Commerzbank-Chefvolkswirt:

„Deutschland boomt“

Frankfurt/Main (8.12.17) – Die westlichen Volkswirtschaften blicken auf ein Jahr mit starkem Wachstum zurück. Selbst im lange kriselnden Euroraum zeigt sich mittlerweile ein breiter Aufschwung. Die USA und Deutschland nähern sich der Vollbeschäftigung. Trotzdem ist die Politik der meisten Zentralbanken weiterhin expansiv ausgerichtet. „Wie schnell sich die Notenbanken von der lockeren Geldpolitik verabschieden, hängt davon ab, wie sich die Inflation im kommenden Jahr entwickelt“, erläuterte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer heute in Frankfurt. Dies wiederum beeinflusse die Entwicklung der Aktien- und Anleihenmärkte sowie des Dollar.

Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer – Foto: PK/Archiv

Für die USA erwarten die Commerzbank-Volkswirte 2018 kaum konjunkturelle Überraschungen. Die Wirtschaft dürfte weiterhin um 2,3% wachsen, die Kerninflation bis Ende des nächsten Jahres Richtung 2,0% steigen. Deshalb prognostiziert Krämer, dass die Fed ihren Leitzins auch im kommenden Jahr drei Mal erhöht. Obwohl die Fed für 2018 selbst drei Zinserhöhungen in Aussicht stellt, preist der Markt derzeit nur die Hälfte ein. „Der Markt traut der Fed nicht – und begeht vermutlich den gleichen Fehler wie dieses Jahr“, warnt Krämer. Dementsprechend prognostizieren die Commerzbank-Analysten einen etwas stärkeren Dollar (EUR-USD Ende 2018: 1,12).

 

In Deutschland wird die Inflation im kommenden Jahr ebenfalls eine wichtige Rolle spielen – insbesondere bei den anstehenden Lohnverhandlungen. „Die Gewerkschaften werden in der kommenden Tarifrunde einen höheren Inflationsausgleich fordern“, erwartet Krämer. „Wir rechnen bei vielen Neuabschlüssen mit einer Drei vor dem Komma.“ Dabei würden sich die Gewerkschaften auch auf die gute Wirtschaftslage in Deutschland berufen. Die Commerzbank-Volkswirte haben ihre BIP-Prognose für das kommende Jahr von 2,0% auf 2,5% angehoben. „Der Aufschwung hierzulande hat das Zeug, weiter zu überraschen“, so Krämer.

 

Auch der Euroraum wachse mittlerweile auf breiter Basis. 2018 erwarten die Commerzbank-Volkswirte ein Wachstum von 2,5% und zeigen sich damit optimistischer als die meisten Kollegen. Gleichzeitig dürfte die Kerninflation aufgrund einer recht hohen Arbeitslosenquote bei rund 1% verharren, was der EZB als Argument dient, trotz des Herunterfahrens der Anleihenkäufe noch lange an der lockeren Geldpolitik festzuhalten. „Die EZB hat sich an die Inflationsprognosen gekettet“, moniert Krämer und plädiert für einen Kurswechsel. Die Commerzbank-Analysten erwarten, dass die EZB die Anleihenkäufe noch bis Ende des ersten Quartals 2019 fortsetzt. „Eine erste Zinserhöhung rückt damit in noch weitere Ferne“, so Krämer.

 

Diese expansive Geldpolitik facht wiederum den Aktienmarkt an. Eigentlich sei beim DAX nicht mehr viel Raum nach oben, gibt Krämer zu bedenken. Das Geschäftsklima befinde sich auf einem historischen Hoch, das Wachstum Chinas schwäche sich ab und das Kurs-Gewinn-Verhältnis sei in Europa nicht mehr niedrig. „Ohne die lockere Geldpolitik der EZB würde ich dem DAX kein weiteres gutes Jahr geben“, sagt Krämer. So allerdings sieht er ein Jahresendziel von 14.000 Punkten. Damit hat die niedrige Inflation indirekt auch einen Einfluss auf den Aktienmarkt. „Die Inflation wird 2018 zum entscheidenden Faktor“, resümiert Krämer.

 

 

Prognosen Commerzbank-Research

Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts in % im Vergleich zum Vorjahr

 

2017

2018

2019

Euroraum 2,3 2,5 2,3
   – Deutschland 2,3 2,5 1,8
   – Frankreich 1,9 2,3 2,3
   – Italien 1,5 1,7 1,6
Großbritannien 1,6 1,4 1,4
USA 2,2 2,3 2,3
China 6,8 6,4 6,2
Welt 3,6 3,8 3,7

 

US-Dollar (je Euro
per Jahresende)
1,12