Mit seinem Buch „Euro – Wie er wurde, was er ist“ hat Christoph Wehnelt ein profundes Werk über die deutsche Geldgeschichte nach 1945 vorgelegt. – 1. Teil
Die Wacht am Main
Bleibet im Lande und sparet Devisen
Offizielle in der Deutschen Bundesbank können sich über die Äußerungen von Ex-Bundesbankpräsident und Kanzler-Intimus, Karl Klasen, nur wundern. „Wahrscheinlich wollte er nur breite Bevölkerungskreise auf das Währungsproblem aufmerksam machen,“ heißt es beschwichtigend. Auf die Frage der Bild-Zeitung: „Wir geben in diesem Jahr für den Urlaub und für Waren im Ausland fast 30 Milliarden Mark mehr aus, als wir einnehmen – geht das noch lange gut?,“ hatte Klasen gesagt: „Auf Dauer bestimmt nicht.“ Daraufhin empfahl der Ex-Präsident den Bundesbürgern einen „Deutschland-Urlaub und Ölsparen.“ Beides sollte dazu dienen, die deutsche Devisenkasse zu schonen.
„Jeder, der in Deutschland seinen Urlaub verbringt, sollte die Hotelrechnung von der Steuer absetzen können,“ regte Werner Wiederhold, Direktor der Dresdner Bank, beim Hessischen Bankenverband an. Er traf damit zwar nicht die Stimmung der Banker, doch schnitt er ein wichtiges Thema an. Verbands-Vorstandskollege, Klaus Subjetzki (BHF-Bank) fragte: „Wie können wir aber auf das Urlaubsverhalten der Deutschen einwirken?“ In Bremen stellte Bundesbankpräsident, Karl Otto Pöhl, fest: „Die Ausgaben der Touristen sind die Einnahmen unserer Kunden.“ Bundesbankvizepräsident, Helmut Schlesinger, hält nichts von dirigistischen Maßnahmen in der Außenwirtschaft weder beim Tourismus noch anderswo. Er hat andere Ideen.
Ihm kommt es auch nicht auf eine Exportoffensive der deutschen Industrie an. Im jüngsten Monatsbericht der Bundesbank schreibt er: Nachdem jedoch inzwischen in der Leistungsbilanz eine beträchtliche strukturelle Lücke entstanden ist, bedeutet der starke Importsog bei ausländischen Fertigwaren, dass eine Besserung der außenwirtschaftlichen Lage nur zu erreichen sein wird, wenn die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft durch weitere Bemühungen um mehr Preisstabilität und durch eine maßvolle Lohnpolitik wieder gestärkt wird, und zwar nicht nur auf den Exportmärkten, sondern ebenso im Hinblick auf die Konkurrenz mit Auslandswaren am Inlandsmarkt. Schlesinger: „Unsere Leistungsbilanzprobleme rühren nicht nur vom Öl her.“ Der Bundesbankvize hält der deutschen Industrie vor, sich permanent Inlandsmarktanteile abknöpfen zu lassen. „Das gilt für Konsum- wie für Investitionsgüter.“ Schlesinger rechnet vor: In der Bekleidungsindustrie stiegen die Importquoten seit 1974 von 25 Prozent auf 37 Prozent, in der Elektroindustrie von 15 auf 20 Prozent, beim Maschinenbau von 17 auf 21,5 Prozent. Und für Urlaubsreisen geben heute die Deutschen 2,7 Prozent des Bruttosozialprodukts aus, gegenüber nur 1,9 Prozent 1974 und 1,5 Prozent 1970.
Die Bundesbank will damit aber nicht irgendwelche „buy German“-Appelle loswerden. Eher verlangt sie mehr Anstrengungen der deutschen Anbieter zum Wohle der D-Mark. In der deutschen Zentralbank hält man nicht mehr viel von globalen Überlegungen wie etwa dieser: Wenn es auf der einen Seite, bei den Öl exportierenden Staaten, Überschüsse von 120 Milliarden Dollar gibt, müssten an anderer Stelle Defizite in dieser Größenordnung auftreten. Moralisch sei es daher nur recht und billig, dass die reichen Staaten, an erster Stelle die Bundesrepublik, auch einen Großteil des Defizits trügen. „Moralisch mag es richtig sein,“ wendet ein Bundesbankdirektor ein, „aber wirtschaftlich nicht.“
Der für Währungsfragen zuständige Bundesbankdirektor, Leonhard Gleske, rechnet vor: „Wir haben in diesem Jahr ähnlich wie die Schweiz unser Leistungsbilanz-Defizit aus den Währungsreserven bezahlt. Bis Juli schmolzen 17 Milliarden Mark ab, im August weitere drei Milliarden Mark.“ Wenn der Abbau der deutschen Reserven weiter so drastisch verläuft, kommt aber die D-Mark selbst in Gefahr. An der harten Währung lässt jedoch kein Bundesbanker gerne rütteln. „Was immer auch passieren mag, wenn wir 70 Milliarden Dollar als Reserven im Schaufenster haben, können wir alle Forderungen begleichen,“ merkt Pöhl an. „Doch 70 Milliarden müssen im Schaufenster bleiben, damit nichts passiert.“ Denn die D-Mark ist eine Reservewährung und soll es auch bleiben. Aber die Deutschen beginnen darunter zu leiden.
Es ist noch gar nicht solange her, dass Emminger für die Bundesrepublik die Rolle des Schuttabladeplatzes der ungeliebten Dollars ablehnte. „Diese Rolle übernehmen wir nicht freiwillig,“ hatte der Ex-Präsident noch in den späten Monaten des vergangenen Jahres mit kräftigen Worten untermauert. Jetzt allerdings sind die Vorzeichen anders.
