Die Deutsche Bundesbank feiert Anfang August d. J. ihr 60-jähriges Jubiläum! Das Motto: Seit 1957 sorgt die Notenbank für stabiles Geld in Deutschland und Europa.

www.geldanlagen-nachrichten.de liefert in den kommenden Monaten eine ausgedehnte Serie zum Thema deutsches Geld und Geldpolitik von der Nachkriegszeit über die Währungsreform mit der Einführung der D-Mark 1948 bis zum Euro von Heute.

Von Christoph Wehnelt

 Nr. 23

Glücklichste Periode deutscher

Währungsgeschichte

50 Jahre Zentralbankrat –

Feier in der Landeszentralbank Hessen

 

8.März 1998

Historische Filmaufnahmen vom März 1948 eingespielt.

Nachrichtensprecher:

…Er folgte einer Einladung des sowjetischen Generalstabs zu einem Besuch nach Moskau. Bei einer Zwischenlandung in Gatow bei Berlin erschienen hohe britische und alliierte Offiziere sowie Sir  Brian Robertson, der stellvertretende Militärgouverneur für Deutschland.

Der sowjetrussische Generalstabschef, Marschall Matuschewski, wird im Frühjahr zu einem Gegenbesuch nach England reisen. – Militärmusik –

 

Ein Grund für die Stromknappheit in ganz Deutschland: der Wassermangel überall. Diese Bilder von der Edertalsperre zeigen, wie weit der Wasserspiegel gesunken ist. Normalerweise enthält der Edersee über 200 Millionen Kubikmeter Wasser, zurzeit nur 11 Millionen. Da viele Teile Deutschlands ihren Strom von dem Werk der Edertalsperre beziehen, lähmt der Ausfall weite Gebiete der öffentlichen und privaten Wirtschaft. Die einst bei der Anlegung des Stausees überfluteten Dörfer liegen jetzt frei. Bisher versunkene Brücken und Straßen kommen wieder zum Vorschein. Dieser seit Bestehen der Edertalsperre niedrigste Wasserstand ermöglicht Reparaturen an den sonst nicht zugänglichen unteren Teilen der Sperrmauer. Die Turbinen des Werkes werden noch in Betrieb gehalten, um ein Einfrieren zu verhindern. Man rechnet damit, dass im März wieder der normale Wasserstand und die normale Stromerzeugung erreicht werden.

Im Dom von St. Peter, der größten Kirche der Christenheit, …der Jahrhunderte und bei besonderen Anlässen, ist den Gläubigen Roms und aller Welt beteiligt ….Hier erteilt Papst Pius XII. der Menge den Apostolischen Segen anlässlich eines Aufrufs zur Stärkung und Vertiefung des religiösen Glaubens.

 

Frankfurt am Main, einst die Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und bis in die modernste Zeit wichtiger Knotenpunkt von Verkehr, Wirtschaft und Kultur, hat schweren Tribut in diesem Krieg zahlen müssen. Von insgesamt 45 000 Häusern wurden 36 000 teilweise oder ganz zerstört. Trümmer überall. Deren Beseitigung steht an erster Stelle des Wiederaufbauplanes. Aus allen Teilen der Stadt werden die Trümmer nach dem außerhalb gelegenen Ostpark gefahren, wo eine Fabrik zur Verwertung dieser Millionen Kubikmeter Schutt im Entstehen ist. Führende Männer der Stadtverwaltung, unter ihnen Oberbürgermeister Kolb, gehen mit gutem Beispiel voran. Sie räumen gründlich auf am historischen Römerberg. Das Goethehaus, in zwei Jahren zu des Dichters 200. Geburtstag, soll es wieder aufgebaut sein. Die Paulskirche. Hier tagte 1848 die erste deutsche Nationalversammlung. Das Rathaus. Und hier die Hauptwache im Herzen der Stadt. Die historische Katharinenkirche und der 500jährige Eschenheimer Turm. Unverwundet ragt er aus den Trümmern. In Oper und Schauspielhaus kann nicht mehr gespielt werden. Ein behelfsmäßig hergerichteter Saal in der teilweise zerstörten Börse dient jetzt kulturellen Zwecken. Das erhaltene Schumann-Theater. Rechts der Dichter Carl Zuckmayer, der als amerikanischer Referent für das Theaterwesen augenblicklich Deutschland bereist. Früher hatte Frankfurt 8 Mainbrücken. Heute sind vier wieder in Betrieb. Hier Aufbauarbeiten an der neuen Alten Brücke. Oberbürgermeister Kolb weiht den sogenannten Eisernen Steg nach seiner Wiederinstandsetzung ein. Frankfurts Industrie, zu 60 % kriegszerstört, lebt wieder auf. Die Adlerwerke stellen in ansteigender Produktion Schreibmaschinen, Fahrräder und Autos her. Das frühere IG Farben-Gebäude, 1928 erbaut und unbeschädigt, ist heute Hauptquartier der amerikanischen Streitkräfte in Europa. Ein Barometer des Wiederaufstieges ist der Verkehr. Durch Frankfurts Bahnhöfe laufen täglich wieder 300 Personen- und 200 Güterzüge. In den Straßen pulsiert das Leben und hier und da, wie hier in der Kaiserstraße, gibt es schon wieder echte Frankfurter Würstchen, auf Marken natürlich. Das Café Rumplmayer jetzt ein amerikanischer Soldatenclub. Im Mainhafen werden bereits monatlich 160000 Tonnen Güter umgeschlagen.

 

Frankfurt heute – das Bild einer Stadt, die aus Tradition und Aufbauwillen den Weg in die Zukunft sucht.

 

LZB-Präsident Ernst Welteke

Meine Damen und Herren, das war Frankfurt vor 50 Jahren. Der eine oder andere mag gemeint haben, dass das mit dem Edersee begonnen hat, hängt vielleicht damit zusammen, dass ich dort am Edersee meine Heimat habe. Aber die Wochenschau war so geschnitten und zeigte zunächst die Knappheit an Wasser und den Mangel an Energie, der daraus resultierte, dann den Segen des Papstes und dann die zerstörte Stadt Frankfurt.

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich begrüße Sie auch im Namen meiner Kollegen, Herrn Dr. Fabricius und Herrn Laubenthaler auf das herzlichste zu dieser Feierstunde, in der auf die Anfänge des Zentralbankrates zuerst der Bank deutscher Länder und seit 1957 der Deutschen Bundesbank zurückblicken wollen.

 

Am 8. März, nicht wie vielfach berichtet, am 5. März, trat der vorläufige Zentralbankrat der Bank deutscher Länder im Gebäude der Landeszentralbank von Hessen in der Taunusanlage Nr. 4 zu seiner ersten Sitzung zusammen. Zur Erinnerung daran fand heute Vormittag die 986. Sitzung des Zentralbankrates der Deutschen Bundesbank an gleicher Stelle im rekonstruierten damaligen Sitzungssaal statt.

 

Besonders herzlich möchte ich begrüßen den stellvertretenden Ministerpräsidenten des Landes Hessen, Herrn von Plottnitz, Herrn Staatssekretär Klaus Bünger aus dem Bundesministerium für Wirtschaft, Herrn Wolfgang Artopoeus, Präsident des Bundesaufsichtsamtes, Herrn Eric Colway, den Generalkonsul des Vereinigten Königreiches, und möchte erwähnen, dass wir vor zwei Tagen hier an dieser Stelle einen interessanten Vortrag von Gordon Brown, den Treasurer, aus Großbritannien gehört haben. Ich begrüße recht herzlich Herrn Dr. Frank Niethammer, den Präsidenten der IHK Frankfurt. Und ich begrüße Sie, Herr Präsident Tietmeyer, und mit Ihnen die Mitglieder des Zentralbankrates. Aber was wäre der Zentralbankrat ohne die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und deshalb möchte ich ganz besonders Frau Zachau-Lücke herzlich begrüßen, die erste Mitarbeiterin, die die Bank deutscher Länder hier in Frankfurt gehabt hat. Und ich begrüße Herrn Bernd Palsbrücker, den Vorsitzenden des Hauptpersonalrates. Besonders freue ich mich über die Anwesenheit von Ihnen, Herr Professor Schlesinger, und ganz besonders über die Anwesenheit der Familie Klasen, möchte ich in diesem Zusammenhang sagen; nicht nur Frau Klasen, sondern auch drei der Kinder. Ich begrüße Frau Emminger recht herzlich. Und ich weiß nicht, ob sie noch gekommen sind, ich würde gerne begrüßen die Herrn Stefan Veit und Dr. Harald Vocke. Karl Otto Pöhl hat Grüße mir aufgetragen an Sie alle. Aber er ist leider erkrankt und ich denke, wir können ihm von hier aus gute Besserung wünschen. Und schließlich möchte ich an dieser Stelle an Professor Klaus Köhler einen Gruß richten. Er feiert heute seinen 70. Geburtstag.

 

 

Als müssten wir, meine Damen und Herren, uns vor Ende dieses Jahrhunderts noch wichtiger Stationen unserer Geschichte versichern, häufen sich die Jubiläen. Im vergangenen Jahr war es die Errichtung der ersten Landeszentralbanken, in diesem Jahr sind es die Gründung der Bank deutscher Länder, die Währungsreform und nicht zu vergessen die Revolution und die Paulskirchen-Versammlung vor 150 Jahren. Im kommenden Jahr feiern wir das 50jährige Bestehen der Bundesrepublik Deutschland und schließlich Goethes 250. Geburtstag. Er ist diesem Haus besonders verbunden – oder umgekehrt: dieses Haus ist ihm besonders verbunden.

