Die Deutsche Bundesbank feiert Anfang August d. J. ihr 60-jähriges Jubiläum! Das Motto: Seit 1957 sorgt die Notenbank für stabiles Geld in Deutschland und Europa.

www.geldanlagen-nachrichten.de liefert eine ausgedehnte Serie zum Thema deutsches Geld und Geldpolitik von der Nachkriegszeit über die Währungsreform mit der Einführung der D-Mark 1948 bis zum Euro von heute.

Von Christoph Wehnelt

 Nr. 28

 Arbeitsteilung im internationalen Geschäft

 

Kaum hatte Ernst Welteke auf dem Präsidentenstuhl der Deutschen Bundesbank teilgenommen, musste er auf dem internationalen Parkett der Hochfinanz Standfestigkeit beweisen. Die Jahrestagung von IWF und Weltbank (Ende Sept. 99) in Washington hat ihm dafür beste Gelegenheiten geboten. Dabei waren die Voraussetzungen für eine globale Profilierung für Welteke wesentlich schlechter als für seinen Vorgänger Hans Tietmeyer. Tietmeyer gehörte zu den ganz Großen der Weltwährungsszene, weil er bis zum Ende des vergangenen Jahres die hoch wichtige D-Mark vertreten hat. So konnte der deutsche Notenbankchef nicht nur in den IWF-Gremien mitregieren, sondern repräsentierte auch in der G-7 Gruppe der bedeutendsten Industrieländer die geldpolitische Macht der D-Mark, die immerhin auch schon zur zweitgrößten Anlagewährung der Welt herangewachsen war.

 

Der Euro hat mittlerweile die die D-Mark geschluckt, somit fiel nun in Washington der geldpolitische Part bei den G-/ Gesprächen dem EZB-Präsidenten, Wim Duisenberg,

  1. Welteke aber bleibt Gouverneur beim Internationalen Währungsfonds, weil die Bundesbank die deutschen Anteile am Währungsfonds verwaltet, immerhin über 6 Prozent des Kapitals. Durch Euro und Duisenberg hat sich der deutsche Einfluss auf dem internationalen Parkett aber nicht wesentlich verringert, denn auf dieser IWF-Tagung wurde der sogenannte Interims-Ausschuss zur Beratung und Kontrolle des IWF-Managements in das „Komitee für Währungs und Finanzen“ umgewandelt, und zwar als ständige Einrichtung. Und in diesem Komitee sitzt kein Wim Duisenberg aber ein Ernst Welteke. Und so wie der neue Bundesbankpräsident gebaut ist, wird er sich in diesem wichtigen Gremium als politisches Schwergewicht schon Gehör verschaffen und Einfluss nehmen.

 

In seiner ersten Rede als IWF-Gouverneur, die er vor der Generalversammlung der 182 Mitgliedsstaaten halten konnte, hat er auch von seinem Vorgänger typisch deutsche Positionen übernommen: Die Weltbank soll Entwicklungshilfe betreiben und der IWF das Weltfinanzsystem in Takt halten. Welteke drückte dies so aus: Die Erarbeitung von Armutsbekämpfungsstrategien ist Aufgabe des betreffenden Landes und der Weltbank. Die Weltbank übernimmt die Führung in den sozialen und strukturellen Fragen. Der IWF – und das war eine Ermahnung an den IWF-Geschäftsführer Michel Camdessus – sollte sich auf die makroökonomischen Fragen beschränken. IWF und Weltbank müssen klar abgegrenzte Mandate erhalten.  Bei der Schuldenentalstungsinitiative, die jetzt in Washington verabschiedet wurde und die die Schuldnerländer um 70 Milliarden Dollar entlastet, ist die Arbeitsteilung von IWG und Weltbank nicht so eindeutig erkennbar, auch nicht bei der Sonderinitiative für die allerärmsten Länder. Der wiedergewählte Weltbankpräsident James Wolfensohn hat sich die energische Armutsbekämpfung in der Welt auf die Fahne geschrieben.

 

Er will bis zum Jahr 2015 den Anteil derjenigen, die in Armut leben, um die Hälfte verringern. Dabei handelt es sich um 1,5 Milliarden Menschen, die pro Tag weniger als einen Dollar zu Verfügung haben. Welteke setzte in Washington folgenden Rahmen: Die durch die Schuldenerleichterungen freigesetzten Haushaltsmittel der einzelnen Schuldnerstaaten müssen im Rahmen einer umfassenden Armutsbekämpfungsstrategie gezielt zur Verbesserung der sozialen Lage genutzt werden.

 

In Washington kochte noch ein anderes Thema hoch. Die einen sprechen voner einer Krise im Verhältnis der Privatbanken zur Deutschen Bundesbank. Andere erkennen nur den Sturm im Wasserglas, weil das Bankgewerbe mit den Neuerungen in der Aufsicht nicht zu Rande kommt. Der während der IWF Tagung von den deutschen Großbanken erhobene Vorwurf lautet: Die Deutsche Bundesbank wahre bei internationalen Verhandlungen nicht ausreichen die Interessen der deutschen Kreditwirtschaft. So werde dem amerikanischen Finanzimperialismus Tür und Tor geöffnet. Gerade bei den Verhandlungen im Kreis der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel hätten die Vertreter der Bundesbank jämmerlich versagt.

 

Letztlich geht es bei dieser Runde des transatlantischen Finanzkrieges um die marktbeherrschende Stellung der anglo-amerikanischen Rating-Agenturen wie Moody’s und Standard & Poors, die nach amerikanischer Lust und Laune europäische Bankinstitute auf ihre Werthaltigkeit und insbesondere auf die Stabilität ihrer Kreditrisiken taxieren. Das Rating ist für Firmen und Kredite eine Bonitätseinstufung. Schlechteres Rating heißt teurerer Geldeinkauf auf jeden Fall größeres Risiko.

 

Bei den US-Rating-Agenturen dürfen allerdings die Europäer raten, nach welchen Kriterien sie ihre Bonitätsprüfungen vornehmen. Die notwendige Transparenz ist nicht gewährleistet. Ratlos sind deutsche und europäische Banken auch deshalb, weil es bisher keine europäischen Rating-Agenturen gibt und die internen Ratingsysteme der Großbanken, wenn diese ihre Kreditkundschaft taxieren, nicht anerkannt werden.

 

Für die neuen Eigenkapitalregeln der BIZ, Basel – und beim Rating geht es immer um die Werthaltigkeit der Kredite und damit um die Unterlegung mit Eigenkapital – kommen die Bemühungen, eigne europäische Ratingagenturen zu gründen zu spät. Alle an die Bundesbank gerichtete Vorwürfe können, wie es heißt, weder Präsident Welteke noch das mit der Sache befasste Direktoriumsmitglied akzeptieren. Hat die Bundesbank schon soweit abgehoben, dass sie die Basis der Kreditinstitute nicht mehr versteht? Meister wehrt sich: „Durchaus nicht.“ Es gehe um das neue Konsultationspapier des Baseler Ausschusses für Bankenaufsicht.

 

Die seit etwa zehn Jahren geforderte Mindesteigenkapitalquote von 8 Prozent reiche nicht mehr aus. Nach Auffassung des Baseler Ausschusses sind die Gesamtrisiken der Banken weit höher als die Kreditrisiken. Deshalb sollen Zinsänderungsrisiken mit Eigenkapital unterlegt werden, insbesondere aber auch das schwierig messbare operationale Risiko wie Risiken der elektronischen Datenverarbeitung oder auch juristischer Auseinandersetzungen. Damit erhöht sich das Gesamtrisiko um 15 bis 30 Prozent. Über diese Beurteilung besteht zwischen Bundesbank und Großbanken auch kein Dissens.