Gleske hartnäckig: „Weder in Bonn noch hier bei uns in Frankfurt denkt irgend jemand an eine Beschränkung des Reiseverkehrs.“ Es gibt auch keine Empfehlungen für einen Heimaturlaub. „Der Tourismus darf nicht isoliert gesehen werden.“ Wenn die Urlauber in Österreich, Jugoslawien, in Frankreich oder Spanien ihr Geld ließen, so Gleske, könnten diese Länder auch wieder Waren in der Bundesrepublik einkaufen. „Die höheren Energiepreise und die Teuerung in den Urlaubsländern bremsen die Reiselust der Deutschen ohnedies. Ein Blick auf die Buchungen bei den Reisebüros bestätigt das.“ Die deutsche Leistungsbilanz hatte 1979 mit einem Defizit von neun Milliarden Mark abgeschlossen. „Auf der Basis der Entwicklung von Januar bis Mai 80“, meint Gleske, „rechnen wir mit einem Defizit von ungefähr 25 Milliarden Mark. Wir haben aber wieder Devisenzuflüsse. Die Kapitalströme drehen sich.“
„Nichts wird in den 80er Jahren so sein wie in den 70er … nichts“, orakelte zur Jahreswende Bundeskanzler Helmut Schmidt. Die Geldpolitiker in der Zentralbank bekommen es schon zu spüren. Das Blessing-Wort: „Notenbankpolitik ist in erster Linie eine Kunst und erst in zweiter Linie eine Wissenschaft,“ behält für sie aktuelle Bedeutung. Es bedarf aller finanztechnischer und volkswirtschaftlicher Finessen, um das Defizit zu finanzieren und eine Trendumkehr in der Entwicklung der Leistungsbilanz herbeizuführen, ohne mit der harten Keule des Außenwirtschaftsgesetzes zu hantieren. Das heißt den Urlaubern Reisedevisen zuzuteilen und Importe zu beschränken. Das aber will von den Verantwortlichen niemand weder in Frankfurt noch in Bonn. Eine weitere Liberalisierung des Kapitalverkehrs soll es bringen.
So hat sich der Zentralbankrat neuerdings dafür ausgesprochen, die bestehenden Beschränkungen des Kapitalimports in die Bundesrepublik zu lockern. „Er stimmt insbesondere mit der Bundesregierung darin überein, dass die Laufzeitgrenzen für inländische festverzinsliche Wertpapiere, die ins Ausland verkauft werden, von vier auf zwei Jahre herabgesetzt werden“, heißt es in der Bundesbank-Erklärung. Die gleiche Frist von wenigstens zwei Jahren gilt zukünftig auch als Mindestlaufzeit für Schuldscheine, die Kreditinstitute ins Ausland verkaufen wollen sowie für neu zu begebende, ins Ausland abtretbare Schuldscheine öffentlicher Stellen. Die lange Zeit seitens der Bundesbank gehegte Abneigung gegen eine Verschuldung der öffentlichen Hände im Ausland passt nicht mehr in das aktuelle Bild. Eindringliche Appelle gehen jedoch von Frankfurt an die Schuldenmanager in Bonn, in angemessener diplomatischer und insbesondere professioneller Form im Ausland D-Mark-Kredite aufzunehmen. „Absolut unerwünscht ist die Verschuldung in Fremdwährungen. Dänische Verhältnisse dürfen bei uns nicht einreißen.“
Der Devisenmarkt: Vom Dollar gebeutelt
(ein Szenario)
Der sonst immer glatt gekämmte Dieter Henke und sein locker gewellter Kollege Ulrich Hörstel raufen sich die Haare. So etwas hatte es bis heute noch nicht gegeben. Normaler Weise dauert die Kursfeststellung für den Dollar wenige Minuten, auch in hektischen Devisenzeiten. Heute sind Angebot und Nachfrage partout nicht deckungsgleich zu bringen und das schon fast eine halbe Stunde. Am Vormittag war der Dollar gegenüber dem Vortagskurs um viereinhalb Pfennig auf 2,43 Mark gestiegen. Der Run auf die stärkste Währung der Welt hält seit Wochen an und hat gerade in den letzten Tagen neue Rekorde gebrochen. Wer weiß, ob es heute so weiter geht. Die Hektik könnte neue Trends andeuten.
Henke wollte diesmal auf Nummer sicher gehen: „Wir beginnen bei rund zu zehn,“ ruft er den zwei Dutzend Devisenhändlern im Saal zu. „Rund“ heißt 2,4300 und „zu zehn“ demnach 2,4310 Mark für den Dollar. Im Devisenhandel wird nämlich auf Hundertstel Pfennig genau gerechnet. „Was macht München,“ fragt Hörstel in eines der vielen Telefone hinein? Denn mit Henke und Hörstel verbunden sind in diesen Minuten alle deutschen Devisenbörsen (Berlin, Düsseldorf, Hamburg, München). In Frankfurt wird jedoch der internationale Preis für die deutsche Währung festgemacht: in Dollar, in Pfund Sterling, in den EWS-Währungen sowie allen übrigen Devisen. Das ist auch der Grund, warum weltweit an den Devisen-Anzeigetafeln aller Banken für die DM-Notiz „Frankfurt“ steht und nicht etwa Bonn als Bundeshauptstadt.
Hörstel noch nicht echauffiert: „Was macht München?“ Dem Vertreter der Bank of Tokyo im Saale gefällt der runde Kurs. „Ich gebe 24,5 Millionen Dollar,“ sagt der Japaner. Ein anderer will ebenfalls einen größeren Betrag „bestens“ verkaufen. Henke merkt sehr bald, dass er zu den guten Kursen zwar ein großes Angebot aber keine Nachfrage hat. „Rund zu fünf wird nun gerechnet,“ gibt er bekannt. Da rührt sich die BHF-Bank in der Person einer flinken jungen Dame: „Zehn Millionen bestens.“ Tokyo hält das Gebot aufrecht. Andere bleiben ebenfalls drin. „22 Millionen bestens aus Düsseldorf,“ vermeldet Hörstel. Die amerikanische Morgan-Bank hängt sich mit zehn Millionen dran. Henke: „Bei rund ist was da.“ Er meint Nachfrage. Doch zuwenig. „Wir rechnen neu.“ Henke kommt ins Schwitzen. „85 zu rund“ (2,4285 zu 2,4300). Alle bleiben mit ihren Geboten drin. Keiner will Dollars kaufen zu diesen hohen Preisen.
Der in D-Mark ausgedrückte Dollar-Preis ist der D-Mark-Kurs. Doch der will sich heute gar nicht feststellen lassen. Henke: „Alles neu, 60 zu 80.“ Das bringt dem Makler aber nicht viel ein. Die BHF-Bankkauffrau wendet ein: „Das Niveau ist immer noch zu hoch. Im Freiverkehr wird der Dollar 40 zu 60 gehandelt.“ Das Mädchen hatte recht. „Henke: „Ich nehme alles neu auf, 60 zu 70.“ Damit war der Makler aber auch nicht gut beraten. Dem Weißköpfigen schwillt das Gesicht langsam tief rot an. „Neu 30 zu 45.“ Jetzt kommen die Käufer auf den Plan. „20 billige.“ Eine hübsche Untertreibung für die Nachfrage von 20 Millionen Dollar zum Kurs von 2,4230 Mark, die somit zusammen fast 50 Millionen Mark kosten. „35 Geld für 50 Millionen,“ schallt es aus der Ecke der Dresdner Bank. „Zehn billige,“ hängt sich ein anderer dran. „Was macht die Bank von Tokyo,“ fragt Henke? Die Japaner wollen den Markt nicht billigst versorgen.