 

Einige der Jubiläen haben mit Geld zu tun, alle aber mit Frankfurt, auch die Gründung der Bundesrepublik Deutschland, wenn auch nur knapp. Folgt man der öffentlichen Beachtung, dann sticht die Erinnerung an das Revolutionsjahr 1848 aus den Jahrestagen heraus. Vielleicht liegt es daran, dass sich zwischen den März-Ereignissen 1848 und den Umwälzungen, die vor uns liegen, durchaus die eine oder andere Verbindungslinie ziehen lässt. Die Revolutionen, die die alte Ordnung überwinden wollten, erfassten, von Frankreich ausgehend, ein Land nach dem anderen und wurden zu einem gesamteuropäischen Ereignis. Von den Bürgerinnen und Bürgern wurde Europa als zusammenhängender politischer Raum begriffen, allerdings nur für wenige Monate. Hält man sich vor Augen, wie schwierig und zunächst vergeblich es war, zu nationaler Einheit und demokratischer Verfassung zu kommen, mag man die noch vor uns liegenden Anstrengungen ermessen, um zu einer wirklichen europäischen politischen Einheit zu gelangen, mit europäischer Identität und starker demokratischer Staatlichkeit. Und schließlich fällt einem vielleicht auch noch die Begriffsparallele ein, dass man von der damaligen Zeit als dem Vor-März und dem Nach-März spricht und vielleicht wird man irgendwann einmal von dem Vor-Mai und dem Nach-Mai des Jahres 1998 sprechen.

 

 

Der Anlass unserer heutigen Feier ist bescheidener, aber nicht ohne Stolz. Denn schließlich begann vor 50 Jahren die bislang glücklichste Periode deutscher Währungsgeschichte. Vorausgesehen oder nur geahnt hat das wohl niemand, als der Zentralbankrat zusammentrat, nahm die Öffentlichkeit davon kaum Notiz. Wir haben keine Wochenschau gefunden, in der ein Hinweis auf die erste Sitzung des Zentralbankrates gewesen wäre. Und die Tagespresse, die damals wegen Papiermangel auch keine Tagespresse war, hat nur verschiedene vereinzelte Hinweise gebracht. Wir werden Ihnen nachher einen Nachdruck einer Tageszeitung aus der damaligen Zeit überreichen können; aber es ist dort nur auf der Rückseite ein Hinweis und insbesondere über die Landeszentralbank in Hamburg enthalten.

 

 

Der Zentralbankrat des März 1948 hatte vorläufigen Charakter und war stark – Herr Präsident, nehmen Sie es mir nicht übel – hessisch geprägt. Zunächst einmal fand die Sitzung am 8. März im Gebäude der Landeszentralbank von Hessen statt, 14 Tage später gehörte dieses Gebäude schon der Bank deutscher Länder. Nur die Landeszentralbanken von Hessen und Württemberg waren durch ihre Präsidenten Otto Veit und Otto Pfleiderer vertreten. Anstelle der Präsidenten der Landeszentralbanken von Bayern und Bremen kamen die Vizepräsidenten. Und für die Länder, in denen es noch keine LZB-Präsidenten gab, schickten die Finanzminister hohe Beamte. Außerdem war der Vizepräsident der Landeszentralbank von Hessen anwesend; er führte Protokoll. Die Sitzung wurde von Mister Freeman eröffnet, einem der beiden Vertreter der Alliierten Bankenkommission. Er blieb allerdings nur kurz, dann hatte man sich auf einen ersten vorläufigen Vorsitzenden des Zentralbankrates verständigt, nämlich auf Otto Veit, dem Präsidenten von Hessen. Nach und nach füllten sich die Reihen der Landeszentralbankpräsidenten. Ende Mai 1948 wurde Karl Bernhard Vorsitzender des Zentralbankrates und Wilhelm Vocke Präsident des Direktoriums. Damit hatte sich der erste vollständige Zentralbankrat gebildet.

 

 

Die Aufgaben waren so zahlreich und grundlegend, dass die Währungsreform, die für uns 50 Jahre später ein historisches Ereignis ist, nur eines von zahlreichen Vorhaben war. Die Währungsreform lag ja auch vor allem in den Händen der Alliierten. Von heute an wird eine Schrifttafel an der Straßenseite unseres Gebäudes an beide Ereignisse, die Gründung der Bank deutscher Länder und die Ausgabe der Deutschen Mark, erinnern. Ihr Text lautet: Geburtsstätte der Deutschen Mark. In diesem Gebäude nahm im März 1948 die Bank deutscher Länder ihre Arbeit auf. Als deutsche Notenbank gab sie am 20. Juni 1948 die ersten Banknoten in Deutscher Mark aus. Im August 1957 wurde die Bank deutscher Länder mit den Landeszentralbanken zur Deutschen Bundesbank verschmolzen, die bis 1972 hier ihren Hauptsitz hatte.

 

 

Mit dieser Tafel lenken wir den Blick auf jenen Platz in Frankfurt, an dem Währungsgeschichte geschrieben wurde und auch in Zukunft noch mehr geschrieben wird: rund um die grüne Taunusanlage. Begonnen hat es im Juli 1871 mit der Eröffnung der Bank Commandite de Frankfurt, der preußischen Bank, aus der im Januar 1876 die Reichsbank-Hauptstelle Frankfurt wurde. Sie hatte ihren Sitz ganz in der Nähe in der Junghofstraße. Im Februar 1933 eröffnete Reichsbankpräsident Luther den Neubau der Reichsbank-Hauptstelle in der Taunusanlage Nr. 4. Der 1929 geplante Bau im Stil der frühen Moderne drückt mit seiner strengen Geometrie Solidität und Stabilität aus. Gewisse Anklänge an Monumentales, wie sie in der Architektur der Zeit häufig zu finden waren, sind nicht zu verkennen.

 

Zum Gebäude möchte ich noch eine kurze Anmerkung machen. Unsere Recherchen haben nichts ergeben, was die Reichsbank-Hauptstelle in Frankfurt aus dem von 1933 bis 1945 leider Üblichen herausgehoben hätte, weder in positiver noch in negativer Hinsicht. Nach dem Ende des Krieges jedoch wurde von den Nazis erbeutetes Gut von amerikanischen Streitkräften aus thüringischen Kalibergwerken in den hiesigen Tresor gebracht. Die Gegenstände stammten ursprünglich aus dem Tresor des Berliner Führerbunkers und aus den Tresoren der Berliner Reichsbank. Sie wurden hier in Frankfurt von einem jungen französischen Experten gesichtet und bewertet. Die Schilderung seiner Tätigkeit im „Le Figaro“ vom 8. Februar vergangenen Jahres macht Schaudern. Es handelte sich um Schmuck, Gold und andere Wertgegenstände aus den überfallenen Gebieten und aus den Vernichtungslagern. Darunter u.a. Hitlers Uhren, Eva Brauns Besteckkasten, Wertsachen des Ehepaars Göring, 35 000 Eheringe aus Vernichtungslagern in Polen und Hunderte von Goldbarren auch aus Zahngold hergestellt und so weiter.

 

 

In geldhistorischen Rang gehoben wurde dieser Ort jedoch erst im März 1948 mit einem vollkommenen Neubeginn, als in dem vom Krieg unzerstörten Gebäude die Bank deutscher Länder errichtet wurde. Fast 25 Jahre war dieses Haus Sitz der Bank deutscher Länder und dann  der Deutschen Bundesbank.

Eingefasst von immer mehr Bankhochhäusern ist die nur wenige hundert Meter lange Taunusanlage zwischen den beiden Opernhäusern der Mittelpunkt des Finanzplatzes Frankfurt. Dem Einwand, dass die Börse fehle, kann entgegengehalten werden, dass diese mit ihrem zunehmend virtuellen Charakter eigentlich überall ist.

 

 

Vielleicht wird also einmal mit Unterstützung der zahlreichen Finanzjournalisten, die ich recht herzlich begrüße, die Taunusanlage ein Synonym für den Finanzplatz.

 

 

Meine Damen und Herren, im Anschluss an den Vortrag von Professor Tietmeyer laden wir Sie zu einem Empfang ein. Wenn sich die Mitglieder des Zentralbankrates alsbald verabschieden, bitte ich um Ihr Verständnis. Wir werden die heute Morgen begonnene Sitzung im Haus der Bundesbank fortsetzen. Zu beraten gibt es die Konvergenz der EU-Staaten im Lichte der Kriterien des Maastrichter Vertrages. So treffen sich also heute Rückblick auf die Geschichte und Ausblick auf die Herausforderungen der Zukunft. Die Aufgaben, die mit der Verwirklichung der Europäischen Währungsunion vor uns liegen, sind sicherlich nicht geringer, wenn auch von anderem Gewicht als jene, denen sich die Gründungsväter der Bank deutscher Länder vor 50 Jahren gegenüber sahen.

 

Noch einmal, ich begrüße Sie alle recht herzlich und darf Sie, Herr Professor Tietmeyer, nun bitten. Herzlichen Dank.

