Die Deutsche Bundesbank feiert Anfang August d. J. ihr 60-jähriges Jubiläum! Das Motto: Seit 1957 sorgt die Notenbank für stabiles Geld in Deutschland und Europa.

www.geldanlagen-nachrichten.de liefert in den kommenden Monaten eine ausgedehnte Serie zum Thema deutsches Geld und Geldpolitik von der Nachkriegszeit über die Währungsreform mit der Einführung der D-Mark 1948 bis zum Euro von Heute. 

Von Christoph Wehnelt

 Nr. 8

 Jacques Delors geht aufs Ganze

und bringt die ECU

 

Das geschickte Krisenmanagement von Bundesbank, Bundesaufsichtsamt und Bankenverband hat den Finanzplatz Deutschland eher gestärkt als geschwächt und die D-Mark litt keinen Tag darunter. Tagtäglich herrscht  auf den Devisenmärkten dasselbe Bild: Dollar, Yen und D-Mark beherrschen die Szene. Die europäischen Währungen müssen sich auf den Märkten brav hinter der D-Mark einordnen. Das EWS will es so und für seine Mitglieder ist noch kein Kraut gegen das erfolgreiche Produkt aus Frankfurt gewachsen. Politisch aber ist Paris stets eine Nase voraus, zumindest sehr einfallsreich und rigoros genug, seine Interessen wenn auch immer möglich durchzusetzen, zumindest anzuschieben – bei aller kontrahierten deutsch-französischen Freundschaft. Instrumente dafür gibt es immer wieder genug, entweder über den französisch geleiteten Internationalen Währungsfonds oder entsprechende Posten in Brüssel. Oftmals hilft auch die romanische Solidarität der Weichwährungsländer, um Deutschland zu irgendwelchen – marktabstrusen – geld- und währungspolitischen. Politische Metamorphosen ganz über Nacht gehören dazu. Für Willy Brand, Bundeskanzler, Friedensnobelpreisträger und SPD-Politker waren die Franzosen immer „schwierige Freunde“.

 

Wie ein Phoenix aus der Asche seiner finanzpolitischen Vergangenheit erhob sich Anfang 1985  der neue EG-Präsident, Jacques Delors, als er von Paris nach Brüssel wechselte. War er als Finanzminister an der Seine noch ängstlich bedacht, die französischen Kapitalverkehrskontrollen möglichst wasserdicht zu halten, so setzt er sich nun – 1985 – in Brüssel für eine liberalisierte europäische Währung ein. Die frankophone Kreation ECU soll nach seinen Vorstellungen möglichst bald allgemeines Zahlungsmittel für die Europäer werden. Der Name passt. Er hat seit dem 13. Jahrhundert französische Goldwährungstradition. Selbst die englische Aufschlüsselung der drei Buchstaben – European Currency Unit – ist für französische Mentalität erträglich. Es schadet dabei nicht, dass die Briten im Europäischen Währungssystem (EWS) gar nicht mitarbeiten. Ein anderer Umstand ist für die ECU nicht weniger akzeptabel, dass nämlich die deutsche Währung für die Werthaltigkeit der ECU steht, DM aber nirgends zu erkennen ist.

 

Einen besonderen Spaß macht dem ehemaligen französischen Finanzminister seine neue Position auch deshalb, weil Delors in Paris wegen der Kapitalverkehrskontrollen immer der gescholtene Anti-Europäer war. Von Brüssel aus stellt er nun die Deutschen in diese Ecke: Die Bundesbank hintertreibe die Weiterentwicklung des EWS und ließe die ECU nicht zur Vollform einer internationalen Währung auflaufen, meinte er.

 

Brüsseler Hierarchen können ohne jeden wirtschaftlichen Hintergrund derartiges behaupten und lautstark eine Gemeinschaftswährung fordern. Das irritiert die mittlerweile hart gesottenen Bundesbanker kaum und schon gar nicht ihre Politik. Ihre Position zum Thema ECU haben jetzt Präsident Pöhl und sein Außenminister, Leonhard Gleske, eindeutig markiert und zwar so:

 

Hinter der ECU steht keine Institution, die für ihre Wertstabilität verantwortlich wäre. Sie leitet sich nur von der sehr unterschiedlichen Stabilität und Qualität der im ECU-Korb befindlichen Währungen ab. Deshalb ist auch die Ausgabe von ECU-Banknoten und ECU-Münzen und deren Anerkennung als Zahlungsmittel nicht ohne weiteres vorstellbar.

 

Dennoch verfährt die Bundesbank mit der ECU weit liberaler als dies in anderen europäischen Ländern der Fall ist. Denn dort, wo die ECU als Devise behandelt wird, ist sie den jeweiligen Devisenbeschränkungen unterworfen. Ihr Nutzung wird dadurch weit mehr behindert als etwa in der Bundesrepublik, wo lediglich das Eingehen von Verbindlichkeiten in ECU bisher nicht zugelassen wird. Dagegen ist der Erwerb von ECU-Forderungen uneingeschränkt gestattet.

 

Der Stand der De-facto-Liberalisierung ist heute in Europa eher niedriger als Beginn der 60er Jahre. Vor allem Frankreich und Italien glauben nach wie vor auf weitgehende Beschränkungen des Kapitalverkehrs nicht verzichten zu können. Für eine Fortentwicklung des EWS wären die Liberalisierung und Komplettierung des Wechselkurssystems von weit größerer Bedeutung als eine verstärkte Verwendung der ECU im offiziellen wie im privaten Bereich.

 

Die offizielle ECU ist bisher weder konvertibel noch wird sie marktgerecht verzinst. Daher ist die Bedeutung sogar zurückgegangen. Keine europäische Notenbank hält ECU in größerem Umfange freiwillig in ihren Reserven, dafür umso höhere DM-Beträge.

 

Aber auch bei marktgerechter Verzinsung – eine Voraussetzung für die Andienung der ECU an andere Notenbanken – dürfte kaum hohe Nachfrage bestehen, weil ECU’s nur begrenzt verwertbar sind.

 

An der Erkenntnis, dass ein gemeinsamer Währungsraum mit festen Wechselkursrelationen letztlich nur durch hinlängliche Stabilität und Konvergenz der Wirtschaftsentwicklung und Wirtschaftpolitikern entstehen kann, geht kein Weg vorbei.

 

Außerdem fehlt die verantwortliche europäische Notenbank. Hier ist noch völlig unklar, welchen Grad der Autonomie, welche Aufgaben und welche Stellung gegen über nationalen Regierungen diese Institution haben soll. Auf jeden Fall werde – und hier besteht Einigkeit zwischen Bundesregierung und Bundesbank – die Übertragung von Notenbankfunktionen und die endgültige Übertragung von Währungsreserven auf eine supranationale Institution eine Änderung des EWG-Vertrages oder einen ratifizierungsbedürftigen völkerrechtlichen Vertrag erfordern.

 

Die Schaffung einer solchen Gemeinschaftsinstitution hätte aber weit reichende Konsequenzen für die Geldpolitik und die Geldverfassungen in den Gemeinschaftsländern. Das kann man im Rahmen eines weit gespannten Integrationskonzepts politisch durchaus wollen. Dann sollte man aber die Implikationen einer solchen politischen Entscheidung genau bedenken. Die ECU kann jedenfalls nicht Basis einer solchen Entwicklung sein, und sie sollte in der politischen Diskussion über die Währungsintegration auch nicht als Vorwand für die Durchsetzung solcher Ziele dienen.

 

 

Helmut Schmidt traktiert in Washington die Amerikaner

 

Der German Marshall Fund, eine deutsche Stiftung in den USA aus Dankbarkeit für den Marshall-Plan, hat mich (Mitte April 85) nach Washington eingeladen und so bin ich auf dem Weg dorthin: Zwei Tage Marshall Fund-Privatissimum über Devisenmarktprobleme und Weltwirtschaftsentwicklung. Dann schließt sich für zwei Tage der Interims-Ausschuß von IWF/Weltbank an. Eigentlich hatte ich gar nicht vorgehabt, mich während dieser Sitzung in Washington herumzutreiben, weil die versammelten Gouverneure keinen akuten Handlungsbedarf für die Regulierung des Weltschuldenproblems sehen. Wenn jene das so sehen, sehe ich es natürlich auch so. Damit gibt es für mich keine Aktualität.

 

Nun will aber mein Brüsseler Kollege eine WiWo-Titelgeschichte über die europäischen Kunstwährung ECU schreiben  (wahrscheinlich hat ihm das ein Interessent aus der Brüsseler Administration eingeredet). Er interviewt dazu den EG-Präsidenten Jacques Delors, der sich für die schnelle Einführung des ECU in ganz Europa einsetzt. Nicht nur das. Delors steht an der Spitze des französischen Stoßtrupps gegen die Bundesbank und gegen die D-Mark. Ich soll nun versuchen, Bundesbankpräsident Pöhl zu erreichen und mit ihm, dem eisernen Gegner der ECU (European Currency Unit), ein eben solches Gespräch zu führen. Bis jetzt bin ich nicht sehr hoffnungsvoll, dass das klappt.