 

Die sogenannte Rating-Lücke zwischen USA und Deutschland hat durchaus beachtliche Ausmaße: 8000 gerateten Nichtbanken in den USA stehen nur knapp 30 geratete in Deutschland gegenüber. Die Nichtbanken sind aber üblicherweise die Risiken der Kreditinstitute. So stehen die deutschen Banken stark unter Druck. Die BIZ in Basel und die Bundesbank interessieren aber nur Ratings von Doppel-A und besser, stellt Meister klar. Danach haben die USA nur ca. 125 geratete Unternehmen mehr als Deutschland.

 

Der Euro ist Folklore

 

Geld- und währungspolitisch gesehen bestehen seit der Gründung der Bundesrepublik zwischen der Schweiz und Deutschland beste Beziehungen, hin zur BIZ oder auch direkt zur Nationalbank in Zürich. Mit Fritz Leutwiler, Präsident der BIZ, hat die Bundesbank auch schon mit Überbrückungskrediten die Mexiko-Krise bekämpft und seit den Zeiten Leutwilers als Nationalbankpräsident, sogar schon davor, gibt es die Hartwährungsachse Zürich – Frankfurt.

 

Jahrzehnte lang hatte sich die Schweiz daran gewöhnt, geldpolitisch im Windschatten der D-Mark zu manövrieren. Dabei hatte der Franken nichts an seiner Eigenständigkeit eingebüßt. Für die Eidgenossen hat sich auch nichts geändert, als alle Nachbarn – insgesamt elf europäische Staaten – die Wirtschafts- und Währungsunion gegründet haben mit dem Euro als gemeinsamer Währungen. Im Kielwasser der Geldpolitik der EZB hat die Schweiz mit ihrem Franken auch jetzt noch ausreichende Bewegungsfreiheit.

 

Nationalbankpräsident Hans Meyer sieht sogar eine ganz komfortable Situation. Die Manövrierfähigkeit seines Hauses sei in keiner Weise eingeschränkt. Die Eigenossenschaft sei durchaus nicht gezwungen, den Zinsschritten der EZB direkt zu folgen. Bei Hans Meyer ist wirklich nichts zu spüren von Subkoordination gegenüber Frankfurt. Ganz im Gegenteil: Das Selbstbewusstsein der geldpolitischen Alpenfestung ist wieder gewachsen. „Wir fühlen uns in unserer Insellage zunehmend wohler.

 

Am Frankfurter Römerberg, im Schatten der Europäischen Zentralbank, erörterte der ehemalige Oberst im Generalstab, die Perspektiven für die Europäische Währungsunion. Er fand dabei klare Worte: „Der Euro alleine ist Folklore“, dabei tippt er auf den vor ihm stehenden Ebbelweibembel. Die Europäische Zentralbank mache zwar eine klar definierte Geldpolitik. Sie sei jedoch der einzige Pfeiler, der Stabilität verspricht. Eine dauerhafte Stabilität des Euro könne jedoch ausschließlich durch eine nachhaltig konvergente Politik jedes einzelnen europäischen Landes gewährleistet sein. Die Haushaltspolitik aller Teilnehmerstaaten werde letztlich über Stärke und Schwäche der gemeinsamen Währung „Euro“ entscheiden. „Und damit ist dieses Rennen völlig offen“, sagte Meyer. Er könne sich nicht vorstellen, dass Deutschland, Frankreich und Italien langfristig dieselbe stabilitätsgerechte Finanzpolitik betreiben. „Das Rennen ist auf zehn Jahre hinaus offen und weiterhin.“

 

Bisher habe es noch nie eine Währungsunion gegeben, die durchgehalten werden konnte. Es sei keineswegs sicher, dass sich alle Regierungen stets an die selbst auferlegten Kriterien halten werden. Solche letztlich souveränen Entscheidungen könnten nicht institutionell erzwungen werden. Meyer will kein Pessimist sein: „Das ist kein Pessimismus, sondern Realismus.“ Besonders kritisch sind die Eidgenossen immer schon den Franzosen gegenüber. Da macht die Westschweiz keine Ausnahme. „Frankreich ist immer noch dem Hegemonie-Gedanken verfallen.“

 

Folklore mit Tricolore und Schwarz-Rot-Gold

 

Zum 25. Male treffen sich die Finanzminister und Notenbank-Gouverneure beider Länder zum Deutsch-Französischen Finanz- und Wirtschaftsrat. Hans Eichel hat seinen neuen französischen Kollegen, Christian Sautter, sowie den Pariser Notenbank-Chef, Jean-Claude Trichet, und Bundesbankpräsident Ernst Welteke nach Hattersheim am Main eingeladen. Die Ortswahl hatte dreierlei Bezüge: Hattersheim pflegt außerordentlich gute städtepartnerschaftliche Kontakte zur französischen Stadt Sarcelles.

 

Außerdem will Eichel seinem französischen Ex-Kollegen, Dominique Strauß-Kahn, einen freundschaftlichen Gefallen tun, denn in Sarcelles war Strauß-Kahn Bürgermeister gewesen und ist dort bis jetzt 1. Stadtrat. Wegen einer Korruptionsaffäre musste das Bürgermeisteramt niederlegen. . Hattersheim ist zudem eine hessische Stadt. Und so kommt es dem hessischen SPD-Vorsitzenden Eichel gerade zu Pass, europäisches Flair dorthin zu bringen.

 

Im Mittelpunkt des Treffens stehen ein Meinungsaustausch über die Wirtschafts- und Finanzlage beider Länder, aktuelle europapolitische und internationale Themen sowie die Belebung der deutsch-französischen Zusammenarbeit auf ministerieller Ebene. Der Finanz- und Wirtschaftsrat findet zweimal im Jahr statt. Er wurde vor zwölf Jahren ins Leben gerufen, als Frankreich noch direkt Einfluss nehmen wollte auf die deutsche Geldpolitik. Jetzt ist die Europäische Zentralbank eine der Diskussionspunkte. Als gänzlich unverfängliches Thema ist der Verkauf von wenigen  Tonnen Gold für gänzlich nostalgische Zwecke.

 

Ausprägung einer Goldmünze

 

Allen Ernstes sollte die D-Mark schon zum Weltkulturerbe erklärt werden. Die Anregung kam aus dem Umfeld des Internationalen Währungsfonds. Die Welt hätte durch die Bundesbank die Stabilitätskultur geschenkt bekommen. Das sei eines Denkmals würdig. Von deutscher Seite wurde aber abgewinkt. Das mit der Geldwertstabilität stimme zwar, man wolle aber den politischen Weg gehen. Die Stabilitätskultur sei noch nicht museumsreif.

 

Als erster Schritt der Reaktivierung der Deutschen Mark ist deren Vergoldung, nicht nur ideologisch gesehen. Der Zentralbankrat der Deutschen Bundesbank hat zum Beginn des 3. Jahrtausends die Ausprägung einer Gold-Gedenkmünze erörtert, die im Jahr 2001 anlässlich des Abschieds von der D-Mark ausgegeben werden soll.

 

Der Vorschlag sieht die Emission einer 1-DM-Gedenkmünze in Gold vor, die in ihrer Gestaltung weitgehend der entsprechenden Umlaufmünze entspricht. Ernst Welteke will mit der goldenen D-Mark der glorreichen Währung der vergangenen 50 Jahre in zweifacher Weise ein Denkmal setzen: Erstens wird das Geldstück, das bisher aus einer Kupfer-Nickel-Legierung besteht, zum Feingoldstück und zweitens soll mit dem Erlös aus dieser Bonanza zwei Stiftungen finanziert werden. 100 Millionen DM für die Stiftung „Stabiles Geld“, die das mit der D-Mark verbundene Stabilitätsbewusstsein in der Öffentlichkeit auf dem Gebiet der Geld- und Währungspolitik weiter fördern soll. 250 Millionen gehen an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zum Ausbau der Berliner Museumsinsel.