  • Beifall –

 

Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer

 

Meine sehr verehrten Damen, meine sehr geehrten Herren, ich darf an die Begrüßung von Herrn Welteke noch anfügen, dass ich mich auch besonders freue, dass das Ehepaar Reiffenstein heute hier bei uns ist aus der Familie Bernard. Ich begrüße Sie besonders hier.

 

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren, Herr Welteke hat schon daran erinnert, dass sich hier nebenan am 8. März elf Männer versammelt haben – und er hat es besonders betont – in der damaligen Landeszentralbank von Hessen. Über das von und zu will ich jetzt nicht sprechen. Aber das wäre ein hoch interessantes Thema. Der amerikanische Offizier, der die Sitzung eröffnete gegen halb Elf, die erste Sitzung des Zentralbankrates, hieß, wie Herr Welteke gesagt hat, Freeman. Und ich will nicht sagen, dass das ein besonders bezeichnender Name war. Aber auch darüber könnte man philosophieren.

 

Nun hat Herr Welteke über das Gebäude und seine Geschichte gesprochen. Wir wollen nicht über das Gebäude sprechen, sondern über den Zentralbankrat. Und das wird in nächster Zeit ja viele 50. Geburtstage geben, weil einfach der gewaltige Strom an gewichtigen Ereignissen für Deutschland in den Jahren 1948 und 1949 viele Anlässe bringen wird. Viele dieser Ereignisse verliefen gewiss dramatischer und spektakulärer als die erste Sitzung des Zentralbankrates und die Wochenschau hat sie dann sicher auch aufgenommen.

 

Wenn wir gleichwohl heute daran erinnern, dann, weil damals, wie im Rückblick festzustellen ist, eine entscheidende Weichenstellung erste Konturen annahm. Die Geschichte der D-Mark und damit vielleicht sogar die Geschichte unseres Landes wären anders verlaufen, wäre das, was am 8. März 1948 seinen Anfang nahm, nicht gelungen. Wohl wurde die Geburt der D-Mark an anderer Stelle und auch von anderen vorbereitet, insbesondere von den Alliierten selbst. Und wir werden am 20. Juni in Anwesenheit des Bundespräsidenten und mit einer Ansprache des Bundeskanzlers in der Paulskirche der Einführung der D-Mark gedenken.

 

 

Aber mit der Währungsreform am 20. Juni, als die ersten D-Mark-Banknoten in Umlauf kamen, begann das Schicksal der neuen Währung sich zugleich an die Stabilitätsorientierung des deutschen Zentralbankrates zu binden. Zwar hat der Zentralbankrat den späteren Erfolg und die hohe Stabilität der D-Mark gewiss nicht alleine herbeigeführt und auch nicht alleine gesichert. Aber er hat doch an exponierter Stelle mitgewirkt, nämlich vor allem dort, wo es um die Knappheit des Geldes ging und geht. Dem ersten Treffen des Zentralbankrates waren grundlegende Meinungsunterschieden unter den Alliierten vorausgegangen. Nämlich darüber, wie das künftige Notenbanksystem im Nachkriegs-Deutschland aussehen sollte.

 

Die Amerikaner suchten einen radikalen Neuanfang. Sie sahen in einer stark konzentrierten und weitgehend zentralisierten Wirtschaft ein Umfeld, in dem sich das totalitäre Regime in Deutschland hatte entfalten können. Deshalb wollten sie möglichst plurale Strukturen aufbauen. Daher übrigens auch ihr Eintreten für eine von den Weisungen deutscher Stellen unabhängigen Notenbank. Dahinter standen weniger ökonomisch-akademische Argumente und auch nicht nur das heimische Vorbild des Federal Reserve Systems. Man wollte insbesondere keine übermächtigen politischen Strukturen in Deutschland. Vor allem sollten dezentrale Strukturen her. Selbständige Landeszentralbanken wurden gegründet in Bayern, Württemberg-Baden, Hessen und Bremen. Sie blieben zunächst eher lose miteinander verbunden. Neue Männer kamen an deren Spitze. Sie sollten eine andere, eine neue Mentalität mit- und einbringen.

 

Die Briten hatten damals zunächst andere Prioritäten. Sie wollten möglichst schnell ein funktionsfähiges, effizientes Zentralbanksystem. Sie lehnten sich zunächst an die alte zentralistische Reichsbank-Struktur an und schufen eine zentrale Stelle in Hamburg. Dabei griffen sie vielfach auf Fachleute mit Reichsbank-Erfahrung zurück. Erst Februar 1948 lösten sie die Reichsbank-Organisation auf und errichteten Landeszentralbanken in Düsseldorf, Hannover, Hamburg und Kiel.

 

Die Franzosen lagen in ihrer Zonen-internen Zentralbankpolitik näher beim dezentralen Ansatz der Amerikaner. Sie schufen schon 1947 Landeszentralbanken für Württemberg-Hohenzollern, Baden und Rheinland-Pfalz. Sie waren freilich zunächst wenig angetan von dem Plan, die Landeszentralbanken über die zonalen Grenzen hinweg zu verknüpfen. Auch weil sie an einer Währungsreform weit weniger interessiert waren als die Amerikaner und Briten.

 

Die Liste der Teilnehmer und fast noch mehr die Liste der Nicht-Teilnehmer an der ersten Sitzung des Zentralbankrates sagt viel aus. Da waren erstens die beiden Vertreter der Alliierten Bank-Kommission, ein Amerikaner und ein Brite, übrigens Helmut mit Namen. Amerikaner und Briten waren die Architekten der Bank deutscher Länder. Da waren dann zweitens die bereits eingesetzten richtigen Präsidenten bzw. Vizepräsidenten schon fest etablierter Landeszentralbanken; das waren die aus der amerikanischen Zone. Und da waren drittens die noch von den Länderregierungen gesondert beauftragten Vertreter der noch embryonalen, gerade im Aufbau befindlichen Landeszentralbanken; das waren die aus der britischen Zone. Und viertens: es fehlten damals noch die Vertreter der Landeszentralbanken aus der französischen Zone. Sie sollten erst einige Wochen später beitreten, rückwirkend zum 25. März. Die Akten lassen als wichtiges Motiv für den raschen Beitritt der Franzosen deren überragendes Interesse erkennen,  Einfluss zu gewinnen auf die ersten Personalentscheidungen in der neuen Zentralbank.

  • Leichte Heiterkeit –

 

Ein Schelm, der hier eine gewisse Parallele zu heute sieht. Nicht dabei war fünftens ein Vertreter Berlins. Die Westmächte klammerten Berlin ja aus den Plänen zur Währungsreform aus. Das Konklave von Rothwesten hat dies ja auch scharf kritisiert. Noch bis zum Herbst 1957 nahm der Präsident der Berliner Zentralbank nur als Gast an den Sitzungen des Zentralbankrates teil mit – wie es so schön hieß – beratender Stimme. Schließlich waren sechstens nicht dabei die Vertreter aus der damaligen sowjetischen Besatzungszone. Dieser Hinweis dient nicht nur der Vollständigkeit halber. Immerhin liefen Anfang März 1948 zumindest formal noch Verhandlungen über eine vierzonale Währungsreform. Die Sowjets verließen aber am 20. März endgültig den Verhandlungstisch und die Würfel hierfür dürften allerdings wohl schon früher gefallen sein. Und hierin liegt denn auch eine gewisse Tragik dieser Tage.

 

 

Die Währungsreform verfestigte die faktisch schon im Gange befindliche Spaltung Deutschlands. Die Bank deutscher Länder wurde so die erste Institution von Trizonesien. Über die Vorgänge von damals und auch über die Gründe dafür ist viel geschrieben und viel spekuliert worden. Eines ist sicher: die Währungsreform war gewiss nicht die Ursache für die folgende 40jährige Teilung Deutschlands. Aber sie hat die Separierung beider Teile sicherlich noch deutlicher gemacht als sie schon vorher war. Und es ist sicher mehr als ein Zufall – ich hoffe, Sie verstehen, dass ich das hinzufüge -, dass 1990 die Einführung der D-Mark in Ostdeutschland auch den Weg zur politischen Wiedervereinigung geebnet hat. Am 12. November 1992 nach der Neuordnung der Bundesbank-Struktur war es dann soweit, erstmals gehörten zum Zentralbankrat auch Vertreter von Landeszentralbanken, die für die ostdeutschen Länder zuständig sind.

 

 

Der Zentralbankrat vom 8. März 1948 war so auch ein Spiegel der Konflikte jener Zeit. Doch das ist, wie ich meine, nur die eine Seite. Die erste Sitzung des Zentralbankrates war zugleich ein Ausdruck des Kompromisses zwischen dem amerikanischen, eher föderalen Ansatz und dem britischen, eher zentralistischen Konzept und zwar auch in jenen Fragen, die bis zuletzt umstritten blieben, nämlich: darf das Direktorium operativ tätig werden und vor allem, wie setzt sich der Zentralbankrat eigentlich zusammen.

