Euro-Wegweiser: Für eine Weltwährung kann der Euro nur eine extrem kurze Geschichte vorweisen. Ihm wird aber eine große Zukunft vorhergesagt. Warten wir es ab. Europa hängt dran. Sein deutsches historisches Fundament hat bis zu 1000-jährige Wurzeln. – Und jetzt sollen über diesen Amboss auch noch die Etats der EU-Staaten geschmiedet werden. Einer zahle des Nachbarn Schulden. Das kann zum Untergang der EU führen. In seinem Buch „10 Jahre Euro. Wie er wurde, was er ist“ beschäftigt sich Christoph Wehnelt mit der Vergangenheit, aber immer mit Blick auf die Zukunft und warnt. – 17. Teil
Franc fort perdu
Henning Christophersen, Vizepräsident der Brüsseler Kom- mission, hat sich in Paris gerade wieder ein Bonmot geleistet, das für deutsche Ohren ein reichlich abgegriffener Spruch ist, nämlich: „Das neue Geld für ganz Europa könnte doch ‚Francfort‘. Auf die Doppeldeutigkeit von Frankfurt und har- ter Franc hatte vor Jahren schon der ehemalige Bundesbank- präsident Pöhl nicht nur hingewiesen, sondern das Konstrukt sogar erfunden. Zwischenzeitlich wurde immerhin die Ban- que de France vom Tresor einigermaßen unabhängig. Damit sind die Voraussetzungen gestiegen, dass die französische Währung etwas sicherer auf Stabilität hin gemanagt werden kann, ohne immer wieder allzu große Beflissenheit der Regie- rung Balladur gegenüber zu zeigen.
Aufgrund eines wenigstens in dieser Beziehung erfreuli- chen Trends in der französischen Finanzwirtschaft vereint mit einer ordentlichen Politik des Notenbankpräsidenten, Jean Claude Trichet, erreichte die französische Inflationsrate in jüngster Zeit die Traummarke von 1,4 Prozent. Spitze! Und dennoch wertet der Franc gegenüber der D-Mark ab. Die Märkte trauen der deutschen Währung mehr als der französischen, obwohl es zwischen beiden Ländern eine Inflationsdifferenz von fast zwei Prozentpunkten gibt. Die Teuerung in Deutschland liegt immer noch bei über drei Prozent, wenn auch die zwei vor dem Komma in Sichtweite kommt. Woran liegt es?
Trichet trifft mit Sicherheit keine Schuld. Er trotzt allen Anfechtungen der Gewerkschaften und den Vorhaltungen aus Regierungskreisen. Er demonstriert Unabhängigkeit, wie sie die Bundesbank jahrzehntelang vorgelebt hat. Dabei konnte die Frankfurter Zentralbank im Laufe der Zeit nicht nur Währungsreserven von deutlich über 100 Milliarden D-Mark aufbauen, sondern auch ein fast unglaubliches Vertrauenska- pital, was noch mehr wert ist. Beides muss Trichet erst für die Banque de France erwerben. Und er strengt sich an. Frankreich hat zwar einen nicht unbeträchtlichen Goldschatz, der aber überwiegend beliehen ist seit der Krise des vergangenen Jahres. Seit Sommer 1993 besitzt Frankreich kaum noch Devisenreserven, denn sie mussten damals zur Verteidigung des Franc-Kurses – in den alten Bandbreiten des EWS – aus- gegeben werden. Nur mit Mühe konnte der Aufwand für die Interventionen wieder eingesammelt werden.
Trichet hat die Tresore leer. Sein Schatz heißt neuerdings Unabhängigkeit und diesen gedenkt er im Sinne einer soli- den Geldpolitik einzusetzen. Er widersetzt sich nun dem vielfach geäußerten Regierungsbegehren, willfährig an der Zinsschraube zu drehen, und sucht seinen eigenen Weg zur Erreichung eines inflationsfreien Wirtschaftswachstums in Frankreich. Demnach müsste der Franc bombenfest im Europäischen Währungssystem liegen. Davon ist nichts zu spüren. Der Franc wertet ab. Dafür trägt ganz allein die Regierung Balladur die Verantwortung.
Obwohl Balladur im Parlament über eine satte Mehrheit verfügt, wird dort eine wankelmütige Gesellschafts-, Wirt- schafts- und Sozialpolitik betrieben, die nicht nur die Devi- senmärkte erschaudern lässt. Der Franc-Kurs kullerte jetzt aus der alten EWS-Bandbreite und kann sich kaum erholen. Die fundamentale Schwäche ist geblieben. Balladur versagte bei der Air France, in der Auseinandersetzung wegen der Privatschulen und im Streit mit den Hochseefischern. Er ver- sagte ganz gravierend bei der Schülerrevolte wegen der Absenkung der Mindestlöhne für Berufsanfänger. Der Franc-Kurs spiegelt das.
Wenn ein französischer Finanztechnokrat wie Trichet den Kurs seiner Währung weniger beachtet, also Abwertungen in Kauf nimmt, hat dies auch reale, wirtschaftliche Bedeutung. Bei der gegenwärtig so geringen Teuerung schadet der Wert- verlust des Francs zunächst nicht sonderlich. Eine importierte Inflation naht nur gemächlich. Sie kann vorläufig unbeachtet bleiben. Andererseits schafft ein abgewerteter Franc zusätzli- che Spielräume für den Export. So kann der Industrie elegant geholfen und Arbeitsplätze erhalten werden.
Die Abwertungstour galt bisher unter Brüdern nicht als besonders fein. Der westliche Nachbar ist offensichtlich dazu übergegangen, die Spielräume zu nutzen, die die weiten Band- breiten von 15 Prozent bieten. Wenn Trichet der Regierung schon nicht über niedrigere Zinsen zum Aufschwung verhelfen will, dann wenigstens über einen billigeren Franc. Balladur hat sich in den Kopf gesetzt, die Wirtschaft anzukurbeln, damit seine Chancen für die Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr wachsen. Trichet hilft verstohlen. Im Außenwert muss es nicht immer der harte Franc sein. Franc fort perdu.
Einen Batzen Gold für jeden Deutschen
Tietmeyer weiß, was er von sich und seinem Hause zu halten hat: „Insgesamt kann die Bundesbank mit den Ergebnissen zufrieden sein“, schreibt der Präsident im Vorwort des Geschäftsberichts 1993. Welche Institution, welche Regierung kann das heute noch mit Fug und Recht von sich behaupten? Die Geldregierung in Frankfurt legt Rechnung im bankwirtschaftlichen wie im politischen Sinne. Dabei hat es die Bundesbank diesmal so gut getroffen, dass sie nicht nur auf ihre eigene Politik stolz sein kann, sondern auch noch einen stolzen Gewinn zeigen und ausschütten kann.
Das bestverdienende Unternehmen der Republik schickte an die Mutter, die in diesem Falle der Vater Staat ist, einen Scheck über 18 Milliarden D-Mark. Außerdem hat die Bundesbank im Laufe der Zeit einen Währungsschatz gehortet, der es erlau- ben würde, jedem Bundesbürger einen hübschen Urlaub von etwa 10 Tagen zu finanzieren. Tietmeyer sitzt schließlich als Krösus der Nation auf einem Goldberg von 3500 Tonnen. In früheren Jahrzehnten billig eingekauft und niederig bilanziert. Am Tag X, wenn die Bundesbank ihren Geist einmal aufgeben und in der Europäischen Währungsunion aufgehen sollte, könnte sie jedem Bundesbürger einen Goldbatzen von mehr als einer Unze Gewicht, also über 31 Gramm schenken.
Das wäre auch nur recht und billig, denn irgendwo haben die Deutschen in der Gesamtheit als Volk das zusammenge- kratzt. Zinsen von Inländern und Ausländern genommen und große Summen an Währungsgewinnen vereinnahmt. Aber was bedeuten schon schnöde Gewinne und rotes Gold für einen Geld-Regierungschef wie Hans Tietmeyer, dessen goldene Worte und geldpolitische Finessen billionenschwere Devisenmärkte erzittern lassen und Zinsen rauf und runter dirigieren. Im vergangenen Jahr ging es dabei recht zügig nach unten, bis auf den niedrigsten Kapitalmarktzins seit vielen Jahren. Da kann man großzügig darüber hinwegse- hen, dass die Geldmenge außer Rand und Band geriet, besonders in den ersten Monaten 1994. Die Bundesbank bleibt ebenso stabilitätsorientiert wie M-3-vernarrt (weit gefasstes Geldmengenaggregat als Basis für Geldmengenziel- bestimmung / Geldmengenwachstum), um den Zauber- schlüssel für ihre Geldpolitik einmal zu nennen.
Mit vielen Details über die Entwicklung im Vergangenen übergeht die Bundesbank mit großer politischer Geste, dass 1993 das Schlagerjahr des EWS war, in dem sich die Europäer fast erschlagen hätten. Den donnernden Zeus spielte damals Helmut Schlesinger, der nur noch als „Gewe- sener“, als Ex-Präsident notiert ist. Die Institution schluckt ihre Köpfe. Gold bleibt’ Gold und die Bundesbank unent- behrlich. Gewiss auch für die europäische Völkerfamilie.
Straßburger Parlament: europawürdig
Europa-Tag, 5. Mai 1994. In einem letzten Kraftakt vor den Europa-Wahlen im Juni haben die Parlamentarier in Straß- burg die Türen für die Neuaufnahmen von Österreich, Nor- wegen, Schweden und Finnland aufgestoßen. Mit überzeu- genden Mehrheiten stimmten sie für die Nord-Erweiterung der Gemeinschaft, die lange Zeit umstritten war. Die gewählten Mandatsträger haben davon abgesehen, die Auf- nahmeanträge dieser vier Nordlichter als Brechstange für mehr Demokratie in der Gemeinschaft zu missbrauchen. Auch wurden die Einflüsse gewisser Staaten zurückge- drängt, die in der Aufnordung der Gemeinschaft einen sub- tilen Machtzuwachs für Deutschland sehen.
Die Parlamentarier vom Oberrhein haben sich europawür- dig gezeigt. Damit darf davon ausgegangen werden, dass die Erweiterung der Gemeinschaft zum 1. Januar 1995 in Kraft tritt. Aus der Zwölfer-Union wird das Europa der 16, wenn bis dahin die Länderparlamente die Verträge ratifiziert und sich die Bevölkerung der vier Aufnahmekandidaten in Volks- abstimmungen dafür ausgesprochen haben. Da sind noch Widerstände zu überwinden. Besonders fraglich scheint zum jetzigen Zeitpunkt die Zustimmung der Norweger. Einfluss- reiche Gruppen, besonders auch die gut organisierten Frauen- vereinigungen geben sich noch oder wieder antieuropäisch. Auch von der wirtschaftlichen Seite her gesehen hat Norwe- gen auf lange Zeit keine großen Vorteile aus dem Beitritt zur Gemeinschaft zu erwarten. Europa hat aber auch schon zwei- felhafte Volksabstimmungen in Dänemark und Frankreich durchgestanden. So dürften auch im Falle Norwegen keine unüberwindlichen Hindernisse im Wege stehen.
