Aviva Investors: Macron-Sieg Hoffnung auf eine erneuerte europäische Integration
London/Frankfurt (20.7.17) – Die Wahl Emanuel Macrons zum neuen französischen Präsidenten hat die Hoffnung auf neue Impulse für das europäische Projekt geweckt. Dies könnte eine grundlegende Veränderung für die Finanzmärkte bedeuten.
Nach Jahren des pessimistischen Blicks auf die Zukunft der Eurozone scheinen die Aussichten des Währungsblocks in den vergangenen Wochen eine abrupte Wendung zum Besseren genommen zu haben. Die europäischen Volkswirtschaften begannen sich zur gleichen Zeit zu erholen, als sich die politischen Risiken im Kielwasser der niederländischen und französischen Wahlen auflösten. Der vielleicht wichtigste Aspekt ist jedoch, dass die EU, mit einer dreifach existenziellen Bedrohung von außerhalb konfrontiert, an der Schwelle der Reformen zu stehen scheint, die für ihr langfristiges Überleben entscheidend ist. Diese drei Bedrohungen sind Trumps Wahl zum US-Präsidenten, der Brexit und die aggressiven Aktionen des russischen Präsidenten Wladimir Putin in Osteuropa.
Auch in Deutschland, wo der Pessimismus über den Euro schon so lange existiert, wird die EU als Siegerin angesehen. Im Hinblick auf die Bundestagswahlen im September wetteifern Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr sozialdemokratischer Herausforderer Martin Schulz darum, als der jeweils beste Kandidat für die weitere Stärkung des EU-Blocks angesehen zu werden. Für Investoren wird eine funktionierende deutsch-französische Achse entscheidend für das europäische Projekt sein – insbesondere, um notwendige Reformen voranzutreiben. Doch während die europäischen Aktienmärkte und der Euro positiv reagierten, müssen die Finanzmärkte wohl noch die vollen Auswirkungen der jüngsten Ereignisse einpreisen.
Verteidigung steht an erster Stelle
Viele Investoren vertreten seit langem die Ansicht, dass die Eurozone nur dann Fortschritte bei einer engeren Integration machen kann, wenn sie durch eine Krise geht. Aber es gibt zwei wesentliche Unterschiede zwischen der aktuellen Situation und vorherigen Krisen, die jetzt Grund zum Optimismus bieten.
Erstens sprechen politische Entscheidungsträger zu einer Zeit über Reformen, in der die Volkswirtschaften des Kontinents vergleichsweise gut dastehen. Dies wird es für Entscheider wie Macron leichter machen, voraussichtlich umstrittene Vorschläge wie die Reform des französischen Arbeitsmarktes durchzusetzen. Zweitens ist die Krise diesmal weitgehend nicht selbst kreiert. Die Regierungen wurden durch die drei erwähnten externen Ereignisse zum Handeln gezwungen.
In einer zunehmend zerrissen erscheinenden Welt, geteilt und gefährlich wie seit Generationen nicht mehr, erhält der Abschluss der EU-Reformen eine zusätzliche Dringlichkeit. Macron und Merkel haben sich dazu verpflichtet, die Integration zu vertiefen und die Eurozone zu stärken. Der erste Test fand bei einem Treffen des deutsch-französischen Ministerrats am 13. Juli in Paris statt. Das Ziel war die Beziehung im Kern des Euro-Währungsgebiets zu beleben.
Sicherheit und Verteidigung standen ganz oben auf der Agenda. Für die Menschen in Europa war es schon immer offensichtlich, dass es bei der EU um viel mehr als nur die Wirtschaft geht. In erster Linie geht es um die Sicherheit. Obwohl Berlin und Paris weit von einer Einigung entfernt sind, wie eine effektivere Verteidigung aufzubauen ist und wie weit und unter welchen Umständen im Ausland einzugreifen ist, erwarten wir, dass die beiden Nationen nach der Bundestagswahl schnell in die Verteidigungskooperation übergehen.
Das wäre wiederum ein wichtiges Signal für die Entschlossenheit, auch in anderen Bereichen eine stärkere europäische Integration voranzutreiben – vor allem in der Wirtschaft. In der Tat hat Macron deutlich gemacht, dass er beabsichtigt, Frankreichs wesentlichen Beitrag zur europäischen Verteidigung und Sicherheit als Hebel für einen Durchbruch auf diesem Feld zu nutzen. Wir erwarten zügige Fortschritte bei der Stärkung der Finanzarchitektur der Währungsunion, mit dem obersten Ziel, die Bankenunion glaubwürdiger zu machen als in der Vergangenheit.
