MFS:

UK-Wahlen und ihr Einfluss auf den Brexit

 

 

London (3.6.17) – Die jüngsten Umfragen zum Wahlkampf im Vereinigten Königreich haben gezeigt, dass sich das Rennen etwas verschärft hat. Voraussichtlich wird aber die von Premierministerin Theresa May geleitete konservative Partei am 8. Juni die Mehrheit im Unterhaus behalten oder sogar ausbauen können. Fraglich bleibt, welche Auswirkung die Wahl auf die Brexit-Verhandlungen haben wird, die elf Tage später ernsthaft beginnen sollen.

 

In diesem Stadium – kurz vor Beginn der Verhandlungen Mitte Juni und der bevorstehenden britischen Wahl – kann man von keiner der beiden Seiten des Verhandlungstisches viele Nuancen erwarten. Zu Beginn jeder Verhandlung sind die Positionen meist am extremsten. Im Wesentlichen appelliert nun jede Seite an ihre eigenen Wähler. Auf der einen Seite haben wir die EU mit der Position, dass das Vereinigte Königreich mit dem Austritt der EU etwa 100 Milliarden Euro schuldet. Auf der anderen Seite steht das Vereinigte Königreich mit der Haltung, dass es der EU nichts schulde und der Drohung, den Verhandlungstisch zu verlassen, sollte die EU zu viel verlangen. Es besteht die Chance auf eine Einigung irgendwo zwischen diesen beiden Extrempositionen.

 

Das Vereinigte Königreich vertritt auch die Position, dass die Bedingungen des Austritts verhandelt werden können, während gleichzeitig die künftigen EU/UK-Handelsabkommen ausgearbeitet werden. Der Standpunkt der EU dagegen ist, dass Diskussionen über den künftigen Handel mit Dienstleistungen erst beginnen, wenn es Fortschritte gibt: beim britischen Finanzierungsbeitrag an die EU, an der Grenze zwischen der Republik Irland und Nordirland sowie bei den Rechten von EU-Bürgern, die in Großbritannien leben, und den britischen Staatsbürgern, die in der EU sesshaft sind.

 

Wie wird der Brexit also aussehen? Ein reibungsloser Austrittsprozess ist nicht im Interesse der EU. Dies könnte andere EU-Mitgliedsstaaten ermutigen auch zu gehen. Hierzu sagte ein Vertreter der Bundesbank vor kurzem, dass Großbritannien „entweder einen harten Brexit oder ein sehr harten Brexit“ erleben wird. Der Trick für die EU wird es sein, Bedingungen zu setzen, die andere Nationen nicht dazu ermutigen, in die Fußstapfen des Vereinigten Königreichs zu treten – aber ohne ein Umfeld zu schaffen, dass den europäischen Handel mit Großbritannien erheblich stören würde. Auch wenn ein Scheitern der Gespräche Großbritannien hart treffen könnte, wären die Beeinträchtigungen in der EU ebenfalls nur schwer zu schlucken.

 

Zu Beginn der Verhandlungen sieht es nach einem langen Weg aus. Aber vergessen wir nicht, dass es die EU bislang immer geschafft hat, auch in Krisenzeiten Abkommen zu schließen – selbst wenn eine Einigung unwahrscheinlich erschien. Die Historie zeigt, dass es am Ende möglich ist. Aber sie zeigt auch, dass jede Vereinbarung im letzten Moment kommt.

 

Was sind die besten Trümpfe beider Seiten? Für die EU ist es das erhebliche Handelsungleichgewicht mit dem Vereinigten Königreich. Von allen EU-Ländern hat das Vereinigte Königreich nur einen Handelsbilanzüberschuss mit Irland. Der beste britische Trumpf ist, dass Großbritannien eine deutliche Ausstiegzahlung leisten könnte, um den Verlust der jährlichen Zahlungen nach Brüssel zu lindern. Von Ben Kottler, CFA, Institutional Portfolio Manager bei MFS Investment Management

 

 

Beide Seiten sind in ihren öffentlichen Haltungen Meilen auseinander und die Emotionen kochen hoch. Daher ist es schwer zu sagen, wer am meisten von den Verhandlungen profitieren oder verlieren wird. Das Medieninteresse ist hoch, wenn es darum geht, wie sich die Rolle Londons als Finanzhauptstadt Europas verändern wird. Dublin, Luxemburg und Frankfurt würden wahrscheinlich einige der Arbeitsplätze anziehen, die aus der britischen Hauptstadt abziehen könnten. Aber wir fragen uns, ob überhaupt irgendeine Stadt oder ein Land Londons Rolle als Finanzhauptstadt übernehmen möchte, angesichts der enormen Regulierungsinfrastruktur – ganz zu schweigen von den systemischen Risiken – die damit einhergehen würden. Ironischerweise könnte am Ende New York profitieren – mehr als jede der europäischen Alternativen – weil die US-Investmentbanken Jobs aus London zurück in ihr Hauptquartier holen könnten.