Die Deutsche Bundesbank feiert Anfang August d. J. ihr 60-jähriges Jubiläum! Das Motto: Seit 1957 sorgt die Notenbank für stabiles Geld in Deutschland und Europa.
www.geldanlagen-nachrichten.de liefert eine ausgedehnte Serie zum Thema deutsches Geld und Geldpolitik von der Nachkriegszeit über die Währungsreform mit der Einführung der D-Mark 1948 bis zum Euro von Heute.
Von Christoph Wehnelt
Nr. 26
Druck auf Bundesbank und EZB
Seitdem die neu gewählte Regierung am Ruder ist (Kanzlerwahl am 27.10.98), versucht sie die Bundesbank unter Druck zu setzen. Wo immer möglich, wird der Druck sogar verschärft. Rot-Grün will auch die Europäische Währungsunion im Kern treffen und beschädigen. Es ist sogar festellbar, dass sich in allen Mitte-Links-Regierungen des Eurolandes diese Kräfte bündeln. Es geht um die unabhängige Geldpolitik in Deutschland und Europa. Es geht um die Stabilität von D-Mark und Euro. Die neuen Machthaber in Deutschland und Europa, das gilt besonders auch für Frankreich, England und Italien, wollen die Geldpolitik ihren finanz- und beschäftigungspolitischen Zielen unterordnen, auf jeden Fall die sich allzu unabhängig wähnenden Notenbanker an die Kandare nehmen und ihre zinspolitische Verantwortung vereinnahmen.
Lafontaine und seine Staatssekretäre sind angetreten, die Bundesbank und die Europäische Zentralbank in beispielloser Weise einzubinden. Die anderen Euro-Staaten machen gerne mit, ganz gleich ob damit der Maastricht-Vertrag ausgehöhlt oder das Bundesbank-Gesetz ausgehebelt wird. Drei Zielrichtungen sind erkennbar:
– Die Zinspolitik soll von den Regierungen gemeinsam mit der europäischen Kommission vorgegeben werden.
– Die Berichtspflicht über die Geldpolitik gegenüber Regierungen und Parlament soll verschärft werden.
– Zudem sollen – dies ist ein Lieblingskind Lafontaines – die großen Währungen dieser Welt in ein hartes Reglement gesperrt werden.
– Von italienischer Seite wird außerdem die Aufweichung der Stabilitätskriterien (3-Prozent-Schuldengrenze) in die europäische Diskussion geworfen.
Ein Nebenkriegsschauplatz sind die Anfeindungen des neuen Bonner Finanzstaatssekretärs, Claus Noe, gegen Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer, dem er vordemokratische, absolutistische Politik in Sachen Geld vorwirft. In seinem Beitrag in der „Zeit“ kommt nicht die Sorge über eine verfehlte und wirtschaftsschädigende Geldpolitik zum Ausdruck, sondern er transport aggressive Meinungsmache mit dem Ziel, Tietmeyer möglichst schnell aus seinem Amt zu katapultieren. (Hier stand wohl Zeit-Herausgeber Helmut Schmidt Pate.)
In den vergangenen drei Jahren, beim Aufgalopp zur Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion, konnten sich kaum die allerschlimmsten Miesmacher ein europäisches Szenario ausmachen, das der gegenwärtigen politischen Großwetter lage entsprochen hätte.
Die Sozialisten in den Regierungen Europas wollen die Zentralbanken zum Reparaturbetrieb für die verfehlten Wirtschafts-, Finanz- und Tarifpolitikern machen, die letztlich zu den verqueren Strukturen in unseren Volkswirtschaften führten, die uns seit Jahren so sehr zu schaffen machen. Die Strukturen sollen nicht geändert, sondern die letzten Institutionen eingerissen werden, die sich in Unabhängigkeit Gedanken über richtigere Finanz- und Wirtschaftsstrategien zum Wohle des Volkes machen. Geldwertstabilität ist ein hohes Gut. Um dies zu erkennen muss die neue Generation der europäischen Regierungen offenbar in einen längeren Lernprozess eintreten.
Dieser beginnt schon sehr bald, und zwar am 5. November (98). Pünktlich um 9.30 h hat der Zentralbankrat der Deutschen Bundesbank seine Sitzung begonnen, an der erstmals auch Finanzminister Lafontaine und sein Staatssekretär Heiner Flaßbeck teilnehmen. Wie ein Mittelsmann berichtete, gelang der Start der Besprechungen in gelockerter, geschäftsmäßiger Atmosphäre. Vorher hatte Bundesbankpräsident Tietmeyer den Bonner Besuch vom Hubschrauberlandeplatz auf dem Gelände der Bundesbank abgeholt. Tietmeyer stellte dem Finanzminister jedes einzelne Zentralbankratsmitglied persönlich vor bis er dann den ersten Punkt der Tagesordnung ansprach: Analyse der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland und Europa. Bei dieser Gelegenheit konnte sich auch der neue Chefvolkswirt der Bundesbank, Prof. Hermann Remsperger, profilieren.
Dann rückte TOP „Zinsen“ ins Zentrum des Treffens. Die Meinung der Regierung war im Vorfeld schon oft genug bekannt gemacht worden, nämlich runter. Doch in Zentralbankratssitzungen haben Finanzminister und seine Leute kein Antragsrecht. In geldpolitischen Fragen genießt die Bundesbank eine gesetzlich verankerte Unabhängigkeit in ihren Entscheidungen. In scharfer Form hat gerade ehute der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Wolfgang Schäuble, gegen die Eonflssversuche Lafontaines Stellung genommen.