Abends zittere ich – Miniskus angeschlagen –  zu einem Vortrag mit Altkanzler Helmut Schmidt. Auch Schmidt ist auf Einladung des German Marshall Fund hier. Er soll über ein selbst gewähltes Thema reden und wie es so seine Art ist, tritt er als ganz großer Staatsmann auf, als Weltökonom ohnehin immer. Seine Ausführungen sind aber eher kläglich und bissig. Er beschimpft die Amerikaner wegen ihrer hohen Staatsdefizite und laxen Militärpolitik. „Sie setzen alles auf die Karte der Atombombe und unterhalten ein viel zu kleines stehendes Heer.“ Da seien die Deutschen schon ganz andere Kerle. „Wenn heute Kanzler Kohl“, so der Exkanzler im Washingtoner Regent Hotel, „auf den Mobilisierungsknopf drückt, dann stehen 1,25 Millionen Deutsche unter Waffen, weil in der Bundesrepublik Wehrpflicht gilt.“

 

Was aber haben die Verbündeten zu bieten, wenn sie nicht gleich zur Atombombe greifen wollen? „Bestenfalls 225 000 Amerikaner, ein paar Tausend Franzosen, Holländer und Belgier und in Dänemark: einen ganzen General!“ Vor Beginn des Vortrags kommt es zu einem kleinen Zwischenfall. Ein amerikanischer Politiker, wahrscheinlich Jude, wahrscheinlich Republikaner, griff Schmidt wegen seiner offen geführten Ostpolitik an. In Deutsch rief der Mann immer wieder: „Herr Schmidt, wann kommen die Russen?“ Helmut Schmidt hat in den 70er Jahren eine Annäherung an die Sowjetunion gesucht. Diese Entspannungspolitik, die auch zu einem zweimaligen Besuch des sowjetischen Staats- und Parteichefs Leonid Breschnew in Deutschland geführt hat, war in den USA nicht gut angekommen. Schmidt und Breschnew haben u. a. eine gemeinsame Deklaration unterzeichnet, nach der die Ost-West-Entspannung ausgebaut und das Wettrüsten eingedämmt werden soll.

 

Der Altkanzler, der gemeinsam mit Giscard d’Estaign als Vater der ECU gelten kann, hatte in Richtung Bundesbank nur beißenden Spott parat: „Wenn es nach der Bundesbank geht, brauchen wir Europa überhaupt nicht zu bauen. Dass wir wirtschaftlich und verteidigungsmäßig von den anderen abhängen, interessiert die gar nicht.“ Schmidt ist zwar auch Ziehvater von Bundesbankpräsident Pöhl. Dieser hat sich aber noch weniger nach seinen Erwartungen entwickelt als die ECU.

 

Lyon: Europäisches Finanzzentrum der Extraklasse

 

Die französische ECU-Euphorie hat bereits in der Provinz merkwürdige Blüten getrieben. Wo sich die Saone mit der aus der Schweiz heran flutenden Rhone vereinigt, liegt von Paris aus betrachtet die Provinzhauptstadt Lyon. Die Nähe zur schwerreichen Schweiz mit dem starken Franken und Genf mit der langen Tradition als Finanzzentrum inspiriert offenbar die Väter der Seidenstadt. Sie wollen künftig im internationalen Finanzgeschäft mitmischen, Geldstrippen ziehen wie die Gnome aus der Zürcher Bahnhofstraße, ganz oben mitspielen. Immerhin ein interessanter Einfall, nur fehlt der Seiden betuchten Stadt die richtige Währung dafür. Der Französische Franc taugt noch lange nicht dafür und eine eigene Währung hat die Stadt vor langer Zeit das letzte Mal besessen, sie neu zu beleben wäre unmöglich. Man muss also nehmen, was zu haben ist: Die europäische Pseudo-Währung ECU.

 

Und weil Lyon Finanzzentrum mit dem ECU werden will, wurde dort schon 1982 das so genannte Förderungs- und Forschungszentrum CEPREM gegründet. Diese ECU-Lobby, die überwiegend von Lyoner und anderen französischen Banken, aber auch von luxemburgischen Kreditinstituten und den Börsen beider Städte finanziert wird, hatte jetzt ihre Jahrestagung bei der Dresdner Bank in Frankfurt. Warum gerade dort? Weil die Dresdner in Lyon eine feine Tochtergesellschaft besitzt, die Privatbank Morin-Pons. Politische Bedeutung erhält die CEPREM  durch ihren Ehrenpräsidenten, den ehemaligen Regierungschef von Luxemburg, Pierre Werner (der sich schon durch den Werner Plan 1972 in Sachen Ankratzen der Bundesbank einen Namen gemacht hat), und Gaston Thorn, dem ehemaligen Präsidenten der Kommission der Eruopäischen Gemeinschaft, der gegenwärtig Präsident der Internationalen Bank in Luxemburg ist.

 

Sie und die übrigen CEPREM-Mitglieder wollen, dass die Index-Währung ECU, die 1979 einmal zur Verrechnung unter den Zentralbanken kreiert worden ist, zunächst allseits anerkanntes und dann möglichst alleiniges Zahlungsmittel innerhalb der Europäischen Gemeinschaft wird. ECU erst auf alle Konten und nach 1995 in die Taschen der Europäer, lautet hier die Devise.

 

In diesem Punkte kennt die Bundesbank, die gesetzlich für die Geldwertstabilität in Deutschland und damit auch in Europa verantwortlich ist, allerdings kein pardon. Für sie ist die ECU nach wie vor keine Währung. Als Währungskorb oder Index sind ECU-Verbindlichkeiten nach Auffassung unserer Notenbank sogar genehmigungspflichtig. Genehmigungen wurden bisher nicht erteilt.

 

Jetzt argumentieren die Europäer aus Luxemburg, Thorn und Werner, sowie die Bankiers aus Lyon: Helft Europa weiter über die Runden, erkennt die ECU doch endlich an. In dieser Mission will Thorn in den nächsten Wochen auch bei Pöhl vorsprechen. Eine Währung ist aber ein hoch sensibles Ding. Da müssen sich nicht nur Notenbanken und Regierungen anstrengen, sie stabil zu halben, dazu sind ganze Volkswirtschaften aufgerufen. Die größten Erfolge hat hier die Bundesrepublik zu verzeichnen, vielleicht ist noch die Schweiz im selben Atemzug zu nennen.

 

Eine langfristig intelligent angelegte Geldpolitik hat die Inflation zu einem rostigen Nagel werden lassen und die Mark stark gemacht. Bei aller Europaliebe kann dies nicht so einfach drangegeben werden. Wer soll den künftig für diese Währung verantwortlich zeichnen. Pierre Werner brachte den Vergleich: Die Abgabe der Landwirtschaft der EG-Staaten an Brüssel sei annähernd vergleichbar mit der Hergabe der Währungssouveränität. Das soll uns aber bitte erspart bleiben, dass bei Geld eine derartige Misswirtschaft einreißt wie in der EG-Agrarpolitik. Wer soll also für eine harte europäische Währung verantwortlich sein? Eine Europäische Bundesbank“, gab Werner zur Antwort. Und wo soll sie stehen? Da wusste Gaston Thorn Rat: „In Luxemburg.“ Ihm fiel dabei nicht einmal Lyon ein, nicht einmal jene Bankiers, die ihn auf die Reise geschickt hatten. Wo bleibt da also der Finanzplatz Lyon? Das soll jedoch nicht unsere Frage sein.

 

Wo bleibt Frankfurt, wo bleibt der Finanzplatz Deutschland, ist hier eher die Frage. Da muss doch der hessische Wirtschaftsminister, Ulrich Steger, zitiert werden: „Der Finanzplatz Deutschland findet in Frankfurt statt und die europäische Notenbank gehört an den Main.“ Zitat Ende. – Mit Verlaub, das ist kein Votum gegen Europa, sondern nur eine Wettbewerbsfrage zwischen den europäischen Finanzzentren.

 

 

 

Otmar Emminger: Blücher im Kampf um die Geldwertstabilität

 

Auch mit seinen 75 Jahren (1986) ist Altbundesbankpräsident Otmar Emminger ein streitbarer Herr geblieben. Den Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie maßregelte er vor dem so genannten Hessischen Kreis der Arbeitgeber: „Sie meinen, die deutschen Unternehmer wissen nicht, worum es bei der Änderung des Paragraphen 116 Arbeitsförderungsgesetz (AFG) geht? Dieses Armutszeugnis stellen ich diesen Leuten nicht aus.“ Der große alte Mann der Bundesbank kann sich auch diese Bemerkung leisten: „Es ist nur in unserem überdrehten Rechtsstaat, wo sogar die Schulnoten anfechtbar sind, möglich, dass eine Bankengruppe die Bundesbank vor den Richter bringt, nur weil ihr die neue Mindestreservestruktur nicht gefällt.“

 

Sein wacher Verstand und die hohe Sachkenntnis, mit der Emminger in Diskussionen und Vorträge hineingeht, qualifizieren ihn bis heute zu einem begehrten Berater in Wirtschaft und Politik, diesseits und jenseits der Grenzen.

Weltpolitische Themen diskutiert Emminger regelmäßig mit dem ehemaligen amerikanischen Außenminister Henry Kissinger, der Anfang der 70er Jahre das kommunistische China für den Westen geöffnet hat. Beide Grandseigneurs sitzen im Beirat der hochfeinen Investmentbank Goldman, Sachs & Co. und treffen sich dort jährlich drei- bis viermal. In der Bundesrepublik hat sich die Deutsche Pfandbriefanstalt. Sie machte den Zentralbanker  zu ihrem Präsidenten des Verwaltungsrates.