 

Die Goldmünze in den mit der 1-DM-Umlaufmünze identischen Abmessungen wiegt bei 24 Karat Gold 11,85 g und unterscheidet sich damit im Gewicht deutlich von der Umlaufmünze mit 5,5 g. Die Vorderseite zeigt die Eins, dann das doppelte Eichenlaub, die Bezeichnung Deutsche Mark und die Jahreszahl 2000. Auf der Rückseite rings um den Adler steht Anstelle der Inschrift „Bundesrepublik Deutschland“ der Schriftzug „Deutsche Bundesbank“. (Kurz gefasst: Wir sind das Gold.) Bei einer Auflage von einer Million Stück  werden zwölf Tonnen umgeschmolzen.

 

Während die Goldmünze in den Ehrenschrank für verdiente Stabilitätspolitiker und hartnäckige Euro-Leugner gehört, hat der Neudruck des Zehn-Mark-Scheins den Anspruch für seine angestammte Nutzung als Banknote. Die Gauß’sche Glocke läutet das Ende der D-Mark-Scheine ein. Ernst Welteke und sein Vize Jürgen Stark haben am 14. Januar 2000 die letzte Serie der Zehn-Mark-Scheine unterzeichnet. Noch einmal werden 300 Millionen Stück dieser Banknoten gedruckt. Dann stellen alle Maschinen bei der Berliner Bundesdruckerei und der Münchener Firma Giesecke & Devrient auf die Euro-Produktion um.

 

Der Schein mit dem Bildnis des Mathematikers und Astronomen Carl Friedrich Gauß uns seiner mathematischen Formel der „Verteilungskurve“ beendet die D-Mark-Geldgeschichte. Wie Welteke bei einer kleinen Feierstunde in der Münchener Druckerei von Giesecke & Devrient anmerkte, sind derzeit noch 2,6 Milliarden DM-Geldscheine im Umlauf. Insgesamt hat die deutsche Notenbank in den vergangenen 50 Jahren fast 27 Milliarden Scheine drucken lassen, im Wert von 1,8 Billionen Mark. So türmte sich ein Papiergeldberg von knapp 24 000 Tonnen auf.

 

Welteke empfahl nicht nachzurechnen, wie viel Quadratkilometer Wald dem deutschen Papiergeld zum Opfer gefallen sei, denn diese Banknoten bestanden von Anfang an aus Baumwolle. Diese Baumwolle ist nach und nach in den Geldverbrennungsöfen gelandet. Sie brannte wie Zunder.

 

 Zeitenwandel schlägt auf die Organe durch

 

Seit 1990 befindet sich das Management der deutschen Zentralbank im Dauerstress, in einer Art Kriegszustand mit Höhen und Tiefen. Zunder gab es auf allen Ebenen immer wieder, desgleichen nach innen und außen. Diese nervliche und materielle Zerreißprobe hat auch noch kein Ende gefunden. Der Zentralbankrat der Deutschen Bundesbank hat wirklich einen schweren Stand. Mehr und mehr gerät er ins Abseits. Der politische Wind bläst Ernst Welteke und seinen Leuten auch nach der Geld- und Jahrhundertwende voll ins Gesicht. Entsprechen war die Stimmung der Direktoren und Räte auf der Zentralbankratssitzung am 24. Februar 2000 in Frankfurt.

 

Diskutiert wurden die Umstrukturierung der herunter gekommenen Geldregierung und ihrer Verwaltung, das von Finanzminister Hans Eichel geforderte private Schuldenmanagement und die Nachfolge auch dem Chefsessel beim Internationalen Währungsfonds in Washington, nachdem Michel Camdessus in den Ruhestand gegangen ist. In Sachen Währungsfonds hat die Bundesbank ein dezidiertes Interesse, schließlich ist sie dort die zweitgrößte Anteilseignerin und Welteke Gouverneur. Der lange für die Camdessus-Nachfolge diskutierte und letztlich zerredete Vorschlag, Caio Koch-Weser nach Washington zu schicken, wurde abgehakt. Der Name Horst Köhler ist gefallen. Als ehemaliger Finanzstaatssekretär in Bonn und amtierender Sparkassenpräsident würde er gut  passen.

 

Da Welteke aber das Hemd näher sitzt als die Jacke, war die Reorganisation des Hauses Hauptthema. Für ihn gibt es kein Wenn und Aber: „Der Umbau der deutschen Zentralbank wird bis 2003 durchgezogen, und zwar nach dem Vorstandsmodell.“ Die Landeszentralbanks-Präsidenten werden als alte Zöpfe betrachtet, die abgeschnitten werden müssen. Die Bundesbank hat derzeit 32 Organmitglieder – also Zentralbankrat plus Vorstände der Landeszentralbanken. Künftig soll der Vorstand der deutschen Notenbank acht Manager umfassen: Präsident, Vizepräsident und sechs Vorstandsmitglieder. Die Abschaffung der Landeszentralbanken hat auch Auswirkungen auf bestimmte Teile der Belegschaft. „Es gibt derzeit zu viel Doppelarbeit in den Abteilungen Bau, Recht, Personal, Volkswirtschaft, auch Öffentlichkeitsarbeit und insbesondere bei der Datenverarbeitung. Einzelne Landesbanken leisten sich immer noch unterschiedliche EDV-Systeme.

 

Welteke, der als Präsident ganz eindeutig den Führungsanspruch reklamiert, versteht das Verhalten der Landeszentralbankpräsidenten nicht, die sich kürzlich in Hamburg getroffen hatten, um gegen die angestrebte Neuorganisation öffentlich zu opponieren. Auch die Beschlüsse der Länderfinanzminister, ihren Einfluss auf die Bundesbank wahren zu wollen, leuchten Welteke nicht ein, denn die Länder hätten keinen Einfluss. Die Bundesbank sei eine Domäne des Bundes, wie schon aus Artikel 88 des Grundgesetzes hervorgehe. („Der Bund errichtet eine Währungs- und Notenbank als Bundesbank.“)

 

In den vergangenen Wochen hat der Bundesbankpräsident nacheinander die Ministerpräsidenten der Länder aufgesucht und dabei viel Aufklärungsarbeit über die Tätigkeit und Gesetzeslage rund um die Bundesbank geleistet. Die Regionalität werde durch die Beibehaltung von neun Hauptverwaltungen – verteilt entsprechen den jetzigen Landeszentralbanken – Rechnung getragen.

 

Aber das sogenannte Vorstandsmodell ist nicht das einzige Muster für die Reorganisation der Bundesbank, das derzeit diskutiert wird. Es gibt auch noch das Organisationsmodell „Zentralbankrat neu“. In diesem Falle würde es sechs Direktoriumsmitglieder geben und sieben Landeszentralbanken. Nach Meinung Weltekes wäre mit dem 6:7 Verhältnis aber der künftige Konflikt Direktorium gegen Landeszentralbanker und umgekehrt vorprogrammiert, weil das künftige Bundesbankgesetz nicht mehr genau die jeweiligen Zuständigkeiten festlege.