Wenn auch der halbseitige Artikel Schäubles „Mit Lafontaine auf den Irrweg der Jakobiner“ noch als verspätete Wahlkampfpropaganda angesehen werden kann, so haben bundesweit sehr viele Wissenschaftler, Verbandsfunktionäre und Banker in den letzten Tagen in großer Sorge Stellung bezogen und die deutsche wie die europäischen Zentralbank vor allzu großer politischer Einflussnahme in Schutz genommen.
Im Vorfeld der Zentralbankratssitzung blühte ganz außerordentlich die Meinungsvielfalt. Bundesbankvizepräsident Jürgen Stark hatte da vom Verfassungsrang der Bundesbank gesprochen. Der DIHT-Präsident, Hans Peter Stihl, forderte eine schnelle Klarstellung der Bundesregierung, dass sie die Unabhängigkeit der Bundesbank nicht antaste werde. Kanzler Gerhard Schröder hat sich noch gestern diesem Meinungsspektrum angeschlossen. Er sagte, niemand wolle diese Unabhängigkeit antasten. Es werde aber doch noch erlaubt sein, über die Höhe der Zinsen in Deutschland und Europa zu sprechen.
Diese Kontroverse wurde in der Sitzung nur sehr vorsichtig und differenziert angesprochen. Über die Beratungen selbst wurde Stillschweigen vereinbart. Es gab auch kein Pressepodium für die Bonner in Frankfurt, nur eine kurze Pressenotiz: Der Zentralbankrat hat auf seiner heutigen Sitzung die Leitzinsen unverändert belassen. Danach gelten für Wertpapierpensionsgeschäfte weiterhin 3,3 Prozent, für den Diskont 2,5 Prozent und für Lombardgeschäfte 4,5 Prozent.
Abends dann, beim Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten, zog EZB-Präsident Duisenberg nochmals richtig vom Leder. Für ihn sei es eine abgemachte Sache, dass Lafontaine die EZB meint, wenn er die Bundesbank prügelt. „Wir lassen uns in keiner Weise unter Druck setzen“, sagte der Niederländer aus Frankfurt in Richtung Bonn. Als eine Fragerin dann noch ganz genau wissen wollte, ob er nun nach vier Jahren zurücktrete, wie es zu seiner Amtseinsetzung hieß, konterte er massiv: „Da müsste schon der Maastricht-Vertrag geändert werden. Ich bleibe acht Jahre.“
Im Zinsgleichschritt: Marsch
Es war für Finanzminister Lafontaine ein Leichtes sich einzureden, dass seine Zins-Demarche von Anfang November einen Monat später zu einer europäischen Zinssenkungsrunde geführt hat. Man freut sich eben über kleine Erfolge, die ganz anderen Zuständen zuzuschreiben sind. Die elf Staaten, die vom 1. Januar 99 an die Euro-Union darstellen, haben in einer gemeinsamen Aktion die Zinsen gesenkt und damit Entschlusskraft demonstriert, den Euro von Anfang an auf den richtigen Weg zu bringen. Euro-Präsident Duisenberg hat die Entscheidung der Kollegen von den nationalen Zentralbanken, vom Europäischen System der Zentralbanken als einmalig, als geradezu sensationell bezeichnet.
Die Sensation liegt für ihn nicht darin, dass er vorher die zu erwartende Zinsentscheidung nicht gekannt hätte. Ganz im Gegenteil, im Zentralbankrat der EZB wurde vor wenigen Tagen die Zinssenkung vorbesprochen, wenn nicht gar abgesprochen und dennoch hat es etwas sensationelles, dass die Gouverneure der nationalen Notenbanken in ihre heimatlichen Zentralbanken heimgekehrt sind und den kurzfristigen Leitzins (für Wertpapierpensionsgeschäfte) um 0,3 Prozent auf drei Prozent bringen, wenn man einmal vom Sonderweg Italiens (Verbleib bei 3,5 Prozent) absieht.
Dabei haben die europäischen Notenbanker der deutschen Bundesbank die Referenz erwiesen, dass sie – zumindest publizistisch vorangehen konnte. Das entsprach zwar den realen Machtverhältnissen im europäischen Geldwesen und dennoch ist es sensationell. Es war ja nicht zum ersten Mal, dass die Bundesbank die Führerschaft bei Zinsveränderungen übernommen hat, auch im besten Sinne für Europa. Aber was gab es da oftmals für Aufregung bei den anderen Zentralbanken, wenn sie nachziehen mussten, Aufschreie bis hin zu europäischen Krisen.
Bundesbankpräsident Tietmeyer konnte ein letztes Mal die volle Geldsouveränität seines Hauses verkosten: „Dieser Beschluss, dem eingehende Konsultationen mit den anderen europäischen Zentralbanken, insbesondere im EZB-Rat, sowie intensive interne Beratungen im Zentralbankrat der Deutschen Bundesbank vorausgingen, ist eine souveräne, von politischen Erwartungen unbeeinflusste Entscheidung der Bundesbank.“ Und er fügte hinzu, dass er selbst ein Motto schon mehrfach zitiert habe, das ihm besonders nahe liege: „Nec laudibus, nec timore“ – lasse die nicht durch Lobsprüche oder durch Furcht beeinflussen in dem, was due für richtig erkannt hast.“
Warum denn weinen, wenn man auseinander geht?
Letztmals tagte heute, am 17. Dezember 98, der Zentralbankrat der Bundesbank in seiner vollen Autonomie als unabhängige Institution, die allein für die Geldpolitik in Deutschland zuständig war. Die erste Sitzung fand am 8. März 1948 statt. Eröffnet wurde sie damals von Mister Freeman, einem der beiden Vertreter der Alliierten Bankenkommission in Frankfurt. Seitdem tagte dieses Gremium 1006mal. Erster Präsident des ZBR der Bank deutscher Länder war Karl Bernard. Er hatte einen – was es damals noch gab – Präsidenten des Direktoriums zur Seite; Wilhelm Vocke.