Die Neuzugänge für die Europäische Union bedeuten vom nächsten Jahr an einen Zuwachs an währungspolitischer Stabilität. Die Währungsunion à la Maastricht bekommt mit den neuen Kandidaten eine stabilitätspolitisch sicherere Basis. Österreich, aber auch die Skandinavier unterstützen ganz eindeutig eine Stabilitätsunion in Europa. Da wird an den Kriterien für den Einstieg in die 3. Stufe nicht gedeutelt. Nach wie vor gehört Österreich geldpolitisch zur strammen Gefolgschaft der Bundesbank. Der Schilling hängt seit Jahr- zehnten an einem festen Band zur Deutschen Mark.
Sichere Kantonisten bleiben gefragt, denn die europäische Stabilitätsunion ist durchaus noch nicht in trockenen Tüchern. Nicht nur der Zeitpunkt wird immer wieder in Frage gestellt sondern die gesamten Inhalte der Verträge. Die Währungsunion kann vor 1999 nicht verwirklicht wer- den. Und wenn sie kommt, weiß heute noch niemand so recht, wie sie konstruiert sein wird. In Frankreich rühren sich derzeit wieder starke Kräfte, die die Politik des harten Francs und am liebsten auch die Maastrichter Verträge in toto über Bord werfen wollen.
Die Beiträge der Nordlichter werden ganz speziell auch bei der für 1996 geplanten Reformkonferenz gebraucht. Sie haben da Gelegenheit, nicht nur an einer demokratischer ausgerichte- ten Union mitzufeilen, sondern eben auch an der Geldverfassung ganz entschieden mitzubauen. Die Experten der vier Neu- zugänge werden auch ab sofort in die weitere Entwicklung der Gemeinschaft, in alle Gremien zumindest konsultativ einbezo- gen. Auf dem EU-Gipel in Korfu, Ende Juni, soll z. B. – und das ist ein Anliegen des EU-Präsidenten Jacques Delors – ein sogenannter „Rat der Weisen“ eingesetzt werden.
Da passen „Weise aus den Nordlanden“ hinein. Die Wei- sen sollen ein europäisches Schattenkabinett bilden, in dem all das politisch aufgearbeitet wird, was der Kommission in Brüssel nicht zukommt oder wozu die Brüsseler Stellen gar nicht den Auftrag haben. Die Experten-Gruppe, die Weisen, hantieren künftig nicht nur am Problem der demokratischen Kontrolle über die „Herrscher in Brüssel“, sondern sollen auch die Vorbereitungen zur Wirtschafts- und Währungs- union unterstützen, sogar vorantreiben. Das geht bis hin zur Entwicklung des neuen Geldes für Europa. Hier aber kann schnell der Casus Belli eintreten. Diese Kompetenzen stehen nämlich allein dem Europäischen Währungsinstitut in Frankfurt zu.
In der großen Politik wollen immer viele Leute mitwirken, vieles anzetteln aber wenig Verantwortung übernehmen. Eine Hand wäscht die andere und heraus kommt ein Wischiwaschi. Handwerkliches Können und Ethik in der Umsetzung trifft man viel weniger an. Edgar Meister gehört aber zu dieser Sorte erstklassiger Fachleute.
Zahlmeister der Notenbank
Es ist durchaus nicht so, dass Edgar Meister (Jahrgang 1940), der im Oktober vergangenen Jahres Mitglied des Direktoriums der Deutschen Bundesbank wurde, sich dort erst seinen Platz hätte suchen müssen. Er wurde gleich rich- tig eingespannt als Leiter des Dezernats V. Damit hat er die Zuständigkeit für die Hauptabteilungen Banken/Mindestre- serve und Hauptkasse übertragen bekommen. Unter Meister werden die deutschen Banknoten gemacht und unters Volk gebracht. Meister bekämpft die Falschgeld-Mafia ebenso, wie er die schönsten Blüten aus dieser Quelle für das haus- eigene Geldmuseum reserviert.
Wo die Bundesbank in Mark und Pfennig konkret wird, steht Meister obenan. Er ist aber nicht nur der Zahlmeister der Notenbank sondern auch der Chef der Bankenaufsicht und Mitglied des Zentralbankrates. Daneben darf er den SPD-Vorsitzenden Rudolf Scharping seinen Freund nennen. Meister muss gleichzeitig Politik betreiben und solide Ban- ker-Arbeit leisten. Letzteres ist ihm schon in Fleisch und Blut übergegangen, war er doch jahrelang Vorstandsmit- glied der Depfa-Bank in Wiesbaden gewesen. Seine Karriere begann er bei der gewerkschaftseigenen Bank für Gemein- wirtschaft.
Die politischen Anforderungen, die an Meister gestellt werden, haben so ihre eigenen Gesetze. Von ihm als SPD- Mann wird auch im Direktorium der Notenbank SPD-Poli- tik verlangt. Dennoch hat eine Institution wie die Bundesbank einen überge- ordneten wirt- schafts-, finanz- und geldpoliti- schen Auftrag. Die Geldregierung in Frankfurt kann eben nicht mit der Bundesregierung in Bonn verglichen werden. Während in Bonn grundsätz- lich der politische Kompromiss auf dem kleinsten ge- meinsamen Nen- ner die Richtung vorgibt, kann sich der Zentralbankrat ganz unabhängige Gedanken über Stabilitätspolitik, einfach über den richtigeren Trend der Volkswirtschaft machen und in seinem geldpolitischen Rahmen den angemessenen, den besseren Beschluss fassen.
Edgar Meister befindet sich derzeit in der Konversions- phase vom Finanzpolitiker – er war in Mainz Finanzminister bei Scharping gewesen – zum Geldpolitiker unter Tietmeyer, im Geleitzug des Bundesbankpräsidenten. Nur so kann die Bundesbank in Deutschland und Europa ihr Renommee hal- ten, wenn keinerlei parteipolitische Streitereien in dieses Haus hineingetragen werden. Landeszentralbanker in Mainz oder München schießen da zwar schon mal quer. Mit Meis- ter ist das nicht zu machen.
Er trainiert Unabhängigkeit, ohne seinen SPD-Freund mit Scharping an der Spitze unnötige Knüffe zu verpassen. Meis- ter zitiert seinen Präsidenten häufig und verteidigt die gemeinsam erarbeitete Zinspolitik nach draußen. Zitat:
„Wir werden nichts tun, um die Zinsphantasie aus dem Markt zu nehmen“ und passt sich der präsidialen Interpre- tation der überschäumenden Geldmengenentwicklung an, weiß auch kein besseres Geldmengenkonzept als M 3. Und wenn er es wüsste, würde er es nach draußen nicht durch- sickern lassen, sondern den dafür zuständigen Kollegen, Prof. Otmar Issing, zu überzeugen versuchen.
Mit Meister wird es im Zentralbankrat auch keine Kampfabstimmungen geben, die ohnehin obsolet sind. Darin liegt lange trainierte gewerkschaftliche Solidarität und kollegiale Solidität, die er ins Direktorium einbringt. Dem Konsens dienlich sein mag die zu beobachtende, etwas frei- zügigere Geldpolitik der Notenbankspitze. So rigide wie zu Schlesingers Zeiten geht es gegenwärtig im Direktorium nicht zu. Unter Schlesinger wurde, falls möglich, die Null- Inflation angesteuert und zähneknirschend in Kauf genommen, wenn die Teuerung nur auf zwei Prozent zu drücken war. Derzeit zeigt sich die Bundesbank im augenzwinkern- den Einverständnis mit anderen Europäern von Bonn über Brüssel bis Paris mit der Zwei vor dem Komma recht einver- standen, auch ohne weiteren Ehrgeiz. Natürlich bleibt die Stabilitätspolitik vorrangig.
Heftiger und medienwirksamer Verfechter ist Meister, wenn es um den Sitz der EU-Bankenaufsicht in Frankfurt geht, denn da, wo die Zentralbank angesiedelt ist, sollte auch die Aufsicht hin, insbesondere wenn es nur noch eine einzige europäische Währung gibt.
Konzil von Lindau
Zum 9. September (94) hat Finanzminister Theo Waigel seine elf Kollegen der Europäischen Union und die insge- samt zwölf Notenbankgouverneure nach Lindau, auf die Insel im Bodensee, eingeladen. Dazu gebeten hat er auch die Finanzminister und Notenbankchefs der vier Beitrittsländer Österreich, Norwegen, Schweden und Finnland. Die Konfe- renz findet im Bayerischen Hof am Hafen statt. Die Schluss- pressekonferenz ist im mittelalterlichen Rathaus vorgesehen. Ich logiere im „Goldenen Lamm“ am Paradiesplatz, Zim- mer Nr. 10. So hatte ich mir das eigentlich nicht vorgestellt. Das Zimmer ist eine kalte Dusche für mich, denn es hat weder Toilette noch Dusche, noch Telefon, noch Fernseher, aber doch ein Waschbecken, ein schmales Bett, Stuhl, Tisch und Schrank. Die Stimmung drinnen wie draußen trübe.
Husch wieder hinunter, raus ins Taxi und ab zum Bodensee- Hotel, wo die Kollegen vom Bayerischen Rundfunk warten. Wir fahren nach Nonnenhorn zum Seewirt und freuen uns auf eine gute Brotzeit. Ein Tisch in der Weinstube ist reser- viert. Artig empfängt uns die Seewirtin und führt uns hin. Weniger der Tisch beeindruckt mich noch die reichlich aufge- fahrenen Speisen oder der Wein. Die Stubendecke, der Pla- fond hat es mir angetan. Über uns wölbt sich mit leichtem Gefälle zur Stirnseite hin eine gotische Holzdecke. Die Eichen- planken wurden an ihren Fugen durch schlanke, schön geschnitzte Balken verstärkt. Die elegante Schnitzerei lässt erst den Balken sich verjüngen, um dann wieder großflächigen Medaillons Raum zu geben. So bietet sich immer wieder neue Fläche für reichliche Dekoration heraldischer Grundmuster. Die außerordentlich gut restaurierte Decke ist in der Grundfarbe dunkelbraun gehalten mit Dekors in Grün, Rostrot, Ocker. Die Wölbung und die leichte Neigung ver- mitteln den Eindruck, dass es sich hier um die Schreiner- kunst von Bootsbauern handelt. Die Wirtin nennt die Jah- reszahl 1617. Damit wird der Seewirt in Nonnenhorn eine große Entdeckung für mich. – Tatsächlich hätte ich aber gar nicht so weit fahren müssen, um die Plafondwunder am Schwäbischen Meer zu entdecken. Auch das Goldene Lamm hat eine solche Stube zu bieten, die in ihrer historischen Bedeutung die Seewirtsstube noch bei Weitem übertrifft. Die Fischerstube im Goldenen Lamm gilt bis heute als Gesamtkunstwerk bayerisch-schwäbischer Zimmerleute um das Jahr 1600. Es ist eine ringsherum original getäfelte Wirts- stube mit gediegenen, derben Holzmöbeln, Borden mit Krü- gen und Keramik, alten Schaukästen, Jagdtrophäen, ausge- stopften Fischköpfen – Forellen und Hechte – und einem holzgeschnitzten Kruzifix in der gegenüberliegenden Ecke. Darüber wölbt sich ganz leicht die gotische Holzdecke, wie der Wirt sagt: „Aus dem 15. Jahrhundert. Es heißt, die Deckenkonstruktion soll mal ein Schiffsboden gewesen sein.“ Dies würde natürlich keinen Sinn machen, unterstützt aber meine These, dass die Bootsbauer von Lindau früher auch geschätzte Bauschreiner waren mit hohem technischen Wissen und ausgezeichnetem Geschmack. Ein Juwel, diese Fischerstube im Goldenen Lamm. Sie könnte auch als sol- ches weit und breit gelten, wenn sie so fachgerecht restau- riert wäre wie jene beim Seewirt. Verrußt über die Jahrhun- derte, dadurch einheitlich braunschwarz, produziert sie mühelos gemütliche Gasthausstimmung, lässt kunsthisto- risch akzentuierte Ästhetik aber missen. Die bleigefassten Glasbilder in den Fensternischen – eher 19. Jahrhundert – steigern auch nicht gerade den ausgepichten Kunstgenuss. Es war gut, dass ich zuerst den Seewirt gesehen und dann erst die Fischerstube errochen habe. So verfolgte ich gleich die richtige Entdeckerspur. Auch im Lindauer Rathaus gibt es Deckenkonstruktionen nach Schiffbauer Art, jedoch nicht so ausgefeilt. In seiner bunten Vielfalt innen und außen muss man das Rathaus ganz gewiss gesehen haben.