 

Seither ist die Institution Zentralbankrat einerseits, wie der Name schon sagt, ein zentralistisches Element. Er sorgt insbesondere für eine einheitliche Geldpolitik. Den Landeszentralbanken bleibt hierbei kein interpretatorischer Spielraum. Sie  haben bei der Geldpolitik auszuführen. Der Zentralbankrat enthält aber andererseits auch ein dezentrales Element und zwar dank seiner Zusammensetzung. In der Bank deutscher Länder gehörten dem Zentralbankrat neben den Präsidenten der Landeszentralbanken nur zwei weitere Mitglieder an, sein Vorsitzender sowie der Präsident des Direktoriums. Die Mitglieder des Direktoriums rückten erst mit dem Bundesbank-Gesetz von 1957 in den Zentralbankrat nach. Aber das dezentrale Element blieb jedoch erhalten im Berufungsverfahren für die Landeszentralbank-Präsidenten.

 

Der Zentralbankrat hat damit eine Art Doppelcharakter. Er ist auch heute noch zugleich zentrales Organ in seiner Funktion und teilweise dezentral in der Bestimmung seiner Zusammensetzung. Dieser Doppelcharakter war nicht unproblematisch. Er hätte den Zentralbankrat zerreißen können. So gab es ja auch zu Beginn Befürchtungen in dieser Hinsicht. Die Präsidenten der Landeszentralbanken seien ja nur Handlanger ihrer jeweiligen Landesregierung und sie könnten dann auch insbesondere Kreditwünschen der Länder kaum widerstehen. Glücklicherweise kam es anders. Der Doppelcharakter des Zentralbankrates entpuppte sich selbst in der noch stärker dezentralen Zusammensetzung der Bank deutscher Länder nicht als Sollbruchstelle, sondern, wie ich meine in Abwägung aller Argumente, als seine Stärke. Warum? Insbesondere weil sich ein Kollegialprinzip entfalten und bis heute festigen konnte. Die Mitglieder haben sich zunehmend als Teil eines gemeinsamen Gremiums empfunden, mit einer gemeinsamen Verantwortung für die Stabilität der D-Mark. Das heißt nicht, dass es nicht zu kontroversen Debatten kommt. Das heißt nicht, dass nicht unterschiedliche Positionen eingebracht werden. Aber das heißt, dass es letztlich doch alles zu beurteilen ist vor der gemeinsamen Verantwortung für die gemeinsame Währung.

 

 

Dieses Kollegialprinzip verhindert übertriebenen Zentralismus, sowohl beim Direktorium als auch beim Präsidenten. Es verhindert aber zugleich auch die Fragmentierung. Denn es gibt keinen Kuhhandel, keine Koalition, die sich an regionalen Partikularinteressen orientieren. Dominant ist bei allen Unterschieden in der Beurteilung von Details und auch in der Beurteilung von relevanten Fragen die gemeinsame Orientierung und Verantwortung gegenüber dem Ziel der Währungsstabilität.

 

Zwei institutionelle Faktoren haben nach meiner Meinung das Herausbilden dieses Kollegialprinzips wesentlich gefördert. Zum einen – und ich beginne bewusst damit – die Rolle des Präsidenten. Er ist Primus inter pares, nicht mehr und nicht weniger. Wir haben anders als viele unserer Nachbarländer keine hierarchische Präsidialverfassung. Ja, der Präsident kann sogar überstimmt werden. Zum anderen wird das Kollegialprinzip auch dadurch gestärkt, dass bei den Sitzungen nur die Mitglieder anwesend sind. Die Verantwortlichen sind eben dann unter sich. Jeder, auch der Präsident, ist so gezwungen, sich persönlich einzubringen und seine eigene Argumentation vorzutragen. Und das wohlgemerkt in einem Gremium, dessen dezentrale Zusammensetzung ein hohes Maß an Pluralität bringt, eine Vielfalt in den beruflichen Lebenswegen, in den persönlichen Erfahrungen und natürlich auch in so manchen politischen Urteilen. Das Kollegialprinzip macht den Zentralbankrat zu einer Art Fachparlament. Tages- und auch parteipolitische Interessen sollen außen vor bleiben. Karl Schiller hat das seither oft zitierte Wort vom Frankfurter Aeropag geprägt. Dass hierin neben dem Respekt manchmal auch ein leicht spöttischer Unterton mitschwingt, finde ich im Übrigen gar nicht so schlimm.

 

Die gemeinsam nur dem gesetzlichen Auftrag unterworfene Verantwortung und das Selbstverständnis des Zentralbankrates als ein Fachparlament sind entscheidende Voraussetzungen für die Unabhängigkeit der Bank. Die kollektive Verantwortung ist nämlich zugleich auch ein Schutz vor politischen Einflüssen von außen. Und das fachmännische Urteil, das frei von polit-taktischen Erwägungen bleibt oder bleiben sollte, ist die Legitimationsbasis, um  unabhängig von politischen Instanzen über Zinsen und Geldmenge zu entscheiden.

 

Die Bedeutung des Zentralbankrates als Gremium wird keineswegs geschmälert durch den Hinweis auf große individuelle Leistung. Zur Autorität eines Fachgremiums gehören immer auch Köpfe und Persönlichkeiten. Und zwar solche, die auch die notwendige Kontinuität hineinbringen. Und ich möchte deshalb einige nennen, wohl wissend, dass jede Auswahl unvermeidlich der großen Leistung vieler, die ungenannt bleiben, nicht gerecht wird.

 

Für die – ich nenne sie mal Dauerbrenner -, die dem Zentralbankrat rund 20 oder noch mehr Jahre angehört haben, möchte ich stellvertretend nennen Karl Wagenhöfer, Heinrich Irmler und Leonhard Leske. Und ich möchte natürlich meinen Amtsvorgänger, Helmut Schlesinger, hier ganz besonders erwähnen. Und einer – ich habe ihn noch nicht gesehen, aber er ist schon erwähnt worden, aber aus einem anderen Grunde, den muss ich natürlich auch noch erwähnen, Klaus Köhler, aber der hat heute nämlich seinen Geburtstag, und er wird 70 und ihm spreche ich meine herzlichen Glückwünsche aus. Ich habe ihn noch nicht gesehen, ich hoffe, er ist da.

 

Schließlich möchte ich aber noch an einige große Persönlichkeiten der 50er, der 60er, der 70er Jahre erinnern. Ihre Namen sind untrennbar verbunden mit der Nachkriegsgeschichte der deutschen Notenbank. Ich meine Wilhelm Vocke, Karl Bernard, Otto Veit, Otto Pfleiderer, Karl Klasen, Karl Blessing und Otmar Emminger.

 

 

 

Währungsstrategen für die D-Mark

 

Die Bundesbankpräsidenten

 

Karl Bernhard

1948 – 1957

Präsident des Zentralbankrates der Bank deutscher Länder

Wilhelm Vocke

1948-1957

Präsident des Direktoriums der Bank deutscher Länder

Karl Blessing

1.1.1958 – 31.12.1969

 

Karl Klasen

1.1.1970 – 31.5.1977

 

Otmar Emminger

1.6.1977 – 31.12.1979

 

Karl Otto Pöhl

1.1.1980 – 31.7.1991

 

Helmut Schlesinger

1.8.1991 – 30.9.1993

 

Hans Tietmeyer

1.10.1993 – 31.8.1999

 

Die Geschichte einer Zentralbank geht nicht primär ein in Vitrinen, Aktenordner, Festreden und dergleichen. Nein, viel wichtiger ist: die Geschichte einer Zentralbank geht ein in ihre Reputation, also quasi ihr Grundkapital oder die Glaubwürdigkeit oder credibility, wie es in der internationalen Welt heißt. Und sie geht auch ein in ihr institutionelles Gedächtnis. Fünf der Genannten, Vocke, Bernard, Veit, Pfleiderer und Klasen hatten übrigens entscheidend Anteil, als die Bank deutscher Länder im Oktober 1950 den ersten ernsthaften Konflikt mit der Bundesregierung durchstand. Der Zentralbankrat erhöhte damals gegen die dringende Ermahnung von Adenauer und Schäffer die Leitzinsen um 2 %. Das war ein Meilenstein auf dem Weg zu einer wirklich deutschen Zentralbank und zu einer stabilen Mark. Übrigens: die legendäre Sitzung fand im Kanzleramt in Bonn statt. Insofern hat – wohlgemerkt für diese Sitzung – geographische Politiknähe gar nicht geschadet. Aber insgesamt liegt es in der Logik eines unpolitischen Geld- und Finanzwesens, sich durch eine geringe politische Nähe vor allzu enger und herzlicher Umarmung seitens der Politik zu schützen. Und ich füge an dieser Stelle hinzu, der Finanzplatz Frankfurt leidet sicher nicht daran, dass hier nicht auch die politische Kapitale ist. Insofern unterscheide ich mich von einer Stellungnahme, die ich vor kurzem aus der Landeszentralbank mal gelesen habe.

  • Leichte Heiterkeit –

 

Das Jahr 1998, meine Damen und Herren, ist für den Zentralbankrat ohne Zweifel ein besonderes Jahr. Er wird im Herbst seine 1000. Sitzung abhalten. Das ist übrigens nicht getrickst, um die 1000 noch rechtzeitig vor der Jahreswende zu erreichen. Am Ende dieses Jahres, meine Damen und Herren, und Sie wissen das alle, gibt der Zentralbankrat der Deutschen Bundesbank nach dem Maastricht-Vertrag seine geldpolitische Entscheidungskompetenz ab an den Rat der Europäischen Zentralbank, dessen Tagungsstätte liegt übrigens ja nur gut 100 oder 200 Meter von hier entfernt. Nun heißt das nicht, um das gleich zu sagen, dass damit die Bundesbank ihre Rolle aufgibt. In den Ausführungen der Politik behält sie weiterhin ihre entscheidende Rolle, aber die Entscheidungskompetenz des Zentralbankrates für Geldpolitik geht eindeutig vom, wie die Frankfurter sagen, Diebsgrund in den Eurotower.