Zur ersten und größten Aufgabe des Gremiums gehörte die Schaffung der D-Mark als Nachfolgewährung der durch die Kriegsfinanzierung stark inflationierten Reichsmark. Die Mark hat dann einen unvergleichlichen Siegeszug angetreten, kam immer wieder in Schussfeld der Politik von innen und außen und geht jetzt in der europäischen Gemeinschaftwährung auf.
Mit „Tschüß D-Mark“ ist meine Beziehung zu der lieb gewordenen Währung durchaus nicht zu beenden. Das käme mir so vor wie: Warum denn weinen, wenn man auseinander geht, wenn an der nächste Ecke schon ‚ne’ Andere steht. Mit der Mark unterhalte ich ein gestandenes Geldverhältnis, an das ich mich über Jahrzehnte gewöhnt habe. So eine Gewöhnung kann durchaus in Liebe ausarten, ohne dass ich behaupten wollte, ich sei besonders hab- oder geldgierig. Die neue Zuckerpuppe aus der Euro-Suppe muss sich wirklich erst bewähren.
Ganz am Anfang habe ich die ersten D-Mark-Groschen – Zehnpfenniggeld auf Papier gedruckt – in Metallgroschen umgetauscht. Dieses Besatzergeld hatte die Reichsmark schon abgelöst. In Mark und Pfennig wurde meiner Mutter die Kriegswitwenrente monatlich ausbezahlt und für uns Kinder das Halbwaisengeld. Mit den damals neuen Moneten kaufte ich meine Schülermonatskarte und verdiente als „Werkstudent“ mein erstes Geld auf einer Schiffswerft am Starnberger See. Für mich aufregend war die erste D-Mark-Aufwertung, die mir signalisierte „Wir sind wieder wer!“
Die ersten Auslandskröten, die ich mit der D-Mark erwarb, hießen österreichische Schillinge, die ich für einen Salzburg-Ausflug brauchte. Kräftig über den Tisch gezogen haben mich die Briten, als ich bei meinem ersten England-Besuch noch 12 Mark für ein einziges Pfund Sterling hinblättern musste. Für ein Pfund bekam ich in einem feinen Londoner Lokal ein teures Mittagessen. Das britische Geld machte auf mich durchaus großen Eindruck. 240 Pennies oder 20 Shilling gingen auf ein Pfund und 21 Shilling summierten sich auf einen Guinea. Irritiert hatte mich allerdings, dass die Engländer noch lange in die Nachkriegszeit hinein Lebensmittelmarken hatten, während die lausigen Kriegsverlierer mit der Einführung der D-Mark jede Bewirtschaftung aufgeben konnten, zumindest in den Westzonen. Als absolute Friedenswährung erlebte ich stets den Schweizer Franken. Lira und Peseten rangierten als Urlaubswährungen, die durch ihre regelmäßigen Abwertungen auch immer interessant blieben. Beim Franc musste ich immer rätseln, ob die Geschäftsleute gerade in „anciens ou nouveaus francs“ rechneten. Wenn es auch über den umständlichsten Sortenhandel war, D-Mark wollten alle. Der Geldumtausch machte jeden Reisebeginn spannend. Da kam erste Exotik auf.
Das galt besonders auch bei Reisen in die DDR, wo die Exotik oft in Geldschmuggel ausartete. Man durfte alles hintragen, kleine Schiebereien machen und bekam nichts mehr raus. Schade, dass die Einführung der D-Mark im Westen die Teilung Deutschlands perfekt machte und die Mark der Deutschen Notenbank als „Ostmark“ ihr von Anfang an unrühmliches Leben begann. Die D-Mark machte alles wieder gut. Die Wiedervereinigung war die Sache meines angestammten Geldes.
In dem von Vasarely gestalteten Foyer der Bundesbank steht eine Münzkanne aus dem Jahre 1873, die von oben bis unten mit Silberthalern gespickt ist. Ringsherum wurde der Spruch eingraviert: Thalers Abschied – Deutsche Einheit – Mark nun einzieht, sei’s für alle Zeit. Was vor 125 Jahren galt, ist auch heute Realität: Wenn die Deutschen zur Einheit finden, verlieren sie ihre angestammte Währung. Tschüss D-Mark. Gehab’ dich wohl. Es wär so schön gewesen. Gehab’ dich wohl. Es hat nicht sollen sein. Kommen Eurolinchen, vielleicht wird es mit uns doch noch was?
Neue Währung – kein neues Geld
Den Europäern ist längst klar, dass sie zum Jahreswechsel zwar eine neue Währung bekommen aber kein neues Geld. Ganz drei Jahre müssen sie noch auf Cent-Münzen und Euro-Banknoten warten. Die Deutschen empfinden das nicht als Schaden, haben sie doch weiterhin die Mark. Bis über 2000 hinaus dienen uns noch die roten Pfennige und Zweipfennigstücke, die Messing farbigen Groschen und das silbrige Fuffzigerl mit der Eichen setzenden Kopftuchdeutschen. Silberglanz verbreiten auch weiterhin die Markstücke und die Serie der neuen Geldscheine, die immer noch nicht abgeschlossen ist. Ein ideologisches Geschenk hat Tietmeyer dazu gelegt: „Auch künftig bleibt die Bundesbank voll funktionsfähig.“ Na also!