Theo Waigel hat mit seinen Gästen eine standesgemäße Abendrundfahrt auf dem Bodensee gemacht und weil Bayern sein Land und der Bodensee zudem eine politisch und histo- risch interessante Region ist, erzählte er ihnen einiges darüber. Er stellte Lindau und die Dreiländergruppe vor. „Mit unserer Tagung auf der Insel Lindau sind wir Österreich auch geografisch sehr nahe gekommen. Lieber Kollege Lacina, sehen Sie die Wahl dieses Ortes auch als Kompliment und als Dank für die europafreundliche Volksabstimmung Ihrer Bürger im Juni dieses Jahres an.“ Diese Freundlichkeit konnte der deutsche Finanzminister doch nicht lange durchhalten, denn er kam auf eine empfindliche Stelle der gemeinsamen Vergangenheit zu sprechen. „Lindau liegt nicht nur wenige tausend Meter von der österreichischen Grenze entfernt. Es gehörte sogar bis 1805 zu Österreich. Frankreich ist es zu verdanken, dass Lin- dau damals von Österreich nach Bayern gekommen ist“, erin- nerte Waigel, der damit offenbar den anwesenden Franzosen, Finanzminister und Notenbankchef, eine Napoleon-Reminis- zenz bescheren wollte.
In der Mitte des Sees, Waigel war mit seinen Gästen dort herumgedampft, begegnen sich Österreich, die Schweiz und Deutschland. Dieser See verbindet also Staaten mit äußerst unterschiedlichem europäischen Integrationsgrad. Obwohl die Schweiz die republikanische Bundesstaaterei erfunden hat, gehört sie nicht dem „Europäischen Wirtschaftsraum“ an, wobei sich diese Aussage Waigels auf die Europäische Union gemeinsam mit der Freihandelszone (EU und EFTA) bezieht und damit politisch stimmt, aber nicht geografisch oder wirt- schaftlich. Die Schweiz ist nun wirklich ein Kernland Euro- pas, liegt auch dort und ist wirtschaftlich voll integriert. Sie mag sich nur nicht gerne von europäischen Staatenverbünden schlucken lassen und zeigt Stolz beim Franken.
Der Bodensee ist ganz gewiss mehr Brücke zueinander als trennende Grenze. Die Grenzen zwischen den drei Staaten werden durch den See fließend. Denn der Verlauf der Staats- grenzen im Bodensee ist zwischen den drei Anrainern weithin unbestimmt. Für den größten Teil des Sees fehlt ein völker- rechtlich verbindliches Abkommen über die Gebietshoheit. Das sei kein Manko als vielmehr ein Beweis für das gutnach- barliche Einvernehmen zwischen den drei Staaten. In der Pra- xis wird denn auch ein in schweigender gegenseitiger Duldung erwachsener Grenzverlauf angenommen. „Wenn Sie so wol- len, ist dies ein ausgezeichnetes Beispiel für unser Europa der Zukunft, in dem Grenzen nicht trennen sondern verbinden. Die Inselstadt Lindau und der See haben sich auch deshalb“, wie Waigel meint, „für unser Treffen geradezu angeboten, zieht es doch an den Bodensee von jeher bedeutende europäi- sche Häupter und wichtige Kongresse.“
Jetzt müssen die bedeutenden europäischen Finanzhäupter unter der Präsidentschaft Waigels in die Tiefe der Historie tau- chen. „Unter allen Kongressen rund um den Bodensee ragt wohl das Konzil von Konstanz heraus mit der einzigen Papst- wahl, die auf deutschem Boden stattgefunden hat.“ Mehr als ein halbes Jahrtausend ist das her, 1414–1418. Damals haben sich über 70 000 Fremde am jenseitigen Bodenseeufer ein Stelldichein gegeben, an ihrer Spitze 85 Kardinäle und Erz- bischöfe, 238 Bischöfe, 39 Herzöge und rund 700 weitere gei- stige und weltliche Fürsten. „Der Chronist schreibt“, so sagt es Waigel, „vielleicht ist nie wieder auf deutschem Boden ein solcher Zusammenfluss der in geistigen Dingen führenden Männer Europas geschehen.“ Der deutsche Finanzminister will dem Chronisten diese Fehleinschätzung nachsehen. „Er konnte nicht wissen, dass im September 1994 sechzehn europäische Finanzminister, der Präsident des Europäischen Währungsinstituts (Baron Lamfalussy), sechzehn Präsidenten der Notenbanken, ein Vizepräsident und ein EU-Kommissar aus Brüssel, hier in Lindau beraten.“
Waigel hat gewiss unbewusst verschwiegen, dass den Finanzpotentaten ein Tross von etwa 100 europäischen Journalisten gefolgt ist und ich als leuchtendes Schlusslicht darunter weile.
Einzug der Gladiatoren
Das Ereignis sollte nicht allzu martialisch gesehen werden, dennoch handelt es sich eindeutig um den Einmarsch der Gladiatoren. Geldfrieden schaffen ohne Waffen, heißt die Devise des Tages. Frankfurt wurde zur Arena der Welt-Geld- politik, wenn hier auch ganz offiziell ausschließlich europä- isches Geld kreiert und dirigiert wird. Aber Geld grenzt sich stets gegenüber anderen Währungen ab. Damit hat europä- ische Geldpolitik immer Auswirkungen auf die übrigen Weltwährungen wie Dollar und Yen, künftig auch verstärkt auf den chinesischen Yuan und den Russen-Rubel. Dreizehn Geld-Gladiatoren ziehen in die Mainmetropole ein. Mit dem heutigen 15. November 1994 nimmt das Europäische Währungsinstitut seine Arbeit im ehemaligen BfG-Hoch- haus auf, Kaiserstraße 29. Der Mann mit dem Goldhelm an der Spitze heißt Baron Alexandre Lamfalussy. Allmonatlich bittet er die Notenbankchefs der EU-Staaten an seine Tafel- runde, um lupenreine Geldpolitik zu schmieden. Derzeit sind es zwölf Geladene.
Vom Januar nächsten Jahres an steigt die Zahl auf 16, weil sich Österreich, Finnland, Schweden und Norwegen dazu gesellen. Doch heute beginnt die Zukunft Frankfurts im Schweiße der täglichen Arbeit. Viel Trockentraining ist dabei, denn die Last des Tages liegt weiterhin auf den Schul- tern der Kämpen in der Wilhelm-Epstein-Straße. Die Gla- diatoren werden sich noch eine Reihe von Jahren müde kämpfen, bis es zu dem gekommen ist, was Sinn und Zweck der Frankfurter Veranstaltung ist: Die Schaffung eines ein- heitlichen Geldes für die größte Wirtschaftsmacht der Welt – Europa.
EWI-Präsident Lamfalussy glaubt, das Jahrhundertwerk noch in diesem Jahrtausend zu schaffen. Fraglich, ob die Geldgladiatoren bis dahin ihre Diadochenkämpfe beendet haben werden, schließlich treten sie beim EWI nicht an, um ihre geballte Macht in Richtung Dollar oder Yen einzuset- zen. Sie wollen erst einmal genau wissen, wer von ihnen der Stärkste ist oder wenigstens zu den Stärksten zählt. Eines Tages wird es zu Gruppenbildungen kommen von Könnern und Möchtegernen. Das Turnier wird dadurch nicht einfa- cher, dass der Bundesbankpräsident mal unten in der Arena ficht und mal oben auf der Tribüne sitzt, um mit dem Dau- men Sieger und Besiegte zu markieren. Die Doppelrolle von Hans Tietmeyer hat da schon ihren Schick. Er ist gleicher- maßen verantwortlich für die Weltwährung D-Mark und für die Ausformung des neuen Europa-Geldes, das nicht wei- cher als die Mark sein soll.
Dass seriöse Wirtschafts- und Finanzpolitik nur auf Basis stabilen Geldes erfolgen kann, dies hat die Bundesbank Europa in den vergangenen fast 50 Jahren schon einge- trichtert. Das wird immerhin verstanden. Jetzt muss dar- aus harte Münze geschlagen werden. Dies vorzubereiten ist die Aufgabe des Europäischen Währungsinstituts. Gut, dass es in Frankfurt steht. Nur so wurde überhaupt die Chance geschaffen, eines Tages gemeinsames Euro-Geld in die Portemonnaies klickern zu lassen. ECU wird übrigens kein Name dafür sein, und alle 16 EU-Mitglieder können in der 1. Runde der Währungsunion auch nicht mitma- chen. Da wird es noch viele Händel geben. Jetzt, um 14 Uhr, geht es auf in den Kampf, Lamfalussy. Möge es ein guter Kampf sein.
Vom Landmaschinenmechaniker in den ZBR: Welteke
Der Mann aus dem nordhessischen Korbach ist so etwas wie Schwarzbrot in einer Politiker-Landschaft von Golden Toast. Er hat seinen eigenen Querschädel und denkt bei aller Partei- taktik, die zu verfolgen ihm angeraten erscheint oder die er auch zuweilen klassisch präzise inszeniert, vorwiegend über das nicht zu vernachlässigende Gemeinwohl nach. Der 52- jährige Ernst Welteke hatte als hessischer Wirtschaftsminister den Nachfolger des viel zu früh verstorbenen Karl Thomas in die Landeszentralbank nach Frankfurt geholt. Horst Schul- mann kam auf sein Werben hin von Washington in die Main- Metropole. Welteke: „Sie wissen, dass ich wesentlichen Anteil daran hatte, dass Schulmann vor zwei Jahren nach Frankfurt gekommen ist. Dass ich durchaus auch sagen kann, ich war mit ihm befreundet. Horst Schulmann ist sicherlich eine exzel- lente Besetzung des Postens der LZB gewesen und eine exzel- lente Persönlichkeit und dadurch ist die Bedeutung der Posi- tion des Präsidenten der Landeszentralbank am Finanzplatz Frankfurt unterstrichen worden.“
Nun aber meint der ehemaligen Wirtschaftsminister und jetzige hessische Finanzminister, dass nur er die geforderte exzellente Besetzung an der Spitze der LZB sein kann. „Wer meine Tätigkeit als Wirtschaftsminister und als Finanz- minister, auch als Fraktionsvorsitzender der SPD im hessi- schen Landtag beobachtet hat, hätte merken müssen, dass ich ‘ne gewisse Neigung zu dem Gewerbe – hätte ich jetzt beinahe gesagt – zu dem Geschäft in der Vergangenheit habe erkennen lassen.“ Welteke hat diese Perspektive für sich vor wenigen Wochen aufscheinen lassen. Jetzt wird die Ernte eingefahren. Der Hessische Wirtschaftsminister, Lothar Klemm, wird heute Nachmittag dem Kabinett Eichel in Wiesbaden Ernst Welteke als Präsident der Landeszentral- bank in Hessen vorschlagen. Die moderne Mark war mit dem Münz-Gesetz vom 9. 7. 1873 als Währungseinheit im Deutschen Reich eingeführt worden. Es folgte 1924 die „Reichsmark“ und 1948 die D-Mark“.