 

Hauptamtlich schreibt der Altbundesbankpräsident aber Memoiren, und zwar in einem bescheidenen Büro unterm Henninger Turm, das ihm der ehemalige Henninger-Bräu-Besitzer, Konsul Schubert, gratis zur Verfügung stellt. Eine Graphik des spanischen Malers Joan Miró dekoriert den etwas düsteren Raum. Seine Kunstleidenschaft gilt allerdings den Expressionisten, die er von früher Jugend an mit gutem Gespür und umso geringerem Kapitaleinsatz sammelt.

 

Emmingers zentrales Thema in Politik und Wissenschaft ist die Inflationsbekämpfung, bei der er als langjähriger „Außenminister“ der Bundesbank meist die außenwirtschaftliche Front abgesichert hat. „Wer mit der Inflation flirtet, wird von ihr geheiratet“, warnt der Geldwertmoralist unablässig.

 

In „D-Mark, Dollar, Währungskrisen – Erinnerungen eines ehemaligen Bundesbankpräsidenten“ beschreibt Emminger die bundesdeutsche Geldgeschichte der Nachkriegszeit ebenso, wie er Geschichte der Geldpolitik gemacht hat. Um den von ihm für richtig erkannten Stabilitätskurs durchzupauken, hetzt er seinen Chef, den ehemaligen Präsidenten, Wilhelm Vocke, gegen Adenauer auf. Mit Helmut Schmidt legte er sich persönlich an.

 

Emminger hat als Bundesbankpräsident (1977-1979) mit seiner Geldpolitik den Grundstein für die Preisstabilität bis hin zur Null-Inflation in den 80er Jahren gelegt. Er schuf die Voraussetzung dafür, dass die Teuerung, wie es Superminister Karl Schiller einmal ausgedrückt hat, so tot wie ein rostiger Nagel ist. „Die eigentliche Wende in der Geldpolitik begann am 14. Dezember 1978“, schreibt Emminger in seinen Memoiren. Dass zusammen mit dem Geldmengenziel damals Restriktionsmaßnahmen beschlossen wurden, sollte nach außen demonstrieren, dass die Bundesbank auch im (politisch erzwungenen) europäischen Währungssystem (EWS) die Stabilitätspolitik fortzusetzen gedenkt.

 

Zum offenen Konflikt mit der Bundesregierung wegen der straffen Geldmengensteuerung über knappes Geld kam es am 18. Januar 1979. Während der Pressekonferenz nach der Zentralbankratssitzung zog Staatssekretär Lahnstein offen gegen die Notenbanker vom Leder: Weder er noch sein Minister hätten einen Handlungszwang für die Erhöhung von Lombardsatz und Mindestreserven gesehen. Die Lahnstein-Demarche war verglichen mit dem Auftreten Adenauers gegenüber Frankfurt allerdings harmlos. Kanzler Konrad Adenauer hatte im Oktober 1950 eine Erhöhung der Leitzinsen schlicht verboten, was ihm aber wenig half: Der Zentralbankrat setzte sich um zwei Prozentpunkte herauf und ließ sich seitdem von der Regierung nicht mehr hineinreden. Fünf Jahre später hat Adenauer nach einer Leitzinserhöhung in der berüchtigten Gürzenich-Rede nur noch geschimpft, ohne irgendetwas ausrichten zu können. Der deutschen Konjunktur sei ein schwerer Schlag versetzt worden. Auf der Strecke würden die Kleinen bleiben, die kleinen Industrien, die Handwerker und Landwirte. „Das Fallbeil trifft die kleinen Leute und deswegen bin ich sehr betrübt.

 

Nach der Diskont- und Lombardsatzerhöhung vom 12. Juli 1979 protestierte lautstark das Ausland. In den USA sprach man vom Zinskrieg. Der Vorsitzende des Sachverständigen-Ausschusses des Kongresses, Schultz, wetterte: „Die Politik der Federal Reserve wird heute wahrscheinlich mehr in Frankfurt als in Washington gemacht.“ Hinter all diesen Aktionen stand der zähe Emminger mit seinem pragmatischen Monetarismus. Vom Theoretiker Milton Friedman hat er sich nur die Aggregate ausgeliehen. Eine Menge realistischer Wirtschafts- und Finanzpolitik kam dazu und etwas Glück. Heraus kam die härteste Währung der Welt. Eigentlich hätten die Bundesbank und Emminger ebenso wie Friedman den Nobelpreis erhalten müssen, insinuiert mir der drahtige Geldakrobat.

 

Die Bundesbank ist faktisch die einzige Zentralbank, die heute noch zur Inflationszügelung Geldmengensteuerung betreibt, pragmatisch und erfolgreich von Anfang an. Der Mann mit dem richtigen Kompass war stets Emminger. Selbst seine Kollegen und Vorgänger-Präsidenten musste er wiederholt vom falschen Kurs weglotsen und in die richtige Fahrrinne setzen.

 

Nach der Währungsreform hat Emminger jahrelang an die Kollegen im Zentralbankrat hinreden müssen, bis auch sie von der Notwendigkeit einer D-Mark-Aufwertung überzeugt waren. „Nur Ludwig Erhard und ich“, so  der Altbundesbankpräsident, „waren anfangs dafür gewesen“. Und Erhard fiel immer wieder um, wenn es darum ging, die notwendige Mark-Aufwertung in seiner Regierung durchzusetzen. „Wir brauchen sie aber“, wurde Emminger nicht müde zu argumentieren, „um die interne Stabilitätspolitik abzusichern.“

 

Das Jahr 1958 war eines der wenigen Jahre, auf das die Bundesbank mit Befriedigung zurückblickte und dem sie ausdrücklich bescheinigte, dass in ihm „die Wirtschaft dem berühmten ‚Magischen Dreieck’ währungs- und wirtschaftspolitischer Zielsetzung – optimale Beschäftigung, Preisstabilität und Gleichgewicht der Zahlungsbilanz – näher war als in wohl jedem der vorangegangenen Jahre, erinnert sich Emminger. Als äußere Krönung der währungspolitisch erfolgreichen Zeit trat 1958 der Übergang der D-Mark und einer Reihe anderer europäischer Währungen zur Konvertibilität hinzu. Gleichzeitig wurde die Europäische Zahlungsunion aufgelöst und damit die bisherige regionale Differenzierung zwischen Dollarraum und EZU-Raum im Zahlungsverkehr beseitigt. „Die Harmonie des binnen- und außenwirtschaftlichen Gleichgewichts ging aber schon nach eineinhalbjähriger Dauer im Jahre 1959 wieder verloren.“ (Emminger)

 

Im Frühjahr 1961 waren schließlich der damalige Bundesbankpräsident, Karl Blessing, sowie der Zentralbankrat überzeugt und Erhard soweit festgenagelt, dass er zur Sache stand und im Kabinett die nötigen Beschlüsse durchsetzte. Emminger hatte aber noch eine weitere Hürde zu nehmen. Als er in Washington beim Internationalen Währungsfonds die D-Mark-Aufwertung persönlich ankündigte, fuhr ihn der damalige Präsident, Per Jacobsson an: „Was haben Sie Schurke gemacht?“

In das Weltbild des IWF-Präsidenten passte es damals durchaus nicht, dass sich der Kriegsverlierer Deutschland klamm heimlich daran macht, das eherne Bretton- Woods-System anzusägen.

 

Emmingers frühe Jahre

 

Schurkisches wurde Emminger schon früher einmal nachgesagt. Als sich der junge Gerichtsreferendar und Nationalökonom bei Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin bewarb, schaltete dessen Präsident, Professor  Wagemann einen Graphologen ein. Das Ergebnis war vernichtend. Er, Emminger, sein ein aufmüpfiger, revolutionärer Geist, war aus der Schrift zu lesen. So einer könnte seinem Institut mehr schaden als nützen. Emminger war abgelehnt.

 

Tatsächlich hatte Wagemann Probleme mit einem Nazi- und einem liberalen Flügel unter seinen Wissenschaftlern. Der Professor, der gleichzeitig Präsident des Statistischen Reichsamtes war, wollte das mühsam erreichte Gleichgewicht nicht durch einen jungen Revoluzzer stören lassen. Erst als Eduard Wolf, der Chefvolkswirt des Instituts, mit dem eigenen Ausscheiden drohte, wenn Emminger nicht eingestellt würde, wurde Wagemann weich. Die drei Wirtschaftswissenschaftler verband bald eine persönliche Freundschaft, die für Emminger nach dem Krieg noch einmal sehr nützlich werden sollte, als ihn Wolf in die Bank deutscher Länder nachzog.

 

Im Wagemann-Institut zeigte der Revoluzzer bald seine ganz Aufmüpfigkeit. Der Adolf-Weber-Schüler gehörte in den 30er Jahren zu den wenigen Währungsexperten des Reiches. Er hatte über das Thema „Diskontpolitik oder gleitende Währung als Mittel des Zahlungsbilanzausgleichs“ am Beispiel Englands promoviert. Als damals alle Experten des Reiches den starren Wechselkurs der Mark wie ein Gralsheiligtum hüteten, verfasste er am Institut ein Memorandum zur Abschaffung der rund drei Dutzend verschiedenen Wechselkurse, anhand derer der Wirtschaftsverkehr mit dem Ausland abgewickelt wurde. Seine Conclusio hieß: Die Reichsmark um 20 Prozent abwerten, dann haben wir, was wir brauchen, nämlich einen realistischen und einheitlichen Außenwert der Mark mit allen Vorzügen für Ex-und Import.