Was findet aber real statt, wenn der Euro am 1. 1. 1999 Einzug hält? Der Euro fürs Volk gibt nur seine Visitenkarte ab. Er ist die „eminence grise“ im Bankenapparat, der Mister Giralgeld. Es gibt ihn und es gibt ihn nicht. Der Euro blitzt hinter jeder Rechnung auf, ist als Vergissmeinnicht auf jedem Girokonto zu ertappen, ziert so manche Kneipenrechnung und steht als Doppelgänger auf den Preisschildern im Einzelhandel. Der Euro bremst eher den Geschäftsgang, denn es muss immer angegeben werden, ob in Euro oder D-Mark bezahlt werden soll. Den totalen Euro-Aufstand probt jedoch die Deutsche Börse vom ersten Handelstag an. Ganz gleich ob es einer versteht oder nicht, alle Notierungen lauten auf Euro. Diese geldpolitische Rosstäuscherei oder Doppelbödigkeit wird drei Jahr dauern. Erst ab 2002 kann es mit Fug und Recht heißen: Haste Euros in den Taschen, haste immer was zu naschen.
Die Druckvorbereitung für die Euro-Banknoten läuft schon auf Hochtouren und die Prägeanstalten prägen bereits die ersten Nullserien für die Eurocentmünzen. In den Safes der nationalen Banknoten-Druckereien liegen seit einigen Tagen schon die von Wim Duisenberg, dem EZB-Präsidenten, unterzeichneten Blankette als Druckvorlagen fürs neue Geld. In Deutschland wurden bisher die Banknoten zweimal unterschrieben, vom Präsidenten und vom Vizepräsidenten der Bundesbank. Bei der EZB macht es Duisenberg allein. Alles in allem müssen über 2,5 Milliarden D-Mark-Scheine und knapp 50 Milliarden Münzen durch vier Milliarden Euro-Noten und 12 Milliarden Münzen ersetzt werden. Allein die Münzen wiegen 60 000 Tonnen und müssen mit 4000 Lkw transportiert werden.
An diesem Schnittpunkt des Währungswechsels sollte es gerechtfertigt sein, eine D-Mark-Schlussbilanz und eine Euro-Eröffnungsbilanz aufzustellen. Dabei müssen materielle und immaterielle Werte in Ansatz gebracht werden. Gold- und Devisenreserven, Abschlagszahlungen an die ehemaligen Siegermächte (nicht die typischen Reparationszahlungen, die längst erledigt waren), auch (neue) Wiedergutmachungszahlungen spielen herein sowie Rückführungskosten für die russischen Streitkräfte und ganz gewiss übermäßige Dotierungen an die Brüsseler Kassen. Was seitens der Bundesrepublik geleistet werden musste, wird noch einige Doktorarbeiten zu beschäftigen haben. Vieles wird kaum nachvollziehbar sein. Der Aufbau Ost ist zunächst deutsches Nationalvergnügen und fällt nicht darunter.
Als unschätzbare immaterielle Werte müssen demgegenüber die Wiedervereinigung Deutschlands und die europäische Einigung genannt werden, die weitestgehend mit D-Mark bezahlt und mit dem Euro sichergestellt werden. Was kostet die Deutschen der Euro? Zunächst einmal gibt es einen erheblichen Souveränitätsverlust durch die Abgabe der geldpolitischen Autonomie der Bundesbank an die Europäische Zentralbank. Der Souveränitätsverlust ist größer als bei den übrigen Euroländern, weil die Bundesbank in vielen Bereichen für Europa schon lange maßgeblich agierte und jetzt – geldpolitisch – bestenfalls zwei Stimmen geltend machen kann im Kreise von – je nachdem – zwei Dutzend Stimmberechtigten (oder auch mehr). Als starkes Aktivum muss hier ganz entschieden der Sitz der Europäischen Zentralbank – Frankfurt am Main – genannt werden.
Mit einem Kapitalanteil von anfangs etwas über 30 Prozent an der EZB (er ergibt sich daraus, weil vier Staaten mit einem rechnerischen Kapitalanteil von ca. 20 Prozent noch nicht mitmachen) ist die Bundesbank, also Deutschland, auch der größte Gold und Devisenbringer für die EZB. Tietmeyer hat kürzlich vorgerechnet: Die elf Euroländer bringen 40 Milliarden Euro als Währungsreserven ein, davon kommen aus der Bundesbank 12,2 Milliarden Euro bzw. 24 Milliarden Mark. Tatsächlich stehen aber sämtliche Währungsreserven der Bundesbank der EZB für währungspolitische Aufgaben zur Verfügung. Das sind 140 Milliarden Mark. Bei einer marktgerechten Bewertung der Goldreserven kommen da auch schnell 200 Milliarden Mark resp. 100 Milliarden Euro zusammen.
Mit den (rechnerischen) 200 Milliarden Mark ist der Euro zu Lasten der deutschen Kassen immer noch nicht aufgewoben. Euro heißt Europa und die Europäer ließen sich die Wiedervereinigung (die sie politisch noch verhindern wollten) gut bezahlen. Nebenbei bemerkt: Die Umstellung der Wirtschaft auf die neue Währung wird auf 100 Milliarden Euro taxiert. Der Euro kostet Deutschland in jedem Falle ein ansehnlicher dreistelliger Milliardenbetrag. Dafür bekommt Deutschland eine gute Basis für den Weiterbau am Haus Europa und die EZB in Frankfurt. Außerdem hat Deutschland ein wachsendes Gewicht – politisch und wirtschaftlich – im Europa der 11, der 15 und bald der 21 oder 27 europäischen Länder.