Konvergenzbericht: Kaum einer Euro-tauglich
Das Europäische Währungsinstitut – EWI – sagt gleich im ersten Absatz, was Sache ist: Der Konvergenzbericht kommt insgesamt zu dem Ergebnis, dass zurzeit die Mehrheit der Mitgliedstaaten die notwendigen Voraussetzungen für die Einführung einer einheitlichen Währung nicht erfüllt.
Luxemburg hat es geschafft, vielleicht auch noch Däne- mark und Irland, niemals aber Deutschland und Frankreich. Auf die kommt es aber an. In Deutschland stieg z. B. die kurzfristige Defizitquote von drei Prozent 1994 auf 3,5 Pro- zent 1995. Im Jahre 1996, so das EWI, wird das Defizit in Deutschland weiter auf vier Prozent des Bruttoinlandspro- dukts ansteigen und damit deutlich oberhalb des Referenz- wertes von drei Prozent liegen. Der Anstieg des Finanzie- rungsdefizits wird in diesem Jahr voraussichtlich zu einer weiteren Zunahme der Schuldenquote auf 60,8 Prozent führen, die damit den Referenzwert von 60 Prozent über- steigen wird. Frankreich steht teilweise etwas besser da. Die Defizitquote, die 1995 noch bei 4,8 Prozent gelegen hatte, stellt sich im laufenden Jahr auf vier Prozent. So bleibt die Schuldenquote damit noch erkennbar unter der Obergrenze von 60 Prozent, nämlich bei 56,4 Prozent.
Mit seiner teilweisen Staatsfinanzierung aus dem Topf der privatisierten France Telecom wird Frankreich aber klar aufs Korn der europäischen Währungshüter genommen. Sie weisen darauf hin: Die Verringerung des Defizits durch Maßnahmen mit einmaliger Wirkung gewährleistet keine dauerhafte Konsolidierung. Große Aufmerksamkeit muss der Substanz und nicht nur der Buchungsmethode bei der Messung der Defizite und der Schuldenstände geschenkt werden. Und dann das EWI für alle: Konsolidierungsan- strengungen müssen umso energischer sein, je größer die anfängliche Verschuldung ist.
Die dauerhafte Konsolidierung der öffentlichen Haushalte muss sich zukünftig zwei Herausforderungen stellen müs- sen: erstens der hohen und hartnäckigen Arbeitslosigkeit und zweitens derjenigen, die aus der demografischen Ent- wicklung erwächst, als Rentenfinanzierung.
Hinsichtlich der anderen Maastricht-Kriterien sind die EWI-Oberen recht zuversichtlich. Das gegenwärtige wirt- schaftliche Umfeld mit geringem Preis- und Kostendruck sei günstig. Die meisten Mitgliedsstaaten verzeichneten verhält- nismäßig niedrige Preissteigerungsraten, und viele EU-Mit- glieder hätten praktisch Preisstabilität erreicht. Die übrigen Länder vermeldeten einen Rückgang der Teuerungsraten.
Das kurze Leben des EWI-Präsidenten
Alexandre Lamfalussy, der EWI-Präsident, ist ein pfiffiger Professor mit Witz. Er sei einer der wenigen, sagte er im Frankfurter Palmengarten, die auf den eigenen institutionel- len Tod hinarbeiteten. Stirbt das EWI, entsteht an gleicher Stelle die Europäische Zentralbank. Die Währungsunion ist da. Ohne ihn. Kommt die EZB in absehbarer Zeit aber nicht, wird sich das EWI perpetuieren. Lamfalussy hätte dann vielleicht neun Leben, wie eine Katze, eine Euro-Geld- Katze. Schon jetzt stehen ihm zwei zu. Ende 1996 läuft sein Dreijahresvertrag ab. Er braucht einen zweiten, um 1999 zu erreichen.
Lamfalussy hat ganze Arbeit zu leisten, denn nach dem EG-Vertrag muss das Währungsinstitut bis Dezember den regulatorischen, organisatorischen und logistischen Rahmen für das gemeinsame Euro-Geld festlegen. Schließlich steht im Vertrag, dass die Währungsunion bereits 1997 geschaf- fen werden kann. Politisch darf dieses Datum allerdings ver- gessen werden. Alle starren auf 1999 und zählen sich an den Jackenknöpfen ab: Kommt sie oder kommt sie nicht?
Lamfalussy will bei solchen Spielchen aber nicht mitma- chen. Er hat die Aufgabe, das Euro-Geld technisch zu ermöglichen und er hat als unabhängiger Mahner die Pflicht, pflichtvergessenen Europäern die Leviten zu lesen, bei kontraproduktivem Verhalten. So wird aus dem Mahner letztlich eine hochpolitische Figur. Bei der Vorlage seines Jahresberichts verurteilte er ganz unverhohlen die Finanzpo- litiken fast aller europäischen Länder. Die hemmungslose Schuldenmacherei der Staaten sei ein Grundübel und ganz bestimmt der falsche Weg.
Lamfalussy und sein Währungsinstitut haben jetzt schon die vergleichbaren Funktionen für Europa übernommen, wie sie die Bundesbank in Deutschland ausübt, nämlich gegen alle Interessen allein der wirtschaftlichen Vernunft zum Erfolg zu verhelfen. – Währungsunion hin oder her. Mit der verhängnisvollen Überschuldung steht für den Euro- Geldprofessor nicht nur die Währungsunion auf dem Spiel, sondern – und das ist viel schlimmer – auch die Chance für das so dringend benötigte Wirtschaftswachstum. Schulden- machen lähmt.
Auch die Spargroschen dürfen nicht ausschließlich vom Staat geschluckt werden. Sie müssen in rentable Investitio- nen fließen. Wir brauchen Konjunkturmotoren. Wie soll man denn den bevorstehenden Herausforderungen gerecht werden, die sich alleine schon aus dem steigenden Durch- schnittsalter der Bevölkerung ergeben? Die Staatsrechnung muss selbstverständlich durch Einsparungen in Ordnung gebracht werden, nicht über Steuererhöhungen, die nur die Konjunktur kaputt machen.
Das kann auch auf eine falsch verstandene Währungs- union gemünzt werden, wenn diese nicht als absolute Stabi- litätsunion konzipiert ist. Lamfalussy glaubt noch an 1999, wenn die Wirtschaftspolitik angemessen ist, die Kritierien strikt angewendet werden und die Wirtschaftsentwicklung in der Gemeinschaft zufrieden stellend verläuft: Wenn, wenn, wenn. Wenn nicht, beginnt das dritte Leben Lamfa- lussys in der beginnenden Unendlichkeit oder EWIgkeit.
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Planspiele mit Beschäftigungsverträgen führen meistens in die Irre. Gerade in Umbruchszeiten wie dieser müssen die Beteiligten immer auf unliebsame politische Einflüsse gefasst sein. Mal wieder hat es im Hintergrund zwischen Deutschen und Franzsosen gekracht. Lamfalussy geriet in einen Stru- del. – Heute früh hatte es ihm noch Spaß gemacht und mit- tags warf er dann das Handtuch. Der Baron mutierte zum Währungskometen, der kommt und geht.
Eigentlich hätte der EWI-Präsident sein Institut bis an die Pforten der Europäischen Zentralbank führen sollen. Er sollte Chef der multinationalen Organisation sein und blei- ben bis die Europäer wie ein Mann aufstehen und das gemeinsame Geld – den Euro – aus der Taufe heben. Dafür ist als Zeitziel der 1. Januar 1999 vorgegeben. Jetzt will sich Lamfalussy ganz überraschend schon Mitte 1997 aus dem Euro-Geldverkehr ziehen. Dabei war heute Morgen, am Mai 96, in einem Zeitungsinterview mit ihm nachzule- sen gewesen: „Um ehrlich zu sein, es macht mir großen Spaß – die Aufgabe im EWI.“
Als Geschäftsführender Präsident wird dann Wim Duisen- berg beim EWI einziehen. Duisenberg zeichnet seit 1982 als Chef der niederländischen Zentralbank. Er gilt als hervorra- gender Geldpolitiker, machte die europäische Geldbewe- gung von Anfang an mit und ist rund sechs Jahre jünger als Lamfalussy. Als Präsident der Nederlandsche Bank sitzt er auch seit Jahr und Tag im Gouverneursrat des EWI. An sei- ner Qualifikation kann kein Zweifel bestehen.
Wenn Duisenberg kommt, ist das ein Gewinn für das Währungsinstitut und für Frankfurt. Gegenwärtig ist es aber für die Weiterentwicklung des gemeinsamen europäischen Geldes ein noch größerer Verlust, dass Lamfalussy gehen wird. Wie kam es zu dieser für alle – bis in sein Vorzimmer – überraschenden Konstellation? Natürlich wiegeln die Insi- der ab. Da gibt es Ausreden, die die Frau des Präsidenten ins Spiel bringen. Dann heißt es, er würde im nächsten Jahr 68. Da müssten sogar die eingefleischtesten Bundesbanker aufs Altenteil gehen. Das alles verwischende Argument „Krank- heit“ wird nicht bemüht. Dann sprudelt auf einmal ein ver- räterischer Satz heraus: Lamfalussy könne doch nicht sechs oder acht Jahre so weitermachen.
Davon war bisher allerdings auch nicht die Rede gewesen. Tatsächlich kann Wim Duisenberg dann noch gut und gerne zwei Amtsperioden zu jeweils drei Jahren durchhalten, oder auch acht Jahre, wie sie für die Amtszeit des EZB-Präsiden- ten vorgesehen sind. Soll er verheizt werden? In jedem Falle können Fachwelt und Bürger sicher sein, dass auch bei ihm die Stabilitätskriterien Vorrang haben vor wie auch immer gearteten Zeitplänen. Aus reinem Ehrgeiz eventuell erster Präsident der Europäischen Zentralbank zu werden im Anschluss an die EWI-Zeit wird er keinerlei Ränke spielen,
um die Geldwertstabilität des noch zu formenden Euro infrage zu stellen.
Duisenberg war der Mann, der bei den letzten großen Währungsunruhen 1993 voll zur stabilen D-Mark gehalten hat und den niederländischen Gulden unverbrüchlich in der engen Bandbreite von 4,5 Prozent ließ. Die anderen EWS- Mitglieder gingen auf 15 Prozent nach oben und unten. Dui- senberg kann kein unsicherer Kantonist sein. Außerdem spricht er Deutsch und kann damit bei deutschen Gemütern vielleicht glücklicher für die Währungsunion werben, obwohl der jetzige EWI-Präsident hierzulande nicht nur fachlich hoch geschätzt sondern geradezu verehrt wird.