 

Die Länder präferieren aber diese Marschrichtung für die Neuorganisation der obersten deutschen Währungsbehörde. Welteke will nun in den nächsten Monaten genau durchkalkulieren lassen, welches Modell die größeren Rationalisierungschancen und Kostensenkungspotentiale bietet. Für das weitere Vorgehen ist vorgesehen, dass eine Arbeitsgruppe von Bund und Ländern die Kriterien für die Restrukturierung der Zentralbank festlegen und dann ein externes Beratergremium Vorschläge für die Reorganisation macht. Welteke ist felsenfest davon überzeugt: „Das Vorstandsmodell kommt, wenn vielleicht auch nicht 1:1.“

 

 

EZB entwickelt Eigendynamik

 

Mehr und mehr entwickelt die EZB eine Eigendynamik, die von der Politik so nicht vorausgeahnt worden war. Wenn es den politischen Überbau für Europa nicht gibt, so muss sich die EZB um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Die Erweiterung der EU bietet dafür die beste Gelegenheit. Hier reklamiert die Frankfurter Geldzentrale von Anfang an ein Mitspracherecht in Sachen Währungsunion, in Sachen Geldwertstabilität. Der angestrebte Beitritt von 13 Ländern, von denen, wenn die Türkei außen vorgelassen wird, zwölf heiße Kandidaten aus Mittel- und Osteuropa sind, hat bereits jetzt für diese Staaten währungspolitische Implikationen, merkt die EZB in ihrem Monatsbericht für Februar 2000 an.

 

Ein Großteil der Länder, mit denen Beitrittsverhandlungen geführt werden, verfolgt eine Wechselkurspolitik, in deren Rahmen ihre Währungen mehr oder weniger eng an den Euro angebunden sind. Ferner sind die Beitrittsländer im Begriff bzw. planen sie neue Gesetze, um die Einhaltung der Bestimmungen des EG-Vertrages sicherzustellen.

 

Jedes dieser zwölf Länder will sich in irgendeiner Weise an die Euro-Währungsunion heranpirschen. Das sieht die EZB mit einigem Missvergnügen. Sie verlangt Einfluss. Das Europäische System der Zentralbanken, kurz Euro-System genannt, hat eindeutiges Interesse am Aufbau von Beziehungen mit den Bewerberländern und daran in Bereichen, in denen es allein- oder mitverantwortlich ist, in den Beitrittsprozess eingebunden zu sein, der schließlich in der Einführung des Euro in diesen Ländern münden wird. Brüssel hin oder her, wer sich der Währungsunion nähern will, kommt an der EZB nicht vorbei. Das müssen die beitrittswilligen  Staaten ebeno akzeptieren wie die EU.

 

Die Zentralbanken der Beitrittsländer nutzen bereits verschiedene Formen der Zusammenarbeit auf Expertenebene und nehmen die zahlreichen Fachgebieten technische Hilfe in Anspruch. Um die permanente Kommunikation pflegen zu könen, werden verstärkt auch Verbindungsbüros der EZB in den Beitrittsländern und viceversa in Frankfurt eröffnet. Es wird Jahre dauern, bis die Beitrittsländer entsprechend den Maastrichter Verträgen getrimmt sind. Vor dem EU-Beitritt müssen die Kandidaten die Unabhängigkeit ihrer Zentralbank sicherstellen, den Kapitalverkehr liberalisieren und ihre Gesetzgebung dahingehend anpassen, dass die Bedingungen für stabile Bankensysteme und Finanzmärkte gewährleistet sind.

 

Mit ihrem Beitritt zur EU werden die Zentralbanken der neuen Mitgliedsstaaten Teil des Europäischen Systems der Zentralbanken und ihre Präsidenten werden in den erweiterten Rat der EZB aufgenommen. Damit vollzieht sich auch die Teilnahme am Wechselkursmechanismus, dem sogenannten EWS 2. In der Geldpolitik haben die zwölf Kandidaten aber längst noch nichts mitzureden. Erst bei der Vollmitgliedschaft wird das aktuell und dann ist es sehr fraglich, ob es wirklich einen Zentralbankrat von 30 Leuten geben wird. 17 wie jetzt reichen bei weitem aus.

 

Euro rutscht unter die Dollar-Parität

 

Das zunehmende Selbstbewusstsein der Frankfurter EZB-Strategen wirkt durchaus nicht belebend auf den Euro-Kurs. Ernst Welteke ist eigens nach Davos gereist, um der dort versammelten Hochfinanz und Großindustrie ein richtiges Bild vom Euro zu vermitteln. Die Peinlichkeit war groß genug, weil ausgerechnet in den Tagen des Weltwirtschaftsforums die europäische Gemeinschaftswährung deutlich unter die Dollar-Parität gefallen ist. Mit einem Gegenwert (1.2.00) von rund 97 US-Cents stand der Euro im Frankenland nicht sonderlich gut da. Der schäbigste Kurs war mit 82 Cents erreicht. Etwas von oben herab ließ denn auch der Erfolg der britische Premierminister, Tony Blair, in Davos wissen, dass der Erfolg des Euros ganz sicher auch im Interesse Großbritanniens sei. Blair ließ allerdings offen, wann er England die Segnungen des Euros zuteilwerden lassen will.

 

Welteke hat klargestellt, dass die EZB den Außenwert des Euro nicht aus dem Auge lasse, auch wenn direkt nicht interveniert wird. In ihrer Zwei-Säulen-Strategie mit der Geldmenge auf der einen und einer Vielzahl von Inflationsindikatoren auf der anderen Seite gehöre der Wechselkurs zu den Größen, die die EZB sehr genau beobachtet. Vorrang hat die innere Stabilität. Welteke, der im Rat der EZB mitregiert, setzte auch einige Fragezeichen hinter die amerikanische Position. Die Amerikaner müssten erst noch nachhaltig beweisen, dass ihr hoher Schuldenstatus durch Dynamik, Innovationspotential und Effizienz auch wirklich gedeckt sei. Derzeit befindet sich der Euro eben noch nicht in der komfortablen Situation wie der Dollar, der für die Amerikaner und die Welt immer ein Dollar sei.

 

Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Fred Bergstein tröstete die Europäer mit der Aussage: Der Euro-Gleichgewichtskurs zum Dollar müsse bei 1,25 Dollar liegen. Somit besteht ein Aufwertungspotential von 30 Prozent. In der Schweiz rangiert der Euro nicht nur hinter der US-Währung sondern auch deutlich nach dem Franken. Adolf Ogi, der eidgenössische Präsident, verkündete denn auch voll Stolz: Die Schweiz hat in Davos gezeigt, dass sie zur Welt gehört und auch in Zukunft dazu gehören wird.

 

Mit der wahren Welt konfrontiert wurde der Graubündner Marktflecken  durch die wegen Bill Clinton angerückten Randalierer. Der US-Präsident warb in dem verschneiten Winterkurort für die amerikanische Art der Globalisierung. Als Begleitmusik gab es ähnlich Proteste wie zur Welthandelskonferenz in Seattle. Greenpeace hat nicht mit demonstriert, weil ihr Chef, Thilo Bode, drinnen im Kongresszentrum mit den ganz Großen dieser Welt am Tische saß. Bode hatte aber Rückgrat genug, weitere Aktionen seiner Organisation in Aussicht zu stellen. Der Greenpeace hat den richtigen Dreh gefunden: „Man muss drinnen und draußen sein“, sagte er wörtlich.

 

Allen geladenen Gästen des Weltwirtschaftsforums tut es immer wieder gut, sich Ende Januar im Davoser Winter zu sonnen. Das gilt für die Kür auf den Pisten von Parsen und Jakobshorn ebenso wie für die Schaukämpfe vor dem internationalen Publikum und der reichlich versammelten Weltpresse. Clinton zeigte seine ganze Größe als er ein gutes Wort für die Randalierer fand: Man müsse die Proteste gegen einen freien Welthandel ernst nehmen.