Das neue Zeitalter des europäischen Geldes
Wechselkurse zum Euro am Jahreswechsel 1998/99
Umrechnung der alten Währungen in Euro
Offizielle Umtauschkurse der Eurovorgängerwährungen (Einheiten nationaler Währung je Euro) und Kapitalbeteiligung der Länder an der EBZ (in %)
0040,3399
Belgische Franken Banque Nationale de Belgique 2,8658
0001,95583
Deutsche Mark Deutsche Bundesbank 24,4935
0005,94573
Finnische Mark Suomen Pankki 1,3970
0006,55957
Französische Francs Banque de France 16,8337
0000,787564
Irische Pfund Central Bank of Ireland 0,8496
1936,27
Italienische Lire Banca d’Italia 14,8950
0040,3399
Luxemburgische Francs Institut Monétaire Luxembourgeois 0,1492
0002,20371
Niederländische Gulden De Nederlandsche Bank 4,2780
0013,7603
Österreichische Schilling Österreichische Nationalbank 2,3594
0200,482
Portugiesische Escudos Banco de Portugal 1,9232
0166,386
Spanische Peseten Banco de Espana 8,8935
Im Vorfeld der Euroeinführung in einem Mitgliedsland der EWU entscheiden die EU-Finanzminister über den endgültigen Umtauschkurs. Der Wechselkurs wird dabei immer auf insgesamt sechs Stellen (d. h. vor und gegebenenfalls auch nach dem Komma) genau festgelegt, um Rundungsfehler möglichst gering zu halten. – Schon im Juni 98 waren die Kapitalanteile der Euro-Zentralbanken am EZB-Kapital von 5 Milliarden Euro nach einem ausgeklügelten Schlüssel festgelegt und im Dezember leicht revidiert worden. Die Anteile der bei Beginn des Euro nicht mitmachenden EU-Staaten England, Griechenland, Schweden und Dänemark (ca. 21 %) wurden reserviert.
Börse schafft die D-Mark ab
Mit Applaus und Euro-Hymne begann an der Frankfurter Börse der erste Handelstag im neuen Jahr und im neuen Zeitalter (4.1.99). Das hatte auch seinen tieferen Grund und höheren Hintersinn, denn ab heute lauten alle Notierungen für Aktien und Renten und allem, was sonst so an der Börse gehandelt wird, auf Euro. Die Handelswährung D-Mark ist abgeschafft. An den europäischen Börsen insbesondere in Frankfurt wurde jetzt die gemeinsame Währung ins wirkliche Leben befördert. Das symbolische Großereignis zauberte an Ort und Stelle Währungskommissar Thibault de Silguy mit seinem Countdown in den Sprachen des Eurolandes. Er konnte sich allerdings nicht verkneifen, auch das Englische zu bemühen, obwohl Großbritannien (noch) nicht an der Währungsunion teilnimmt. Aber de Silguy zählte auch zweimal deutsch, hatte doch Ex-Finanzminister Theo Waigel öfters betont, „der Euro spricht deutsch.“
Der Währungskommissar zählte nicht nur. Er hielt auch eine bescheidene Begrüßungsrede. Damit hatte er inhaltlich nicht unrecht, sicherlich müssen wir mit dem Euro alle bescheidener werden. Dagegen wehren sich aber noch ganz vehement die Frankfurter Kursmakler, die auf jeden Fall und weiterhin das Börsenparkett mit ihrem Handel bevölkern und reicher werden wollen.
Zu den großen Befürwortern und Betreibern der gemeinsamen europäischen Währung gehörten immer schon die Deutsche Börse und ihr Management. Sie konnten die Euro-Einführung kaum erwarten und die Euphorie ist überschwänglich, sich von nun an ein riesiges Stück der europäischen Finanzmärkte einverleiben zu können. Der Wettbewerb unter den Börsenplätzen dürfte immer härter werden und strategische Allianzen werden aus dem Boden gestampft.
Die Börsenhändler in Frankfurt, Paris und London müssen sich künftig bei Dienstantritt allerdings fragen, wo bin ich eigentlich? Ist das da drüben der Main, die Seine oder die Themse? Ganz gleich. Es wird überall mit Wasser gekocht und die Euro-Sauce schmeckt jetzt allerorts gleich!
Nach der ersten Sitzung des EZB-Rats am 7. Januar 99, also in der 3. Stufe der Wirtschafts- und Währungsunion berichtete Duisenberg ganz erleichert: „Am 1. Januar 1999 ist der Euro erfolgreich eingeführt worden. Mit Wirkung von diesem Tag an hat das ‚Eurosystem’ – das heißt die EZB und die elf nationalen Zentralbanken der am Euro teilnehmenden Mitgliedstaaten – die Verantwortung für die Geldpolitik im Euro-Währungsgebiet mit dem vorrangigen Ziel der Gewährleistung der Preisstabilität übernommen.“ Der EZB-Präsident lobte das Funktionieren des Euro-Zahlungssystems TARGET, an dem neben den Zentralbanken zur Zeit 5000 Kreditinstitute teilnehmen. Der Wert der grenzüberschreitenden Transaktionen, die über TARGET abgewickelt wurden, überschitt bereits am 2. Geschäftstag den Betrag von 310 Milliarden Euro. In diesem Betrag sind die inländischen Zahlungen, die mindestens nochmals 660 Milliarden Euro ausmachten, noch nicht einmal enthalten. Der Gesamtwert der abgewickelten Transaktionen belief sich also auf fast 1000 Milliarden Euro.
In die großen Schuhe hineinwachsen
Nach und nach wächst die Europäische Zentralbank in die mächtigen Schuhe der Verantwortung für die europäische Geldpolitik hinein. Zwar haben bisher erst elf Staaten ihr Mitmachen in Euroland erklärt. Tatsächlich reicht aber der Einfluss der EZB darüber hinaus. Das beginnt mit den EU-Staaten, die nicht von Anfang an dabei sind, aber über das Europäische Währungssystem EWS 2 am Euro hängen. Das gilt für Griechenland und Dänemark. (Schweden und England wollen zunächst einmal draußen bleiben.) Außerdem wird es nicht lange dauern, bis die nächste Runde der EU-Erweiterung zusätzliche Währungen andriften lässt, die sich auch erst im EWS 2-Kanal bewähren müssen.
