DVFA: Investment Professionals befürworten aktivere europäische
Industriepolitik und Investitionskontrollen zum Schutz höherer Güter
Frankfurt/Main ( 26.6.18) – Gestern hat der chinesische Großaktionär Ningbo Jifeng sein Angebot für die Übernahme des bayerischen Automobilzulieferers Grammer vorgelegt; die Diskussion darüber, ob sich Deutschland vor ausländischen Investoren schützen müsste, wenn der Ausverkauf von Know-how drohe, erhält damit wieder neue Aktualität. Die in der DVFA organisierten Investment Professionals in Deutschland halten jedoch Investitionskontrollen nur dann für gerechtfertigt, wenn sie tatsächlich dem Schutz eines höheren Guts wie der nationalen Sicherheit dienen. Nur acht Prozent der befragten Analysten, Fondsmanager, Banker und Vermögensverwalter befürworten einen solchen Eingriff in Privateigentum und Vertragsfreiheit auch bei weniger kritischen Vorbehalten. Vorstandsvorsitzender Stefan Bielmeier: „Das Ergebnis unserer Umfrage zeigt aber auch, dass die Investment Community durchaus eine aktivere europäische Industriepolitik befürworten würde, lenkende Eingriffe des Staates in die Wirtschaft bleiben jedoch ein zweischneidiges Schwert.“
Im aktuellen Handelskrieg der USA mit China soll es nach einem Bericht des „Wall Street Journals“ weitere Einschränkungen für chinesische Investoren geben; das US-Finanzministerium plane Regeln, die den Export von Technologie nach China untersagen sollen. Wenn die nationale Sicherheit bedroht ist, befürworten auch die in der DVFA organisierten deutschen Kapitalmarkt-Profis strengere Gesetze. Fast zwei Drittel (64 Prozent) stimmen zu, dass Europa ausländische Investitionen in Bereiche wie Informationstechnologie, Wasser- und Energieversorgung, Gesundheit, Ernährung, Telekommunikation, Zahlungsverkehr sowie Güter- und Personenverkehr kontrollieren sollte. Das Beispiel Amerikas halten immerhin mehr als die Hälfte der Befragten nicht für abschreckend. So stimmen 57 Prozent der Aussage zu, dass die USA trotz ihrer Abschottungsbemühungen eines der attraktivsten Ziele für Investoren auf der Welt geblieben seien. Das könne auch ein Beispiel für Europa sein.
Die bisherigen Instrumente der Außenwirtschaftsverordnung, des Wettbewerbsrechts und der Beihilfekontrolle würden jedenfalls zum Schutz vor Know How Transfer nicht genügen – finden etwas mehr als die Hälfte der Befragten (53 Prozent). Nur 28 Prozent halten die bestehenden Regeln für ausreichend; sie würden vom alten Ideal einer freien Welt ausgehen, doch in der neuen Welt herrsche marktverzerrendes Verhalten durch staatlich unterstützte Unternehmen.
Umgekehrt befürchten jedoch fast die Hälfte der Befragten (42 Prozent), dass strengere Investitionskontrollen eine internationale Spirale des Protektionismus in Gang setzen. Das beeinträchtige das Investitionsklima in Europa nachhaltig und werde dadurch zum Eigentor.
Stefan Bielmeier: „Die Ergebnisse unserer Umfrage zeigen, dass sich auch auf dem Kapitalmarkt die Bewertungen verschieben. Während früher Vertrags- und Investitionsfreiheit betont wurden, sehen die Kapitalmarktteilnehmer heute durchaus ein Spannungsfeld zwischen berechtigten nationalen Interessen und dem Wettbewerb. Schärfere Kontrollen sollten jedoch die ultima ratio bleiben, diplomatische Konfliktlösungen sind im Interesse eines funktionierenden Systems zu bevorzugen.“
Reziprozität Erfolg versprechender als Verbote
Dem entspricht, dass die Investment Professionals hier vor allem auf den Grundsatz der Reziprozität pochen. Mehr als drei Viertel von ihnen (84 Prozent) finden, dass die europäischen Regierungen nichts verbieten, sondern darauf drängen sollten, dass europäischen Unternehmen im Ausland, beispielsweise in China, die gleichen Rechte eingeräumt werden wie ausländischen Investoren in der EU.
Als Verhandlungsführer für solche Vereinbarungen sehen viele die EU am Zug. Erst vor kurzem hatte sich auch der Handelsausschuss des Europäischen Parlaments für neue EU-Regeln für Investitionskontrollen ausgesprochen. Die Ansicht, dass dies tatsächlich eine europäische Aufgabe und somit Sache der EU sei, teilen 47 Prozent der Befragten. Die Europäische Kommission müsste deshalb eine zentrale Rolle erhalten und die Einhaltung der Regeln überwachen. Ein Drittel der Befragten sieht allerdings keine Führungsrolle der EU bei in diesen Fragen.
Stefan Bielmeier: „Fast zwei Drittel (60 Prozent) der von uns befragten Kapitalmarktexperten sprechen sich für eine aktivere europäische Industriepolitik aus. Nur so könnten heimische Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben und die Bürger vor den Folgen der Globalisierung und eines ungehemmten Handels geschützt werden. Auch wenn nicht alle DVFA Mitglieder an der Umfrage teilgenommen haben, ist dieses Ergebnis ein Indiz für ein Umdenken in der Investment Community.“

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