Was Henke noch vor Minuten auf der Angebotsseite zuviel hatte, war nun auf der Nachfrageseite zuviel. Er schielt immer wieder zu dem Mann von der Bundesbank hinüber, ob der nicht etwa sagt: „Die Differenz übernehme ich.“ Die Bundesbank hat auf diese Weise immer die Möglichkeit, einen ganz bestimmten Kurs zu machen. Sie kann ihn mit der Hergabe vieler Dollars drücken oder durch den Kauf die Nachfrage und damit den Preis stabilisieren oder steigern. Zur Zeit weiß die deutsche Zentralbank, dass sie die Milliarden-Geschäfte mit Dollars weltweit nicht ausreichend befriedigen kann oder will. Sie kann auch keinen Kurs machen und ihn längere Zeit durchhalten. So läßt sie in diesen hektischen Zeiten der Entwicklung freien Lauf. Sie greift in den Markt nicht ein. „Jetzt wieder 50 zu 70. 55 Geld für 50.“ Die BfG: „Kauf zehn.“ Das BHF-Mädchen schmollt: „Nichts.“
Henke packt die schiere Verzweiflung: „Wir rechnen 55 zu 70.“ Zwei billige will die amerikanische Chase. Henke: „Kommt da noch was?“ Nein, nichts kommt. „Ich muss versuchen Kurse zu machen,“ stöhnt der Makler. „Versuche 62 zu 70.“ Hörstel klappert die anderen Devisenbörsen ab. „Was macht Hamburg?“ Der Hörer wird wieder hingelegt. „Was macht München?“ Ein Banker aus dem Saal: „Ich bleibe bei 20 billigen.“ „Was ist in Düsseldorf?“ Hörstel macht Notizen. „Wir kaufen total 15 billige,“ plärrt einer aus den hinteren Reihen. „Orderannahmeschluß,“ schimpft Hörstel. Hätte er das nicht getan, wäre in dieser Gegend ein Kurs zustande gekommen.
So beginnt Henke wieder: „Alles neu, 70 zu rund.“ Im Freiverkehr war zu diesem Zeitpunkt 80 Geld. „Was macht Berlin?“ „Tokyo gibt 24.“ Es half nichts. Henke: „Versuche 70 zu 90.“ Ein Banker: „80 Geld für 15.“ Ihm war jedoch ein peinlicher Fehler unterlaufen. „80 Brief für 15,“ verbessert er sich. Hörstel hat die Ruhe noch nicht verloren: „Sie bieten also 15 Millionen Dollar, die Hälfte von 30, zum Kurs von 2,4280.“ Das Kursspiel glückt auch hier nicht. „Versuche 70! 70 ist Brief.“ Hörstel: „Bei 70 sind 63,55 Millionen da.“ Henke: „Versuchen wir’s halt nochmal. Wir rechnen neu 50 zu 80.“ Die Morgan Bank bleibt bei zehn billigen. Die Chase faselt etwas von anderthalb. „Dann rechnen wir eben 55 zu 70.“ Die Deutsche Bank zieht alles zurück. „Das BHF-Mädchen: „Ich auch nichts.“ Hörstel: „Orderannahmeschluß.“ Etwas später Henke: „Der Kurs ist 55 geworden.“ Alle sind erleichtert. Die Dresdner Bank hat zu diesem Preis 35,35 Millionen Dollar übernommen.
Seit Eröffnung der Devisenbörse ist eine ¾ Stunde vergangen. Jetzt erst kann die Mitarbeiterin Henkes an die Kurstafel hinter „USA“ schreiben: 2,4255 / 2,4215 / 2,4295. Die Tafel hat drei Spalten. Als erstes kommt der Mittelkurs, dann der Geld- und schließlich der Briefkurs, wobei zwischen Geld- und Briefkurs immer eine Differenz von 0,8 Pfennig eingehalten wird. Das gehört zu den Geschäftsbedingungen. Die Bundesbank hatte an diesem Tage nicht an der Börse interveniert.
Während Henke und Hörstel sich abstrampelten, weilte Bundesbankpräsident Pöhl am Genfer See anläßlich der Internationalen Währungs-Konferenz. Dort ließ er verlauten, dass die jüngsten hektischen Kursbewegungen auf den Devisenmärkten – mit 2,43 war immerhin eine seit langem nicht mehr dagewesene Höchstmarke erreicht worden – nicht auf fundamentalen Veränderungen wirtschaftlicher Daten basierten, sondern auf Kapitalbewegungen wegen plötzlicher Veränderungen der Zinsdifferenzen (hohe Zinsen in Amerika und niedrigere in Deutschland) zurückzuführen seien. Deshalb seien Interventionen der Notenbank keine angemessene Antwort. Und weil Pöhl das meinte, hatte der junge Bundesbanker zur selben Stunde in der Frankfurter Devisenbörse nichts zu tun. Das Instrument der Interventionen wolle man aber nicht grundsätzlich aufgeben, ließ Pöhl in Lausanne verlautbaren.
Die Bundesbank mischt, wenn es sein muss, an den Devisenmärkten auch direkt mit. Sie interveniert, indem sie beim freien Spiel des Kaufens und Verkaufens mitmacht. Wie alle Banken dieser Welt hat auch die Bundesbank ihre Händler an den Monitoren der Agentur Reuters, die je nach Politik und Marktlage tätig werden. Dabei geht es vorrangig um den Dollar. Alle anderen Devisen ordnen sich dann wie von selbst. Ausgefeilte Dollar-Strategien werden da von den Notenbanken in Washington/New York und Frankfurt entwickelt. Manchmal werden auch die Japaner mit eingeschaltet. Alle übrigen Währungen und ihre Notenbanken versinken dabei fast in die Bedeutungslosigkeit. Das gilt auch für Paris und London. Bundesbank und Federal Reserve (Fed) helfen sich gegenseitig auch über Swap-Abkommen, in denen sich beide Seiten verpflichten, die für Interventionen benötigten Währungen dem anderen zur Verfügung zu stellen. Damit ergeben sich drei Ebenen der Interventionsmöglichkeit: die Börse, der Interbanken-Handel und das ganz große Rad in Kooperation mit den Notenbanken.