Genau genommen hätte Lamfalussy nicht vorzeitig aus- steigen dürfen. Dadurch wird das unsichere Terrain der europäischen Währungseinigung noch schwankender. Aber: Duisenberg opfert sich für Europa. Das ist povitiv zu wer- ten. Der große Durchbruch für die gemeinsame Geldzukunft ist seine jetzige Nominierung nicht.
Götterfunken lässt auf sich warten
Europa steht vor einem Neuanfang, dessen Komplexität keine historische Parallele hat. Karl der Große integrierte das römisch-germanische Europa. Die slawischen Völker blieben weitgehend draußen. Jetzt soll alles in den politi- schen Schmelztiegel von Irland bis an die Grenzen Russ- lands, von Sizilien bis ans Nordkap. 27 Staaten warten auf die Einverleibung in den monumentalen Corpus von dann 450 Millionen Bürgern. Der Quantensprung übersteigt das politische Denkvermögen vieler Europäer, insbesondere wenn sie sich Jahrzehnte im Windschatten vor oder hinter der Mauer verkriechen konnten.
In den 50er-Jahren startete die Europäische Wirtschaftsge- meinschaft EWG mit sechs Staaten. Der Binnenmarkt wuchs bisher auf 15 Staaten an. Man rückte zusammen, ohne sich allzu sehr wehzutun.
Es entwickelte sich sogar ein gewisses Wir-Gefühl. Freude über die europäische Einigung wäre zuviel gesagt. Der Göt- terfunken blieb uns trotz der Hymne verborgen. Der Unter- gang der Sowjetunion, der Krieg in Jugoslawien und die Globalisierung der Märkte haben die Welt jedoch so aufge- rührt, dass Europas einzige Überlebenschance in der Inte- gration der zweieinhalb Dutzend Staaten liegt.
Nach Ansicht des Staatsministers im Auswärtigen Amt, Werner Hoyer, muss deshalb die Währungsunion ohne Ver- zögerung zum 1. Januar 1999 starten und das Vertragswerk „Maastricht II“ bis zum EU-Gipfel in Amsterdam Mitte 1997 erfolgreich abgeschlossen sein. Die Bundesregierung will zwar weder bei der Währungsunion noch in der politi- schen Union alles mit sich machen lassen. Nach Aussagen Hoyers geht es aber in allererster Linie um die Zukunftsper- spektive „Europa“ und nicht etwa um ein geldpolitisch puristisches Management der Euro-Währung, wenn auch ein harter Euro auf der Tagesordnung bleibt.
Daneben müsse ein neues Finanzierungskonzept für die Brüsseler Behörden entwickelt werden mit der Grundaus- richtung, dass Brüssel keine Finanzierungshoheit erhält. Die oftmals alles bremsenden Mehrheitsentscheidungen müssten rigoros abgeschafft werden. – Für den Rinderwahnsinn der Briten hatte Hoyer nur die Bemerkung: Die sind in eine Sackgasse gelaufen, wo auch noch Einbahnstraße dransteht. So etwas dürfe einfach nicht mehr passieren.
Die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik muss vor- wärts gebracht werden. Dazu bedürfe es eines General- sekretärs. Die Westeuropäische Union WEU muss in die EU integriert werden, damit auch gemeinsame militärische Stärke aufgebaut werden kann. Fälle wie Jugoslawien müss- ten von Europa selbst geregelt werden können, meinte Hoyer. Dabei soll aber nicht die starke Nato-Verzahnung mit den USA aufgegeben werden. Nicht zuletzt stehen die Zoll-, die Asyl- und Einwanderungspolitik auf der Tages- ordnung. Dazu gehören auch die gesamten Visa-Verordnun- gen. Die EU muss um die enge Kooperation in Justiz und Inneres bereichert werden usw.
Gefragt ist aber nicht der europäische Einheitsstaat son- dern ein Staatenverbund, in dem die Prinzipien der Solida- rität und der Subsidiarität gelten. Die Zahl der EU-Kommis- sare sollte nach Meinung des Außenministeriums auf zehn beschränkt werden. In der politischen Umsetzung – so Hoyer – kommt es auf Deutschland und Frankreich an. Alles andere staffelt sich dahinter. Tatsächlich ist es aber so, dass Deutschland noch stärker als bisher die treibende Kraft bei der europäischen Integration ist. Das größte Volk mit der höchsten Wirtschaftskraft hat da seine Aufgaben. Die meisten Europäer wollen allerdings bei einer Konstruktion nicht mitmachen: Europa als Bollwerk für die Festung Deutschland-Frankreich. Das wär’s dann: Frankreich diri- giert Deutschland und beide zusammen Europa.
Blauer Brief aus Brüssel und andere Moritaten
Ehrlich währt am längsten und wer einmal Klassenprimus war, muss darauf achten, dass das Niveau nicht absinkt. Mit etwas diplomatischem Geschicke – Spanien und Italien, aber auch andere hätten die Hand dafür gereicht – mit etwas mehr diplomatischen Geschick hätte es die Bundesregierung verhindern können, dass sie aus Brüssel gerüffelt wird. So erhielt sie (Anfang Juni 96) einen Blauen Brief wegen laxer Finanzpolitik, weil Deutschland die Verschuldungskriterien, wie sie im Maastrichter Vertrag festgehalten sind, nicht ein- gehalten hat. Der Vorwurf wiegt schwer. Die Beurteilung lautet auf ungenügend.
Im Vorfeld hatte das Bundesfinanzministerium treu- deutsch zu ihren Finanzschandtaten gestanden. Sie wollte den Brief, denn es führt kein anderer Weg aus dem Schla- massel. Der europäische Ordnungsruf soll auf Bonn diszipli- nierend wirken: Lasst euch aber schon gar nichts mehr zu Schulden kommen, drückt eure Staatsdefizite auf die gefor- derten drei Prozent übers Jahr und lasst den Schuldenberg nicht über 60 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Leistung – ausgedrückt im Bruttoinlandsprodukt – hinaus wachsen.
Finanzminister Theo Waigel spürt weniger den Tadel durch das Schreiben, als die Trümpfe, die er sich auf diese Weise verschaffen wollte: Einen innenpolitischen und einen außenpolitischen. Innenpolitisch kann die Blaue Schande als Trumpf in den Tarifauseinandersetzungen besonders im öffentlichen Dienst ausgespielt werden: Seht, ihr Gewerk- schaften, Brüssel tadelt uns schon. Ihr aber treibt durch überhöhte Lohnforderungen den Schuldenberg noch weiter nach oben. Nicht Mehrausgaben sind das Gebot der Stunde sondern Einsparungen um jeden Preis.
Beim heutigen Finanzministertreffen geht es aber weniger um die inneren Angelegenheiten in Deutschland als um die Vorbereitung der Europäischen Währungsunion, an deren Zustandekommen derzeit niemand zweifelt. Die Frage heißt nur noch: Darf es etwas mehr Stabilität sein oder wird Krite- rien-Schlamperei von Anfang an betrieben. Deutschland wollte auf den Blauen Brief nicht verzichten, weil ihn dann eine ganze Reihe anderer Länder erst recht erhalten müssen. 1999 soll nämlich nicht ein Jubelfest „Friede, Freude, Währungsunion“ mit allen 15 (bisherigen) EU-Staaten gefei- ert werden, wie es die meisten Länder und auch bestimmte Kreise in der Brüsseler Kommission planen. Deutschland will den Hartwährungsblock und wer dazu nicht taugt, muss in ein besonderes Devisenkurs-Regime – EWS II genannt – gepresst werden. Und wer da nicht mitmachen will, soll ganz draußen bleiben. Die deutsche Marschrichtung wird immer klarer: Durch einen Hartwährungsblock – mit Frankreich – Europa auf Kurs zu bringen, untaugliche Elemente abzuson- dern und erst später – nach ihrer Besserung – den Weg zur gemeinsamen Union zu ebnen. Als Zwischenetappe dorthin kann ein Brief aus Brüssel gar nicht blau genug sein. Blaue Wunder darf man sich davon wirklich nicht versprechen.
Bei Lichte besehen: Deutschland steht mit der Brüsseler Kommission derzeit nicht auf sonderlich gutem Fuße. Mit dem Luxemburger Jacques Santer als Präsident an der Spitze will sich die Kommission nun endgültig gegenüber dem größten Mitgliedsstaat durchsetzen. Die Lage wird nicht einfacher, obwohl gerade Deutschland es ist, das sich wahr- haft europäisch fühlt und Europa politisch und wirtschaft- lich vorwärts bringen will. Das kann aber nicht heißen, dass die Bundesrepublik für die teure Brüsseler Verwaltung nun jeden Preis zu zahlen bereit wäre. Bonn will nicht mehr Zahlmeister Europas sein.
Deutschland dringt einerseits auf einen energischen Spar- kurs bei der Kommission und will gleichzeitig auch weni- ger dorthin an Finanzausgleichsmitteln zahlen. Milliarden sollen eingespart werden. Am liebsten sähe es der Bundes- finanzminister, wenn er den überhöhten EU-Finanzader- lass direkt in deutsche Förderkanäle umlenken könnte unter Umgehung von Brüssel. Das aber geht nicht. So ein- fach darf das europäische Reglement nicht über den Haufen geworfen werden. Also geht das Finanzpoker Bonn- Brüssel weiter.
An anderer Stelle kassieren die Deutschen ab, wo immer es möglich ist, und gehen dabei mit den Europäischen Kas- sen nicht zimperlich um. Der spektakulärste Fall in jüngster Zeit betrifft die Brüsseler Subventionen für den Bremer Vul- kan-Verbund, wo Hunderte Millionen Mark europäischer Fördermittel für die Werftindustrie in den neuen Bundeslän- dern fehlgeleitet und in Bremen, in der Vulkan-Konzernbi- lanz verramscht wurden. Prozesse wegen Veruntreuung und Betrugs sind anhängig. Brüssel fordert – sicherlich zu Recht
– das Geld zurück. Gleichzeitig stellte Frankreich einen Antrag für Finanzhilfen zugunsten der nationalen Luftfahrt- gesellschaft Air France. Dabei geht es nicht immer um direkte EU-Beihilfen sondern um die Genehmigung seitens der Kommission, dass Frankreich mit Milliarden-Beträgen die herunter gekommene Air France wieder aufpäppeln kann, zu Lasten der Wettbewerber.
Die Lufthansa und die Deutschen protestieren. Es hilft nichts, die Subventionsgenehmigung für die blau-weiß-rote Fluggesellschaft kommt. Und schon basteln die Franzosen an einem neuen halsbrecherischen Subventionsfall, nämlich der abermaligen und vermeintlich endgültigen Sanierung ihrer größten Bank, des Credit Lyonnais.