 

Bisweilen heißt es nun, die Europäische Zentralbank sei eine Kopie, ja manche nennen sogar das böse Wort ein Klon der Deutschen Bundesbank. In der Tat gibt es wichtige Berührungspunkte des künftigen europäischen mit dem deutschen Notenbankwesen, insbesondere natürlich die Unabhängigkeit und die Mischung aus zentralen und dezentralen Elementen. Wenngleich es gerade bei den letzteren auch nicht zu übersehende Unterschiede gibt, auf die ich jetzt im Einzelnen nicht eingehen kann. Freilich, das Ausfüllen der vertraglich festgelegten Strukturen, den praktischen Umgang mit der geldpolitischen Kompetenz, das kann man nicht auf einer Kopie ablichten und der Europäischen Zentralbank in den Briefkasten werfen. Das muss dort selber wachsen, wie es ja auch in der Bank deutscher Länder und dann in der Bundesbank gewachsen ist. Auch der Rat der Europäischen Zentralbank sollte nach meiner Meinung bald zu einem tatsächlichen Kollegialprinzip finden, damit die europäische Öffentlichkeit ihn anerkennen kann als ein glaubwürdiges, rein sachorientiertes Fachgremium mit Verantwortung für den Gesamtbereich der gemeinsamen Währung. Rechenschaftspflichten einzelner Mitglieder des Europäischen Zentralbankrates gegenüber nationalen Gremien oder Parlamenten oder auch gegenüber dem Europäischen Parlament dürfen nicht darauf abzielen, die Mitglieder auseinander zu dividieren und die Geldpolitik etwa an Partikularinteressen zu orientieren. Das würde das Kollegialprinzip, und das würde damit faktisch die Unabhängigkeit gefährden.

 

Insbesondere auch im Bereich des Europäischen Parlamentes gibt es offenbar gewisse Vorstellungen, es solle regelmäßige Konsultationen, Dialoge und was nicht alles mit dem Direktorium der Europäischen Zentralbank über geldpolitische Entscheidungen geben, und zwar nicht nur im Sinne der hinterherigen Erläuterung, sondern auch der vorherigen Diskussion. Das, meine Damen und Herren, geht sicher über die notwendige Rechenschaftspflicht oder accountability hinaus. Da geht es offenbar darum, die Geldpolitik politischen Vorstellungen und Zielen zu unterwerfen oder sie zumindest einzubinden. Der Vertrag sieht aber bewusst nicht nur ein supranationales, sondern auch ein unpolitisches, entpolitisiertes Geld vor.

 

Zwischen dem anstehenden Beginn der Europäischen Zentralbank und den damaligen Anfängen der Bank deutscher Länder vor 50 Jahren mag man vielleicht eine Parallele sehen. Erstes Ziel war damals und ist es auch heute, rasch Vertrauen in die neue Währung zu schaffen. Die Bedingungen hierfür sind jedoch nicht vergleichbar, glücklicherweise. Die Umstellung der nationalen Währung auf Euro ist keine Währungsreform. Niemand verliert etwas durch die Umstellung. Und die Europäische Zentralbank startet nicht bei Null. Sie kann anknüpfen an das Erbe der Vergangenheit mit allen seinen unterschiedlichen Schattierungen in den Teilnehmerländer. Besonders kann sie dabei – und hoffentlich tut sie es auch – aufbauen auf dem internationalen Renommee und dem Gewicht der D-Mark als der bisherigen Ankerwährung in Europa. Sie alle wissen, von Hans Röper stammt das viel zitierte Wort vom Besatzungskind zum Weltstar.

 

Ich will jetzt gewiss nicht in Beweihräucherung verfallen. Dennoch meine ich, der Zentralbankrat der Deutschen Bundesbank hat seinen Teil zu dieser Entwicklung beigetragen. Das Geld in Deutschland hatte Alles in Allem 50 Jahre lang gewissenhafte Stabilitätswächter. Und die Bürger haben ein Recht darauf, dass diese so bleibt, auch dann, wenn unser Geld nicht mehr die D-Mark ist, sondern der Euro. – Vielen Dank.

  • Beifall –

 

 

Welteke

Schönen Dank, Herr Professor Tietmeyer, auch ich möchte eine Begrüßung nachholen. Ich möchte Herrn Kössinger recht herzlich begrüßen. Er leitet heute ein kleines Museum in der Nähe von Kassel, dort, wo die Enklave war zur Vorbereitung der Währungsreform und er war sozusagen dabei. Denn er hat damals schon dort gearbeitet in dieser Kaserne. Herzlich willkommen, Herr Kössinger.

 

Meine Damen und Herren, wir haben einen breiten Bogen geschlagen von den Anfängen der Bank deutscher Länder vor 50 Jahren in diesem Gebäude bis hin zu dem Übergang der geldpolitischen Verantwortung am Ende dieses Jahres vom Diebsgrund in Eurotower, wie Sie das eben formuliert haben, Herr Tietmeyer. Vor uns, vor dem Zentralbankrat, liegen heute Nachmittag doch nicht ganz einfache Beurteilungsfragen.

 

 

Schlag auf Schlag in der Euro-Politik

 

Martin Kohlhaussen, Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken, hat bei aller Liebe zum Euro den Zeitplan nicht eingehalten, besser gesagt über den Tag danach gesprochen. Angesichts des europapolitischen Konferenzmarathons um den 1. Mai herum, schwindelt es den sonst so durchtrainierten Bankenmanager: Am 29. und 30. April verabschiedet das Europäische Parlament seine Stellungnahmen zu den Konverganzberichten der EU-Kommission und des EWI.

 

Der Ecofin-Rat, also die EU-Wirtschafts- und Finanzminister verabschieden gemeinsam mit den Notenbankgouverneuren am 1. Mai in Brüssel mit qualifizierter Mehrheit ihre Empfehlung an die Staats- und Regierungschefs, welche Mitgliedstaaten die Voraussetzungen für die Einführung einer einheitlichen Währung erfüllen. Am Vormittag des 2. Mai findet dann eine Sondersitzung des Europäischen Parlaments in statt. Dabei werden die Abgeordneten ihre Stellungnahme zu dieser Empfehlung abgeben.

 

Nachmittags tagen die Staats- und Regierungschefs, um mit qualifizierter Mehrheit den endgültigen Beschluss über die Teilnehmer an der Währungsunion herbeizuführen. Hier wird auch der EZB-Präsident gekürt. Am Sonntag, dem 3. Mai, gibt der Ecofin-Rat die bilateralen Umrechnungskurse zwischen den Währungen der teilnehmenden Länder bekannt. Damit beginnt im wahrsten Sinne die Währungsunion, weil die Währungen der Teilnehmerstaaten in ihrem gegenseitigen Umtauschverhältnis endgültig festgeschrieben werden. Der Kurs zum Euro wird allerdings erst zum Jahreswechsel von 1989/99 festgelegt.

 

Ferner gibt der Ecofin-Rat am 3. Mai eine Empfehlung für die personelle Besetzung des Direktoriums der EZB an den Rat der Staats- und Regierungschefs ab. Parallel laufen die Bekanntmachungen des rechtlichen Rahmens für die Einführung des Euro sowie die technischen Merkmale der Euro-Münzen. Am 7./8. Mai kommt es zu Anhörung der für das Direktorium vorgeschlagenen Kandidaten durch den Ausschuss für Wirtschafts-, Währungs und Industriepolitik des Europäischen Parlaments. Dazu wird es am 13. Mai von den Abgeordneten eine Stellungnahme zum EZB-Direktorium geben. In der Folge ernennen die Staats- und Regierungschefs das Direktorium der EZB.

 

Am 1. Juli wird das EWI in die EZB umgewandelt. Die gemeinsame Geldpolitik kann beginnen, wenn die nationalen Zentralbanken auch bis zum Ende des Jahres 1998 dafür verantwortlich sind. Die europäische Währungsunion beginnt damit planmäßig am 1. Januar 1999. Das gilt aber nur für das Giralgeld. Münzen und Euro-Scheine werden im 1. Halbjahr 2002 ausgegeben.

 

Damit ist möglicherweise noch nicht alles in trockenen Tüchern, wenn die Befürchtungen des Bankenpräsidenten Kohlhaussen Realität werden. Der Tag danach hat es in sich, wenn man sich der Worte des SPD-Kanzlerkandidaten, Gerhard Schröder, erinnert. Der Euro ist für ihn eine kränkelnde Frühgeburt. Das heißt, er muss nachbehandelt werden, damit sozialpolitisch nicht alles danebengeht. Kohlhaussen: „Die kränkelnde Frühgeburt könnte gar dahinsiechen.“ Für ihn und viele Europäer ein unerträglicher Gedanke.