Durch die Aufwertung der Mark in der 2. Hälfte der 70er konnten die damaligen horrenden Ölpreissteigerungen für die deutschen Verbraucher leichter verkraftet werden. Öl wird international in Dollar fakturiert. Ein aufwertende D-Mark macht das Öl daher billiger. Sie wirkt sich allerdings als Pferdefuß bei den Exporten aus. „Wir wollen nur die erratischen Kursbewegungen abmildern,“ hat der Pöhl-Vorgänger, Otmar Emminger, immer wieder hervorgehoben. Was sind aber die Gründe für die riesigen Devisenströme, die mit wechselnden Richtungen durch die Weltwirtschaft driften? Die Deutschen haben lange Zeit vielmehr exportiert als importiert und konnten dadurch rund 100 Milliarden Mark an Devisen bei der Bundesbank anhäufen. Der zunehmende Wohlstand machte uns über die Jahrzehnte auch träger. Ende der 70er Jahre war es dann soweit, dass die Deutschen mehr verbrauchten als sie zu leisten in der Lage oder gewillt waren. Über die gesamte Volkswirtschaft gerechnet, verfrühstückten wir 1980 genau zwei Prozent mehr als wir produzierten. Der abermals gestiegene Ölpreis hat viel dazu beigetragen. Aber er ist nicht an allem schuld.
Rücksichtslos haben sich die Deutschen aus dem Ausland bedient mit Waren und Dienstleistungen (z. B. Urlaub). Sie glaubten auch noch Anspruch darauf zu haben und bezahlten die Chose aus den Devisenreserven, die ungehemmt wegschmolzen. Und so marschierten wir in ein Defizit der außenwirtschaftlichen Rechnung. Die Leistungsbilanz, die all das spiegelt, wurde stark negativ. 1980 fehlten den Deutschen über 30 Milliarden an Devisen. Auf solche Zahlen reagieren die internationalen Devisenhändler sehr nervös. Ihr Meinung ist schnell gebildet: Wer seine Kasse nicht in Ordnung halten kann, taugt nichts, und wer nichts taugt, dessen Währung taugt erst recht nichts. Die meisten fliehen aus der D-Mark. Die Situation wird um so schwieriger durch die geographische Lage. Wenn in Polen die Russen husten, kommt die D-Mark unter Druck. Raus aus der Mark, rein in den Dollar heißt dann die Devise. Durch die Finanzzentren der Welt taumeln ganz erhebliche D-Mark-Beträge: derzeit rund 150 Milliarden Mark. 80 Milliarden Auslandsanleihen und 70 Milliarden Reserven bei den anderen Zentralbanken. Dazu kommen viele Milliarden Liquidität für die deutschen internationalen Handelsgeschäfte.
Für Henke und Hörstel ist das Wichtigste ein freier internationaler Devisenmarkt. Die Währungen müssen konvertibel, frei handelbar sein. Die zentralen Verwaltungswirtschaften im Osten halten sich davon fern. Dort setzen die Regierungen den Außenwert ihrer Währungen fest aufgrund eines politisch-wirtschaftlichen Mix. Die freie Marktwirtschaft im Westen setzt auf das freie Spiel der Marktkräfte, wenn auch die Politik immer wieder mal Wünsche äußert, die von unabhängigen Notenbanken wie der Bundesbank nach Leibeskräften zurückgewiesen werden. Aber auch für gegängelte Ostwährungen bilden sich Märkte, graue Märkte. Bestes Beispiel ist die D-Mark Ost, die offiziell zur Westmark 1:1 umgetauscht wird, inoffiziell aber für ein Drittel oder ein Viertel der DM-West zu haben ist. Besonders die gegenseitigen Besucherströme versorgen den Markt mit der heißen, weil von Ost-Berlin, verbotenen Ware.
Noch lange Jahrzehnte nach dem 2. Weltkrieg hatten wir in der westlichen Welt ebenfalls ein System fester Wechselkurse, allerdings mit starker wirtschaftlicher Fundierung. Bretton Woods steht als Name dafür, weil das System in den 40er Jahren dort ausgearbeitet und beschlossen worden ist. Danach wurde auch die D-Mark jahrelang erst mit 4,20, dann mit vier Mark zum Dollar festgesetzt. Doch die wirtschaftliche Entwicklung in den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik lief stark auseinander. Die D-Mark drängte ständig zur Aufwertung, weil hierzulande (damals) eine solidere Finanzpolitik und stabilere Geldpolitik betrieben wurde. Nur eine völlige Freigabe des Kurses konnte wieder die richtigen Relationen herstellen. Otmar Emminger hat sie 1973 durchgepaukt. – Gegen den Widerstand der Bundesbank wurde dann am 13. März 1979 das Europäische Währungssystem (EWS) eingeführt, eine Fortsetzung des DM-Blocks, der sich schon früher herausgebildet hatte. Im EWS wurden für die angeschlossenen europäischen Währungen weitgehend feste Wechselkurse vereinbart, allerdings mit einer Schwankungsbreite von 2,25 Prozent nach oben und unten. Für die italienische Lira gelten drei Prozent. Ein Interventionsmechanismus wurde ebenfalls eingebaut. Wenn nichts mehr hilft, müssen sich Notenbankgouverneure und Finanzminister treffen, um neue Mittelkurse für die beteiligten Währungen festzusetzen. Realignement heißt diese Procedur.
Henke und Hörstel sind übrigens Devisenhändler und keine Sortenhändler. Bares interessiert sie beim Börsenpoker nicht. Devisen sind ihre Profession, Guthaben bei ausländischen Banken, auf fremde Währung lautendes Giralgeld. Wenn Dostojewski sagt: Geld ist geprägte Freiheit, so kann sich das wirklich nur auf die Sorten beziehen. Für das Giralgeld gilt leider Gottes in zunehmendem Maße: Geld ist verbuchte Unfreiheit, denn die Verschuldung vieler Länder bei anderen Staaten, also der devisenschwachen Länder bei den reichen Ölstaaten z. B. nimmt schon beängstigende Formen an. Viele Entwicklungs- und Schwellenländer bekommen auf den internationalen Märkten wie in Luxemburg, London und New York kein Geld mehr und sind damit in die totale Abhängigkeit der Gläubigerländer geraten. Henke und Hörstel interessiert das wenig. Sie lassen an ihrem Selbstverständnis nicht rütteln, weil sie mit ihrer Kursfindung ganz wichtige Elemente des freien Marktes sind. Ausgleich von Angebot und Nachfrage heißt ihr Auftrag, welche Schurkenstaaten auch immer hinter den Währungen stehen.
Kein Grund zum Feiern: 25 Jahre Bundesbank
Juli 1982 – In nunmehr 25 Jahren hat sich die Deutsche Bundesbank im Inland Respekt als unabhängige Wächterin über Stabilität und Geldwert erworben. Im Ausland gilt sie vielfach als Vorbild. Doch ihre glänzende Position muss sie immer neu gegen den Totalitätsanspruch der Bonner Politik und die Neider in Europa verteidigen. Die Wächter in der Währungsburg am Main sind motiviert und unabhängig.
