Legal & General IM:

Der Begriff „Emerging Markets“

muss neu definiert werden

 

London (21.6.17) – Häufig dominieren große Rohstoff-Exporteure die bisherigen Indizes. Neue Kriterien zur Abgrenzung der Staaten untereinander könnten die Grundlage für aussagefähigere Indizes darstellen.

 

„Die Emerging Markets zählten in den vergangenen Jahrzehnten zu den am schnellsten wachsenden Anlageklassen“, sagt Magdalena Polan, Ökonomin beim britischen Vermögensverwaltern Legal & General Investment Management (LGIM). Wie rasant die Entwicklung verlief, zeigt ein Blick auf die wichtigsten Indizes, die Anleihen aus den aufstrebenden Schwellenländern zusammenfassen: Als der MSCI EM Anleihe-Index 1988 etabliert wurde, umfasste er nur zehn Länder. Heute enthält er Anleihen der größten Unternehmen aus insgesamt 23 Staaten und bildet einen Wert von rund 1,6 Billiarden US-Dollar ab.  Darüber hinaus gibt es inzwischen eine Vielzahl weiterer Indexanbieter, die insgesamt Emittenten aus 65 Ländern zusammenfassen, mit einem Volumen von mehr als 2,6 Billiarden US-Dollar.

 

„Seit 1990 sind die Emerging Markets jährlich um rund fünf Prozent gewachsen – während die höher entwickelten Volkswirtschaften nur einen Zuwachs von knapp zwei Prozent erzielen konnten“, erklärt Polan. Im vergangenen Jahr generierten die aufstrebenden Schwellenländer bereits 58 Prozent der weltweiten Wertschöpfung (bereinigt um die Kaufkraft in nationaler Währung). „Wir erwarten, dass der Anteil weiter steigen wird, weil sich die Outperformance der Emerging Markets fortsetzen wird“, ist die Ökonomin überzeugt.

 

Inzwischen sei das Pro-Kopf-Einkommen in einigen Schwellenländern bereits vergleichbar mit dem höher entwickelter Volkswirtschaften. Aber trotz ihrer immer wichtiger werdenden Rolle würden die Emerging Marktes im Weltfinanzsystem oft noch marginalisiert. Für Polan steht deswegen fest: „Die Definition der Emerging Markets muss neu gefasst werden.“

 

Die als „Emerging Markets“ zusammengefassten Ländern sind sehr verschieden

Als Emerging Markets werden sehr unterschiedliche Länder klassifiziert: Von der Tschechischen Republik über Südkorea bis hin zu Nigeria und Vietnam. Die Liste beinhaltet Staaten mit starkem verarbeitendem Gewerbe und robusten Handelsbilanzüberschüssen bis hin zu reinen Rohstoffexporteuren. „Aufgrund dieser Unterschiede reagieren die Einzelstaaten und ihre Anleihen ganz verschieden auf makroökonomische Ereignisse“, erklärt die Ökonomin.

 

Alte Kriterien zur Abgrenzung der Staaten sind nicht mehr zeitgemäß

Grundsätzlich gebe es keine klare Definition von Emerging Markets, stellt Polan fest. Häufig werde noch nicht einmal klar abgegrenzt, ob die gesamte Volkswirtschaft eines Landes oder nur ihr Finanzmarkt betrachtet werde. Anfänglich seien die Emerging Markets nach dem Ausschlusskriterium definiert worden: Es waren einfach die Volkswirtschaften, die gemessen an der Einkommensskala, weder die am höchsten noch die am schwächsten entwickelten waren. „Diese Definition wird bald überholt sein“, sagt Polan. Einige Länder hätten bereits die Schwelle zur Gruppe der höchsten Einkommen überschritten.

 

Eine weitere altmodische Sichtweise betrachte Emerging Markets noch heute als Kapitalimporteure. Auch das sei nicht mehr zeitgemäß. Viele Emerging Markets Staaten seien auf dem Weg,  zu Netto-Kreditgebern der höher entwickelten Volkswirtschaften zu werden.

 

Richtig sei, dass die Finanzmärkte vieler Emerging Market Staaten noch heute häufig kleiner und weniger liquide als die der in höher entwickelten Volkswirtschaften seien. „Oft spielen ausländische Investoren an diesen Finanzmärkten eine disproportional große Rolle. Zudem reagieren diese Staaten meist sehr sensibel auf Veränderungen im globalen Zinszyklus“,  erklärt Polan.

 

Emerging Markets mit neuen Kriterien aussagefähiger definieren

„Es gibt mehrere Möglichkeiten, die Emerging Marktes Länder neu zu gruppieren“, sagt Polan. Zusätzlich zur Klassifizierung nach dem Einkommen, könnten weitere Kriterien zur Unterscheidung genutzt werden. Die Länder könnten in Produzenten oder Rohstoff-Exporteure eingeteilt werden, schlägt Polan vor. Zudem sollte nach Staaten mit Leistungsbilanzüberschüssen oder -defiziten unterschieden werden. Ein weiteres Kriterium sollte der Verschuldungsgrad darstellen. Dann hätten in Zukunft auch produzierende Unternehmen oder Dienstleistungsanbieter aus kleineren Ländern eine Chance, in Aktien-Indizes aufgenommen zu werden, erwartet die Ökonomin. Bisher beinhalteten die meisten Emerging Markets Aktien-Indizes nur große Unternehmen, häufig Rohstoffproduzenten. Unternehmen mittlerer Größe und  aus dem Finanzsektor fehlten dagegen. „Diese Indizes sind eng mit dem Rohstoffzyklus verbunden und weniger repräsentativ für den Entwicklung des verarbeitenden Gewerbes“, sagt Polan.

 

Eine andere Methode wäre, die Staaten nach Gemeinsamkeiten neu einzuteilen. Kriterien dafür könnten die Produktions- und Exportstruktur des Landes, die Produktivität, das Einkommen oder das Kreditrating sein. Allerdings würden dann mehr Gruppen als bisher entstehen und Indizes, die sich auf diese kleineren Einheiten beziehen, wären schwankungsanfälliger, gibt Polan zu bedenken.

 

„Auch wenn der Begriff Emerging Markets neu definiert werden muss – das Label wird noch nicht so schnell verschwinden“, stellt Polan fest.