 

Politik schlägt sich – Politik verträgt sich

 

Viele Leute können den Streit um den Präsidentensessel bei der EZB nicht verstehen. Die Mehrheit der Deutschen ist sowieso gegen den Euro, wie neueste Umfragen wieder belegen. So will sich das Volk auch nicht sonderlich an der Diskussion der mit der Währungsunion zusammenhängenden Personalpolitik beteiligen. Euro-Befürworter kommen aus ganz anderen Gründen zum gleichen Ergebnis. Sie freuen sich, dass die Währungsunion in absehbarer Zeit an den Start geht und haben kein Verständnis dafür, dass man sich noch groß über die Besetzung von Posten ärgert. Europa braucht den Euro und der Euro kommt, da sei es bedeutungslos, wie der Mann an der Spitze der EZB heißt. Diese politische Unbedarftheit ist in Deutschland vielerorts zu beobachten.

 

Und dennoch ist die Besetzung der Spitzenpositionen bei der EZB das A und O der Stabilitätspolitik, die dieses Institut im Sinne eines harten Euro betreiben muss. Aber auch hier gilt: In der Geldpolitik machen Männer Geschichte. Mit Statuten alleine kommt man nicht aus. Wer an der Spitze der EZB steht, hat Europa gewonnen, gewonnen für seine geldpolitischen Ziele. Obendrein ist es ein prestigeträchtiges Amt, die Präsidentschaft bei der EZB.

 

Die Nation, die diesen Spitzenmann stellt, kann stolz auf ihn sein. Das aber ist nicht allein der Grund, warum sich Franzosen, Deutsche und Holländer streiten. Der EZB-Präsident ist wirklich kein König ohne Land sondern ein mächtiger Herr über riesige Geldströme und der außenpolitischen Waffe einer Weltwährung. Und das würden die Franzosen schon ganz gerne für sich vereinnahmen und reklamieren seit Monaten und immer schärfer die Präsidentschaft im Frankfurter Euro-Tower: Jean Claude Trichet soll’s werden. (Früher Leiter des dem Finanzministerium unterstehenden Schatzamtes in Paris. Dann Präsident der Banque de France. Die Affäre wegen möglicher Falschaussagen im Zusammenhang mit der Staatsbank Credit Lyonnais läuft noch.)

 

Bei aller Qualifikation Trichets käme mit diesem Kandidaten u. U. die traditionelle französische Geldpolitik zum Tragen, die mehr auf Staatseinfluss und weniger auf rigide Geldwertstabilität setzt. Premierminister Lionel Jospin hat erst gestern wieder gesagt. Die Politik solle bei der EZB mitregieren. Der EWI-Präsident, Wim Duisenberg, steht eher in der deutschen Tradition: Der Euro soll so hart werden wie der Gulden oder wie die D-Mark, was identisch wäre.

 

Die Auseinandersetzung eskaliert: Kohl, Waigel und Tietmeyer wollen auf Biegen und Brechen Duisenberg durchsetzen. Die Holländer drohen im Rat mit einem Veto,

falls der Franzose im Mai gekürt werden sollte. Frankreich schlägt gleichzeit mit einer Veto-Drohung zurück, wenn der Holländer Kandidat bleibt. Sie kennen da kein Pardon für diesen Mann, der ihnen in den 70er, 80er und 90er Jahren Seite an Seite mich Deutschland schon soviel Schwierigkeiten gemacht hat. Deutschland kann durchaus für Euro-Stabilität von Anfang an sorgen. Unter seiner Leitung kann die EZB das Profil gewinnen, wie es sich die Bundesbank über Jahrzehnte erwerben konnte: Hartes Geld für freie Bürger – gemanaget von der unabhängigen Zentralbank. Und deshalb lohnt es, für die richtige Besetzung an der Spitze der Euro-Zentralbank zu kämpfen. Die Deutschen und Duisenberg haben keine schlechten Karten. Sie müssen sie nur richtig ausreizen.

 

Jetzt kommt erst einmal eine Frau ins Spiel, möglicherweise EZB-Präsidentin zu werden. Sirkka Hämäläinen, Präsidentin der Suomen Pankki also der Bank von Finnland, soll die EZB führen, weil sich offenbar die großen europäischen Staaten nicht auf einen Kandidaten einigen können. Der Spanier Luis Rojo wird auch genannt.

 

Aber so einfach lassen sich Deutschland und Frankreich ihren Zankapfel nicht entwinden. So leicht können die Europäer Bonn und Paris nicht von ihren Wunschkandidaten abbringen. Frankreich setzt auf Trichet. Deutschland hält in Nibelungentreue an Duisenberg fest.  Auch mehrere Nachbarländer unterstützen ihn. Er soll als erster die Präsidentschaft übernehmen und entsprechend dem Maastricht-Vertrag auch die volle Amtszeit von acht Jahren regieren. Die von Großbritannien vorgeschlagene Teilung der Amtsperiode, wonach nach vier Jahren der Franzose Trichet nachrücksollte, wird als Vertragsbruch abgelehnt.

 

Da man bei der üblichen deutsch-französischen Kungelei aber nicht ganz genau weiß, ob sich Kanzler Kohl in einer schwachen Stunde nicht doch noch mit dem französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac und dessen Premierminister Jospin im Kompromiss einigen könnte, wird jetzt innerhalb der Deutschen Bundesbank sehr trickreich über die Bande gespielt. Der Chef einer Landeszentralbank, hier könnte Düsseldorf ebenso in Frage kommen wie München oder Berlin, hat für die nächste Zentralbankratssitzung am kommenden Donnerstag den Antrag gestellt, das oberste deutsche Währungsgremium soll unmissverständlich eine Teilung der Amtszeit für den ersten EZB-Präsidenten als Vertragsbruch brandmarken. Wenn dieser Vertragsbruch stattfände, könne die Bundesbank nicht mehr zu ihrer alten Empfehlung für die Einführung des Euro stehen. Kürzlich Tietmeyer dies Helmut Kohl auch schriftlich mitgeteilt.

 

Die einzige Bestätigung, die hierzu zu bekommen ist, stammt von Finanzminister Theo Waigel. Er sagte im bayerischen Dingolfing: „Mir ist der Vorgang bekannt.“ Wenn die Bundesbank tatsächlich ihr Euro-Placet wegen der möglichen Teilung der Amtszeit zurückziehen würde, wäre die Partie beim EU-Gipfel völlig offen. Dann wäre es ungleich schwieriger für Kohl, die Währungsunion im EU-Rat durchzubringen. Mit einem Votum der Bundesbank wäre der Euro kaum zu machen. Eine Verschiebung wäre angesagt. Vielleicht würde Kohl dann etwas sicherer die Wahl gewinnen. Es kann aber auch das Gegenteil herauskommen.

 

Einstweilen gehen die übrigen Personalentscheidungen im Umfeld von Bundesbank und EZB ihren normalen Gang. Chefvolkswirt Otmar Issing wird als Vizepräsident bei der EZB vorgeschlagen und Finanzstaatssekretär, Jürgen Stark, soll Nachfolger von Johann Wilhelm Gaddum und damit Vizepräsident der Bundesbank werden. Er hätte damit auch Aussichten, im Nächsten Jahr als Nachfolger von Tietmeyer Präsident der deutschen Notenbank zu werden, aber nur wenn Kohl die Bundestagswahl gewinnt. Bei einem SPD-Wahlsieg müsste Edgar Meister aus dem Direktorium eine Chance haben. Bei neuen Regierungen gibt es aber immer unvorhersehbare Entwicklungen mit anderen Personalentscheidungen.

 

Tietmeyer: Elch-Test für die Währungsunion

 

Nicht ganz ohne Katzenjammer startet das größte Währungsprojekt der Menschheitsgeschichte. Letzte Glanzlichter verblassen in Euroland. Sogar die italienische Presse sieht einen hässlichen Anfang. Der Euro-Gipfel in Brüssel am 3. Mai hat die schlimmsten Erwartungen übertroffen. Da soll eine Währungsunion für die nächsten 1000 Jahre an den Start gebracht werden, die Wohlstand mehrt und ein für allemal Kriege in unserem Alten Kontinent verhindern soll – so jedenfalls sagte es wiederholt Kanzler Kohl, um sich für sein D-Mark-Opfer zu entschuldigen – die hohen Herren beginnen aber mit verbalen Schlägereinen und dem faulsten Kompromiss, der überhaupt denkbar ist. Wim Duisenberg, der Hoffnungsträger für eine stabilitätsgerechte Geldpolitik wurde in wenigen Stunden zum alten Mann zurechtgestutzt, der die Last der vollen Amtszeit eines Präsidenten der der EZB auf einmal nicht mehr durchstehen kann. Das Alter Duisenbergs ist aber seit 62 Jahren bekannt und trotzdem hatte er sich verpflichtet und er wurde verpflichtet, für acht Jahre an der vordersten Euro-Front zu stehen. Darauf bauten die deutsche und niederländische Politik und das Wohlwollen noch anderer Bundesgenossen.

