Indien: Einheitliche Steuer hilft der Wirtschaft

 

London (10.7.17) – Die indische Steuer auf Waren und Dienstleistungen (Goods and Services Tax, GST) trat jüngst in Kraft. Obgleich es auf kurze Sicht zu Herausforderungen kommen kann, dürften die mittel- bis langfristigen Auswirkungen für die indische Volkswirtschaft positiv ausfallen.

 

Mit der neu eingeführten Steuer auf Waren und Dienstleistungen setzt die Modi-Regierung ihren Plan fort, das indische Finanzsystem zu modernisieren und zu rationalisieren. Ziel ist es, das komplexe System aus regionalen Steuern zu vereinfachen. Indien setzt sich aus 29 Bundesstaaten zusammen und vor Einführung der GST mussten indische Unternehmen jedes Mal, wenn sie Waren oder Dienstleistungen über die Bundesstaatsgrenzen verkaufen wollten, Steuern zahlen. Die GST wird nun insgesamt 17 Abgaben auf nationaler und bundesstaatlicher Ebene ersetzen.(1) Aufgrund der Komplexität des vorherigen Systems war die Logistik sehr aufwändig und kostspielig. Inoffizielle Bestechungsgelder waren an der Tagesordnung. Folge davon war, dass die Logistikkosten in Indien mit 13 – 14 Prozent des BIP zu den höchsten weltweit zählten. In Brasilien, Russland und China liegen sie zum Vergleich durchschnittlich bei 9 – 10 Prozent und in den Industrieländern bei 7 – 8 Prozent des BIP.(2)

 

Die GST ersetzt das alte Staat-für-Staat-System, womit Indien zum ersten Mal seit Erlangung der Unabhängigkeit im Jahr 1947 ein gemeinsamer Markt sein wird.

 

Was bedeutet die GST in der Praxis?

 

Neben der Senkung der Logistikkosten für Unternehmen wird sich die GST auch auf den Steuersatz auswirken, den Verbraucher beim Kauf von Waren und Dienstleistungen zahlen müssen. Die Reform beinhaltet die Schaffung unterschiedlicher Steuerstufen. Diese reichen von gänzlichen GST-steuerbefreiten Stufen für Grundnahrungsmittel und Krankenhausrechnungen bis zum Höchstsatz von 28 Prozent für Unterhaltungselektronik und Kinotickets.

 

Unternehmen müssen ihre Steuererklärungen künftig elektronisch einreichen, was es erschweren wird, Steuern zu vermeiden. Jene Firmen, die die Steuerregelungen bereits einhalten, sind im Vorteil und wir denken, dass es zu einer Geschäftsverlagerung vom informellen Sektor zu diesen Unternehmen kommen wird.

 

Wer sind die Gewinner und Verlierer?

 

Für viele Unternehmen bedeutet die Einführung der GST eine Nettosenkung ihres Steueraufwands. Hierzu zählen Unternehmen aus den Segmenten Grundnahrungsmittel, Smartphones und Luxusautos. An anderer Stelle wird die GST zu einer höheren Gesamtbesteuerung führen, wie beispielsweise in der Unterhaltungselektronik oder im Bereich der Körperpflegeprodukte.

 

Unserer Ansicht nach greift die Aussage, dass die Sektoren mit niedrigeren Steuern profitieren, während Sektoren mit höheren Steuern verlieren, jedoch zu kurz. So bestehen in Indien beispielsweise Regelungen, die sich gegen Profitmacherei richten und wonach Unternehmen Steuersenkungen an Verbraucher weitergeben müssen. Auf der anderen Seite gibt es viele gut geführte Unternehmen mit soliden Marken, die trotz höherer Steuern ihre Umsätze und Gewinne weiter steigern können.

 

Was die direkten Auswirkungen auf den Jupiter India Select SICAV betrifft, so sollten sich diese in Grenzen halten. Der Fonds verfügt über breit gefächerte Anlagen in der indischen Wirtschaft und ist in Unternehmen investiert, die alle Steuerstufen der GST abdecken. Wir denken, dass die Unternehmen in unserem Portfolio auf lange Sicht von der Reform profitieren werden, da sich das Geschäft vom informellen Sektor auf Unternehmen verlagern dürfte, die bereits steuerkonform agieren.

 

Sind dies gute Nachrichten für Indien?

 

Wir sind der Meinung, dass die neue einheitliche Steuer Indien mittel- bis langfristig nutzen wird. Die Steuereinnahmen des Landes dürften um bis zu 2 Prozent zulegen und die GST wird zu einer niedrigeren Inflation beitragen. Die niedrigeren Logistikkosten und eine geringere Anzahl an Steuerlöchern sollten dazu führen, dass Kosteneinsparungen am Ende an die Verbraucher weitergegeben werden.

 

Gleichwohl erkennen wir an, dass wir uns derzeit auf unbekanntem Terrain bewegen. Da sich die Verbraucher an die neue Preisgestaltung anpassen müssen, könnte die Wirtschaft vorübergehend Probleme bekommen. Im September beginnt die Festsaison in Indien und die Reaktion der Verbraucher wird ein erster Test für die Auswirkungen der Reform sein. Wir gehen aber davon aus, dass wir starke Umsätze sehen werden. Festzuhalten ist auch, dass der Konsum selbst vor der Einführung der GST hoch war, da Geschäfte bestrebt waren, ihre alten Bestände noch unter dem alten Steuersystem zu leeren. Hierdurch entstand ein einmaliger wirtschaftlicher Impuls, der selbst eine womöglich darauffolgende Abschwächung des Konsums einigermaßen auffangen dürfte.

 

Obwohl die Einführung der GST unsere Anlagestrategie nicht nennenswert ändert, unterstreicht sie unsere wesentliche wirtschaftliche These: Die Modernisierung und Reformen der Modi-Regierung tragen dazu bei, das langfristige Wachstum der indischen Wirtschaft auf ein starkes Fundament zu stellen.

– Von Avinash Vazirani, Fondsmanager des Jupiter India Select SICAV