IAA-Symposium: Gabriel stärkt Autoindustrie den Rücken – Dekarbonisierung, Elektrifizierung, Verbrennungsmotor – wer baut die Autos der Zukunft?
Berlin (20.9.17) – Bundesaußenminister Sigmar Gabriel spricht sich auf der IAA klar gegen Fahrverbote, gegen die Blaue Platte und gegen ein Enddatum für Verbrennungsmotoren aus – VDA und IG Metall: Klimaschutzpolitik muss zugleich anspruchsvoll und realistisch sein.
Die IG Metall und der Verband der Automobilindustrie (VDA) haben auf einem hochrangig besetzten und bestens besuchten IAA-Symposium Anforderungen an die europäische und nationale Klimaschutzpolitik der kommenden Jahre formuliert. Um Beschäftigung in der Automobilindustrie zu sichern, sei eine kluge Politik notwendig, die anspruchsvolle, aber zugleich realistische Ziele setze. Technologieneutralität sowie die Koexistenz von Verbrennungsmotor und alternativen Antrieben seien dabei wichtige Prinzipien. Ziel müsse es sein, automobile Wertschöpfung in Deutschland und Europa zu sichern und zu stärken.
„Die IAA 2017 ist für uns die Plattform für den Einstieg in eine intensive öffentliche Diskussion über die Ausgestaltung der künftigen Klimaschutzpolitik in der Europäischen Union. Das ist von höchster Dringlichkeit, da die erwartete CO2-Regulierung die Weichen für die Zukunft der Automobilindustrie und ihrer Beschäftigten stellt“, sagte Jörg Hofmann, Erster Vorsitzender der IG Metall. Auch beim nationalen Klimaschutzplan der Bundesregierung sei eine Balance zwischen Ökonomie, Ökologie und sozialer Ausgewogenheit herzustellen.
VDA-Präsident Matthias Wissmann sagte: „Die kommende Regulierung muss sowohl anspruchsvoll, zugleich aber auch machbar sein: Brüssel und Berlin setzen damit die entscheidenden Rahmenbedingungen für Technologien, Investitionen und vor allem für Standorte und Arbeitsplätze in der europäischen Automobilindustrie bis 2030.“
Vizekanzler und Bundesaußenminister Sigmar Gabriel sprach sich in seiner Rede vor mehreren hundert Gästen vehement gegen ein Enddatum für Verbrennungsmotoren aus. In Deutschland hänge jeder siebte Arbeitsplatz direkt und indirekt vom Auto ab, die Exportstärke des Landes basiere vor allem darauf, dass drei von vier Autos, die in Deutschland produziert werden, ins Ausland verkauft werden. „Es geht daher nicht um Jahreszahlen, sondern um die Frage, wer das Auto der Zukunft baut“, so Gabriel.
Der Außenminister stimmte VDA-Präsident Wissmann zu und betonte: „Wer mit dem Verbot des Diesel beginnt, landet ganz schnell beim Benziner. Wir müssen aufhören, über Probleme des Diesel von gestern zu diskutieren, die der Diesel von heute gar nicht mehr hat.“
Gabriel wandte sich gegen Fahrverbote und die „blaue Plakette“: Diese berge erhebliche soziale Risiken, Fahrverbote wären zudem unsozial, da sie diejenigen treffen würden, die nicht in der City wohnten, sondern im Umland und aus beruflichen Gründen auf das Auto angewiesen seien.