Inzwischen gibt es für Brüssel aber wieder einen heißen Fall in Deutschland: Der Freistaat Sachsen steht gegen den
„Überstaat“ EU-Kommission auf. Ministerpräsident Kurt Biedenkopf und sein Wirtschaftsminister, Kajo Schommer, bestiegen das „Sachsen-Ross“ und reiten nun ihre Attacken gegen Brüssel. Es geht dabei um nicht weniger als 20 000 Arbeitsplätze in Sachsen und damit in der Förder- region neue Bundesländer. Die EU-Kommission hatte vor einigen Wochen gegen die Stimmen der deutschen Kom- missare entschieden, die Subventionen für die neuen Werke des Volkswagen-Konzerns in Mosel und Chemnitz um ein Drittel auf 540 Millionen Mark zu kürzen mit der Begrün- dung, es gehe hier nicht um Neuinvestitionen sondern um die Erweiterung der VW-Kapazitäten. Das stimmt und stimmt nicht.
Jede Neuinvestition ist irgendwo auch eine Erweiterung. Brüssel blieb hart. Nach dem Aus der Kommission kam das Aus von VW in Wolfsburg. VW teilte mit: Ohne Subventio- nen in der vereinbarten Höhe werden die neuen Werke in Sachsen nicht weitergebaut. Das rief die „Kleine Gewalt“, Kurt Biedenkopf, auf den Plan. Er beschloss mit seinem Kabinett in Dresden: Wir, das Land der Sachsen, überweisen fristgerecht die kontrahierten Mittel von 142 Millionen Mark. Brüssel steht Kopf und Deutschland freut sich, schließlich kann nicht einfach hingenommen werden, dass VW mit den für Sachsen geplanten Kapazitäten anderswo- hin abwandert, z. B. in die Slowakei. Deutschland braucht ganz bestimmt Arbeitsplätze.
Deutschland braucht aber auch ein gutes Verhältnis zu Brüssel, außerdem braucht Deutschland Freundschaft mit Frankreich und die EU braucht ihre Mitglieder. So wie es
aussieht, muss da über alle intensive Basisarbeit geleistet werden, denn: Alle brauchen Europa.
Europa schlägt sich, Europa verträgt sich. Ohne einen gewissen Schlagabtausch kommen weder die einzelnen Staa- ten intern aus noch Völkergemeinschaften wie die Europä- ische Union. Zurzeit ist Schlägerei angesagt. Es geht ums liebe Geld und die europäische Krankheit der Subventioni- tis. Es geht um Misswirtschaft in der Brüsseler Organisation und es geht um falsche Bemessungsgrundlagen für die deut- schen Überweisungen an Brüssel und um die Dotationen, die die Bundesrepublik aus Brüssel erhält.
Konsens unter den Europäern ist die Vermutung, dass irgendetwas in der Finanzierungsstruktur für die Europä- ische Kommission nicht stimmt. Deshalb wurde Ende 1995 beim EU-Gipfel in Madrid das Thema auch auf die Tages- ordnung gesetzt. Es soll nun erarbeitet werden, welcher Finanzierungsschlüssel ab 1999 gelten soll. Genau jene Räte haben drei Jahre früher eine haarsträubende Fehlentschei- dung getroffen, als sie festlegten, die Länderbeiträge für den Brüsseler EU-Haushalt nach dem jeweiligen Brutto- sozialprodukt zu bemessen. Damit war Deutschland sehr schnell Europameister und Nettozahler par excellence. Rei- che Länder, wie Luxemburg und Dänemark, bescherte die- ses Umlagesystem demgegenüber einen Netto-Gewinnregen. Eine Berechnungsmethode über das Pro-Kopf-Einkommen hätte Gerechtigkeit schaffen können und muss künftig für Gerechtigkeit sorgen.
In den vergangenen zwei Jahren hat Deutschland jeweils rund 41 Milliarden Mark nach Brüssel überwiesen, aber nur 15 Milliarden von dort für die Bauern oder auch für die Regionalförderung zurückerhalten. Die Nettozahlerposition beträgt damit pro Jahr 26 Milliarden Mark. Es wäre ein gewisser Trugschluss zu glauben, Deutschland überweise nach Brüssel ganz ungerechterweise 26 Milliarden Mark (p.a.) zuviel. Nach den Berechnungen der bayerischen Staats- regierung, nach Ministerpräsident Edmund Stoiber, liegt der Problembetrag bei 15 Milliarden Mark. Nach Stoiber zahlt Deutschland neun Milliarden zuviel in die EU-Kasse und erhält sechs Milliarden zu wenig zurück. Erklärtermaßen ist die EU-Finanzierung eine ziemlich undurchsichtige Angele- genheit und liefert immer Munition für Streitigkeiten, vielfach auch zu Recht. Der europäische Agrarwahnsinn drückt sich z.
B. darin aus, dass Deutschland dreimal soviel in den Agrar- haushalt einbezahlt, als es herausholen kann. Nutznießer seit Jahrzehnten sind Betriebe im italienischen Mezzogiorno und im französischen Midi. Deutschland hat da eine wunderbare Konkurrenz mit aufgepäppelt.
Die SPD kommt nun mit dem wohlmeinenden Vorschlag (der von grenzenloser Ahnungslosigkeit zeugt), die anderen reichen Staaten sollten nach Brüssel – mehr oder weniger zugunsten Deutschlands – eine „Mitverantwortungsab- gabe“ leisten, wodurch Bonn jährlich zwei bei drei Milliar- den Mark einsparen könnte. Die reichen Nachbarn werden vor der grundlegenden EU-Finanzierungsreform von 1999 aber überhaupt nicht daran denken, so etwas zu tun.
Finanzminister Theo Waigel glaubt denn auch nicht an einen solchen karitativen Geldsegen. Langfristig gäbe es vielleicht Einsparungen von anderthalb bis zwei Milliarden Mark beim Brüsseler Geldaderlass.
Abgesehen von den Agrarüberschüssen und den regiona- len Strukturfonds zahlt Brüssel fast nichts an Bittsteller aus europäischen Ländern. Die Kommission verfügt aber über ein absolutes Veto bei Subventionen jeglicher Art, die die Einzelstaaten ihren Firmen zuschanzen wollen. Die Brüsse- ler Maxime heißt dabei: Es ist alles verboten, was nicht aus- drücklich genehmigt ist. Im vergangenen Jahr gab es einige hundert Subventionsanträge, ein Drittel davon aus Deutsch- land. Insgesamt 180 Milliarden Mark verfütterten die europäischen Staaten im vergangenen Jahr an ihre Indus- trien. Eine Katastrophe. Bei VW in Sachsen hat EU-Wettbe- werbskommissar van Miert nun einmal ganz energisch auf Rotlicht geschaltet. Morgen wird der deutsche Wirtschafts- minister Günter Rexrodt deshalb mit ihm telefonieren. Die Klagefrist läuft erst in einem Monat ab.
Ebenso wie ein neuer EU-Finanzierungsschlüssel auf der Agenda der Regierungschefs steht, muss die Subventions- praxis der europäischen Länder draufgesetzt werden. Ein neuer Kodex muss entwickelt werden, an den sich dann – hoffentlich – alle halten. Der gegenwärtig zu beobachtende Subventionswettlauf der Länder schadet letztlich allen.
Tietmeyer 65: Westfälische Eichen wachsen langsam
Seine Vita im Spiegel der Reden von Kollegen, Kanzler Kohl und seiner selbst
Illustrer Empfang im Gästehaus der Bundes- bank, August 1996
Vizepräsident Wilhelm Gaddum eröffnet die Geburtstags- runde wohl gesetzter Reden für den Präsidenten: Dass Geld- wertstabilität nicht eine ökonomische Marotte eines Aero- phags ist, dass die Voraussetzung eine freiheitliche Ordnung ist, diese These wird selten bestritten. Dass dieses Ziel nicht zum Nulltarif zu haben ist, sondern daran ausgerichtete Geldpolitik erfordert, die bisweilen Unannehmlichkeiten macht, das bedarf immer wieder neuer Überzeugungsarbeit. Ihre Kollegen im Zentralbankrat, lieber Herr Tietmeyer, sind sehr dankbar, dass es sich bei Ihnen als ihrem berufenen Sprecher gut aufgehoben wissen können, das rechte Maß zu finden zwischen einerseits der Unabhängigkeit in der Erfül- lung unserer Aufgabe und andererseits dem Respekt vor dem Auftrag anderer, zwischen einerseits der Deutlichkeit, bis zur notwendigen Härte andererseits. Manche sprechen dann auch von Sturheit einerseits und der Verbindlichkeit und Courtoisie andererseits in der Zieldarstellung und Fle- xibilität im Hinblick auf den Weg zum Ziel, das erfordert schon ein Geschick zur Balance von dem aus der Weg zu
dem Goethe’schen Axiom dann doch gar nicht mehr ganz so weit ist. Aber auch darüber hinaus sind ja die Erwartungen des Zentralbankrates an seinen Präsidenten nicht gering. Er soll einerseits in der öffentlichen Diskussion Meinungs- führung erkennen lassen, ohne dass einzelne Mitglieder sich zur Artikulierung abweichender Meinungen aufgefordert fühlen. Die nicht hierarchische Verfassung unserer Bank in ihren Entscheidungsstrukturen ermuntert zu einem vielfälti- gen Meinungsspektrum, das dann wiederum der Präsident in den Beratungen zu möglichst einmütigen Beschlüssen führen soll. Und bisweilen geht es anderen sicherlich genauso wie mir, wir bewundern, dass das noch funktioniert.
Ihr für uns alle im Zentralbankrat und darüber hinaus in der Bank erkennbares Bemühen, lieber Doktor Tietmeyer, Diskussionen und Meinungsbildungen im Miteinander und nicht im Gegeneinander zu ermöglichen, wird sehr aner- kannt und wir sind dankbar dafür. Wir wissen, dass diese Aufgabe im Vorfeld der Währungsunion, die Funktion und Status der Bundesbank ändern wird, nicht leichter macht.
Zentralbankrat und alle Mitarbeiter der Bank gratulieren Ihnen sehr herzlich zu diesem Geburtstag mit allen guten Wünschen für eine Zukunft, die Ihnen und uns interessante Aufgaben stellen wird, aber sicherlich auch viele schwierige Entscheidungen abverlangen wird. Aber Zukunft hat immer auch Geschichte und damit bin ich bei dem Geburtstagsge- schenk des Zentralbankrates, das hat etwas mit jüngerer Geschichte zu tun. Seine Entstehung hat Herr Dr. Issing in besonderer Weise begleitet und ich möchte ihn deshalb auch ans Mikrofon bitten.
– Beifall –
Dr. Otmar Issing: Herr Bundeskanzler, meine sehr geehr- ten Damen und Herren, Herr Präsident, lieber Herr Tiet- meyer!
Herrn Tietmeyers Verdienste, zumal über das hinaus, was hier und heute zu hören ist, würdigen zu wollen, hieße M3 in die Wilhelm-Epstein-Straße tragen, obgleich wir auch unorthodoxe Mittel bei der Kontrolle des Geldmengen- wachstums nicht von vornherein verwerfen sollten. Über seinem Wirken im hellen Lichte der Öffentlichkeit, dem der gebührende Respekt längst rund um den Erdball zuteil wird, gerät eine, wie ich meine, nicht minder wichtige und einflus- sreiche Tätigkeit in den Hintergrund. Ich spreche von dem Autor, der schon als junger Mann Texte von gedanklicher Tiefe und bemerkenswerter Klarheit geschrieben hat. Wie nach seinem Lebenslauf und – wenn ich so sagen darf – nach seinem Charakter nicht anders zu erwarten, stehen Fragen der Ethik und der Ordnungspolitik nicht nur am Ende. Sie sind bis heute auch hinter dem Text von Aufsätzen zu spüren, die sich mit dem ganzen Spektrum aktueller Pro- bleme beschäftigen. Er weiß um die Wirkung des richtigen Wortes zur richtigen Zeit und noch mehr um die fatalen Fol- gen unbedachter Äußerungen. Daher seine Mahnung: Wenn in der politischen Diskussion aber einmal der Geist aus der Flasche ist, lässt er sich erfahrungsgemäß nur schwerlich wieder einfangen.