Frankfurter Börse an einem ganz normalen Tag. Der Rentenhändler der Bundesbank auf dem Parkett registriert ein wachsendes Angebot an öffentlichen Anleihen. Einige Banken wollen ganze Serien von Emissionen des Bundes, Der Bahn und der Post abstoßen. Das deutet auf erwartete Zinssteigerungen hin. Auch an den übrigen sieben deutschen Börsen herrscht krasser Angebotsüberhang bei Anleihen.
Auf kurzem Dienstweg wird Professor Claus Köhler informiert, im Direktorium der Bundesbank für den Kapitalmarkt zuständig. Er weiß, was er zu tun hat. Er fährt eine Strategie, die in der vorangegangenen Zentralbankratssitzung für den Eventualfall aufkommender Markteruptionen abgesprochen wurde. „Wir dürfen“, seine Devise, „den Zins nicht zu schnell ansteigen lassen.“ Order an den Rentenhändler: „Wir übernehmen das gesamte Angebot.“
An diesem Tag setzen die Händler am Parkett locker Offenmarktpolitik der Zentralbank in die Tat um. Der Großeinkäufer im Namen des Direktoriums kauft für Rechnung der Notenbank öffentliche Anleihen in dreistelligen Millionenbeträgen.
In einem anderen Saal der Börse hat unterdessen der offizielle Devisenhandel begonnen. Hektik zeichnet die Gesichter der Akteure. Der Devisenhändler der Bundesbank aber plaudert mit einem Journalisten. Er kauft nichts und gibt nichts. Während die Händler sich abstrampeln, tritt der Präsident der Deutschen Bundesbank in Lausanne bei der International Monetary Conference auf. Aus der Westschweiz lässt Karl Otto Pöhl verlauten, dass die hektischen Dollar-Bewegungen auf den Devisenmärkten nicht auf fundamentalen Veränderungen wirtschaftliche Daten beruhen, sondern auf plötzliche Veränderungen der Zinsdifferenzen und die davon ausgelösten Kapitalbewegungen zurückzuführen sind. Pöhl: „Deshalb sind Interventionen der Notenbank keine Antwort.“ Und nun deshalb konnte der junge Bundesbankvertreter an der Devisenbörse in Frankfurt eine Plauderstunde einlegen.
„An der Börse geht es für unsere Leute öfter mal spektakulär zu. Dort ist eine der Fronten, wo wir unseren gesetzlichen Auftrag erfüllen können und müssen, nämlich die Geldwertstabilität zu verteidigen – nach innen und außen.“ So beschreibt der Leiter des Präsidialbüros bei Pöhl, Rüdiger von Rosen, die zwei Gesichter der Notenbank: „Offenmarktpolitik ist Geldpolitik und gehört damit zu unseren hoheitlichen Akten. Das Bundesanleihekonsortium, die Kontoführung für die öffentlichen Hände und die Gewährung von Kassenkrediten zum Beispiel haben wir gesetzlich übertragen bekommen als Hausbank des Staates, als fiscal agent.“
Eine Staatsbank mit zwei Gesichtern: Sie besteht am 1. August 25 Jahre. An diesem Tage des Jahres 1957 wurde das Bundesbankgesetz (Gesetz über die Deutsche Bundesbank) verabschiedet. Aber keiner denkt ans feiern. Das Silberjubiläum wird verdrängt. Otmar Emminger, der zweieinhalb Jahre als Präsident der Institution vorgestanden hatte: „Wir haben 30 Jahre Notenbank gefeiert. 1978 war das wichtigere Datum.“ Den 1948 war gemeinsam mit der Deutschen Mark ein Zentralinstitut geschaffen worden: Die Bank deutscher Länder.
Nun haben Pöhl und sein Direktorium Wichtigeres zu tun als Festreden zu halten. Sie müssen sich darum bemühen, den Handlungsspielraum für ihre Geldpolitik zurückzuerobern, der durch zwei Entwicklungen eingeengt wird: Die amerikanische Zinspolitik und den starken Dollar von außen und die extrem hohe Staatsverschuldung im Innern.
Dass die Zentrale der Bundesbank unter dem Fernmeldeturm heute schon zu klein ist, obwohl sie erst 1972 bezogen wurde, liegt an den übertriebenen Sparmaßnahmen des ehemaligen Vizepräsidenten Heinrich Troeger. Er hatte noch im Planungsstadium eine Verringerung der Etagenzahl von 14 auf 13 durchgesetzt und auch die Statik so auslegen lassen, dass Aufstockungen fast unmöglich sind. Eine Klimaanlage gibt es nur für die Gemeinschaftsräume und die Direktoriumsetage und – nachträglich eingebaut, weil es technisch unumgänglich war – für das Computerzentrum. Troegers dröge Sparsamkeit bleibt für die Bundesbanker unvergessen.
Tröger bleibt aber auch noch aus einem anderen Grunde ein Datum in der Bundesbankgeschichte: Mit ihm begann der politische Kuhhandel um die Direktoriumsposten. Freilich machte die Politisierung der Zentralbankspitze, der Proporz zwischen den Parteigängern im Direktorium, die international so hoch gelobte und national so verbissen verteidigte Autonomie der Zentralbank möglich. Für den Herbst 1957 stand die Wahl zum dritten Deutschen Bundestag an. Konrad Adenauer wollte unter allen Umständen noch das neue Bundesbankgesetz vor der Auflösung des Parlaments durchbringen. Dieses Gesetz sollte die Umwandlung der Bank deutsche Länder in die Deutsche Bundesbank ermöglichen.
„Adenauers Eile hatten ihren Grund“, erinnert sich Otmar Emminger (Präsident von Juni 1977 bis Dezember 1979), „in der völligen Fehleinschätzung der Regierungsparteien CDU/CSU über den zu erwartenden Wahlausgang.“ Sie rechneten nämlich mit einer Wahlniederlage. Noch vor dem Wahlgang sollte die Umwandlung der Notenbank vollzogen und anderen Spitze ein der CDU genehmer Mann gesetzt werden. Indes waren die Abstimmungshürden in der verbleibenden Frist nur mit Hilfe der Opposition zu nehmen, und diese Opposition, die SPD, ließ sich ihr Wohlverhalten honorieren.
Adenauer wollte Karl Blessing als Präsidenten an die Spitze der neuen Bundesbank setzen. Die SPD brachte den ehemaligen hessischen Finanzminister Troeger als Vizepräsidenten ins Spiel. Der Handel wurde geschlossen und Blessing Präsident (1970-1977). Dabei machte es dem Realpolitiker Adenauer nichts aus, dass er das einzige CDU-Mitglied im Direktorium der Bank deutsche Länder, den Vizepräsidenten Wilhelm Könnecker, brüskierte. CDU-Könnecker wurde mit dem Eintritt von SPD-Troeger nach Inkrafttreten des Bundesbankgesetzes Anfang 1958 ins Glied zurückbefördert.