Der Vizekanzler und Außenminister unterstrich, dass für den Hochlauf der Elektromobilität auch entsprechend „intelligente Stromnetze“ notwendig seien. Deutsche Autos gehörten zu den besten der Welt, bei Qualität, Design, Komfort und Sicherheit. „Wir wollen, dass wir entsprechend auch bei Elektroautos vorankommen.“
IG Metall und VDA sind sich darin einig, dass es enormer Anstrengungen der Industrie bedarf, um das europäische Ziel von 95-Gramm im Jahr 2020 zu erreichen. Alternative Antriebe spielen bei der CO2-Minderung eine immer größere Rolle, so IG Metall und VDA. Der IG Metall-Vorsitzende Hofmann sagte: „Nicht nur die Automobilindustrie ist gefordert, noch mehr leistungsfähige, attraktive Elektroautos zu liefern. Auch die Politik steht in der Verantwortung: Ohne die notwendige Infrastruktur mit Ladesäulen, nachhaltiger Stromerzeugung, Speicherung und Verteilung kann der Hochlauf nicht gelingen. Auch die Käufer müssen gewonnen werden.“
Wissmann betonte: „Deshalb sind wir gegen feste E-Quoten, die ausschließlich die Automobilindustrie in die Verantwortung nehmen. Nur bei einer gemeinsamen Kraftanstrengung von Industrie und Politik ist ein relevanter Elektrofahrzeuganteil von 15 bis 25 Prozent in Europa bis 2025 zu erreichen. Und nur wenn die Kunden tatsächlich deutlich mehr Elektroautos und andere alternative Antriebsformen kaufen, sind anspruchsvolle CO2-Ziele in Europa zu erreichen.“
Die Elektromobilität wird die Automobilproduktion erheblich verändern, davon könnten viele Tausend Arbeitsplätze betroffen sein. Eine aktuelle Studie des ifo-Instituts zeigt, dass in Deutschland rund 600.000 heutige Industriearbeitsplätze direkt oder indirekt am Verbrennungsmotor hängen. „Ein schlichtes Verbot dieser für den Standort Deutschland so wichtigen Technologie wäre daher ein Irrweg. Eine technologieoffene Regulierung, die den Unternehmen überlässt, wie sie Emissionsziele erreichen wollen, wäre klüger. So könnte viel eher gewährleistet werden, dass die Transformation der Branche hin zu alternativen Antrieben nicht zu Lasten der Beschäftigung in Deutschland geht“, sagte Wissmann.
Daher sollten Politik, Unternehmen und Gewerkschaften den Transformationsprozess zusammen angehen, so IG Metall und VDA. Hofmann betonte: „Wertschöpfungsketten müssen erhalten bleiben. Dafür brauchen wir Entscheidungen zur Industrialisierung von Produkten, etwa der Batteriezelle und zu Investitionen in die Standorte. Auch die Politik muss liefern: Neben notwendigen Investitionen in die Infrastruktur braucht es eine Arbeitsmarktpolitik, die diesen Transformationsprozess durch Qualifizierung unterstützt. Hier sind Unternehmen und Politik gefordert. Die Beschäftigten brauchen Sicherheit.“
Neben der Entwicklung der Elektromobilität wird auch der Verbrennungsmotor weiter verbessert. Konventionelle Motoren werden noch auf Jahrzehnte im Mix der Antriebsarten eine wesentliche Rolle spielen. Wissmann: „Wenn es außerdem gelänge, synthetischen Kraftstoffen aus erneuerbaren Energien zum Durchbruch zu verhelfen, könnten Autos mit Verbrennungsmotor auch CO2-neutral werden.“
IG Metall-Chef Hofmann forderte darüber hinaus ein koordiniertes Zusammenwirken der Unternehmen, Verbände, Politik und anderer: „Nur bei einer Verkehrs- und Energiewende aus einem Guss können der Übergang zu alternativen Antrieben und die Transformation der Industrie praktisch umgesetzt werden. Erforderlich sind eine bessere Abstimmung von Instrumenten und deren jeweiliger regionalen Umsetzung – das erfordert neue Formen der Politikkoordination. Auch dafür muss die kommende Bundesregierung belastbare Vorschläge machen.“
An der anschließenden Podiumsdiskussion, die von auto-motor-und-sport-Chefredakteurin Birgit Priemer kompetent moderiert wurde, nahmen Michael Brecht, Vorsitzender des Daimler-Konzernbetriebsrats, Wolf-Henning Scheider, Vorsitzender der Geschäftsführung und CEO des Mahle-Konzerns, Prof. Rupert Stadler, Vorstandsvorsitzender der Audi AG, und Achim Dietrich-Stephan, Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei ZF, teil.
Auto und Zölle – Aktuelle Herausforderungen
Die IAA-Fachveranstaltung „Auto und Zölle“ bot heute die Gelegenheit zu einem Austausch über aktuelle Entwicklungen wie den seit 2016 geltenden Unionszollkodex und die Umsetzung neuer Freihandelsabkommen. VDA-Geschäftsführer Klaus Bräunig wies in seinen Begrüßungsworten darauf hin, dass die deutsche Automobilindustrie bald doppelt so viele Fahrzeuge an ihren Auslandsstandorten produzieren werde (2017 ca. 10,4 Mio.), verglichen mit der Inlandsproduktion (2017 5,6 Mio). Bräunig betonte: „Zölle und außenwirtschaftliche Rahmenbedingungen spielen für die Automobilindustrie als wichtigster deutscher Exportwirtschaftszweig eine zentrale Rolle. Durch die voranschreitende Globalisierung stehen die Standorte der Automobilindustrie in einem zunehmenden weltweiten Wettbewerb – auch innerhalb der eigenen Unternehmensgruppe.“ Bräunig verwies darauf, dass das Zollrecht dabei zunehmend im Spannungsfeld von Protektionismus und Freihandel stünde.