 

Der vielfach gepriesene Geist von Davos, der in Jahrzehnten die Voraussetzung für ein weltoffenes und im besten Sinne hintergründiges Gespräch war, durch das Großartiges schon bewegt wurde, z. B. in der israelisch-arabischen Annäherung oder auch im deutsch-russischen Dialog – hat einen Knacks bekommen. Selbst wenn Klaus Schwab, Gründer und Präsident, wieder 30 Staats- und Regierungschefs sowie Legionen von Bankern und Industriellen begrüßen kann, ist bei ihm der Lack ab. Es kursiert der Vorwurf, dass er das einer gemeinnützigen Stiftung gehörende Forum mit persönlichen Kapitalinteressen vermengt hat.

 

Weltgeist Sanio: Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit

In einem der schönsten Bankgebäude Frankfurts residiert Hans Reckers, Präsident der Landeszentralbank  in Hessen. Es verknüpft die Tradition der Reichsbank mit der der Bundesbank und atmet mit seinen Faust-Dekorationen Weltgeist Goethes gleichzeitig auch die florentinische Heiterkeit der Toskana. Er hat für seine Frankfurter Banker als Referenten Jochen Sanio vom Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen geholt. Der Gast sprach über „Basel II“ und zitierte Wilhelm Tell: Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen. Dabei lässt die neue Eigenkapitalvereinbarung manchem Banker das Blut in den Adern gerinnen. „Was Ihnen blühen wird“, so Sanio vor der Frankfurter Geldgemeinde, ist nichts weniger als eine Revolution der Bankenaufsicht, ein grundlegender Wandel der bisherigen Ordnung, der auch auf Ihre Geschäftsstrukturen nachhaltig einwirken wird.“

 

Über 500 Seiten Regulierungsstrapazen für die Geldhäuser, die Sanio so interpretiert: „Hinter der wissenschaftlichen Fassade liegt jede Menge Sprengstoff, teils leicht erkennbar, teils gut kaschiert. Es müssen noch einige Zündschnüre ausgetreten werden.“ Die Zeit drängt, die Financiers stöhnen. Auch Peter Gloystein, Chef der BHF-Bank: „Die Konsultationsfrist bis Ende Mai ist viel zu kurz. Aber das Regelwerk muss Anfang 2002 stehen.

 

Bundesbankpräsident Welteke hadert immer lauter mit der Ämterpolitik seines Finanzministers und Freundes; Hans Eichel. „Warum Allfinanzaufsicht? Das Aufsichtsamt für das Versicherungswesen gehört inhaltlich nicht dazu. Da geht es um Verbraucherschutz, bei der Bankenaufsicht um Systemsicherung. Achtung die Franzosen wollen eine gesamteuropäische Finanzaufsicht in Paris. Das kann nicht akzeptiert werden. Die deutsche Bankenaufsicht gehört unters Dach der Bundesbank in Frankfurt und nicht zum Amt Sanio nach Bonn.

 

Die europäischen Finanzminister wollen verhindern, dass die EZB mit dem Europäischen System der Zentralbanken noch stärker wird. Deshalb wird die Bundesbank gevierteilt: Geldpolitische Souveränität weg, Bankenaufsicht weg, Schuldenmanagement weg. Der Rest ist Behördenkram. Zurzeit werden Aufsicht und Schuldenmanagement herausgebrochen. Schuldenmanager Peter Jabcke  Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur): „Frankreich beharrt auch auf einer Euro-Finanz-Agentur in Paris. Er warnt vor einem Bankenkartell, wie es die Franzosen jetzt schon praktizieren. Jabcke und sein Mitgeschäftsführer Gehard Schleif wollen beweisen, dass sie besser sind als ihre Vorgänger in der Bundesbank. Die Verkürzung der Anleihelaufzeiten und intensive Marktbearbeitung sollen Einsparungen von jährlich einer bis anderthalb Milliarden Mark  ermöglichen.

Die ab 2002 vereinigte Aufsichtsmacht für Banken, Versicherungen und Wertpapierhandel wird in Bonn sitzen, wenn auch die Sparte Wertpapieraufsicht weiter in Frankfurt Heddernheim arbeitet. (Einwurf von Klaus Wächter, Chef der Sparkasse von 1822: „In Bonn gibt es überhaupt keine Banken, nur eine einzige Sparkasse“) Die Bundesbank selbst wird ein Vorstand leiten, der durch den Bundestag entlastet werden soll. Nach Eichel wird die Stellung des Bundesbankpräsidenten künftig so gestärkt, „dass er eine der wirtschaftlichen Bedeutung Deutschlands angemessene Position im ESZB einnehmen kann.“ Der Zentralbankrat wird abgeschafft. Davon kann überhaupt keine Rede sein. Eichel und die Bundesregierung vernachlässigen jede Fürsorgepflicht für das einstige Paradepferd bundesdeutscher Innen- und Außenpolitik in der Bonner Republik.

 

Wem die Stunde schlägt

 

EZB-Präsident Wim Duisenberg geht den 13. Internationalen Frankfurter Bankenabend von der familiären Seite an. „Fast vier Jahre bin ich nun schon in Frankfurt, so darf ich Sie als liebe Freunde ansprechen.“ Gastredner ist ein geldpolitischer Star aus den Vereinigten Staaten: William J. McDonough, der achte Präsident und Vorstandschef der New Yorker Fed. Er wählt für seinen Auftritt  im Kaisersaal einer fröhlich martialischen Variante an. Während er ans Rednerpult schreitet,  zeigt er auf das Gemälde des grimmig dreinblickenden Heinrich V. mit seinem zwei Meter langen Schwert: „Das wäre der richtige Bursche für eine effiziente Bankenaufsicht.“

 

Das Publikum aus der europäischen Finanzwelt lacht kräftig. McDonough ist auch Vizepräsident der Bank für internationalen Zahlungsausgleich, BIZ Basel, und in dieser Funktion auch mit weltweiter Finanzaufsicht und Banksystemsicherung (Basel II) befasst. Der amerikanische Heroe der Geldpolitik sorgt sich auch um kontinuierlich verlaufende Geldströme in der Welt. Kapitalflucht aus den Schwellenländern wäre, so meint er, für eine gute Entwicklung der Weltwirtschaft sehr nachteilig.

 

Interessant wird es immer dann, wenn ein Redner von seinem Manuskript abweicht. McDonough ist dazu wohl von Duisenberg und Welteke ermutigt worden. Unversehens legt der Gast seinen Finger tief in die offene Wunde von Finanzminister Hans Eichel, der instinklos gegenüber den tatsächlichen Marktnotwendigkeiten die deutsche Bankenaufsicht aus der Bundesbank herauslöst und in die Allfinanzaufsicht einbringt. Der Fed Politiker verurteilt dies als weltfremd: „Wir in Amerika haben die Bankenaufsicht stark auf unser Zentralbanksystem konzentriert. Denn wir verstehen etwas von Finanzsystemen und deren Funktionsweisen. Wir verstehen etwas von Banken. Und das trifft bei jeder Zentralbank zu. Es kann nicht sein, dass die Notenbanken in diesem wichtigen  Punkt ausgegrenzt werden. Sie müssen auch bei der Aufsicht im Zentrum stehen. Oberbürgermeisterin Petra Roth war sich anschließend mit Duisenberg einig: „McDonoughs Ausführungen müssen als gewichtige  Frankfurt Remarks gewertet werden.“

 

Zu guter Letzt überreicht Petra Roth dem amerikanischen Geldpolitiker ihre Gastgeschenke: frühe Arbeiten Goethes in Faksimile und eine ziemlich minimierte Goethe-Büste (schwarz), eine Hartplastik von Otmar Hörl mit der für ihn typischen schrägen Auflagefläche. McDonough weiß gar nicht wie er verhindern soll, dass  der puzzelige, schwarze Dichterfürst immer wieder auf die Nase fällt. Ein gutes Symbol für die Finanzaufsicht in Deutschland und die Welt.