 

Wagemann warf das „Pamphlet“ in den Papierkorb. Dennoch hielt sich Otmar Emminger für schlau  und akzeptiert genug, sich bei der Reichsbank zu bewerben. Die Herren im Hause von Hjalmar Schacht lehnten mit drei Zeilen und deutschem Gruß ab. Otmar Emminger, dessen Vater 1923/24 in Berlin Reichsjustizminister gewesen war, hatte mit der braunen Riege nie ein sonderlich gutes Verhältnis. 1933 kam er aus London, wo er studierte, in seine Heimatstadt Augsburg eiligst angereist, um seiner Familie beizustehen, denn sein Vater wurde gleich nach der Machtergreifung Hitlers für ein Dutzend Monate eingesperrt.

 

Fünf Jahr später hatte der Jura-Absolvent Mühe, die Zulassung zum Assessor-Examen zu erhalten. Schließlich riet ihm sein Vater, doch in die NSDAP einzutreten, wie es verlangt war. Er tat’s und wurde Volljurist. Seines revolutionären Geistes wegen flog er bald wieder aus den braunen Reihen. „Die besten Jahre meines Lebens“, so der Altbundesbankpräsident heute, „habe ich dann bei der Wehrmacht verbringen müssen.“ Sechs Jahre waren perdu, aber die besten sollten erst kommen. Von 1949 bis 1979 war Emminger die beherrschende Persönlichkeit der deutschen Währungsszene, als Chefvolkswirt der Notenbank, im Direktorium und dann Präsident. Neben dem Bundesbank-Management und seinen Verpflichtungen beim Internationalen Währungsfonds, bei der BIZ Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, beim Zehner-Club. Er hat für „Die Verteidigung der D-Mark“ (Emminger-Buchtitel) gekämpft.

 

Otmar Emminger kontra James Tobin

 

Es war immer wieder eine Freude, Otmar Emminger unterm Henninger Turm bei seiner Spurensuche in der Vergangenheit zuzuhören. Im Herbst vergangenen Jahres hat er den Oberen in Rotchina, Grundkenntnisse der Geldpolitik zu vermitteln versucht. Wer freie Unternehmerschaft will, braucht eine straffe Geldpolitik, hat er im Reich der Mitte Parteikadern gepredigt, die weder das eine noch das andere kannten.

 

Während in Peking mehrere tausend Funktionäre mit Pomp und Palaver den neuen Fünfjahresplan verabschiedeten, schipperte eine elitäre Schar von internationalen Wissenschaftlern und heimischen Volkswirten den Yangtse hinunter. Die Gruppen hier wie dort, so unterschiedlich sie auch waren, hatten fast identische Ziele: die mittelfristige Wirtschaftslenkung in China.

 

In Peking wurden die Pläne verabschiedet und auf dem Luxusdampfer rund 2000 km weiter südlich intensiv über die Rahmenbedingungen dafür diskutiert. Zu beiden Veranstaltungen hatte Ministerpräsident Zhao Ziyang geladen, der selbst zu den fähigsten Wirtschaftsexperten des riesigen Staates gehört. Seine Leute, so wollte es Zhao, sollten die Kniffe der Marktwirtschaft erlernen. Also hatte er die Weltbank aufgefordert, auch Experten aus Europa und den USA zu sich ins Reich der Mitte zu schicken, um marktwirtschaftliche Aufklärung zu leisten.

 

So kamen Emminger und der amerikanische Nobelpreisträger James Tobin auf die Nobeldschunke im Yangtse. Nach Zhaos Vorstellungen  sollten aber auch Experten aus osteuropäischen Ländern nicht fehlen, die ähnliche Probleme zu bewältigen hätten wie China selbst: Raus aus der Planwirtschaft und rein in die Marktwirtschaft. Außerdem musste ein Japaner dabei sein, denn Zhao hatte erst wenige Monate vorher eine Untersuchung in Auftrag gegeben mit dem Thema: Sind japanische und deutsche Erfahrungen beim Wirtschaftsaufbau nach 1945 auf die heutige Lage in China zu übertragen. Hier könne er aus erster Hand erfahren, so die Überlegungen des Ministerpräsidenten, ob die Entwicklungen in Japan und Deutschland beispielhaft seien.

 

Hier konnte Emminger einhaken: „Die beiden Kriegsverliererstaaten“, so der Altbundesbankpräsident damals im Gespräch mit Zhao, „sind mit dem China der 80er Jahre nicht vergleichbar“. Deutschland habe zwar eine Zwangswirtschaft gehabt, kriegsbedingt, verfügte damals aber immerhin schon über einbrauchbares Bankensystem und nach der Währungsreform über eine Geldwirtschaft, auf die man schnell eine freie Marktwirtschaft aufbauen konnte. Außerdem gab es schon eine traditionsreiche Unternehmerschaft. „Wir mussten nur die Regeln etwas ändern.“ Zhao sinnierte: „Da haben Sie recht. Wir müssen dies alles erst aufbauen.“ Und dann vertraute Emminger dem Gastgeber seine ganze Weisheit an, die zum Kern die Inflationsbekämpfung hat: „Wer aus der Planwirtschaft heraus, Unternehmern mehr Freiheit geben, die Wirtschaft liberalisieren will, muss gleichzeitig eine straffe Geld-, Finanz- und Wirtschaftspolitik einführen, sonst galoppiert die Teuerung.“ „Darauf trinken wir, gampei!“ Der hat’s kapiert freute sich der Deutsche. „Zhao war einer der ganz wenigen.“

 

Nach den großen Erfolgen vor fünf Jahren bei der Privatisierung in der Landwirtschaft hat China zunehmend Probleme bei der Liberalisierung der Industriewirtschaft in den Städten. Die Teuerung nahm stark zu und die Devisenreserven schmolzen dahin. Jetzt soll eine marktorientierte Wirtschaftsreform die Industrieproduktion in 20 Jahren vervierfachen.

 

Die meisten der anwesenden Chinesen hatten von Anfang an Verständnisprobleme und die Uneinigkeit der westlichen Berater machte es ihnen nicht leichter, die Grundzüge von Globalsteuerung und Geldpolitik zu begreifen.

 

„Gestatten, ich bin Keynesianer“, so pfuschte Nobelpreisträger Tobin dem redlich argumentierenden Altbundesbankpräsidenten in die Diskussion: „Sie, Herr Emminger unterstellen“, so repetiert der Deutsche die Rede Tobins, „dass aus kräftigen Lohnerhöhungen gleich Übernachfrage, also eine Lohninflation entsteht.“ Das müsse doch im Einzelnen erst untersucht werden, meinte der preisgekrönte Theoretiker zur unrechten Zeit. Auch für Emminger sind Keynes und seine Gefolgschaft mit ihren theoretischen Ergüssen kein Neuland. Nur passten die Tobin-Thesen nicht in den Nachmittag, wo den Chinesen die Grundfragen der Inflationsentstehung und die Bekämpfung der Teuerung beigebracht werden sollten.

Auch von den Osteuropäern kamen kaum nützliche Vorschläge. Die Experten aus Jugoslawien, Ungarn und Polen entpuppten sich auf dem chinesischen Schicksalsstrom als Dissidenten ihrer heimatlichen Ideologien. Sie schimpften auf die Entwicklung zu Hause und rieten den Kompagnons im Kommunismus, sofort die marktwirtschaftlichen Schleusen zu öffnen und der zentralen Verwaltungswirtschaft restlos den Garaus zu machen. Dreiviertel der ungarischen Volkswirtschaft seien noch staatskontrolliert, erst 25 Prozent liberalisiert. Und für dieses schwache Ergebnis hätte das ganze Land 15 Jahre gearbeitet. Schnell alles über Bord sei das Beste, war der übereilte Rat des Magyaren.

 

Nach Aussagen Emmingers war Brauchbares nur vom Deutschen zu erfahren. „Wer Unternehmen sich frei entfalten lassen will, muss eine straffe Geld-, Finanz- und Wirtschaftpolitik verfolgend, trommelte der Altbundesbankpräsident schon nach dem Frühstück morgens um acht und abends beim Diner mit 25 Gängen immer noch. Aber auch bei der Peking-Ente konnte der drahtige Deutsche den Chinesen die Schoße nicht immer schmackhaft machen. Einige verstanden kein Englisch, andere war so in ihrem traditionellen Denken verhaftet, dass Emminger an deren Gesichtern ablesen konnte, dass seine Lehre ihre geistige Leere nicht ausfüllen konnte.

 

Selbst der Notenbank-Vize, der im März 1985 schon mit ansehen musste, dass sein damaliger Che Li Peijan wegen Unfähigkeit gegen die klevere Dame Chen Muhua ausgetauscht worden war, horchte eher nach innen als auf die Heilsbotschaft aus dem Westen. „Das Beste ist“, so fasste Emminger am Ende der Wasserfahrt zusammen, „Sie schicken einige Leute zur Bundesbank, um das nötige Rüstzeug zu lernen.“ Gesagt getan.  (Aktiv mit einem Entwicklungshilfeprogramm befasst, ist Otmar Emminger am 3. August 1986 überraschend in Manila gestorben.)