Auf dem Weg zur Vollendung der Bankenunion
Ein primäres Ziel einer Bankenunion wäre es, die Verbindung zwischen Banken und nationalen Budgets zu reduzieren. Laut des Europäischen Parlaments besteht eine Bankenunion in erster Linie aus drei Hauptsäulen: einer einzigen Bankenaufsichtsbehörde, einem gemeinsamen Krisenmanagement und Lösungssystem sowie einem einheitlichen System zur Einlagensicherung. Die erste Säule ist bereits vorhanden, ebenso Elemente der zweiten. Leider existiert die dritte noch nicht.
Deutschland und andere nördliche EU-Staaten haben im vergangenen Jahr einen Plan zur Gründung eines gemeinsamen Fonds zum Einlegerschutz geblockt. Sie befürchteten, dass bei der Errichtung eines europäischen Einlagensicherungssystems, das einzelne Einlagen von bis zu 100.000 Euro abdecken würde, sie schließlich Einleger in anderen Ländern retten müssten. Zweifellos gibt es erhebliche Herausforderungen, die vor den deutschen Bundestagswahlen wahrscheinlich nicht bedeutungsvoll diskutiert werden. Allerdings gibt es zumindest den politischen Willen, Fortschritte zu machen.
Während eine vollwertige Fiskalunion noch weit weg erscheint, gab es hier sogar Anzeichen für Fortschritte. Es ist jetzt wichtig, dass Länder wie Frankreich und Italien strukturelle Reformen durchführen. Der jüngste Erfolg von Macron erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass dies in Frankreich auch geschieht.
Macrons Wirtschaftsreform
Frankreich könnte sich auf jene umfassenden Wirtschaftsreformen konzentrieren, die schon so lange von Berlin verlangt werden. Macron sagt, dass das Land an EU-Vorschriften festhalten wird, die es verlangen, das Haushaltsdefizit auf drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu halten. Er zielt auf eine Verringerung der öffentlichen Ausgaben in Höhe von 60 Milliarden Euro bis 2022 ab. Dafür sollen bis zu 120.000 staatliche Arbeitsplätze gestrichen werden, indem in Rente gehende Beamte nicht ersetzt werden.
Unter anderem möchte Macron die Unternehmenssteuer in Frankreich von 33,3 Prozent auf 25 Prozent senken und hat versprochen, den Arbeitsmarkt flexibler zu gestalten. Im Gegenzug fordert er die deutsche Akzeptanz der Notwendigkeit eines Eurozonen-Finanzministers und -Budgets. Bisher waren die Zeichen aus Berlin ermutigend. Merkel sagte, dass sie überzeugt werden könnte, beide Vorschläge zu unterstützen, „wenn es klar ist, dass wir die Wirtschaftsstruktur wirklich stärken und vernünftige Dinge tun.“ Da sich ein Großteil der deutschen Bevölkerung immer noch über die Milliarden für die Griechenland-Rettung ärgert, geht Merkel behutsam vor und sorgt dafür, dass ihre Unterstützung für diese Maßnahmen mit der sichtbaren Ablehnung von Eurobonds ausgeglichen wird.
Berlin lockert seine Haltung
Während Berlin vermeiden möchte, dass deutsche Steuerzahler hohen Ausgaben in anderen Teilen der EU ohne Aufsicht zustimmen müssen, gibt es einige Anzeichen, dass das Land seine Haltung zumindest etwas lockert. Wolfgang Schäuble, als Finanzminister ein Hardliner, erzählte vor kurzem dem deutschen Nachrichtenmagazin Der Spiegel, dass es einen Bedarf an Transfers zwischen wohlhabenderen und ärmeren EU-Staaten gibt. „Eine Gemeinschaft kann nicht ohne die starke Stimme für die Schwächeren existieren“, sagte er.