 

Zwischen Trüffelrisotto und Mango-Soufflé wird noch manches Dilemma offenbar: So blieb der Platz zwischen den Finanzaufsichtskontrahenten Edgar Meister (Bundesbank) und Jochen Sanio (Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen) längere Zeit leer. Um Gerüchten entgegen zu wirken, dass hier  eine Politik des „leeren Stuhls“ betrieben würde, rücken Meister und Sanio schließlich freundschaftlich zusammen. Das hatte Folgen. Der etwas später eintreffende Klaus Wächter (Chef der Frankfurter Sparkasse) hatte keine Bleibe mehr und wird an einem anderen Tisch platziert. Dabei landet er genau neben dem Frankfurter Finanzdezernenten, Albrecht Glaser, der bei Wächter im Verwaltungsrat sitzt. Glaser nutzt die Gelegenheit und drückt seinem neuen Nachbarn prompt eine Pressemitteilung über die Umwandlung der freien Frankfurter Sparkasse in eine Aktiengesellschaft in die Hand.

 

Von diesem Zeitpunkt an geht es mit der „freien Frankfurter Sparkasse“ und ihrem hoch verdienten Chef, Klaus Wächter, Stufe für Stufe abwärts. Am Ende steht der Verkauf an die Hessische Landesbank und die Umwandlung in ein öffentlich-rechtliches Institut. Dabei kommt noch einmal die Aktiengesellschaft ins Spiel.

 

Die Euro-Uhr im Zentrum Frankfurts will nur noch 197 Tage zählen bis zur Einführung der Jahrtausend-Währung. Mit Herz und Hand müssen jetzt die letzten Aktionen zur reibungslosen Ein- und Fortführung des Euro umgesetzt werden. Damit den Deutschen der Abschied von der D-Mark versüßt wird, schlug der FDP-Politiker Hermann Otto Solms eine Amnestie für Schwarzgeldbesitzer vor, eine Pauschalbesteuerung von 30 Prozent. Der Hesse beweist damit Sinn fürs Reale: Der Staat würde reicher und die Bürger freier.

 

Frankreich ist auf diesem Weg schon vorausgegangen. Finanzminister Laurent Fabius will den Währungswechsel durchaus nicht für eine „Steuerinquisition“ nutzen. Er hilft, wo er kann. Bis zum 30. Juni 2002 müssen in Frankreich Bargeldtauschaktionen von maximal 10 000 Euro nicht mehr gemeldet werden. Um das Schwarzgeld hinter dem Ofen vorzulocken, können un Paris und seinen Provinzen von sofort an auch zinslose, anonyme Konten bis zu einem Betrag von zwei Millionen Francs eröffnet werden.

 

Da sind doch die Deutschen schlafmützig traditionsbewusster und ordnungspolitisch unanfechtbar: „Her mit den Schlafmünzen“, fordert im Auftrag der Bundesbank ein verschlafen wirkender Günther Jauch. „Jetzt mitmachen und gesparte Münzen und Geldscheine zurückbringen!“ Da wird offenbar mancher Jonglierkünstler erwartet. Ernst Welteke rechnet vor: „Wenn die 2,6 Milliarden Stück D-Mark-Noten, die in den nächsten acht Monaten eingesammelt werden, als 100-Mark-Päckchen gebündelt und aufeinander gestapelt werden, entsteht eine Säule von 300 km Höhe und damit bis fast zur Raumstation ISS.“ Außerdem müssen 100 000 Tonnen Münzen zurückgeholt werden. Peter Walther, Hauptabteilungsleiter Kasse der Bundesbank, beteuert: „Die Euro-Bargeld-Einführung ist bestens vorbereitet, aber es gibt ganz sicher Pannen.“

 

Klaus Jürgen Timm, Präsident des Hessischen Landeskriminalamtes verbreitet gefühlte Sicherheit: „Banken, Geldtransporte und Handel werden polizeilich unterstützt, damit Diebstahl und Raub möglichst vermieden werden.“ Allerdings könne explosive kriminelle Energie schnell aus östlichen Ländern einsickern. „In jedem Fall beginnt jetzt eine kriminalitätskritische Phase.“

 

Bis Ende Dezember (2001) werden dem hessischen Kreditgewerbe plus Handel  Münzen und Papiergeld im Wert von 4,66 Milliarden Euro angeliefert. Das sind 40 Prozent des erwarteten Umlaufs an Banknoten und etwa 75 Prozent der Münzen. Hans Reckers, Präsident der Landeszentralbank in Hessen wirbt für Vertrauen ins neue Geld: „Der Euro hat alle Voraussetzungen, ähnlich stabil zu werden wie die D-Mark und genauso beliebt.“ Euro – unser Geld, heißt die EZB-Kampagne.

 

Duisenbergs Träume und Albträume

 

Bei der Vorstellung der neuen Scheine erlaubte sich der Übervater des neuen Geldes einen emotionalen Höhenflug, der – er sagte es selbst – eigentlich einem Währungsmann nicht zusteht. „Er soll nur über Zahlen sanieren und sprechen. Vergeben Sie mir für dieses Mal meine Träume.“ In 100 Tagen haben die Bürger der zwölf Länder (Griechenland ist 2001 dazu gekommen) die knisternden Scheine und die klirrenden Münzen in der Tasche, dann werde offenkundig: „Der Euro ist mehr als eine Währung. Er ist das Symbol der europäischen Integration. Er gibt uns ein größeres Zuhause.“ Duisenberg als notwendige Integrationsfigur ganz Europas: „Heute streift uns der Mantel der Geschichte.“ Mister Euro, wie er schon betitelt wurde, ist für seinen großzügigen Zuschnitt zu kurz gegriffen.

 

Der Hüne träumt vom ökonomischen Zusammenwachsen des Kontinents. „Der Euro ist Symbol für alle grenzüberschreitenden Initiativen und beseitigt die Barrieren, damit die Leute gemeinsam arbeiten, handeln und zusammenleben können.“ Er leistet einen wertvollen Beitrag zur Vermeidung wirtschaftlicher Unsicherheiten, mit denen Bürger und Unternehmen in der Vergangenheit wegen vieler Währungsturbulenzen konfrontiert wurden. So hat er genuin einen integrierten Markt geschaffen. Das einheitliche Geld befördert nach Duisenbergs Überzeugung auch die politische Integration, wurde zum Symbol für Stabilität und Einheit. Weg mit dem Grauen der Kriege früherer Jahrhunderte. Die Werte von Freiheit, Demokratie und Menschenrechte haben Platz gegriffen. „Europa, das ist dein Geld.“

 

14 Milliarden Banknoten und 50 Milliarden Münzen, die im nächsten halben Jahr an die 300 Millionen Europäer verteilt werden, erhalten so von Duisenberg idealistische Traumflügel. Damit aber keine schlimmen Blüten auf den Tisch der Bürger geschmuggelt werden, empfiehlt der Euro-Vater den dreifachen Banknoten-Test: Fühlen, sehen, kippen. Zwischenruf von der Pressebühne: „Nehmen Sie doch einen Euro-Schein, befühlen und kippen Sie ihn für die Bildpresse.“ – „Ich habe keinen“, bekennt der EZB-Präsident, „niemand hat derzeit privat Euro“. Doch es gab einen. Die Tagesschau brachte es an den Tag. Ernst Welteke guckte, befühlte und kippte die Banknoten fachmännisch für die Kameras. An diesem Griff mit Pfiff erkennt er seine Euroscheine.