 

 

Ausländer im Bundesanleihekonsortium

 

Für den Vorstandsvorsitzenden der gewerkschaftseigenen BfG Bank für Gemeinwirtschaft liegen die Dinge klar auf der Hand: Mit der Öffnung des Bundesanleihekonsortiums für Ausländer ist die Bundesbank über das Ziel hinausgeschossen. „Dafür habe ich kein Verständnis“, rüffelte Thomas Wegscheider am 19. Juni 86 vom 36. Stockwerk seiner Konzernzentrale in der Frankfurter Kaiserstraße auf die hinter dem Grüneburg Park verschanzte Bundesbank.

 

„Wir hätten für die BfG eine Aufstockung der Quoten erwartet, jetzt ist das Gegenteil der Fall.“ Jede fünfte Anleihe-Mark der Bundes-Emissionen von Bund, Post und Bahn geht künftig sofort in die Portefeuilles von Auslandsbanken, die in Frankfurt Tochtergesellschaften unterhalten.

 

Das gute alte Anleihe-Konsortium von 1952 ist tot. Mit der sechsprozentigen Postanleihe über zwei Milliarden Mark vom 24. Juni hat es seinen Geist aufgegeben. Direktoriumsmitglied Claus Köhler hat es nicht anders gewollt und steht damit im Einvernehmen mit dem Zentralbankrat. Nach seinen Vorstellungen  kann offenbar die Restliberalisierung des deutschen Kapitalmarktes vom Mai 1985 nur dauerhaft und überzeugend sein, wenn Auslandsbanken bis ins Allerheiligste der öffentlichen Schuldenmaschinerie hereingelassen werden und dann noch mit diesen fetten Quoten.

 

Denn zu den 20 Prozent, die mit der nächsten Bundesanleihe über vier Milliarden Mark im Juli den Ausländern zugestanden werden, kommen noch die Anteile deutscher Banken, die bisher schon mehrheitlich im Auslandsbesitz waren, wie Trinkaus in Düsseldorf oder die Deutsche Länderbank in Frankfurt, die neuerdings, die neuerdings Schweizerische Bankgesellschaft Deutschland AG heißt. Bis zu 30 Prozent spielen also künftig die Ausländer bim konsortialen Schuldenmanagement des Bundes und seiner Sondervermögen mit. Nicht genug damit. Wie bisher schon Trinkaus wird demnächst  noch eine weitere Auslandsbank sogar im engeren Ausschuss des Bundesanleihekonsortiums sitzen, dessen Führung seit Jahr und Tag in Händen der Bundesbank liegt.

 

Claus Köhler, der im Direktorium der Deutschen Bundesbank das Dezernat II Geld und Kredit leitet, ist allerdings nicht aus allzu weichem Holz geschnitzt. Er will durchaus nicht vorschnell die Interessen seines Hauses oder der deutschen Banken-Gemeinde verspielen. Er verlangt Reziprozität der Geschäftsmöglichkeiten deutschen Banken in den Partnerländern. Außerdem hat er Sicherungen bei der neuen Quotenaufteilung eingebaut.

 

Köhler liegt viel an einer dauerhaften Unterbringung einer Anleihe am Markt und dafür sind seines Erachtens vier Säulen notwendig:

 

Das Konsortium muss die Anleihen dauerhaft, d. h. mindestens für ein Jahr übernehmen und unterbringen.

 

Dafür erhalten seine Mitglieder eine Bonifikation.

 

Sollte die Anleihe vor Jahresfrist wieder auf den Markt kommen, muss der größte Teil der Bonifikation wieder zurückgegeben werden.

 

Schließlich rundet das System ein Interventionsmechanismus ab. Die Bundesbank will den Markt wie bisher mit leichter Hand regulieren. Es soll gewährleistet sein, dass möglichst Bezahlt-Kurse zustande kommen.

 

Nichts überlässt Claus Köhler gerne dem Zufall. Wenn er die Ausländer mit ins Boot holt, werden ihnen nicht nur dieselben Auflagen wie den Inländern unterbreitet. Sie sollen sich darüber hinaus gemeinsam mit der Bundesbank Gedanken über die Reservewährung D-Mark machen, die es in Krisenzeiten auch einmal zu schützen gilt. Nicht das Schön-Wetter-Konsortium hat Köhler im Sinn. Er will sich ein allwettertaugliches Instrument schaffen, frei nach der Bundesbahnwerbung: alle Wetter – die Mark.

 

Seine Devise heißt: Nicht nur den Absatz für Bundespapiere sichern sondern möglichst gleichzeitig ein sicheres Auffangbecken für die D-Mark schaffen. Kanäle einziehen für die wachsenden Milliarden-Ströme, damit in turbulenten Währungszeiten die Deutsche Mark nicht wie verendete Fische vor der Bundesbank in Frankfurt abgeladen werden. Die Strategie leuchtet ein: Erst die Banken aus der Schweiz, aus den USA, Japan und dem Rest der Welt nach Deutschland holen. Sie hier Tochtergesellschaften nach deutschem Recht gründen lassen, damit einbinden in das Steuerungssystem der Zentralbank und ihnen zusätzliche Aufgaben für Marktregulierungen im Ausland unterschieben.

 

So könnte ein tragfähiges Gerüst für den D-Mark-Block geschaffen werden, der nur in Teilbereichen mit dem Europäischen Währungssystem (EWS) deckungsgleich ist. Diese Art hintergründiger Strategie ihrer Notenbank wollen die deutschen Geschäftsbanken nicht gerade mit Enthusiasmus fördern.

 

 

 

Ewige Rangeleien mit Frankreich

 

In der ersten Woche des Januar 1987 ist die Bundesregierung unter Beschuss geraten: Sie soll die D-Mark aufwerten, am besten im Alleingang um rund fünf Prozent. Das ist die Forderung Frankreichs. Für die Franzosen ist dagegen eine einseitige Franc-Abwertung aus Prestige-Gründen kein Thema. Das war schon immer so, angefangen von de Gaulles Zeiten bis heute. Bonn aber zeigte sich noch spröde. Regierungssprecher Friedhelm Ost und Wirtschaftsminister Martin Bangemann haben das französische Ansinnen abgeblockt. Beide Politiker wissen zwar ganz genau, dass es eine Kursanpassung geben muss, weil die außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte innerhalb der Europäischen Gemeinschaft zu groß geworden sind. Die Bundesrepublik platzt mit ihren Handelsbilanzüberschüssen von über 100 Milliarden Mark aus allen Nähten. Aber Bonn will mit sich nicht so umspringen lassen.

 

Gegenüber dem Dollar finden solche Anpassungen tagtäglich auf den Devisenmärkten statt. Im Europäischen Währungssystem mit seinen relativ festen Kursen muss bei Schwankungen von über 4,5 Prozent von den Regierungen jeweils die Neufestsetzung der Kurse beschlossen werden. Deshalb ist Bonn politisch und ökonomisch gefordert. Auch die Bundesbank erkennt diese Zwänge an. Am 12. Januar kam es zur notwendigen Ministerübereinkunft. Deutschland wertete die D-Mark um drei Prozent auf, ebenso wie die italienische Lira. Der Belgien-Franc zog mit zwei Prozent nach. Seit der Gründung des EWS 1979 hat es damit schon sieben Kursanpassungen gegeben.

 

Obwohl die ganze Geschichte wegen des Franc notwendig wurde, blieb die französischen Währung im nominalen Außenwert unverändert. „Während die Bundesbank monierte, dass die Paritätsänderung wiederum erst unter dem Druck der Ereignisse erfolgt ist, beklagte die französische Seite eine mangelhafte deutsche Zusammenarbeit, obwohl die Bundesbank im Dezember 1986 und bis zum 9. Januar 87 mit 36,1 Milliarden Mark im EWS intervenierte.“ (50 Jahre Deutsche Mark/S. 808) Die Interventionen waren ganz überwiegend zugunsten des Francs erfolgt. Frankreich nörgelte aber weiter an der dominanten Stellung der Bundesbank im EWS herum und forderte diese „Asymmetrie“ zu beseitigen. „Andererseits erlaubte es die an der D-Mark orientierte Stabilitätspolitik den französischen Politikern, sich das Verdienst der Inflationssenkung zuzuschreiben, während die Bundesbank für etwaige negative Beschäftigungsfolgen der Desinflation verantwortlich gemacht werden konnte.“ (50 Jahre Deutsche Mark) Damit war Paris voll zufreiden.

 

Dollar im Visier:

Pariser Währungsgipfel im Louvre

 

Im Verlauf des vergangenen Wochenendes hätte man zeitweise vermuten können, dass sich der Pariser Währungsgipfel zu einer Krisensitzung zur Absicherung des Weltwährungssystems ausweitet. Grund genug dafür gab es. Schon am Freitag (20.2.87) hatte die Weltbank auf die katastrophale Finanzlage der Dritten Welt hingewiesen, die mittlerweile mit über einer Billion Dollar bei den reichen Nationen in der Kreide steht. Und wenig später hatten dann Brasilien und Argentinien, die – wenn man einmal von den USA absieht – höchst verschuldeten Länder dieser Erde, einseitig ein bisher nicht limitiertes Zinsmoratorium verhängt. Verkünden noch andere Länder Moratorien dieser Art, so würden in westlichen Bankbilanzen nach und nach einige hundert Milliarden Dollar als uneinbringbar

deklariert werden müssen. Dann kracht es im Gebälk des Weltfinanzsystems ganz erheblich. Nur äußerst geschicktes Schuldenmanagement auf aller höchster Ebene könnte dann den reihenweisen Zusammenbruch von Bankinstituten verhindern.