Schäuble stimmte seinem französischen Amtskollegen Bruno Le Maire zu, dass die Integration der Eurozone sich nicht schnell genug bewege und dass Deutschland und Frankreich eine führende Rolle bei der Stärkung der Europäischen Union in schwierigen Zeiten einnehmen sollten. Die beiden versprachen eine Arbeitsgruppe zu gründen, die untersucht, wie der Währungsblock die Wirtschaftspolitik besser koordinieren, seine Steuerregelung harmonisieren und potenzielle deutsch-französische Investitionsprojekte identifizieren kann.
Gründe zum Optimismus
Es gibt Gründe zu glauben, dass Macron dort erfolgreich sein kann, wo andere gescheitert sind. Er hat nicht nur eine sehr große Mehrheit im Parlament, sondern ein wichtiger Unterschied zu früheren Präsidenten wie Nicolas Sarkozy sind die Strukturreformen, die er einführen möchte.
Obwohl es zu Streiks kommen könnte, sollte Macron in der Lage sein, seine Agenda durchzusetzen. Es gibt eine Bereitschaft unter den Bürgern, etwas Neues auszuprobieren, und selbst die Gewerkschaften sind sich bewusst, dass etwas getan werden muss, um die chronische Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Wir erwarten, dass Macron seine vorgeschlagenen Reformen mit den Gewerkschaften besprechen wird, wohl bewusst, dass er schnell handeln muss. Er wird wahrscheinlich versuchen, die härtesten Reformen zu Beginn seiner Amtszeit durchzusetzen. Bedeutende Entwicklungen sind im September vor den deutschen Wahlen jedoch unwahrscheinlich. Aber danach erwarten wir Fortschritte.
Marktausblick
Bisher war die Reaktion der Finanzmärkte auf die jüngsten Entwicklungen ziemlich verhalten. Ausländische institutionelle Investoren, die sich an früher Enttäuschungen erinnern, scheinen mit neuen Investitionen in der EU vorsichtig zu sein. Da jedoch eine wirtschaftliche Wiederbelebung im Gange ist, könnten weitere Beweise für die politische Integration ein Umdenken bei Investoren einleiten. Die Eurozone scheint nun in mancher Hinsicht stabiler zu sein als die USA oder Großbritannien. Aktuell sehen wir wenig Argumente für eine frühe Rückkehr der Spekulation über einen Bruch der Eurozone.
Wir erwarten einen weiteren Stimmungsaufschwung, wenn die Bundestagswahl vorbei ist, was zu neuen Mittelzuflüssen in europäische Vermögenswerte führen dürfte – vor allem in Aktien, die sowohl von den verbesserten Konjunkturaussichten als auch von der Aussicht auf eine tiefere politische Integration profitieren sollten. Die starke Berichtssaison der Unternehmensgewinne im vergangenen Quartal zeigte eine breit angelegte Konjunkturverbesserung.
Auch der Euro scheint aktuell unterbewertet und ist weiterhin auf dem Weg nach oben. Wir sind überzeugt, dass die EZB sich zunächst mit dem Tapering beschäftigt, bevor sie anfängt die Zinsen anzuheben. Dies dürfte der Markt weiter einpreisen. Für die Anleihemärkte ist der Ausblick negativ, angesichts der starken Konjunkturdaten und dem schrittweisen Ausstieg der EZB aus der expansiven Geldpolitik. Staatsanleihen aus den Peripherien dürften die Anleihen der Kernstaaten übertreffen und der Finanzsektor, insbesondere die Banken, sollten von der Änderung der Geldpolitik profitieren.
Bis vor kurzem wurden die Finanzmärkte auf die Risiken einer Reihe von Europawahlen und der ewigen Wirtschaftsproblematik der Eurozone fixiert. Da die Europäische Union langsam von der Bürokratie zu einer politischen Einheit übergeht, ist es nur eine Frage der Zeit, bevor sich die Stimmung noch entscheidender ins Positive dreht. Zwar gibt es definitiv noch Risiken für dieses Szenario, einschließlich der italienischen Wahl im kommenden Jahr. Dennoch werden die Märkte die Fortschritte, die schon gemacht wurden, bestätigen. Zum ersten Mal in den vergangenen zehn Jahren sollten wir über die positiven Aspekte der Europäischen Union sprechen, anstatt uns nur auf die negativen zu konzentrieren. –
Von Ahmed Behdenna, Senior Multi-Asset Strategist bei Aviva Investors

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