Verantwortung und Überzeugung haben ihn freilich auch dazu geführt, manche Flasche zu entkorken. Wiederum nie ohne Einfluss und einmal mit anhaltender Wirkung von historischer Dimension.
Ein Thema hat den Autor Hans Tietmeyer seit seinen Anfängen im Bundesministerium für Wirtschaft nie mehr losgelassen: die europäische Integration. Auf steil ansteigen- den Stufen der Politik hat er am Bau des europäischen Hau- ses mitgewirkt. In einer Fülle von Artikeln hat er zur Archi- tektur des Vorhabens beigetragen. Der organische Entwurf wiederum steht im Mittelpunkt, eben die ordnungspoliti- sche Gesamtsicht. Auf die Dauer hat die Gemeinschaft, wenn sie sich selbst nicht infrage stellen will, keine Alterna- tive als den Weg in die politisch fundierte Wirtschafts- und Währungsunion. Dafür genügen keine verbalen Kompro- misse. Dafür sind die tatsächliche Vergemeinschaftung der Politik und die Schaffung entsprechender Institutionen not- wendig. Dies schrieb der Beamte im Wirtschaftsministerium im Jahre 1971. Der damalige Oppositionssprecher Franz Josef Strauß meinte dazu im Deutschen Bundestag: ein vor- züglicher Aufsatz, der ausgerechnet die Studie eines Auto- renkollektivs der Moskauer Universität zitiert.
– Heiterkeit –
Die Überzeugung vom notwendigen Gleichklang zwischen politischer und wirtschaftlicher Integration, aber auch die Suche nach dem richtigen Mischungsverhältnis durchzieht ein Œuvre, zu dem der Titel des Professors am Ende die logi- sche Ergänzung ist.
Und schließlich das Thema, Leitmotiv fast aller Aufsätze, die Sorge um die Stabilität des Geldes. Im Beitrag zum Sym- posium der Konferenz der Akademien im Juni dieses Jahres
– Sie sehen, Herr Tietmeyer hat uns mit seiner Schaffens- kraft auch in dieser Eigenschaft bis zuletzt gefordert – zieht er die vorläufige Summe aus einer über 30-jährigen Arbeit. Jeder muss wissen, der Weg in die Währungsunion ist ein Weg ohne Umkehr. Das galt nicht nur im Vorfeld der inner- deutschen Vereinigung, das gilt auch in Europa. Deswegen lohnt es sich, für eine stabile ökonomische und politische Grundlage zu kämpfen. Gerade auch wenn man, wie ich, schon seit Langem ein überzeugter Verfechter der europä- ischen Integration ist.
Lieber Herr Tietmeyer, wir haben Ihre aus unserer Sicht wichtigsten Beiträge in einem Band vereint. Die Manus- kripte aus Ihrer Feder, die in den Anfängen zunächst unter bekannten Pseudonymen in die Öffentlichkeit geraten sind, standen dafür leider nicht zur Verfügung, aber Mangel an Material war ohnehin nicht das Problem. Als das gemein- same Geschenk Ihrer Kollegen aus dem Zentralbankrat darf ich Ihnen, verbunden mit allen guten Wünschen, dieses Werk überreichen, für das der Titel leicht zu finden war:
„Hans Tietmeyer – Währungsstabilität für Europa“.
– Beifall –
Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl
Sehr verehrte, liebe Frau Tietmeyer, lieber Herr Tietmeyer, Exzellenzen, meine sehr verehrten Damen und Herren und
vor allem ein herzliches Wort des Grußes an die ausländi- schen Freunde und Gäste am heutigen Tag!
Es ist Ihre Stunde, lieber Herr Tietmeyer, und es sind Ihre Gratulanten. Und wer in diese imposante Schar schaut, kann eigentlich die Laudatio sich schon sparen. Denn die, die gekommen sind – natürlich viele auch, um zu gucken, ob die Bundesbank noch so ist wie sie ist, die sind auch da – aber es sind sehr viele da, die im Laufe ihres Lebens, in 65 Lebensjah- ren, Weggenossen im besten Sinne des Wortes waren, mit Ihnen eine Wegstrecke gegangen sind und die es als selbstver- ständlich und auch gut empfinden, heute dabei zu sein. Ihnen ein Wort des herzlichen Glückwunsches zu sagen, ein Wort des Glückwunsches, was immer auch zugleich ein Wort des Dankes ist. Da wir in der neumodischen Entwicklung unserer Republik häufig so die Meinung hören, dass Danke sagen alt- modisch geworden ist, will ich ganz besonders hier deutlich aussprechen. Ein herzliches Wort des Dankes und als Süd- westdeutscher kann man auch dem Westfalen sagen, ein herz- liches Vergelts Gott für diesen Weg.
– Beifall –
Ich will es tun natürlich in meinem Amt als Bundeskanzler und für die Bundesregierung und wenn Sie so wollen also für das amtliche Deutschland, aber ich will es sehr bewusst natürlich auch und ganz besonders gerne tun als einer, der über viele Wegstationen gemeinsam gegangen ist, der Ihnen viel zu verdanken hat. Manchen klugen Rat, manchen Hin- weis vor unvorsichtiger Äußerung, manches Wort in nächt- lichen Stunden bei Weltwirtschaftsgipfeln, jetzt müssen wir noch einen draufsetzen, das dürfen wir uns nicht gefallen lassen, und wie so der Alltag des Lebens geht. Es ist ein wei- ter Weg in diesen 65 Jahren.
Und es sind ja nicht irgendwelche 65 Jahre, sondern das führt eben zurück in das Jahr 1931. Ich denke, es ist ganz wichtig, das gelegentlich einmal zu sagen, weil ja Gott sei Dank eine neue Generation herangewachsen ist. Wenn heute in Deutschland zwei Drittel der heute lebenden Deutschen nach Hitler geboren und aufgewachsen sind, ist es dennoch wichtig, bei einem solchen Anlass daran zu erinnern, dass es noch viele gibt, die diese Lebenserfahrung sehr persönlich gemacht haben, der Nazizeit, des Krieges und der unmittel- baren Aufbaujahre. Es ist ein weiter Weg, der Sie vom Elternhaus in dieses Haus gebracht hat. Der Enkel eines Schmieds, wir haben es gerade noch einmal verstärkt, viel- leicht merkt man es noch gelegentlich,
– Heiterkeit –
der Sohn eines Kommunalbeamten, der also sehr genau weiß, was geht und was nicht geht und das Augenmaß mit- gelernt hat, einer, der sich das alles erkämpfen musste, der aus einer Familie kam, in der nicht als erstes die Diskussion war, wie hoch ist das Kindergeld, sondern wie viele Kinder waren zu ernähren und ins Leben zu entsenden und ihnen zu helfen, der – ich habe mich noch einmal vergewissert – 40 Kilometer brauchte, um ins Gymnasium nach Münster zu kommen, seinem Gymnasium, auf das er mit Recht stolz ist, dem Paulinum, und das ihn ganz wesentlich auch wie das
Elternhaus mitgeformt hat als einen, der in Weiten denken kann, der eine humanistische Bildung hat und der nicht arm ist, wenn er außerhalb der Geldpolitik über andere Themen diskutiert, redet und lebt, der dann studiert hat in Münster, in Bonn und in Köln, der eine Diplomarbeit geschrieben hat bei Alfred Müller-Armack, dem Weggenossen von Ludwig Erhard – wir begehen seinen, Erhards Geburtstag, wie ich hoffe in großer Form, und ich wünsche mir, dass viele von Ihnen dabei sind im Februar des kommenden Jahres in Bonn, den 100. – mit einer Arbeit – ich bringe es, glaube ich, nicht mehr genau zusammen – über Ordnungsbegriff der christlichen Soziallehre und des Neoliberalismus, vielleicht können Sie die Arbeit noch einmal auflegen wieder, denn es gibt mir zu viele in Deutschland, die von Marktwirtschaft und zu wenig von sozialer Marktwirtschaft reden, das ist auch ein Teil meines Alltags, wenn wir in der Koalition zusammensitzen
– leichte Heiterkeit –
und deswegen führt der ganze Lebensweg doch zu ganz bestimmten Zielen: Bundesministerium für Wirtschaft, Lei- ter der legendären Abteilung 1 Wirtschaftspolitik, Verfasser vieler Papiere, die zum Teil unter anderem Namen erschie- nen sind, auch das gehört zur Realität der Bundesrepublik Deutschland, Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen – das liest sich so einfach: Grundsatzfragen der internationalen Währungs- und Finanzpolitik -, Sherpa für die Vorbereitung von Weltwirtschaftsgipfeln, Mitglied des Direktoriums der Deutschen Bundesbank, des Zentralbank- rats, ein verbrauchter Titel einer großen Zeit auch für Hans Tietmeyer, persönlich Beauftragter des Bundeskanzlers für die Verhandlungen mit der DDR über die Währungs-, Wirt- schafts- und Sozialunion, Vizepräsident und Präsident der Bundesbank. Es ließe sich natürlich noch viel sagen von Ehrendoktorwürden, von Ehrenämtern, Mitglied der Päpst- lichen Akademie der Sozialwissenschaften – das führt ganz direkt ums Kardinalat herum, um das einmal so zu formu- lieren. Das ist Hans Tietmeyer nach den Titeln, aber es ist natürlich nur das Äußere beschrieben.
Mein Freund Wilhelm Gaddum hat ja in der ihm eigenen unnachahmlichen Art die Bundesbank schon angesprochen. Ich komme mit einem Satz noch darauf zurück. Darüber will ich aber jetzt nicht reden.
Ich will reden von Hans Tietmeyer, wie ich ihn erlebt habe, wenn Sie so wollen durch meine Brille gesehen, als ein Mann, der steht. Als ein Mann, der geprägt ist von seiner Landschaft, von seinem Elternhaus, seinem familiären Hin- tergrund. Und warum soll man das nicht hier sagen auch in einer so erlauchten Runde in der Bundesbank: von seiner Glaubensheimat als katholischer Christ, als einer, der weiß, und das hat er von zu Hause mitbekommen und nie verleug- net, dass Prinzipien nicht altmodisch sind, dass Tugenden, die das Land und die Menschen zusammenbringen und hal- ten, nicht Sekundärtugenden sind. Der Heimatliebe hat und das zeigt zugleich die Chance für Weltoffenheit und der natürlich – ich sage es noch einmal – als Westfale ganz stolz
ist. Wilhelm Gaddum hat das im übertragenen Sinne gesagt: Das nennt man gerne dann stur. Ich empfinde das manchmal übrigens auch so.