 

Auf der Weltwährungskonferenz in Paris war von krisenhafter Zuspitzung aber nichts zu verspüren, wenn man einmal von der beleidigten Reaktion der Italiener absieht, die gerne als „G-7“ und den jetzigen Großen Sechs ganz oben im Weltfinanzgeschehen mitmischen würden, deren Finanzpolitik und damit deren Währung aber durchaus nicht qualifiziert genug sind. Offiziell gingen die im Louvre versammelten Finanzminister und Notenbankchefs der sechs wichtigsten Wirtschaftsmächte – USA, Japan, Bundesrepublik, Frankreich, Großbritannien und Kanada – nicht auf die Weltschuldenkrise ein. Sie hatten sich schließlich auch vorgenommen, Ordnung ins Währungssystem zu bringen und hielten sich strikt an diesen Fahrplan.

Die Währungsmächte waren zusammengekommen, um die Dollarströme in geordnetere Bahnen zu bringen, den Kurs der Leitwährung zu stabilisieren, damit durch das hektische Auf und Ab nicht auch noch die letzten Reste eines möglichen Weltwirtschafts-Wachstums vernichtet würden. Damit waren an der Seine das US-Haushaltsdefizit ebenso Thema wie die außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte zwischen den USA auf der einen Seite und Kanada, Europa sowie Japan auf der anderen. Um es ganz exakt auszudrücken, ging es in Paris um die US-Währung, um den US-Staatshaushalt und um den US-Außenhandel. Die Budget- und Handelsdefizite der USA produzieren logischerweise den Dollar wie er ist: In der Menge zuviel und im Kurs außer Rand und Band. Dies um so mehr als in jüngster Zeit amerikanische Wissenschaftler und Politiker immer dran waren, den Dollarkurs herunter zu reden, um auf einfachste wenn auch weltwirtschaftlich nicht bekömmlichste Weise die Handelsgleichgewichte wieder herzustellen.

 

Das beste Ergebnis von Paris dürfte sein, dass die US-Politiker nun davon ablassen wollen, ihre Währung in den Keller zu reden. Man hat sich auf die Stabilisierung des Dollarkurses auf dem jetzigen Niveau geeinigt. Für die Ziellinie könnte also 1,80 D-Mark gelten. Aber so präzise sind die Aussagen auch wieder nicht. Plus-minus zehn Prozent ist wahrscheinlich richtiger. Die Währungsmächte könnten also eine Bandbreite von 1,60 bis zwei Mark im Auge haben und durch konzertierte Interventionen versuchen, diese Bandbreite längerfristig zu halten. Das mag sich sehr bescheiden anhören, ist aber durchaus ein großer Fortschritt, weil alle Beteiligten für das Gelingen Verantwortung übernommen haben. Die Amerikaner haben sogar eine Verringerung des Haushaltsdefizits zugesagt.

 

Japaner und Deutsche wurden ermahnt, die Inlandsnachfrage anzukurbeln, damit Wachstum mit Importen stattfindet. Die Exporte sollten nicht mehr so robust laufen. Diplomatisch geschickt hat Finanzminister Gerhard Stoltenberg in Paris das neue deutsche Steuerpaket als Energiespender für die deutsche Konjunkturlokomotive angekündigt. Er versprach Steuererleichterungen. Alles in allem muss das Pariser-Treffen als gelungene Veranstaltung gewertet werden. Das Louvre-Abkommen ist nützlich. Es konnte ein Minimalkonsens hergestellt werden, der gute Voraussetzungen für weitere Kooperationen bietet auch im Hinblick auf die Bewältigung der Weltschuldenkrise.

   

 

 

Mit Rohstoff-Index und Festkurssystem gegen die Defizite

 

Die am 1. Oktober (87) in Washington beendete Weltwährungskonferenz, die gemeinsame Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank, war ein Treffen der Finanzleute unter dem guten Stern des politischen und wirtschaftlichen Konsenses. Es wurde niemand auf die Anklagebank gesetzt, wie es Deutschland schon einmal erleben musste. Es brachen auch keine neuen Schuldenkrisen aus, wie sie z. B. Mexiko 1982 präsentiert hat. Die Finanzstrategen des IWF glauben sich auf dem besten Wege, die Weltschuldenkrise durch geschicktes Management weiter bändigen zu können. Und die Chefs der Weltbank sind am Ende dieser Woche zuversichtlicher denn je, die von ihnen beantragte Kapitalerhöhung von rund 50 Milliarden Dollar in absehbarer Zeit unter Dach und Fach zu bekommen.

 

Damit wäre endlich die Finanzbasis geschaffen, die die Bank braucht, um ihren Part in den Umschuldungs-Programmen und Strukturhilfen für die ärmsten Länder der Erde zu spielen. Sehr optimistisch äußerte sich Weltbankpräsident Conable über die bevorstehende und äußerst notwendige Entlastung der total verarmten Länder südlich der Sahara. „Afrika muss geholfen werden,“ erklärte er vor der internationalen Presse im Sheraton (Washington). „Und wir können Afrika helfen.“ Die Atmosphäre unter den Finanzministern und Notenbankgouverneuren war nicht zuletzt deshalb aufgeräumt bis freundlich, weil das weltwirtschaftliche Szenario insgesamt ein erfreulicheres Bild zeigt und positive Perspektiven für das kommende Jahr offen lässt. Nach einer kleinen Wachstumsdelle 1987 soll  wieder ein Plus von rund 2,5 Prozent erreicht werden. Eine sehr optimistische Einschätzung, wenn man bedenkt, dass 1988 die Konjunktur in das 6. Jahr ihres Aufschwungs geht.

 

Trotz der an den Tag gelegten guten Manieren und dem Austausch von Höflichkeiten ging auch an diesem Washingtoner Wochende die Auseinandersetzung zwischen den Hauptschuldnern und den Reichen dieser Erde ebenso weiter wie unter den Überschuss- und Defizitländern, und zwar in kaum verminderter Härte. Brasilien hat immer noch keinen für die Banken akzeptablen Umschuldungskompromiss vorgelegt und die Finanzleute der wohlhabenden Länder denken nicht daran, den Aufrufen nach Forderungsverzichten nachzukommen. Wenn aber ein Mann wie Alfred Herrhausen, Chef der Deutschen Bank, mehr versehentlich als vorsätzlich diesen Terminus in den Mund nimmt, wird auf ihm ganz öffentlich herum gehackt.

 

Auf ihre Art sind auch die Amerikaner dabei geblieben, sich an der deutschen Wirtschaftspolitik zu reiben. US-Präsident Ronald Reagan hat bei seinem Weltbank-Auftritt rundheraus gefordert, die Überschussländer sollten doch etwas mehr Mumm beweisen – er benutzte dieses Wort – in der Ankurbelung ihrer Wirtschaft zum Wohle der Weltkonjunktur und der amerikanischen Exporte. Der einzig konziliante Zug in der Reagan-Rede war, dass er weder die Bundesrepublik noch Japan namentlich erwähnte. Bundesbankpräsident Pöhl hatte alle Mühe, auf diesem Glacis der Weltfinanz-Potentaten die Position Deutschlands zu erklären  und zu verteidigen nicht ohne den verdeckten Hinweis, dass Bonn und Frankfurt durchaus nicht gewillt seien, sich von anderen Leuten die Marschroute vorschreiben zu lassen.

 

Zum Abschluss der Tagung tat sich der amerikanische Finanzminister, James Baker, mit einem besonders pfiffigen Vorschlag hervor und der britische Schatzkanzler, Nigel Lawson, unterstützte ihn dabei weidlich. Baker möchte das Gold wieder etwas mehr in die Währungspolitik hereinholen, und zwar über einen Warenkorb der Rohstoffe, der als so genannter Frühindikator für die weltwirtschaftliche Steuerung mit herangezogen werden soll. Lawson schwärmte schließlich davon, die Wechselkurse einer Gruppe von Ländern, ähnlich wie im Europäischen Währungssystem aber weit darüber hinaus, in festen Kursrelationen an einander zu binden Dollar-Pfund-Yen, D-Mark etc. Sowohl Bakers als auch Lawsons Vorschläge können von der deutschen Position her kaum akzeptiert werden. Der Dollar ist wegen seiner Potenz und seines Volumens in kein Kurssystem hinein zu pressen. Der Rohstoffindex kann eine Flexible und ideenreiche Geldpolitik auch nicht ersetzen. Fazit: Der Kampf geht weiter, wenn es um die reine Lehre der Wirtschafts- und Geldpolitiken und deren Umsetzung in akzeptable Programme zur Konjunkturbelebung und der Hilfe für die Entwicklungsländer geht.

 

 

Ratschläge des Fed-Vettern

 

Robert Heller gehörte zur jungen deutschen Elite, die gleich nach dem verlorenen Krieg ihrer Väter nach Amerika gegangen ist, um dort zu studieren und sich nach Möglichkeit nach oben durchzuboxen. Bob Heller hat dies großartig geschafft. Er machte Karriere bis ins Allerheiligste der amerikanischen Geldpolitik. Heller wurde Gouverneur des „Fed“ Federal Reserve Board, Washington, ein Traumjob, wenn auch nicht übermäßig traumhaft bezahlt. Heller konnte ich für ein „Frankfurter Sonntags-Gespräch“ im Hessischen Rundfunk gewinnen. Da erzählte der Amerikaner aus Köln, welchen Ansatz Deutschland für eine umfassende Wirtschaftsbelebung finden müsse. Er war seines Erfolges von Anfang an sicher, witzelte er doch: „Dieses Frankfurter Gespräch wird die Hessen vom Kirchgang am Sonntagmorgen abhalten.“ Es war ihm zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar gewesen, wie sehr er durch seine Ausführungen die Funktionäre des deutschen Einzelhandels – Arbeitgeber und Gewerkschaften gleichermaßen – um die feiertägliche Frühschoppenruhe bringen würde.

