wirtschaftliche Aussicht
Die mittel- bis langfristigen Aussichten Vietnams werden jedoch nach wie vor von zwei anhaltenden Schwächen getrübt: der stetigen Verschlechterung der Haushaltslage sowie dem anfälligen Bankensektor. Die Staatsverschuldung ist auf einem hohen Niveau und lag 2016 nach ersten Berechnungen bei etwa 62 Prozent. Ursachen dafür sind Steuersenkungen, niedrigere Öleinnahmen und gestiegene Zinsaufwendungen – von 4,1 Prozent auf 9,3 Prozent der Einnahmen zwischen 2011 und 2016 – die zu einem Haushaltsdefizit von durchschnittlich 6,6 Prozent geführt haben. Der Bankensektor konnte sich hingegen dank der starken Wirtschaftsleistung ein Stück weit erholen, allerdings ist der Bestand an notleidenden Krediten nach wie vor hoch und wird sogar deutlich höher als der offizielle Wert von 2,6 Prozent eingeschätzt. „Die Regierung steht bei der Restrukturierung des Bankensektors vor großen Herausforderungen. Schwerpunkte sollten die Lösung des Problems der notleidenden Kredite, die Stärkung des Risikomanagements, adäquate Eigenkapitalpuffer sowie die Steigerung der Transparenz sein“, so Witte.
Credendo schätzt das kurzfristige politische Risiko von Vietnam als mäßig ein (3 auf einer Skala von 1 bis 7). Das Geschäftsrisiko wird hingegen hoch bewertet (C auf einer Skala von A bis C).

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