Einführende Keynotes hielten Kay Masorsky von der Hamburger WTS Steuerberatungsgesellschaft sowie Andreas Heuer, Leiter des Hauptzollamtes Bremerhaven. Schwerpunkt der anschließenden Podiumsdiskussion war die Frage „Protektionismus oder Freihandel – was erwartet die Automobilindustrie?“. Moderator der Runde war Dr. Hans Georg Raber, Leiter der Abteilung Steuerpolitik und Zölle der Volkswagen AG und Vorsitzender des VDA-Ausschusses Zölle und Verbrauchsteuern.
IAA-Symposium „Deutsch-Russische Automobilindustrie“
„Der russischen Regierung ist es in den vergangenen Jahren gelungen, internationale Fahrzeughersteller zur Ansiedlung von Fahrzeugfertigungen in Russland zu gewinnen“, sagte VDA-Präsident Matthias Wissmann heute bei der Eröffnung des Symposiums „Deutsche-Russische Automobilindustrie“. Wissmann verwies auf die positive Marktentwicklung des russischen Produktionsstandortes (+19 Prozent Zuwachs Pkw-Fertigung), die sich auch positiv auf die Fertigung der deutschen Hersteller vor Ort auswirken würde. Er mahnte zugleich an, dass russische Zulieferer noch nicht immer hinsichtlich Kosten, Qualität und Investitionen für langfristige Lieferbeziehungen zu den Fahrzeugherstellern wettbewerbsfähig seien. „Auch bei der Harmonisierung und gegenseitiger Anerkennung technischer Standards zwischen der EU und der Russischen Föderation wünschen wir uns mehr Dynamik“, so Wissmann.
Zu Gast bei der Veranstaltung waren auch Alexsandr Morozov, Vize-Minister für Handel und Industrie der Russischen Föderation, und Prof. Dr. Klaus Mangold, Honorarkonsul der Russischen Föderation in Baden-Württemberg sowie Ehemaliger Vorsitzender des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. Christian Kremer, Senior Vize-Präsident „Global Sales & Marketing“ der GAZ-Gruppe, sowie Prof. Dr. Rainer Lindner, CEO Central & Eastern Europa, Middle East & Africa, Schaeffler AG, sprachen zu „Aktuellen Fragen der Elektromobilität“. Zum Thema „Autonomes Fahren“ sprachen Dirk Weigand, Director „Intelligent Transportation Systems“, Daimler AG, und Sergej Kogogin, Vorstandsvorsitzender, KAMAZ PTC. „Digitalisierung: Chancen für die russische und deutsche Automobilindustrie“ war das Thema von Evgeni Melikhov, Leiter der Abteilung für Entwicklung, „Glonass“, und Andreas Renschler, Mitglied des Vorstands, Volkswagen AG. Abschließend sprachen Vize-Wirtschaftsminister Morozov und Petros Sourmelis, zuständig für „Russland, CIS, Ukraine, Westbalkan, EFTA, EEA, Türkei und Zentralasien“ in der DG TRADE, Europäische Kommission, über „Local Content: Regelungen für die russische Automobilindustrie und die Konsequenzen für die deutsche Automobilindustriewirtschaft“.
Im Vorfeld des Symposiums besuchte eine russische Delegation – unter den Gästen auch Vize-Wirtschaftsminister Morozov – zahlreiche Ausstellerstände von Herstellern und Zulieferern.
Grünen-Politikerin Dr. Valerie Wilms zu Besuch auf der IAA
Heute besuchte die Bundestagsabgeordnete Dr. Valerie Wilms die 67. IAA Pkw. Die Grünen-Politikerin ist Mitglied und Obfrau im Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur und im Parlamentarischen Beirat für nachhaltige Entwicklung. Vier Stunden nahm sich die promovierte Ingenieurin Zeit, um sich an den Ständen von Herstellern und Zulieferern über Trends und Neuheiten der Branche zu informieren. Ihr Eindruck: „Was ich hier zu sehen bekomme, ist eine Automobilindustrie, die langsam in Bewegung kommt, aber noch einen sehr weiten Weg vor sich hat.“ Und zum Diesel-Skandal sagte sie: „Ich hoffe, dass dieser Weckruf jetzt wirklich saubere zukunftsfähige Lösungen hervorbringt.“

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