 

Heller forderte die Deutschen auf, auch Samstag- und Sonntagnachmittag die Läden offen zu halten. Er ging dabei von der Annahme aus, dass längere Einkaufszeiten auch bessere Umsätze bringen, den Konsum in der Bundesrepublik anheizen würden. Hellers Interesse an steigenden Konsumausgaben hierzulande hat seinen Grund nicht etwa in deutschen Einzelhandelsbeteiligungen des amerikanischen Notenbank-Gouverneurs, sondern in einer gewissen weltwirtschaftlichen Sorge. Hellers Gedankenkette ist diese: wenn die Bundesbürger mehr kaufen, wird auch mehr importiert. Steigen aber die deutschen Importe, werden in der Tendenz die außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte, also die deutschen Handelsüberschüsse und die Defizite der USA und der Entwicklungsländer abgebaut. Das generiert Wachstumsimpulse.

 

Das Anliegen Hellers ist nicht verkehrt. Die gesündesten Handels- und Leistungsbilanzen sind die ausgeglichenen. Heller hat in dem Gespräch mehrfach betont, dass er in die internen deutschen Angelegenheiten nicht hineinreden wolle. Es gehe ihm ausschließlich um weltwirtschaftliche Anliegen. Dennoch hat der Fed-Vetter aus Washington die Deutschen auf dem falschen Fuß erwischt, sie an einem der wundesten Punkte in der hierzulande sonst so liberal geführten wirtschaftspolitischen Diskussion getroffen. „Mit Kanonen auf Spatzen geschossen,“ so bewertete der Sprecher der Deutschen Angestellten Gewerkschaft, Werner Klimm, in einer Stellungnahme die Argumentation von Heller. „Hier ist das Ladenschlussgesetz ganz sicher die falsche Waffe,“ Klimm wörtlich.

 

Heller hat offenbar die Spatzen ganz schön aufgescheucht. Seine Äußerungen platzten auch gerade zu dem Zeitpunkt herein, als das Frankfurter Oberlandesgericht, den Einzelhändlern am Frankfurter Flughafen unter Androhung von Geldstrafen bis zu einer halben Million verboten hat, außerhalb der offiziellen Ladenschlusszeiten an Nichtreisende, also an ganz normale Bürger, ihre Waren zu verkaufen. Die Auseinandersetzungen haben viel weiter reichende Bedeutung. Ob mit Gerichtsurteilen oder nur in den sogenannten Diskussion auf kommunaler, Landes- oder Bundesebene wird seit Jahren das Begehren der Verbraucher nach längeren Ladenöffnungszeiten abgewürgt. Dahinter stehen  immer die Gewerkschaften aber auch die Einzelhandelsverbände, die oftmals die Sonderinteressen von Kaufhäusern vertreten.

 

In Bonn denkt man jetzt wenigstens über die Einführung eines Dienstleistungsabends in der Woche nach. In Hamburg haben die Koalitionsparteien vereinbart,  dass Läden und Kaufhäuser bis zu viermal im Jahr ihr Pforten über die normale Ladenschlusszeit (18.30 h) ufrieden st können. – Wenigstens etwas. Es ist aber noch manches faul in diesem Staat.

 

 

Börsenkrach im Oktober 1987

 

Da hatten wir nun am 19. Oktober den größten Börsenkrach in Deutschland seit der Kuba-Krise 1962. In Frankfurt fielen die Aktienkurse drastisch. Einige Werte – wie Porsche – sanken um 100 Mark pro Stück. Nachmittags war der Trend auch nicht viel besser, um so mehr als in der Wall Street die Kurse wie ein Steinschlag niedergingen. Der Goldpreis aber kletterte. Man fragte sich: Ist der Golfkrieg unkontrollierbar geworden? Der wichtigste US-Aktien-Index, der Dow Jones für 30 Industriewerte, begann die neue Woche mit einem Minus von 100 Punkten, das sich flugs bis auf 250 Minus-Punkte ausweitete. Ist das ein schnell vorüberziehendes Gewitter oder der Auftakt zu einer Weltwirtschaftskrise wie beim Schwarzen Freitag im Oktober 1929?

 

Dem gestrigen Montag kommt mit Sicherheit nicht eine ähnlich große historische Bedeutung zu. Zwar gab es von Freitag bis Montag Kursverluste von Aber-Milliarden  Dollar rund um den Globus, quer durch alle Börsensäle. Dieses Minus kann in absehbarer Zeit aber wieder gut gemacht werden. Die Computer, die ihre Betreiber monatelang über Kurssteigerungen reich gerechnet haben, taten gestern nun das Gegenteil davon. Das verflixte Spiel an den Börsen hat nicht immer heiße Kriege oder böse Drahtzieher im Hintergrund, die andere durch Bomben oder Kursmanipulationen in den Abgrund stürzen wollen. Börsianer verhalten sich meistens wie ein Schwarm Spatzen. Fliegt ein Stein in ihre Richtung, stieben sie auf und davon, als ob ein Erdbeben stattgefunden hätte.

 

Und diesen Stein hat am Wochenende eindeutig der amerikanische Finanzminister James Baker geworfen. Er hackte im Fernsehen allzu lautstark auf der Zinspolitik der Deutschen Bundesbank herum und unterschob ihr in gewisser Weise „Vertragsbruch.“ Die Deutschen hätten, so Baker, mit ihren steigenden Zinsen den Geist des Louvre-Akkords missachtet, der auf unveränderte Raten basiere. Und weil die Deutschen ihre hausgemachte – wir sagen marktgerechte – Politik betreiben, müssten sich die Amerikaner wieder ihrer eigenen Interessen erinnern. Wenn also diesseits des Atlantiks die Zinsen steigen, sorgen die Verantwortlichen jenseits des großen Teiches, in New York und Washington, für eine Abwertung des Dollars.

 

Mit Sicherheit hat die Bundesbank den Geist von Louvre nicht mit Füßen getreten und es ist auch noch nicht klar auszumachen, ob die Amerikaner dies durch das Herrunterreden ihrer Währung auf 1,77 DM vorsätzlich getan haben. Der Deutsche-Bank-Sprecher, Friedrich Wilhelm Christians, meinte, 1,77 Mark für den Dollar liege noch im vereinbarten Rahmen. Der Rahmen dürfte jetzt allerdings eine neue Qualität bekommen haben. Bisher hatten die Devisenhändler Eckdaten von 1,80 bis 1,90 Mark ausgemacht. Künftig dürften sie zehn Pfennig niedriger liegen. Damit haben die Amerikaner auf etwas unfreundliche Weise das erhalten, worauf sie ohnehin Anspruch zu haben glauben, nämlich eine weitere Dollar-Abwertung zur Gesundung ihrer immer noch verheerenden Handelsbilanz.

 

Fixe Statistiker in den USA meinen, dass der Dollar-Tiefstand von 1,72 Mark, sollte er jetzt wieder erreicht werden, gegenüber damals immer noch eine Aufwertung von gut zehn Prozent bedeute, denn seit 1980 seien in den USA die Preise etwa in diesem Umfang gestiegen. Da haben wir also eine Richtschnur dafür, was uns noch erwarten wird, wenn Finanzminister James Baker weiterhin so flott Wahlhilfe für seinen Kabinetts-Kollegen George Bush betreibt. Zu seiner deutschen Schelte bewogen Minister Baker sehr ehrenwerte, weltwirtschaftlich bedeutsame Motive und zwar diese: seine Aktivität für eine marktwirtschaftlich orientierte Niedrig-Bewertung des Dollar gehöre zur Reagan-Bush-Strategie gegen den in den USA vielfach geschürten Protektionismus. – Es ist immer wieder erfreulich, wenn es gelingt, amerikanischen Poltereien gute Seiten abgewinnen zu können.

 

Künftig werden sich die Wirtschaftshistoriker streiten können, welcher Tag wohl der schwärzeste in der Weltbörsen-Geschichte sei. Ist es der Freitag im Oktober 1929 oder der Oktober-Montag des Jahres 1987? Für beide Thesen gibt es Argumente. Fest steht in jedem Falle, dass der Schwarze Freitag einen weniger steilen Kursverfall gebracht hat als der Schwarze Montag. Fest steht aber auch, dass die Folgen 1929 und später weit gravierender waren als das, was wir heute aufgrund der Entwicklung am vergangenen Wochenende und des gestrigen Tages erwarten müssen. Sicherlich, wir haben noch nicht die ausreichende Distanz zu den Ereignissen, die von New York ausgehend rund um die Welt Börsenpanik ausbrechen ließen. Aber es gibt gute Argumente dafür, dass die moderne Wirtschaft nicht wie damals über Nacht so tief in die Patsche gerät. Der Grund dafür liegt in den seit Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg immer weiter verbesserten und jetzt hervorragend ausgebauten Notenbank-Systemen der westlichen Welt. Für unser Wirtschaftssystem war – und das muss ein weiteres Datum in der historischen Betrachtung sein – die beginnende Weltschuldenkrise 1982 – mit dem Problemfall Mexiko – weit schwerwiegender als der gestrige Kurstaumel an den Börsen.