Mit der Amtsübernahme durch Karl Blessing konnte Adenauer außerdem zwei andere, von ihm weniger geschätzte Notenbanker in den Ruhestand schicken: Den Präsidenten des Direktoriums der Bank deutscher Länder, Geheimer Finanzrat Wilhelm Vocke, und den Präsidenten des Zentralbankrates der Bank deutscher Länder, Karl Bernard. Adenauer kühl: „Mit Vocke, dem überständigen Eisschrank, kann man nichts anfangen.“
Dass aus der Politisierung des Bundesbank-Managements kein Unheil resultierte, führt Otmar Emminger auf die deutsche Notenbanktradition zurück. „Die Unabhängigkeit der Bundesbank hat historisch tiefere Wurzeln als die Verabschiedung des Bundesbankgesetzes.“
Die Siegermächte des 1. Weltkriegs hatten der deutschen Reichsregierung eine unabhängige Deutsche Reichsbank diktiert, die sich endlich um die Geldwertstabilität kümmern sollte. Emminger: Vorher hatte dieses Institut eine wirklich traurige Figur gemacht.“ Natürlich war die unabhängige Reichsbank kein uneigennütziges Geschenk der Sieger. Sie wollten vielmehr ihre Reparationen in sicherer Währung erhalten. Und das immerhin erreichte die Reichsbank. Noch vor Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde die Reichsbank dem Reichskanzler unterstellt. Der Grund: Es sollte keine Schwierigkeiten bei der Kriegsfinanzierung geben.
Und wieder mussten sich nach Kriegsende die Siegermächte um die Schaffung einer deutschen Zentralbank kümmern. Am 1. März 1948 fassten sie die Landeszentralbanken der Trizone zusammen und bastelten daraus die Bank deutscher Länder. In der Währungsreform vom Juni 1948 konnte sich das neue Noteninstitut erstmals bewähren. Überhaupt begann mit der neuen Zentralbank und dem neuen Geld erst die Staatsbildung der Bundesrepublik Deutschland. Emminger: „Das hat natürlich sehr viel zum Standing und zur Unabhängigkeit der Bundesbank – rein gefühlsmäßig – beigetragen, dass sie schon anderthalb Jahre bestand, ehe es überhaupt eine deutsche Bundesregierung gab.“
Dieses Erstgeburtsrecht ist eines der vielen Bausteinchen, mit denen die Notenbank seit 1948 ihre, wie die Direktoren meinten, verfassungsrechtlich unantastbare Autonomie untermauert. Diesen Anspruch bekräftigt auch Karl Otto Pöhl, wenn er sagt, das Bundesbankgesetz könne nur mit verfassungsändernder Mehrheit modifiziert werden, denn die Unabhängigkeit der Notenbank sei eine Verfassungsnorm.
Karl Otto Pöhl in der Wirtschaftswoche vom 30. Juli 1982
– Es ist normal, dass es zwischen der Notenbank und der Regierung ein gewisses Spannungsverhältnis gibt. Auch meine Vorgänger hatten ihre Probleme. Vocke und auch Blessing hatten ihre Probleme mit Adenauer. Klasen hatte eine nicht undramatische Auseinandersetzung mit dem damaligen Superminister Schiller, und auch zu Emmingers Zeiten schien zwischen Bonn und Frankfurt nicht immer nur die Sonne. Auch heute gibt es zwischen Bonn und Frankfurt ab und zu unterschiedliche Auffassungen. Im Allgemeinen verfolgen wir aber die gleichen Zielsetzungen.
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Die Frage, die Sie stellen, ist im Grunde die Frage nach der demokratischen Legitimation der Bundesbank, die ja gelegentlich in Zweifel gezogen worden ist. Aber die Bundesbank ist natürlich demokratisch legitimiert, ihre Legitimation ergibt sich aus dem Gesetz. Die Bundesbank ist nach dem Willen des Gesetzgebers unabhängig von der Regierung, von wirtschaftlichen Interessen und auch vom Parlament.
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Die Unabhängigkeit der Bundesbank hat nach meiner Überzeugung den Rang einer Verfassungsnorm gewonnen und wäre deshalb durch eine Gesetzesänderung mit einfacher Mehrheit wohl kaum zu beseitigen. Ganz abgesehen davon, dass die sicherlich auf entschiedene Ablehnung in der öffentlichen Meinung stoßen würde.
Mit Willen des Gesetzgebers hat sich die Bundesbank zur vierten Kraft im Staate entwickelt, die zwar der Exekutive zuzurechnen ist, aber nicht deren demokratische Legitimation beispielsweise durch die Kontrolle des Bundestages hat. Professor Hugo J. Hahn von der Universität Würzburg stellt fest: „Das Institut ist nur dem Bundesbankgesetz unterworfen. Es unterliegt keinerlei Fach- und Dienstaufsicht, auch keiner Rechtsaufsicht durch die Regierung.“
Prof. Reiner Schmidt aus Augsburg, ein eifriger Verfechter der Zentralbankautonomie, schlug dem damaligen Bundesbankpräsidenten Emminger („er meinte es furchtbar gut“) vor wenigen Jahren vor, eine Bewegung unter der Staatsrechtslehrern zu entfachen: Die Unabhängigkeit der Bundesbank sollte durch Gesetzesänderungen und –erweiterungen von Artikel 88 des Grundgesetzes fest in die Verfassung eingebaut werden. Schmidt wollte auf diese Weise absichern, was nicht ganz so gesichert ist. (Wortlaut des Art. 88: Der Bund errichtet eine Währungs- und Notenbank als Bundesbank.)
Emminger hat den Prof. Schmidt freilich enttäuscht, als er ihm schrieb: „Wir wollen Ihre wohlgemeinte Aktion nicht unterstützen.“ Der damalige Bundesbankpräsident und seine Direktoren befürchteten einen Aufruhr im Parlament und eine Flut von Gesetzesänderungen, bei deren parlamentarischer Behandlung möglicherseise weniger an Unabhängigkeit übrig geblieben wäre als der beabsichtigte Zuwachs an Souveränität.
Unter Präsident Karl Klasen wurde 1972 sogar von Seiten der Notenbank an einer Novelle des Bundesbankgesetzes und an einer Erweiterung der verfassungsmäßigen Vollmachten gearbeitet. Denn unter dem System der damals n och geltenden festen Devisenkurse war die Herrschaft der Bundesbank über die innere Geldmenge so unterminiert, dass der Gesetzesauftrag zur Sicherung der Währungsstabilität nicht mehr zu erfüllen war. Freilich: Mit der Suspendierung des Währungssystems von Bretton Woods, also dem Ende der weltweit gegen den US-Dollar fixierten Wechselkurse, kamen jene Ausarbeitungen 1973 in den Papierkorb.