Wim Duisenberg zweifelt keinen Augenblick daran, dass sich hier eine neue, große Weltwährung auf den Weg macht, eine Währung, die eines Tages den Dollar überflügelt. Völlig klar, dass der selbstbewusste EZB-Präsident eine Verkettung von Dollar, Yen und Euro auf viele Jahre hinaus ablehnt. Im Konzert des weltweiten Geldes hat Duisenberg sein Terrain bereits abgesteckt und deutlich werden lassen, dass der Kopf des Währungstisches dort ist, wo die Europäer sitzen. Er warnt vor einer Dramatisierung der Krisen in Russland und Asien, gibt aber gleichzeitig zu bedenken, dass noch nicht alle Rückwirkungen dieser Krisenherde auf Europa ausgelotet werden können.
Duisenberg liebt auch die Rolle des Mahners. Er fordert Haushaltsdisziplin im Sinne des Stabilitätspaktes, die bisher nicht gegeben sei. Der gestrenge Hausherr von der Frankfurter Kaiserstraße 29 versteht sich aber nicht nur als Weltökonom sondern auch als Oberbuchhalter eines Milliarden-Unternehmens. Da muss die Kasse stimmen. Auch die vier Zaungäste – England, Schweden, Griechenland und Dänemark – müssen Kapital zuschießen und wenn es nur fünf Prozent der ihnen zustehenden Quote sind. Zudem steht schon der Schlüssel für die Gewinnverteilung fest und im Herbst dieses Jahres (1999) wird die Nullserie für die Euro-Banknoten in Druck gehen. Er sträubt sich gegen nationale Symbole. Hier sei kein Platz mehr für Geldchauvinismus.
Für ausgeklügelte geldpolitische Strategien basierend auf den zwei Säulen, Inflationsziel und Geldmenge, hat er doch den Würzburger Professor Otmar Issing im Direktorium. Dieser weiß ganz genau, wann die Geldmenge den Preis treibt und sieht seinen Sessel als Katheder der hintersinnigsten Geldtheorien, Forschung à la EZB.
Wie ein roter Faden durchzieht den Text des ersten Monatsberichts die stabilitätspolitsch ordnende Hand des Schreibers, seines Zeichens Chefvolkwirt der EZB. Wenn Issing – wie hier – die Menue-Karte seiner Recherchen präsentiert, heißt es unübersehbar: Entree Stabilitätspolitik, Dessert Stabilitätspolitik und dazwischen als köstlicher Hauptgang der harte Euro.
Die Inflationsentwicklung der vergangenen zwei Jahre liege im Einklang mit der europäischen Politik für ein stabiles Geld, schreibt der Leitartikler Issing. Wenn der harmonisierte Verbraucher-Preisindex – und darauf kommt es der EZB an – weniger als zwei Prozent pro Jahr steigt, ist dieses Ziel erreicht. Zuletzt waren es sogar weniger als ein Prozent. Damit wäre die Teuerung verjagt. Andererseits nistet sich auch nirgends die bisweilen so gefürchtete Deflation ein, die stets als Argument für eine zusätzliche Zinssenkung herhalten muss. Weil das so ist, besteht nach Issing auf absehbare Zeit auch nicht die Notwendigkeit einer Zinssenkung. Der dreiprozentige Hauptfinanzierungszinssatz soll also eine ganz Weile durchgehalten werden.
EZB hat eine europäische Mission
Neujahrsrede von W. F. Duisenberg im Kaisersaal am 19. Januar 1999
Sehr verehrte Frau Oberbürgermeisterin, sehr geehrte Damen und Herren!
Es ist mir eine Ehre, bei diesem wunderschönen Neujahrsempfang der Stadt Frankfurt einige Worte sagen zu dürfen. 1998 war ein denkwürdiges – ja historisches – Jahr für Europa im Allgemeinen und für mich und meine Kollegen bei der Europäischen Zentralbank, der EZB, im Besonderen. In diesem Jahr hat sich sehr viel ereignet – man könnte meinen, dass seit Jahresbeginn 1998 schon mehrere Jahre verstrichen sind. Vor einem Jahr gab es die EZB noch nicht einmal. Das Europäische Währungsinstitut, das EWI, Vorgänger der EZB, war damals damit beschäftigt, die Vorarbeiten für die Einführung des Euro abzuschließen.
Zu seinen Aufgaben gehörte es, den Rahmen für die Geldpolitik zu erarbeiten, Computersysteme zu entwickeln, Rechtsakte zu verfassen und den sogenannten Konvergenzbericht zu entwerfen. Dieses Dokument war in der Tat der wichtigste Bericht, den das EWI erstellt hat. Er bildete die Grundlage für den Beschluss vom Mai, dass die Elf Länder den Euro ab 1. Januar 1999 einführen würden.
Der Eurotower mag von außnen sehr beeindruckend wirken, aber es waren doch nur wenige hundert Menschen, die eine ganze Menge Arbeit zu bewältigen hatten. Diese Menschen kommen aus allen Ländern der Europäischen Union, darunter auch viele aus Ländern, die den Euro bisher noch nicht eingeführt haben – sie gehörten dieser Institution schon zu Zeiten des EWI gerne an und sind nun auch bei der EZB dabei. Unsere wenigen hundert Mitarbeiter haben ausgesprochen hart gearbeitet und eine großartige Leistung vollbracht. Eine neue Währung für fast 300 Millionen Menschen in elf Ländern einzuführen, ist eine aufregende Herausforderung und eine einmalige Erfahrung. Es gilt als Privileg, zu den Pionieren der neuen Währung zu zählen. Allerdings bringt diese Arbeit es auch mit sich, dass die Tage länger und die Nächte kürzer werden und wenig Zeit dafür bleibt, andere Dinge zu genießen. Ich bin mir jedoch sicher, dass die Anstrengungen nicht vergeblich waren und auch weiterhin lohnen werden.