 

Die Weltschuldenkrise wurde trotz ihrer Bankpleiten nicht zum Flächenbrand, weil die Notenbanken Europas, Amerikas und Japans in Koordination der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, Basel, ganz beherzt zugegriffen haben. Man stelle sich vor, welche Banken zwischenzeitlich an ihren fallierenden Länderengagements hops gegangen wären, wenn nicht die Zentralbanken ihre schützenden Hände mit viel Liquiditätszuschüssen über sie gehalten hätten. Und diese schützenden Hände sind auch jetzt am Werke, wenn der Dollar, der gestern noch um drei Pfennig gefallen war, heute wieder um zwei Pfennig beim Kurs zulegte. Ohne regulierende Eingriffe hätten die Baissiers einen solchen Umkehrtrend bei einem Börsenstrudel wie dem gestrigen niemals zugelassen.

 

Dass es aber zu einer derartigen Baisse kommen konnte, hat seine Gründe auch in der Computerisierung der Börse und der von den Großanlegern und Banken in die elektronischen Rechner programmierten Kauf- und Verkaufsverhalten nach raffinierten und damit oftmals utopischen, aus Charts extrapolierten und nach Gewinnmaximierung ausgestalteten Programmen. Diese Programme haben natürlich auch ihre Logik in der Baisse-Spekulation. Und so können in Sekundenschnelle Milliarden verpulvert werden. Beim Schwarzen Montag haben die Roboter ihr böses Spiel getrieben und den Kurssturz um 508 Punkte oder 22,62 Prozent zumindest teilweise in eigener Regie mit verursacht.

 

Am Schwarzen Freitag 1929 mussten zehntausende Buchhalter mit ihren Vier-Spezies-Maschinen bis in die Nacht des übernächsten Tages hinein rechnen, bis Aktionäre und Banken wirklich wussten, wie chaotisch ihre Lage ist, und oftmals dann zum Strick griffen oder sich von den Wolkenkratzern New Yorks stürzten. Selbstmorde waren in Manhattan damals an der Tagesordnung. Und dies alles obwohl der Index nur halb so stark gefallen war wie gestern. Aber, vor 60 Jahren gestaltete sich das weltwirtschaftliche Umfeld viel schlechter als heute und der Wille zur Kooperation war weit geringer. Der 1. Weltkrieg war noch nicht verkraftet und viele dachten schon wieder an Revanche.

 

Bei besserer Kenntnis der ökonomischen Zusammenhänge und mehr gutem Willen wäre 1929 und später einiges zu verhindern gewesen. Aber auch der gestrige Börsentiefschlag hätte vermieden werden können, wenn der amerikanische Finanzminister, James Baker, nicht so aggressiv  tönende und kontroverse Interviews über Zins- und Dollarentwicklungen gegeben hätte. Da könnten heute viele Leute noch viel reicher sein, aber wir alle um eine Erfahrung ärmer. Und die ist doch auch etwas wert.

 

Eines ist sicher, die akute Börsenkrise ist vorbei, aber die Nachbeben sind weiterhin vernehmbar. Im Grunde weiß auch niemand so recht, ob der Schwarze Montag nicht doch eine Depressionsphase ankündigt, die tatsächlich erst ab 1988 und dann vielleicht auf lange Zeit auf uns zukommt. Börsen sind die Seismographen für tatsächlich vorhandene oder in Vorbereitung befindliche Wirtschaftstrends, deren Ausmaße anfänglich niemand kennt, deren Untiefen die Börsianer mit ihrem feinen Gefühl für Zukünftiges aber erahnen.

 

Ganz nüchtern betrachtet haben die Weltbörsen eine Aufschwungphase von fünf Jahren hinter sich. So etwas hat es bisher kaum gegeben. Es muss also noch keine Weltwirtschaftskrise im Anzug sein, weil die Aktienkurse mal zusammenklappen. Aber auch die Fundamentals haben sich in den vergangenen Jahren der bildschönen Kursentwicklung auf den Wertpapiermärkten nicht sonderlich verbessert. Im Grunde lebten die USA, die Weltwirtschaftsmacht Nr. 1, auf Kosten des Rests der Welt, und der Rest der Welt war froh, dass jemand Mut zum Leben bewies und akzeptierte mit Freuden den Finanzhunger der Amerikaner, der doch wenigstens in bescheidenem Umfang die Chance bot, dass das weltwirtschaftliche Wachstum nicht total zusammenbrach.

 

Reagan und seine Wirtschaftsideologie, die sogenannten reagonomics, brachten durchaus Leben in die Fabriken und die Börsensäle. Ein Leben, das aber immer mehr seine Kraft aus wachsender Verschuldung und wuchernder Geldmenge zog. Und dann schockierte Reagan die Welt mit seinem hochmodernen Steuersystem, das den Gedanken zur Basis hat: wer weniger Steuern zahlen muss, will mehr leisten. Somit wachse der Wohlstand, dessen Leistungsträger auch den Staat besser als vorher alimentieren. Der Beweis dafür muss allerdings erst noch erbracht werden. Die neuen amerikanischen Steuersätze haben erst vom Beginn des nächsten Jahres an ihre Gültigkeit und es bleibt abzuwarten, ob geringere Steuersätze letztlich tatsächlich höhere Einnahmen für den Staat generieren. Die erwünschte höhere Leistung soll und muss sich auch in einer stärkeren Position im Außenhandel ausdrücken.

 

Zurzeit ist es jedoch so, dass niemand  an den Abbau des US-Zwillingsdefizits, nämlich bei der staatlichen Verschuldung und dem Außenhandel, glaubt. Und weil das so ist, selbst Börsianer und gerade sie sich vor der Depression fürchten, eine wachsende Inflation heraufziehen sehen und trotz wohlmeinender Hochrechnungen daran zweifeln, dass das Haushaltsdefizit kleiner wird. Sie auch nicht daran glauben, dass der Dollar in seinem Wert gehalten werden kann, dazu befürchten, dass der Golfkrieg sich ausweitet, weil Präsident Reagan allzu zielsicher die Mullahs reizt, deshalb genügte ein einziges, ungeschicktes Wort des amerikanischen Finanzministers, um das Kurskartenhaus so schnell zusammenbrechen zu lassen.

 

Lange haben sich die USA um den Außenwert ihrer Währung überhaupt nicht gekümmert. So kroch der Kurs des Dollar in den schlechten Zeiten eines Präsidenten Carter um die Marke von 1,70 Mark oder hüpfte in den Stärkeperioden des Ronald Reagan in die Gegend von 3,50 Mark. Seitdem, so hieß es, hätten die Amerikaner die Verantwortung für ihre Währung übernommen. Im Hotel Plaza am Central Park in New York war das 1985 gewesen. Und im Louvre-Abkommen vom Februar 1987 wurden die Schwüre erneuert. Jetzt aber könnte die Dollar-Abwertung als Waffe benutzt werden. Wo bliebe aber dann die weltwirtschaftliche Verantwortung der USA? Zu merkwürdig sind in diesem Zusammenhang auch die ständigen Appelle und Drohungen der Vereinigten Staaten in Richtung Bundesrepublik und Japan, doch endlich ein größeres Interesse und besseren Einsatz für die weltwirtschaftliche Ordnung an den Tag zu legen. Sie wollen damit bei ihren Verbündeten eine Lokomotivfunktion für die Weltwirtschaft abfordern. Doch würde dies sehr schnell zu einem Strohfeuer-Aufschwung verkommen.  Die Bundesbank hält dagegen. Die Börsianer zittern.

 

Nun haben wir einen 3. Schwarzen Börsentag kennengelernt nach 1929 und dem Schwarzen Montag, der vor zehn Tagen den Börsenhimmel von West nach Ost verdunkelte. In Frankfurt fand heute der „Schwarze Mittwoch“ statt. Der Aktienindex der Commerzbank sackte um fast 90 Punkte ab und die Mehrheit der Standardpapiere verzeichnete ein Kursminus von fünf bis zehn Prozent. Porsche verloren sogar 130 Mark. Das waren rund 15 Prozent des Kurses. Daimler büßten 73 Mark und Allianz-Versicherung 82 Mark ein. Auch die reichen Banken mussten bluten, die Deutsche Bank minus 35 Mark. Und an allem war der Dollar schuld. Trotz Stützungsaktionen der Notenbanken von Tokio, Zürich und Frankfurt fiel die amerikanische Währung um rund drei Pfennig auf 1,749 Mark und drückte die Stimmung auf den Nullpunkt.  Wie eben aus New York zu erfahren ist, wird der neue Börsentag nicht besser. Die Verkaufsaufträge türmen sich. – Wer historische Aussprüche liebt, sollte sich mit diesem begnügen: Vom Schwarzen Montag 1987 ging von New York die größte Börsenbaisse der Weltwirtschaftsgeschichte aus und wir können sagen: Wir sind dabei gewesen!

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Wehnelts Privatbücherei:

10 Jahre Euro –Wie er wurde, was er ist

Hoechst – Untergang des deutschen Weltkonzerns

Der PreußenClan (Familiensaga)