Es kommt also nicht mehr darauf an, was in der Verfassung steht, sondern wie die Bundesbank als Hüterin der Geldwertstabilität im Bewusstsein des Volkes verankert ist. Ihre Stabilitätspolitik muss – vielleicht manchmal unter Kritik – von der Mehrheit des Volkes getragen werden.
Dass der Auftrag der Bundesbank und ihr stabilitätspolitisches Selbstverständnis so stark in der Öffentlichkeit verankert sind, lässt ich auf die ständige Aufklärung mit den Instrumenten der Pressemitteilungen, Monatsberichte, Pressekonferenzen, Reden und Interviews zurückführen, die von der Zentralbankspitze bald nach 1950 gemeinsam mit dem damaligen Chefvolkswirt Eduard Wolf entwickelt wurden. Schon Mitte der fünfziger Jahre hatte eine britische Banken-Enquete dieses deutsche System als Beispielhaft erwähnt, und die Amerikaner lernen heute von den Deutschen das Handling mit der heißen Ware Geldwertstabilität im Dialog zwischen Regierung, Kongress, Gewerkschaften und Volk.
Aber so wie die Bundesbank um Unterstützung bei der Presse wirbt, sucht sie bei den Geldinstituten Verständnis für ihr Politik. Sie steht im Gespräch mit den Verbänden der Kreditwirtschaft und Bundesbankdirektoren besuchen regelmäßig zu Fachgesprächen die Großbanken. Nur so schafften es die Zentralbanker, dass in den vergangenen Jahren ihre Geldpolitik nahezu einhellig vom Gewerbe mitgetragen wurde.
Ein enger Kontakt, der auch eine gesetzliche Grundlage hat, besteht zum Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen in Berlin, das ohne den Apparat der Bundesbank gar nicht effektiv arbeiten könnte. Präsidentin Inge Lore Bähre: „Ich habe doch nur 230 Mitarbeiter“ – die Bundesbank beschäftigt rund 15 000. Von der Unabhängigkeit der Notenbank kann die Bankenaufsicht nur träumen. Sie ist nicht nur abhängig von den Informationen, die ihr von den Hauptabteilungen „Statistik“ und „Volkswirtschaft“ des Bundesbankvizepräsidenten, Helmut Schlesinger, zugänglich gemacht werden. Sie untersteht auch den Weisungen des Bonner Finanzministeriums, zu dessen Behören sie zählt. Die Bundesbank indes tut alles, um nie zu einer nachgeordneten Behörde der Bonner Behörde zu degenerieren.
Doch ist die Unabhängigkeit der Bundesbank nicht nur durch eine theoretisch mögliche Gesetzesänderung oder das Umkippen der öffentlichen Meinung gefährdet, sondern auch durch die bekannte Implantation von Politikern in das Direktorium und über die Landeszentralbanken in den Zentralbankrat. Kaum war Karl Otto Pöhl, damals Staatssekretär im Finanzministerium, als Vizepräsident der Deutschen Bundesbank im Gespräch, hatte er die öffentliche Meinung gegen sich. Bonn wolle mit ihm die Bundesbank gefügig machen, hieß noch der harmloseste Vorwurf. Die Politisierung der Bundesbank sei von Übel. Besser geeignet als Pöhl sei beispielsweise Wilfried Guth, der Vorstandssprecher der Deutschen Bank. So liefen damals wochenlang die Kommentare in der Presse.
Pöhl hat weder als Vizepräsident (Juni 1977 bis Ende Dezember 1980) noch anschließend als Präsident die Richtigkeit der Skepsis bestätigt. Ganz im Gegenteil: Er konvertierte zum lupenreinen Bundesbanker. Kaum hatte er den Präsidentenstuhl in Frankfurt bestiegen, testete ihn der Deutsche Gewerkschaftsbund. DGB-Vorstandsmitglied Alois Pfeiffer schrieb dem SPD-Mitglied Pöhl schon am 28. Februar 1980 einen zweieinhalbseitigen Brief: „ Ich darf Sie, sehr geehrter Herr Präsident, seitens des Deutschen Gewerkschaftsbundes bitten, Ihren Einfluss dahingehend auszuüben, dass auch in der Politik der Deutschen Bundesbank dem Vollbeschäftigungs- und Wachstumsziel wieder mehr Gewicht beigemessen wird.“
Schon zwei Wochen später antwortete Pöhl eindeutig: „Sie geben der Befürchtung Ausdruck, die Bundesbank habe mit der jüngsten Anhebung ihrer Leitzinsen Beschäftigungsrisiken heraufbeschworen, während die preisstabilisierende Wirkung ihrer Politik nur gering zu veranschlagen sei, weil sich wichtige Ursachen der gegenwärtigen Preissteigerungen der Einflussnahme der Bank entziehen. Sie können sicher sein, dass ich diese Risiken sehr ernst nehme. Ich habe auch nicht die Illusion, man könne durch eine restriktive Kreditpolitik von außen kommende Preissteigerungen rückgängig machen. Trotzdem glaube ich, dass es zu unserer Politik keine Alternative gibt.“ In der 60. Zeile der Pöhl-Antwort folgt dann doch das Gesprächsangebot an den gesamten DGB-Vorstand: „Es liegt mir sehr daran, die Zielsetzung unserer Politik für die Arbeitnehmerschaft verständlich zu machen.“
Seitdem gibt es in unregelmäßigen Abständen eine Art „Teach-in“ durch die Bundesbank bei der Gewerkschaftsspitze. Die Abgesandten aus der Wilhelm-Epsteinstraße sind theoretisch stets bestens vorbereitet durch den Chefdenker des Hauses, Helmut Schlesinger, „dem man auch nicht gerade nachsagen kann, dass er ein Jungsozialist sei“, wie ein Kollege aus dem Direktorium anmerkte.
Der Dialog zwischen Gewerkschaft und Notenbank wurde versachlicht, was sicherstellt, dass sich auch im Arbeitnehmerlager nicht zuviel Sprengstoff gegen die geldpolitische Souveränität des Hauses Pöhl ansammelt. Wenn dann Wolfgang Roth, der wirtschaftspolitische Sprecher der Bonner SPD-Fraktion, wieder einmal eine Kanonade gegen die währungspolitische Wacht am Main loslässt, können die Herren von ihrer hohen Warte souverän herabschauen.