 

Finanzplatz-Solidarität mit New York

 

Niedergeschlagenheit aber auch Aufbruchsstimmung zeichneten den Finanzplatz Frankfurt nach dem 11. September aus. Solidarität mit den Vereinigten Staaten war die Synthese daraus. Bestes Beispiel lieferte der Blumenteppich vor der Alten Oper. Gedacht als Morgengabe der belgischen Floristen an die Euro-Stadt zum Start der Jahresend-Rallye für die Einführung der gemeinsamen Währung bei den 300 Millionen Euroland-Bürgern, mutierte der Begonienblüten-Segen dann zur europäischen Solidar-Aktien mit Amerika nach dem Terror-Angriff auf das Welthandelszentrum in New York und das Pentagon in Washington. Wo im Zentrum des Teppichs das Euro-Zeichen geplant war, wuchsen deshalb „Stars and Stripes“. Zusammen mit den Flaggen Europa wandelte sich der Opernplatz für vier Tage zum „Platz der Solidarität“.

 

Manfred Pohl, Vorsitzender des Vorstands des Vereins Euro-Point Frankfurt, der sich die Ausrichtung diverser Festivitäten anlässlich der Euro-Emission zur Aufgabe gemacht hat, stellte vor dem bunt gemischten Publikum mit reichlichem konsularischen Dekor am Blumenteppich treulich fest: „New Yorks Skyline ist beschädigt worden. Aber die Skyline gehört zu Manhattan wie die Skyline zu Frankfurt. Das und vieles mehr verbindet beide Metropolen.“

 

Otmar Issing, Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank, lobte die Zusammenarbeit der großen Notenbanken dieser Welt, um ein mögliches Desaster auf den Finanzmärkten nach den Anschlägen im Keine zu ersticken: „Die EZB hat reichlich Liquidität zur Verfügung gestellt, weniger, weil es notwendig war, als um die Gemüter zu beruhigen.“ Natürlich kam es zu heftigen Marktreaktionen, wie Ernst Welteke hervorhob. „Das dominierende Nervenzentrum der westlichen Finanzmärkte wurde empfindlich getroffen.“ Noch fehle Klarheit über die menschlichen Opfer. Viel weniger wissen wir über die Konsequenzen für die Weltwirtschaft.“ Da dürfte eher eine Rezession im Anzug sein als ein baldiger Aufschwung.

 

Eines hat der Anschlag in New York ganz sicher bewirkt, nämlich dass neben der Solidarität mit Amerika auch ein engeres Zusammenrücken Europas zu verspüren ist. Der Euro bekommt daher eine zusätzliche politische Dimension. Er wird zum symbolischen Dach Europas, das auch eine bessere Friedenssicherung verspricht. Mit genau diesem Akzent soll der Jahreswechsel in der Mainmetropole gefeiert werden. Pohl und seinen Leuten liegt hierzu ein ausgezeichneter Entwurf für eine Hochhausbeleuchtung vor, kulturvoll und repräsentativ.

 

Bei der Frankfurter Sparkasse geht es wieder praktischer zu. Sie will mit einem riesigen Gong die Geldzeitenwende einläuten. Am 17. Dezember, Nulluhr, gibt es bei der 1822 am Börsenplatz nicht nur den Paukenschlag, sondern auch die ersten Euro-Geldsäckchen im Wert von 20 Mark. Bis dahin werden aber noch einige Hochs und Tiefs durchzustehen sein. Der militärische Gegenschlag wird ebenfalls auf die Märkte durchschlagen und niemand kann bisher sagen wie.

Parallel zur Katastrophe am Hudson stürzten weltweit die Kurse. Jetzt warten alle auf die Wiedereröffnung von Wallstreet, damit auch die Frankfurter Wertpapiermärkte ihre Orientierung finden können. Einstweilen ist der Ölpreis gefallen und der Euro leicht gestiegen. Gerade an diesem Wochende wollte die Deutsche Börse das Handelssegment Xetra US Stars für amerikanische Aktien und Optionen starten. Es war nicht nur ein Akt der Solidarität, das Ereignis zu verschieben, bis die amerikanischen Märkte wieder intakt sind. Im Umfeld der Börse wurden fieberhaft konspirative Konten gesucht und Kursmanipulationen nachgespürt, die möglicherweise von terroristischen Elementen mit Insiderwissen vor dem Anschlag ausgeführt wurden. Aktien von Fluggesellschaften und Versicherungen könnten betroffen gewesen sein.

 

Solidarität der Notenbanken heißt Gleichschritt bei den Zinsen. So begleiteten die G-7-Geldpolitiker die Wiedereröffnung der Wall-Street-Börse mit beachtlichen Zinssenkungen. Die Fed ging voran. Die Europäische Zentralbank folgte und die übrigen reihten sich ein. So konnte auf den Finanzmärkten das Schlimmste vermieden werden. Dennoch weiß jeder, dass die ohnehin schlappe Weltkonjunktur  durch den Terrorangriff einen weiteren Schlag bekommen hat. In Washington und Frankfurt wird tapfer gegen den Pessimismus angekämpft. Die vorgebrachten Argumente haben jedoch große Ähnlichkeit mit Durchhalteparolen.

 

Der ehemalige deutsche Sparkassenpräsident und jetzige Geschäftsführende Direktor des IWF, Horst Köhler, erkannte den Ernst der Lage: „Die Erholung der Weltwirtschaft wird sich um einige Monate verzögern“, sagte er in Washington. Aber schon vor Jahresende soll es wieder aufwärts gehen. Die Zinssenkungen würden irgendwann Wirkung zeigen. Der unsicheren weltpolitischen Lage fällt diesmal auch die Jahrestagung des IWF zum Opfer. Im Herbst findet üblicherweise der deutsche Finanzplatz im Ausland statt, und zwar im Dreivierteltakt: zweimal IWF-Tagung in Washington, einmal sonst wo in der Welt. Bei solchen Gelegenheiten haben die

Frankfurter Kreditinstitute meiste große strategische Pläne entworfen (Herrhausen zum Weltschuldenerlass) oder sich auch schon mal den heimatlichen Ärger von der Seele geredet (in Hongkong hatte die Dresdner Bank ihre Steuerkalamitäten erläutert). Diesmal bleibt nichts anderes übrig, als sich daheim dem Katzenjammer hinzugeben.

 

Unterdessen setzt Bundesfinanzminister Hans Eichel seine Marter im Umfeld des Frankfurter Finanzplatzes fort. Er kassiert nun die Unabhängigkeit der Bundesschuldenverwaltung in Bad Homburg. „Eine weisungsunabhängige Behörde ist im parlamentarischen System der Bundesrepublik ein Fremdkörper.“ Die bisherigen Aufgaben (z. B. Einzelschuldbuchkonten für Private) soll die Behörde weiterhin wahrnehmen. Ob sich der Bundesschuldenausschuss allerdings so einfach abschaffen lässt, ist fraglich. Die CDU-Opposition wettert gewaltig. Eichel: „Es handelt sich um eine sensible Angelegenheit.“

Frankfurter Geldmuseum mit Kaiser Karl in Gold
 EZB und das Gold der Deutschen und andere Kuriositäten

 

Anfang des Jahres 2002 wurde mit Schmackes das neue Bargeld eingeführt. Alles funktionierte bestens. Innerhalb weniger Wochen wurden sechs Milliarden nationale Banknoten und 29 Milliarden nationale Münzen durch acht Milliarden Euro-Banknoten und rund 38 Milliarden Euro-Münzen ersetzt. Kam da die D-Mark ins Museum. So wurde im März 2003 der Einfluss der Bundesbank auf nahe Null reduziert. Eine Änderung des Art. 10.2 der Satzung der Europäischen Zentralbank brachte das Rotationsprinzip und damit Ausfallzeiten für den Bundesbankpräsidenten im EZB-Rat. Die Rotation setzt ein, wenn die Zahl der Präsidenten der nationalen Notenbanken 15 überschreitet. (Die Einführung kann allerdings bis zur Zahl 18 aufgeschoben werden.) Andersherum ausgedrückt: Die Zahl der stimmberechtigten Präsidenten ist bei 15 festgeschrieben. So fällt die Bundesbank künftig bei jeder 5. Zinsabstimmung durch das Sieb. Dafür haben nun die Bundesbanker mit ihrer Mark 50 Jahre gekämpft und Europa sowie der Welt Stabilitätspolitik beigebracht. Ab ins Museum.