 

Und dann der jämmerliche Zusammenbruch. Duisenberg regiert auf Abruf, bis die „europäische Krankheit“ ihn arbeitsunfähig macht. Diese deutsche Führungsschwäche, die erst den Bruch des Maastricht-Vertrages nach Geist und Buchstaben möglich machte. Die einzelnen Tricks, die das noch beschönigen sollen, kann man wirklich vergessen. Die Teilung der Amtszeit ist da. Glänzend dagegen die Statur Frankreichs. Paris liefert immer wieder Aktionen, die beim Beobachter beudvoll den Chapeau lupfen lässt. Die Franzosen sind glänzende Diplomaten, die ein Ziel fixieren und dieses systematisch angehen. Sie haben nun in wenigen Jahren ihren Jean Claude Trichet als ersten EZB-Präsidenten, die die volle Amtszeit absolviert, und steigen sofort mit dem Posten des Vizepräsidenten in die oberste Riege der neuen Zentralbank. Da wo Otmar Issing hingehört hätte sitzt jetzt der smarte Christian Noyer. (Um Europa zurechtzurücken, darf angemerkt werden, dass natürlich einem Deutschen die erste Präsidentschaft zugestanden hätte und Frankreich der Vizepräsidentenposten.)

 

Alles andere, auch ein Abbruch der Verhandlungen (der nur sehr vorübergehend gewesen wäre) in Brüssel wäre besser gewesen als dieser unwürdige Start der Währungsunion auf dem Rücken eines alten Mannes. Kanzler Kohl wollte mit seiner Währungsunion ein Krisen und kriegsfreies Europa schaffen. Das wird immer weniger zu erhoffen sin, solange sich Deutschland nicht in der Lage sieht, einen angemessenen Platz im Gleichgewicht der europäischen Staaten einzunehmen und zu behaupten.

 

Die politische Säule für Europa kann so nicht errichtet werden. Was aber erreicht wurde, heißt zunehmender Einfluss der Politik auf die Europäische Zentralbank und auf ihre Bemühungen, einen stabilen Euro zu kreieren und zu managen. Die Deutschen hatten mal was von Geldpolitik verstanden, aber die Bundesbank ist in diesem Punkte nun ausgeschaltet. Die Franzosen vestehen etwas von Politik und diese wird auch beim Geld Vorrang haben.

 

Ernst Welteke, Präsident der Hessischen Landeszentralbank, präzisiert im Hessischen Rundfunk den „diplomatischen Kompromiss“ von Brüssel: „Duisenberg, der nicht verpflichtet ist, vor Ablauf der Amtszeit von acht Jahren seinen Posten zu räumen, wird einen Nachfolger bekommen, der einstimmig von den Staats- und Regierungschefs gewählt werden muss. Bisher gibt es nur den französischen Vorschlag, Jean Claude Trichet, den jetzigen Präsidenten der Banque de France, nach vier Jahren zum Präsidenten der EZB zu machen.“ Weltekes Prognose: „Es wird holprig zugehen bei der EZB.“

 

Eine knappe Woche ist vergangen. Erstmals nach dem politischen Desaster des Brüsseler Gipfels haben sich in Frankfurt die Notenbankgouverneure des EWI (das noch bis Mitte des Jahres existiert) zu ihrer Mai-Sitzung getroffen. Intern sind da die Fetzen geflogen. Nach draußen drangen allerdings nur mehr oder weniger ausgewogene Reden und zwar auf dem dafür vorgesehenen gesellschaftlichen Ereignis: Internationaler Frankfurter Bankenabend. Da kamen die Spitzen des Währungsinstituts, der künftigen Europäischen Zentralbank und der Bundesbank zusammen.

 

Beim Gala-Diner im Kaisersaal des Römers hatte Sirkka Hämäläinen, die Präsidentin der finnischen Zentralbank, ihren großen Auftritt. Sie war am vergangenen Wochende in Brüssel als Direktoriumsmitglied für die EZB bestimmt worden, genau so wie Otmar Issing (Deutschland), Euginio Domingo Solans (Spanien) und Tommaso Padoa-Schioppa (Italien). Hämäläinen sprach zum Thema: „Auf dem Weg zu einer glaubwürdigen Währung für Europa.“ Für sie ist Glaubwürdigkeit für die Europäische Währung nur dann gewährleistet, wenn das „europäische“ Interesse der Stabilitätspolitik vor dem nationalen der einzelnen Länder rangiert.

 

Tietmeyer kam die Aufgabe zu, der Dame zu antworten. In seiner ebenfalls in Englisch gehaltenen Rede sagte er: „Nun hat nicht alles, was sich am vergangenen Wochenende in Brüssel zugetragen hat, zur notwendigen Erwartung beigetragen, dass der Euro eine tatsächlich supranationale Währung wird. Die EZB müsse von Beginn an bemüht sein, das notwendige Vertrauen für die dauerhafte Stabilitätsoreintierung ihrer Politik aufzubauen und ihre Unabhängigkeit von politischen Einflüssen unter Beweis zu stellen. Als Mitglied des künftigen EZB-Rates will sich Tietmeyer mit Nachdruck dafür einsetzen.

 

Indem Tietmeyer Frau Hämäläinen ansprach, gab es Seitenhiebe für die Franzosen. „Ich hoffe, dass Sie als Direktoriumsmitglied  auch viel von Frankfurt haben. Denn würde künftig jedes der elf nationalen Parlamente – so wie es in der französischen Nationalversammlung verlangt wird – mit den Mitgliedern des EZB-Direktoriums regelmäßige Konsultationen abhalten wollen, würden Sie von Frankfurt wohl nicht mehr sehen als den Flughafen.“ Für Tietmeyer stehen die Finnen nicht nur sonntags zu Europa und nicht nur dann, wenn es Geld aus Brüssel gibt.

 

Der Bundesbankpräsident stellte in seiner Rede auch mentale Verwandtschaften zwischen Deutschen und Finnen fest. Sie drückten sich zwar nicht immer mit jener Eleganz und Leichtigkeit aus, die Vertreter mehr lateinisch beeinflusster Kulturen so perfekt beherrschen. Finnen und Deutsche zeichneten sich aber durch einen hohen Sinn für Realität, ein klares, wenn auch manchmal hartes Urteil und eine gesunde Bodenhaftung aus. Die Finnen mögen seine klare, realistische Sichtweise anstatt verschnörkelter Affektiertheit, sagte Tietmeyer. „Außerdem wenn der Euro einmal in Fahrt sei, müsse die Währung ihren Elch-Test bestehen. Und die Deutschen freuen sich, wenn da eine Finnin am Steuer sitzt, denn die Finnen verstehen was von Elchen.“ Die Deutschen hätten auch stets begrüßt, wenn das finnische Geld den Namen für die Europa-Währung hergegeben hätte: Mark blieb Mark.

 

An diesem Internationalen Frankfurter Banken-Abend wollte Tietmeyer durchaus nicht zurücktreten, auch wenn Auguren am Londoner Finanzplatz dies prognostiziert hatten und die Franzosen dies vielleicht auch gerne sähen.

 

 

Tausendjähriges Frankfurt und große Zukunft

 

Die alte Kaiserstadt Frankfurt ist in der vergangenen Nacht in eine ruhmreichere Zukunft hineigeschlafen, als sie in der tausendjährigen Geschichte jemals hat auf sich vereinen können. Die Kaiserwahl und –krönungen in vielen Jahrhunderten  hatten es in sich und verbreiteten Glanz. Da schlug das Herz des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation hier am Main. Ansonsten zerfledderte aber die Reichsverwaltung auf diverse Herrensitze und Kaiserpfalzen zwischen Apulien und Aachen, Madrid und Wien. Zur Europäischen Währungsunion gehören aber auch Frankreich und die Niederlande, Irland und Finnland. Außerdem ist sie auf Zuwachs ausgelegt. Griechenland, Schweden, Dänemark und das Vereinigte Königreich kampieren im Vorhof. Andere stoßen mit der Zeit noch dazu. Und dieses Territorium mit gegenwärtig schon über 300 Millionen Einwohnern hat von Stund an Frankfurt als seinen Mittelpunkt.

 

Offiziell am 1. Juni 98 gegründet nahm die Europäische Zentralbank einen Tag später ihre Arbeit auf: Geld regiert die Welt. Zu einer geistreicheren Lösung z. B. der Erarbeitung und Verabschiedung einer Verfassung waren die 15 EU-Gründerstaaten bisher nicht fähig. Frankfurt profitiert aber davon. Die Europäische Zentralbank wird in den nächsten Jahrzehnten zum bedeutendsten Geldhaus der Welt heranwachsen. Der Euro wird als Weltwährung Dollar und Yen übertrumpfen. Selbst das volkreiche China wird da lange, lange aufblicken müssen. Damit aber die gemeinsame europäische Währung gut gemanaget auch entsprechend stark herangewachsen kann, müssen das Direktorium und der Zentralbankrat der EZB wie ein Uhrwerk zusammenarbeiten, allein im Interesse eines werthaltigen Geldes für Europas Bürger. Geldwertstabilität stellt ein hohes Gut dar, das jeden Tag neu erkämpft werden muss,

 

Die großen Feten kommen erst noch zum Monatswechsel. Premierminister Tony Blair wird als amtierender EU-Ratspräsident erscheinen und Jacques Santer, Präsident der EU Kommission. Ungeachtet dessen hat die EZB bereits ihre Arbeit aufgenommen, auf kleinem Dienstweg und zwar mit der 1. Sitzung des Direktoriums. Unter der Leitung von Präsident Duisenberg sind die sechs Direktoriumsmitglieder zusammengekommen. Die lockere Tagesordnung hatte ein wesentliches Thema: Die Ressortverteilung! Ganz gewiss legt der deutsche Professor Otmar Issing seine Hand auf die Geldpolitik. Er beansprucht die Volkswirtschaftliche Abteilung plus Forschung.