Im Mai fiel dann die Entscheidung darüber, welche Länder den Euro einführen würden. Darüber hinaus wurden die Mitglieder des Direktoriums ernannt. Vielleicht erinnern Sie sich an das erste Wochenende im Mai, und dann, dass es in einem Fall etwas länger dauerte, bis eine Entscheidung getroffen wurde. Ich erinnere mich sehr wohl daran, für mich ist diese Angelegenheit allerdings wirklich abgeschlossen. Es gibt viel zu tun. Was vor mir liegt, ist weitaus wichtiger als das, was hinter mir liegt.
Die EZB und mit ihr das Europäische System der Zentralbanken, zu dem auch die nationalen Zentralbanken gehören, wurde am 1. Juni gegründet. In den ersten sechs Monaten ihres Bestehens war die EZB noch nicht für die Geldpolitik zuständig, sondern setzte die Vorarbeiten, die das EWI geleistet hatte, fort und bracht sie zum Abschluss. Die EZB als Institution musste sich vom EWI unterscheiden. Ihre Hauptaufgabe würde in der Durchführung der Geldpolitik liegen. Anders als das EWI hat die EZB nicht nur ein Stück vorzubereiten, sie würde die Hauptrolle spielen müssen.
Dies erforderte eine neue organisatorische Struktur und brachte es mit sich, dass viel neues Personal gewonnen werden musste. Die überwiegende Mehrheit der EWI-Mitarbeiter schlossen sich der EZB an, aber das reichte nicht. Die EZB musste wachsen und sie ist gewachsen: Die Zahl der Mitarbeiter ist bis zum Ende des letzten Jahres auf fast 600 gestiegen. Im Laufe des Jahres wird die Zahl der Mitarbeiter weiter zunehmen, und zwar bis auf etwa 750. Dies mag sich nach einer hohen Wachstumsrate anhören, aber die EZB bleibt weiterhin eine vergleichsweise kleine Organisation. Wahrscheinlich wir die Mitarbeiterzahl in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Mehr und Mehr europäische Zentralbanker werden Bürger von Frankfurt werden.
1999 wird ein besonderes Jahr werden, das erste Jahr des Euro. Nein – es ist schon jetzt ein besonderes Jahr. Wir haben den erfolgreichen Start des Euro bereits erlebt. Viele Menschen im Finanzsektor, auch hier in Frankfurt, haben den Jahreswechsel – wohl zum ersten und letzten Mal – auf eine sehr ungewöhnliche Art und Weise und an außergewöhnlichen Orten verbracht. Sie saßen vor Computerbildschirmen in ihren Büros und bereiteten ihre Institutionen darauf vor, ab dem 4. Januar in Euro zu handeln. Es ist bemerkenswert, wie reibungslos diese logistische Operation von statten ging.
Die Vorbereitungen, die im Fall eines kritischen Verlaufs hätten greifen können, blieben reine Planspiele. Der Start des Euro verlief erfolgreich, aber die Mission hat gerade erst begonnen. Der Euro muss eine stabile Währung sein, eine Währung, die ihren Wert im Zeitverlauf nicht einbüßt und auf die europäische Bürger sich verlassen können. Ich kann Ihnen versichern, dass die EZB ihr Möglichstes tun wird, um dieses Ziel zu erreichen und den Euro zu einem Erfolg zu machen.
Erlauben Sie mir einige Bemerkungen zur Geldpolitik. Keine Sorge: Mir ist bewusst, dass dies weder der rechte Zeitpunkt noch der rechte Ort ist, um ins Detail zu gehen. Deshalb werde ich mich kurz fassen. Geldpolitik ist ein unteilbares Ganzes. Regionale oder nationale Geldpolitiken können und wird es in der Wirtschafts- und Währungsunion nicht geben. Wir können nur eine Geldpolitik für alle dem Euro- Währungsgebiet angehörenden Länder durchführen. Die Stabilität des Euro betrifft das gesamte Euro-Währungsgebiet.
Dies mag einfach klingen, und das ist es auch – aber es hat weitreichende Auswirkungen. Die Mitglieder des Direktoriums der EZB und die elf Präsidenten der nationalen Zentralbanken, die geldpolitische Entscheidungen gemeinsam treffen, müssen sich eine europäische Sichtweise aneignen. Sie vertreten nicht ihr Land, sondern müssen im Interesse des Euro-Währungsgebiets in seiner Gesamtheit entscheiden. Dies wird für uns alle ein Lernprozess sein, aber ich habe keinen Zweifel, dass es uns gelingen wird, als Europäer zu handeln – so wie wir es bei unseren ersten Entscheidungen schon getan haben.
Der Zeitpunkt der Einführung des Euro ist recht günstig. Mit einer Inflationsrate von etwas unter 1 Prozent besteht im Euro-Währungsgebiet derzeit Preisstabilität. Bei seiner Sitzung am 7. Januar erörterte der EZB-Rat die Aussichten für die Preisentwicklung und erachtete diese als gut. Nennenswerte Aaufwärts- oder Abwärtsrisiken zeichneten sich nicht ab – die erkennbaren Risiken wurden für mehr oder weniger ausgeglichen befunden. Die Zinssätze bewegen sich auf einem niedrigen Niveau. Der Euro ruht auf einem soliden Fundament.