„Wir sind nach Par. 12 Bundesbankgesetz von Weisungen der Bundesregierung unabhängig“, unterstreicht Präsidialbüroleiter von Rosen, „müssen aber die allgemeine Wirtschaftspolitik der Bundesregierung unterstützen.“ Rosens Chef Pöhl: „Jedes einzeone Direktoriumsmitglied verfügt durch seinen Acht-Jahres-Vertrag über eine unglaubliche Unabhängigkeit.“ Etwas verblüffend, Pöhl verneint die Frage, ob im Direktorium zu viele Politiker säßen.
Zum einen freilich bezeichnet er, dialektisch geschickt, Zentralbanker, die aus eine beamteten Spitzenposition nach Frankfurt wechseln, nicht als Politiker. Zum anderen har er auch einen kleinen Trick angewandt, um sicherzustellen, dass das Notenbankdirektorium nicht zu einer Pfründe ausgedienter Politiker wird. Laut Gesetz darf das Direktorium zehn Mitglieder haben, hatte aber zu Emmingers Amtszeit nur acht. Seit Pöhl Chef ist, sind es nur sechs. Der Präsident hat die Auffüllung bisher vermieden, um sich nicht den Parteienproporz in die 12. Etage seines Hauses zu holen. Pöhl: „Die Ressorts sind aufgeteilt. Wir brauchen niemanden mehr.“
Zur Politik des Chefs gehört auch, begabten Nachwuchs zu fördern, ihm hohe und höchste Stellen im Hause frei zu machen oder wenigstens zu reservieren. Schließlich hat die Bundesbank mit dem heutigen Vizepräsidenten Schlesinger, der die Zentralbankkarriere von der Pike auf durchlaufen ist, beste Erfahrungen gemacht.
Schlesinger ist sogar zum starken Mann im gesamten Zentralbankrat avanciert, einem Gremium, das überwiegend durch die Länderregierungen besetzt wird und nicht an jeder Position die stärksten Figuren aufweist. Lange Zeit hat es Reibereien zwischen den Landeszentralbankpräsidenten und dem Direktorium gegeben. Alle wollten mitbestimmen, wenn es um die geldpolitischen Instrumente ging und möglichst noch an der Fein- und Feinststeuerung des Direktoriumsmitglieds Claus Köhler drehen. Das konnte aber keineswegs klappen. Denn bei Geldmarktgeschäften, Deviseninterventionen, Swaps, Offenmarktpolitik im Rentenhandel und bei Pensionsgeschäften brennt schnell mal was an, wenn nicht sofort und ohne jede Abstimmung gegengesteuert wird. So bedarf es einer klugen und permanenten Marktdurchdringung, die nur die Zentrale in Frankfurt darstellen kann, nicht aber der Zentralbankrat, der sich alle 14 Tage zu Routinesitzungen trifft. Wenn es auch Wochen gedauert, wurde schließlich doch der Burgfriede geschlossen, der dem Direktorium die technische Vorhand lässt.
Die Bundesbank gehört damit zu den am besten funktionierenden obersten Bundesbehörden. In der Gesellschaft dieser Republik hat sie sich Vertrauen bei jedem einzelnen Bürger erworben. „Die Bundesrepublik hat sich die Bundesbank zum Schutz gegen sich selbst geschaffen“, sinniert der Chefjurist der Landeszentralbank in Berlin, Carl Theodor Samm.
„Mehr Eigenständigkeit erreicht man nicht durch lauten Reden und Vorwürfe an andere, sondern durch beharrliches Verfolgen eines stabilitätspolitischen Kurses“, betonte Vorstandssprecher Wilfried Guth auf der Hauptversammlung der Deutschen Bank 1982. Der Bankier, der einst selbst für das höchst Amt der Bundesbank im Gespräch war, konterte die Kritik an der Notenbank: „Nach diesen Erfahrungen die Bundesbank zu kritisieren, statt Applaus zu zollen, erscheint mir einigermaßen weltfremd und absurd.“
Bundesbank-Pensionäre sorgen nach
Ex-Bundesbankpräsident, Otmar Emminger, seit Beginn des Jahres im Ruhestand, hat einen neuen Teilzeit-Job. Die Aktionäre der Korfstahl AG haben ihn in den Aufsichtsrat der Baden Badener Gesellschaft geholt. Emminger dürfte dabei zweierlei Aufgaben zu lösen haben. Neben der Aufsichtspflicht dem Stahlvorstand gegenüber wird er auch die Großaktionäre beraten z. B. Willy Korf und die Kuwaitis, die 30 Prozent des Kapitals halten. Emminger schätzt Berufungen dieser Art. So hat die Augsburger Haindl Papier GmbH den großen Sohn der Fugger-Stadt ebenfalls in den Aufsichtsrat geholt. Über das Bundesfinanzministerium kam Emminger vorher schon an den Vorsitz im Verwaltungsrat der Deutschen Pfandbrief Anstalt in Wiesbaden. Depfa-Präsident Schork: „Warum sollte nicht ein Mann im Herbst des Lebens eine solche Aufgabe übernehmen und wenn es im Frühjahr nächsten Jahres ist?“
Emminger vollzieht in viel bescheidenerem Rahmen nach, was sein Vorgänger bei der Bundesbank, Karl Klasen, vorexerziert hat. Klasen ging zur Deutschen Bank, wo er herkam, und hat sich zusätzlich noch manchen anderen Ratssitz besorgt. Auch Emmingers Direktor, Heinrich Irmler, hatte eine glückliche Hand. Er sitzt seit November 1979 im Verwaltungsrat der renommierten BHF-Bank und übernimmt demnächst den Aufsichtsratsvorsitz bei der neuen Hauck KGaA (Bankiers) in Frankfurt. Johannes Tüngeler, Krisenmanager der Bundesbank während der großen Devisenfluten vergangener Jahre, nutzt seine Job-Erfahrungen für Dienste bei einer Tokioter Bank. Schon Karl Blessing hatte nach seinem Ausscheiden bei der Bundesbank die Vorliebe zum Privatbankgewerbe entdeckt.
Nun möchte man meinen, dass die großen Pensionäre der Nation im Herbst des Lebens zurück zur Natur streben. Doch weit gefehlt. Selbst Rousseau war da anderer Meinung: „Das Geld, das man besitzt, ist das Instrument der Freiheit.“ Er schiebt aber auch nach: „Das Geld, dem man nachjagt, ist das Instrument der Knechtschaft.“ Der Franzose aus dem 18. Jahrhundert kannte natürlich die moderne Geldwirtschaft nicht, sonst würde er sagen: Wer Geld jahrelang richtig gesteuert hat, dem jagt es später auch nach.

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