 

Immerhin hat sich der 62-jährige für volle acht Jahre verpflichten lassen. So kann er Duisenberg dienen und Trichet noch über zwei Jahre domestizieren. Insbesondere will er aber den jungen Leuten im Hause Geldpolitik deutscher Provenienz beibringen. Nach seiner Nominierung in Brüssel hatte Sieglinde, seine Frau zu ihm gesagt: „Otmar es ist jetzt so viel Gutes über dich geschrieben worden. Das kann nicht besser werden. Hänge den Job an den Nagel und bleibe daheim.“ Drahtig, wie er ist, will der durchtrainierte Leichtathlet noch acht Jahre lang der Nation und Europa dienen.

 

Der Würzburger Issing (Jahrgang 36) gehörte immer zu den kritischen Befürwortern des Euro. Das wird künftig der Stabilität der Währung gut tun. Bezüglich der anzuwendenden Geldpolitik wird der Deutsche sicherlich zu den Falken im Direktorium gehören. Dabei kann er auf Duisenberg (Jahrgang 35) zählen (zuständig für Öffentlichkeitsarbeit, Sekretariat, Protokoll, Revision). Ganz bestimmt wird auch die einzige Frau im Direktorium, die Finnin Sirkka Hämäläinen, die Hand zugunsten des Issings, wenn es eines Tages zu einem geldpolitischen Rütli-Schwur kommen sollte. Die promovierte Volkswirtin (Jahrgang 1939) war zuletzt Präsidentin der finnischen Zentralbank. Sie ist zuständig für Controlling und Organisation.

 

Bei den drei Romanen wird viel von dem Spanier Eugenio Domingo Solans abhängen, ob das Direktorium eine unangefochtene, stringente Geldpolitik verfolgt oder eher die laxe Variante bevorzugt. Er ist zusständig für Statistik, Banknoten und Informationssysteme. Der 1945 in Barcelona geborene Wirtschaftswissenschaftler verfügt in Spanien über allerbeste Kontakte zu Regierung und höchsten Wirtschaftskreisen. Solans war vor vier Jahren aus dem privaten Bankgeschäft in die spanische Notenbank gewechselt. Die typisch französische Note wird Vizepräsident Christian Noyer ins Direktorium einbringen (zuständig für Verwaltung, Personal, Recht). Der erst 47 Jahre alte Jurist und ENA-Absolvent leitete das französische Schatzamt und gehört damit eindeutig in die höchste politische Riege von Paris. Noyer wird in dieser Beziehung nicht unbedingt die Unterstützung des Italieners Tommaso Padoa-Schioppa  (Internationale und europäische Beziehungen, Zahlungsverkehrssysteme und Aufsichtsfragen) finden, den Rom nach Frankfurt geschickt hat. Der 1940 in Belluno geborene italienische Geldpolitiker soll ein liberaler Mann sein. Er hat lange unter EU-Präsident Delors in Brüssel gearbeitet. Für dieses Gremium dürfte das Wichtigste sein, zu einer guten Zusammenarbeit zu kommen. Nur so können die sechs Direktoren die elf Gouverneure im Zentralbankrat einigermaßen in Schach halten.

 

Das hat schon am 9. Juni seine Bedeutung, wenn erstmals der Zentralbankrat tagt und vorher schon der „Erweiterte Rat“ seine Sitzung hatte. Um es auf den kürzesten Nenner zu bringen: Das Direktorium macht die Arbeit. Der Zentralbankrat legt die Geldpolitik fest und der „Erweiterte Rat“ kümmert sich um die Brückenfunktion zu jenen vier Ländern, die nicht von Anfang an beim Euro mitmachen also Griechenland, Dänemark, Schweden und England. Zum „Erweiterten Rat“ gehören die Notenbankpräsidenten aller 15 EU-Staaten plus dem EZB-Präsidenten Duisenberg und dessen Stellvertreter, Vizepräsident Christian Noyer. Die anderen Mitglieder des Direktoriums können auch an dessen Sitzungen teilnehmen, haben aber kein Stimmrecht.

 

Konklave für ein Wirtschaftswunder

– Eine Rückbesinnung –

 

  1. Juni 1998

Kaum war der 2. Weltkrieg beendet, tüftelten die Siegermächte an Währungsmodellen für das zerstörte Deutschland. Und letztlich wurde wieder eine Kaserne und zwar in Rothwesten bei Kassel

Fixpunkt für weitreichende Strategien des in Zonen geteilten Landes. So ist es nur logisch, daß zum Jubiläum ein Oberstleutnant die Honneurs machte. Wolfgang Köpke, Kommandeur des Gemischten Flugabwehrregiments 2, meldete: „Vor 50 Jahren, vom 21. April bis zum 8. Juni 1948, fand im Haus Posen dieser Kaserne das Konklave von Rothwesten zur Vorbereitung der Währungsreform statt. Dieses für die Bundesrepublik Deutschland so wichtigen, geschichtlichen Ereignisses wollen wir uns heute erinnern.“

Das Konklave stand unter der höchsten Sicherheitsstufe. Es wurde im Umland daher von Atom-Kriegs-Strategien gemunkelt, die hier ausgekocht werden sollten. Brisanz hatte das Projekt „Neue Mark“ aber ganz bestimmt. Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer erinnerte an die schlechte Zeit: „Drei Jahre voller Not und Elend. Es mangelte am Nötigsten: Nahrung, Heizmaterial, Rohstoffe. Und vor allem mangelte es an einer Währung, die Vertrauen genoß. Es waren aber auch drei Jahre, in denen die Scheinwerfer der Weltgeschichte erschreckend schnell umschwenkten – von dem gerade zu Ende gegangenen, beispiellos zerstörerischen Krieg zum Ost-West-Konflikt. Doch immer mehr schob sich eine dramatische Frage in den Vordergrund: War eine vierzonale Währungsreform unter den Bedingungen eines wirtschaftlich und gesellschaftspolitisch gespaltenen  Deutschland überhaupt zu verantworten? Wilhelm Röpke etwa beschimpfte Pläne, die die Sowjets einschlossen, als eine Sabotage der Währungsreform. Am 20. März 1948 taten die Russen dem Westen dann den Gefallen,  den Verhandlungstisch der Vier-Mächte zu verlassen. Und so konnte das Währungsreform-Duell zwischen West und Ost beginnen.“

Es war ein munteres Machtspiel, das die Amerikaner mit der neuen deutschen Währung in Gang setzten. Tatsächlich geriet die Sowjetunion unter Druck, als die USA beschlossen, neues Geld für Deutschland zu drucken, aber keinesfalls, wie von den Sowjets vorgeschlagen, im russisch besetzten Leipzig. Mit dem 20. März war alles erledigt.

Amerikaner und Briten, dann auch gemeinsam  mit den Franzosen, schufen das neue Geld, das Deutsche Mark heißen sollte. Der deutsche Einfluß war bei den vorlaufenden strategischen Beschlüssen damals recht gering. Außerdem wurden von Anfang an erhebliche Vermögensunterschiede festgemauert. Rudolf Stoepel, Bürgermeister der Gemeinde Fuldatal, wozu Rothwesten gehört, faßte zusammen: „Dabei muß man auch bedenken, daß entgegen anderer Behauptungen die Ausgangsbasis für alle im Juni 1948 eben nicht gleich war. Nicht jeder hat nur mit 40 DM ‚Kopfgeld‘ angefangen. Viele brachten ihr Produktionsvermögen, ihre Warenvorräte, ihr Eigentum an Grund und Boden in diese neue Wirtschaftsordnung ein und hatten daher natürlich riesige Startvorteile denen gegenüber, die nicht im Besitz von Grund und Boden und von Produktivkapital waren, die nicht im Wirtschaftsraum der neuen Währung lebten und die somit nicht das Glück hatten, in politischer und wirtschaftlicher Freiheit ihren Weg zu gehen.“

Letztlich haben sich die amerikanischen Geldstrategen durchgesetzt und flankierend kam der D-Mark die liberale Marktwirtschaftspolitik von Ludwig Erhard zu gute. So konnte Tietmeyer zurückblicken: „Heute – fünfzig Jahre später – wissen wir, welche Karriere das einstige Besatzungkind machen konnte. Schon zehn Jahre nach ihrer Geburt wurde die Deutsche Mark vollständig konvertibel. Bald darauf wurde sie sogar Aufwertungskandidat gegenüber dem Dollar und anderen renommierten Währungen. In den achtziger Jahren übernahm sie zunehmend eine internationale Rolle als Anlage und Reservewährung.“ Die DM wurde Leitwährung in Europa, nicht nur innerhalb der EU, sondern auch darüber hinaus, und Hebelarm für die Wiedervereinigung. Nun ist sie das stärkste Fundament für die gemeinsame Europäische Währung. Die in Rothwesten versammelte Geldgemeinde drückte schließlich das Problem: Hoffentlich wird es mit dem Euro ebenso gut gehen.

 

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Wehnelts Privatbücherei:

10 Jahre Euro – Wie er wurde, was er ist

Hoechst – Untergang des deutschen Weltkonzerns

Der PreußenClan (Familiensaga)