Das ist natürlich kein Grund, sich selbstzufrieden zurück zu lehnen und Sie können sicher sein, das Zentralbanker wachsam bleiben werden. Selbst wenn die Sonne hell scheint, haben wir einen Regenschirm dabei. Nächsten Donnerstag werden wir die Wirtschaftsaussichten unter Berücksichtigung aller Ereignisse der letzten beiden Wochen und allen anderen neuen Informationen erneut prüfen. Dennoch sind insgesamt betrachtet die geldpolitischen Voraussetzungen für ein anhaltendes Wachstum von Einkommen und Beschäftigung gegeben. Wir wollen hoffen, dass das Jahr 1999 uns das Wachstum bringt, das Europa so dringend braucht, um seine unhaltbar hohe Arbeitslosenzahl weiter zu verringern.
Die EZB hat eine europäische Mission. Sie hat die Aufgabe, sich zu einer wahrhaft europäischen Institution zu entwickeln. In der EZB arbeiten Menschen aus vielen europäischen Ländern zusammen, um einen Beitrag zur Wahrung der Preisstabilität als eine der Voraussetzungen für ein stabiles, wohlhabendes und friedliches Europa zu leisten. Die Gründung der EZB und ihre weitere Entwicklung kann auch Auswirkungen auf die zukünftige Entwicklung von Frankfurt als internationale – europäische – Stadt haben. Niemand vermag genau vorherzusagen, was sich in Frankfurt verändern wird. Dies hängt im Wesentlichen davon ab, wie sich die Bürger von Frankfurt – die deutschen und die ausländischen gleichermaßen – verhalten werden.
Die Stadt wird wahrscheinlich das Ihre tun, um die entsprechenden Voraussetzungen zu schaffen. Selbstverständlich ist es nicht meine Aufgabe, hierauf im Einzelnen einzugehen, aber ich wünsche Ihnen bei Ihren Entscheidungen Glück und eine geschickte Hand. Ich gehe davon aus, dass Frankfurt trotz der Veränderungen viele seiner deutschen Eigenheiten wahren wird. Bei der europäischen Integration sollte es nicht darum gehen, nationale Eigenheiten aufzugeben, sondern mehr gemeinsame Erfahrungen unter Europäern zu sammeln.
Die Tatsache, dass die EZB eine europäische Aufgabe hat, soll nicht heißen, dass die Mitarbeiter der EZB sich hier in Deutschland, hier in Frankfurt, absondern sollten. Es bedeutet einfach nur, dass wir als Institution in strikter Übereinstimmung mit dem Maastrichter Vertrag, immer eine neutrale Position einnehmen sollten. Gleichzeitig sind wir aber auch Einwohner dieser Stadt. Wir leben hier und wir sollten uns nicht als Gäste fühlen, sondern hier wirklich zu Hause sein. Und wenn ich sage „wir“, meine ich nicht nur die Mitarbeiter der EZB, sondern auch deren Ehepartner und Familien. Frankfurt zu unserer Heimat zu machen, heißt auch verschiedene Angebote, wie beispielsweise Sportmöglichkeiten und kulturelle Veranstaltungen wahrzunehmen.
Es bedarf gewisser Anstrengungen unsererseits, so kann es erforderlich sein, dass wir etwas Deutsch lernen und uns bei zu einem gewissen Grad auf die deutsche Lebensart einstellen. Frankfurt eröffnet viele Möglichkeiten. Es hat eine lebendige Innenstadt, eine schöne Umgebung und es gibt vielfältige Freizeitmöglichkeiten – weitaus mehr als oft von Menschen, die nicht hier leben, angenommen wird. Trotz allem wird es von EZB-Mitarbeitern nicht immer als leicht empfunden, sich in die Frankfurter Gesellschaft einzufügen. Die Integration ihrer Mitarbeiter ist dem EZB-Direktorium ein wichtiges Anliegen. Hierbei geht es nicht nur um unsere derzeitigen Mitarbeiter und deren Familien, sondern auch um die vielen Menschen, die sich der EZB in den kommenden Jahren anschließen werden.
An erster Stelle ist es natürlich für die Leute selbst wichtig, sich hier wohl zu fühlen. Darüber hinaus erbringen zufriedene Mitarbeiter bei der Arbeit bessere Leistungen, als diejenigen, die Schwierigkeiten haben, sich einzuleben und sich vielleicht sogar einsam und isoliert fühlen. Hierbei müssen vor allem unsere Mitarbeiter aktiv werden – was sie auch tun, einzeln oder in Gruppen, so haben sie z. B. einen „Kreis der Ehepartner“ gegründet. Wir werden diese Bemühungen weiterhin unterstützen und bitten auch die Stadt Frankfurt, sich dieser Problematik bewusst zu bleiben. Wir dürfen nicht vergessen, dass viele unserer Mitarbeiter versuchen, unter Beibehaltung ihrer nationalen Identität und Wurzeln in Deutschland zu leben. In diesem Zusammenhang möchte ich auf unser starkes Interesse an der Gründung einer europäischen Schule in Frankfurt hinweisen. Ich hoffe, dass wir in diesem Jahr mit Ihrer Unterstützung weitere Fortschritte in diesem Bereich erzielen können.
Mit einem etwas allgemeinen Wunsch möchte ich nun schließen: Ich hoffe und erwarte, dass wir 1999 die bereits bestehende gute Zusammenarbeit zwischen der EZB und der Stadt Frankfurt noch weiter ausbauen können. Möge sich das Jahr 1999 als ein glückliches und erfolgreiches Jahr für den Euro, für Frankfurt und für Sie, meine Damen und Herren, erweisen.
Wehnelts Trilogie zur Wirtschaftsgeschichte Frankfurts:
10 Jahre Euro – Wie er wurde, was er ist
Hoechst – Untergang des deutschen Weltkonzerns
Die Wucht am Main / Geschichte des Internationalen Clubs Frankfurter Wirtschaftsjournalisten
Der PreußenClan (Familiensaga)

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