 

Das Frankfurter Geldmuseum hält viele Schätze für die Besucher bereit, weniger zum Mitnehmen als zum Bestaunen. Jetzt lohnt es sich aber ganz besonders den historischen Geldort in der Wilhelm-Epstein-Straße aufzusuchen. Karl der Große ist dort eingezogen in voller Schönheit auf einer Goldmünze. Sie war 1996 in der Nähe der Kaiserpfalz in Ingelheim gefunden worden. Die Sensation war perfekt. „Zunächst war nicht bekannt“, so Bundesbankvorstand Jürgen Stark (im April 2003), „dass Karl der Große überhaupt Goldmünzen außerhalb Italiens hatte prägen lassen und dann schon gar nicht mit seinem Porträt und dem Kaisertitel. Erhalten waren vor dem Ingelheimer Fund nur 30 Silbermünzen mit Kaisertitel und Porträt.“ Bei der Präsentation dieses Kleinods zog Stark weitreichende historische Vergleiche, die Frankfurt schon im 8. Jahrhundert als imperiale Stadt des Geldes erkennen ließen. „Karl hat eine neue Währung in Europa eingeführt. Dies war ein ambitioniertes Projekt damals ebenso wie 1200 Jahre später beim Euro.“

In den Jahren 793/794 fand in der Königspfalz in Frankfurt eine große Synode statt, auf der auch das Münzwesen reformiert wurde. Gute Vorarbeit dazu hatte schon Pippin geleistet, der die Anzahl der Münzstätten im Reich von 800 (unter den Merowingern) auf 40 reduzierte. Die Herstellung der Münzen war auf Weisung Karls künftig nur noch in den Kaiserpfalzen erlaubt. Er bestätigte zwar die Silbermünzwährung seines Vorgängers, führte aber neue Münzen ein. Stark: „Seine neuen Denare koppelte Karl an ein von ihm eingeführtes Normgewicht: das Karlspfund. Ein Pfund entsprach 20 Solidi oder Schilling und ein Solidus bestand von nun an aus 12 Denaren oder Pfennigen.“ Real existierte nur der Denar. Der Solidus und das Karlspfund waren nur Recheneinheiten. Stark hat auch nachrechnen lassen, welche Werthaltigkeit der Denar ungefähr hatte. „Der Wert war verhältnismäßig hoch. Er wurde vereinzelt mit 100 Mark bzw. 50 Euro verglichen.“ Die Porträtmünzen in Silber sollen erst ab 806 geprägt worden sein, im Wert ungeheuerlich und die Goldversion unbezahlbar. Möglicherweise erschien die Goldprägung erst nach dem Tod des großen Königs und Kaisers. Karl war es, der das alte Europa in seinen Dimensionen abgesteckt hat. Diese Territorien sind heute die Kernlande des Euros.

Geldpolitisch gesehen beherrschte schon die Bundesbank mit ihrer D-Mark in den vergangenen Jahrzehnten das Gebiet des Heiligen römischen Reich deutscher Nation und einiges mehr. Um fundamentale Sicherheit in die deutsche Währung zu pumpen, hortete sie mit gutem Grund Gold und Devisen.  Mit  einem Bestand von 3500 Tonnen Gold verfügte sie über einen weit größeren Schatz als alle Herrscher von damals. Auch hat sie sich, als sie ihren geldpolitischen Geist schon aufgegeben hatte, eine Art Porträt-Büste geleistet mit der Prägung der goldenen D-Mark.

 

Nach fundierten Schätzungen lagern in den privaten Haushalten auf der ganzen Welt rund 50 000 Tonnen Gold in Münzen, Barren und Schmuck. Wahrscheinlich ein Zehntel davon also rund 5000 Tonnen gehört den Bundesbürgern. Dazu kommt der Bundesbank Goldberg, so dass es nicht übertrieben sein dürfte anzunehmen, dass sich acht bis zehn Prozent des jemals – seit Karl dem Großen und schon früher bis jetzt  – auf der Welt geförderten Goldes von über 100 000Tonnen  in deutschen Händen befinden.

 

Die europäischen Nationalbanken verfügen, alle zusammengenommen, über einen Goldschatz von 14 000 Tonnen. Die europäische Zentralbank hat davon bei ihrer Gründung zunächst fünf Prozent für ihre Währungsreserven beansprucht. Flotte Rechner kamen dann zu dem Ergebnis, dass 13 000 Tonnen über kurz oder lang auf dem Markt verkauft werden. Somit wären Europas Zentralbanken für die nächsten 20 Jahre die ergiebigsten Goldminen der Welt. Briten und andere haben als Anbieter schon ein mehr oder weniger gutes Beispiel gegeben. Was aber macht die Bundesbank? Hat Berlin hier eine Bonanza, um den eigenen Schuldenberg abzubauen. Diese Hoffnung hat Bundesbankpräsident Ernst Welteke schon reichlich gedämpft, genauer gesagt,  abgeschmettert, und zwar in einem der letzten Monatsberichte. Weder der Bundesbürger wird irgendwelche Reichtümer daraus ziehen können noch der Staat. Heißt es doch da ganz bescheiden: „Mit 89 Milliarden Euro entfielen Ende September 2002 rund 26,5 Prozent der insgesamt von den nationalen Staaten des Eurosystems gehaltenen Währungsreserven – Devisen und Gold – auf die Bundesbank. Dies ist beispielsweise deutlich weniger als der deutsche Kapitalanteil an der EZB, der – umgerechnet auf die zwölf derzeit zum Eurosystem gehörenden Länder – bei etwas über 30 Prozent liegt.“

 

Die Bundesbank bereitet Regierung und Öffentlichkeit darauf vor, dass das in Jahrzehnten mit der D-Mark aufgehäufte Volksvermögen auf dem Euro-Altar geopfert werden könnte, ebenso wie die geldpolitische Souveränität. „Die Währungsreserven sind eine Art ‚Vorsichtskasse‘, falls die Europäische Zentralbank Nachschüsse benötigt, und sie dienen der Wahrnehmung der „fiscal-agent-Funktion“ durch die Bundesbank. Im Ergebnis steht der weitaus größte Teil der deutschen Währungsreserven für ‚alternative‘ Verwendungszwecke nicht zur Verfügung“, heißt es im Bundesbankbericht.   Wenn man doch „ins Jeschäfte“ (Bismarck) rechtzeitig und richtig gerechnet hätte: Wer 30 Prozent EZB-Beteiligung hat, soll 30 Prozent Währungsreserven beisteuern, soll aber auch 30 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen. Karl dem Großen wäre das nicht passiert. Wahrscheinlich deshalb hat ihn Friedrich Barbarossa 1165 heilig sprechen lassen.

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Wehnelts Trilogie zur Wirtschaftsgeschichte Frankfurts:

10 Jahre Euro – Wie er wurde, was er ist

Hoechst – Untergang des deutschen Weltkonzerns

Die Wucht am Main / Geschichte des Internationalen Clubs Frankfurter  Wirtschaftsjournalisten

Familiensage: Der PreußenClan