– Heiterkeit –
Aber es ist doch besser, es ist einer stur und hat Stehvermö- gen, als dass einer den Finger nass macht und die neueste Demoskopie der Wegweisungen empfindet. Deswegen haben viele von uns – und das gilt besonders für mich – Sie in einer besonderen Weise schätzen gelernt. Weltläufigkeit und Hei- matverbundenheit – das ist eben kein Gegensatz. Und Sie sind auf Grund Ihrer Überzeugungen, Ihrer Kenntnisse in einer ganz besonderen Weise ein ganz besonders überzeugender und überzeugter Vertreter der für mich auch besten Wirt- schaftsordnung, besser gesagt Gesellschaftsordnung, die ich kenne, geworden, nämlich der sozialen Marktwirtschaft; eben im Sinne von Alfred Müller-Armack und Ludwig Erhard, das heißt Wettbewerb, sozialer Ausgleich. Das heißt, dass sich ordnungspolitische Grundsatztreue auf feste Wertvorstellun- gen – das glaube ich jedenfalls – gründen muss.
Ihre berufliche Karriere, ich sagte es schon, war sehr stark von dem, was Sie im Studium empfangen haben und was Sie dann an einer ersten Adresse in Deutschland, nämlich im Bundeswirtschaftsministerium leben und gestalten konnten, geprägt. Später, in Ihrer Amtszeit als Finanzstaatssekretär sind wir uns in einer besonderen Weise näher gekommen, weil wir an vielen Tagen, in vielen Kilometern und in vielen Nächten auch zusammen waren in jetzt beinahe 14 Jahren zurück Weltwirtschaftsgipfeln und auch den unzähligen Ver- anstaltungen früher der Europäischen Gemeinschaft und dann später der Europäischen Union. Irgend jemand – ich weiß nicht wer – hat den Titel für den Berater auf dem Welt- wirtschaftsgipfel – Sherpa erfunden. Ich weiß nicht ganz genau wie es überall definiert wird, aber normalerweise ist das ein Lastträger, der aber gleichzeitig einen Kompass sozu- sagen im Kopf hat. Und das haben Sie genauso gemacht. Für mich ist immer noch das Bild vorhanden, wie Sie da sitzen mit den anderen Sherpas, mit kritischen Augen diese soge- nannten Großen der Welt betrachten, die sich da versam- melt haben, die Nase hochziehen, wenn Sie feststellen, dass die ihre Papiere nicht gelesen haben.
– Heiterkeit –
Zettel nach vorne schicken, damit das, was da auf Seite 16 steht, für uns wichtig ist, für uns unterstrichen, und dann vielleicht noch einmal ein Hinweis: das Finanzministerium ist hier anderer Meinung als das Wirtschaftsministerium.
– Heiterkeit –
Oder das, was das Kanzleramt dazu sagt, wird weder vom Wirtschafts-, noch vom Finanzministerium akzeptiert.
– Heiterkeit –
Und dann in den frühen Morgenstunden, wenn wir we- nigstens ein Stück geschlafen haben, dann aber voller Enga- gement kommen und sagen, das haben wir durchgesetzt und das haben wir durchgesetzt, das müssen wir aber jetzt akzeptieren – ich sage es jetzt mal, wie Sie es nicht sagen, da sind Sie viel zu erhaben über solche Formulierungen, einem
Pfälzer kann man es nachsehen -: das können wir den Fran- zosen nicht antun.
– Heiterkeit –
So haben wir in vielen Jahren eng zusammengearbeitet. Auch in einer – das sage ich ganz gerne, nicht weil er da ist – sehr engen Gemeinschaft mit dem Bundesfinanzminister, wo es einfach darauf ankam – und auch den anderen Kollegen, die dabei waren, aber ihn hat es meistens besonders bewegt
–, in einer Weise, dass wir versuchten, der Sache unseres Landes zu dienen.
Ich habe nicht ohne Grund ein Amt neben vielen beson- ders hervorgehoben und da sind wir uns auch in einer besonderen Weise näher gekommen. Ich habe heute in einem anderen Zusammenhang mit Wolfgang Schäuble da- rüber gesprochen, weil er und Theo Waigel und Sie die Hauptverhandler waren mit auch anderen, Staatssekretär Ludwig sehe ich hier, ich müsste noch viel mehr nennen, und dann rund um die Uhr verhandelt haben, etwas verhandelt haben, was die meisten für völlig unmöglich gehalten haben. Es gab auch Stunden, wo wir ziemlich allein waren vor der Wirtschafts- und Währungsunion, wo die ganz großen Gurus, die so etwas ganz genau wissen, nicht anzutreffen waren, weil sie sich noch nicht genau festlegen wollten, und Sie haben das getan mit einem ungeheuren Engagement. Aber warum soll ich das nicht auch als eine sehr persönliche Beobachtung sagen, mit einem Engagement, in dem vor allem mitschwang jetzt nicht der Staatssekretär und der Fachmann, sondern ein ganz normaler deutscher Patriot, der gespürt hat, wie man zu sagen pflegt frei nach Bismarck, dass der Mantel der Geschichte vorbei geht und dass es gilt, jetzt ihn festzuhalten.
Und so ist die Einführung der sozialen Marktwirtschaft, des freiheitlichen Rechts- und Verwaltungssystems in Ost- deutschland, die D-Mark, die da kam, als die Leipziger rie- fen „wenn die D-Mark nicht nach Leipzig kommt, dann gehen die Leipziger zur D-Mark“, dann ist das ein ganz wesentliches persönliches Verdienst von Ihnen und anderen. Aber Sie waren einer der Türme in der Schlacht. Ich will nicht daran erinnern, wie die Prophezeiungen waren, auch von bekannten Professoren, wie die Realität sich dann ent- wickelt hat später.
Heute stehen Sie jetzt seit drei Jahren als Präsident der Bun- desbank an der Spitze dieses wichtigen Instituts. Und alles was Wilhelm Gaddum gesagt hat, jetzt nicht zum Innenver- hältnis, das werde ich mir nicht genehmigen und trauen, das hier als meine Meinung zu sagen, obwohl ich da manchmal auch eine Meinung habe, aber was er gesagt hat zur Institu- tion, kann ich Wort für Wort unterstreichen. Es ist wahr. Es ist nicht immer angenehm für einen Regierungschef, dass das eine völlig unabhängige Institution ist. Aber was ebenso wahr ist, es ist sehr gut, für den Bürger Helmut Kohl als Teil der Bürgerschaft des Landes, dass es so ist. Und wenn man das gelegentlich murrend erträgt, ist es immer noch viel besser als wenn man sieht, was andernorts geschieht, wenn in dieser ganz zentralen Frage der Geldwertstabilität – und das hat was
zu tun mit dem Glauben und dem Zutrauen der Menschen zur Währung ihres Landes, in diesem Fall Deutschlands – keine Zweifel aufkommen.
Ich will gerne die Gelegenheit wahrnehmen, all denen zu danken, Sie stehen ja in einer stolzen Reihe der Präsidenten der Deutschen Bundesbank, der Mitarbeiter, der Gremien der Bundesbank in diesen Jahrzehnten, die dieses Werk geschaffen haben. Ich kann nur sagen, die Deutschen sind klug beraten, jetzt auch an der Schwelle des 21. Jahrhun- derts, diese wichtige Erfahrung – es ist ein Stück Schatz unseres Landes in diesen Jahrzehnten geworden – ins nächs- te Jahrhundert zu tragen. Und es ist auch vielleicht gut in dieser Stunde einmal ein Wort zu sagen, weil viele ausländi- sche Gäste da sind, dass wir verstehen müssen, dass dies nicht irgendein Thema ist für die Deutschen. Und dass wir – und jeder weiß das von mir im Besonderen – leidenschaftlich am Haus Europa bauen. Dass wir wissen, dass der Euro kommen muss und kommen wird unter den Bedingungen, die Hans Tietmeyer und wir alle sagen, die nicht verwässert werden dürfen aus Gründen der Tagespolitik, weil sie was mit Vertrauen der Menschen zu tun haben. Aber dass die, die von draußen uns anschauen, uns nicht für verrückt hal- ten oder leicht hysterisch in Währungsfragen, sondern schlicht daran denken, welchen Weg die Deutschen in die- sem Jahrhundert, und es leben noch viele aus der älteren Generation, die es ganz konkret noch erfahren haben, aus der ganz alten Generation, die zwei Inflationen und den Ver- lust der Vermögenswerte ganzer Schichten unseres Volkes erlebt haben. Hitler hat ganz gewiss viele Gründe, und es gibt keine Entschuldigung für uns als Deutsche dafür, aber wahr ist, dass der Verlust der Vermögenssubstanz nach dem ersten Weltkrieg für breite Schichten unserer Bevölkerung entscheidend zu dem Elend der Zeit beigetragen hat und dem, was dann kam und der Zeit danach.
Meine Kollegen sind immer etwas erstaunt, wenn ich ihnen bei solchen Diskussionen sage, ihr dürft halt nicht ver- gessen, als die D-Mark 1948 kam, war das sozusagen für viele ein Kretin, ein Besatzungsgeld, niemand hat viel erwar- tet, dass das was wird. Daraus ist etwas ganz anderes geworden, eine der großen wichtigen Währungen der Welt. Und bevor unsere Nationalhymne, bevor unsere Flagge und bevor der erste wenigstens teildeutsche Staat der Bundesre- publik entstand, war die D-Mark da. Deswegen ist es wich- tig – und das nehme ich gerne hier als Gelegenheit wahr, das zu Ihnen zu sagen und zu Ihren Kollegen bei der Bundes- bank, aber all denen, die damit zu tun haben -, dass wir auf diesem Weg Europas nicht faule Kompromisse machen. Wir tragen in uns ein großes Vertrauenskapital auf diesem Weg für die Menschen in unserem Land. Übrigens nicht zuletzt derer, die vor wenigen Jahren neu im wiedervereinten Deutschland dazugekommen sind.
Wenn wir also sagen, die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion ist nur als Stabilitätsgemeinschaft möglich, nicht nur bei der Geburt, sondern auch dann in der Folge der Jahre, dann ist das für uns nicht irgendeine tagespoliti
sche Aussage und schon gar nicht der Versuch, andere am deutschen Wesen genesen zu lassen. Es ist für mich eine große Freude, und Sie haben großen Anteil daran, lieber Herr Tiet- meyer, dass doch in vielen Ländern Europas sich das Ver- ständnis für unsere Position, dass wir hier nicht andere majo- risieren wollen oder traktieren wollen, sondern dass es einen ganz entscheidenden Sachgrund gibt beim Bau des Hauses Europa, das Thema der Stabilität und der Qualität so nach vorne zu stellen, dass dies für alle eine gute Sache ist.
Ich habe zu Beginn gesagt, wir haben Ihnen zu danken für einen Dienst, den Sie geleistet haben und hoffentlich noch Jahre leisten werden, der was zu tun hat mit Pflicht. Ich habe vorhin von den Tugenden gesprochen. Und zu den Tugenden gehört – und das weiß gerade Hans Tietmeyer gut und er zeigt es ohne viele darüber zu reden – Pflichterfül- lung. Und in diesen 65 Lebensjahren, die Ihnen geschenkt wurden, haben Sie versucht, Ihre Pflicht zu erfüllen. Und Sie haben in wichtigen Teilen unserem Land gedient mit Ihrer Lebensaufgabe. Und dafür danke ich Ihnen ganz, ganz besonders herzlich! So wünsche ich Ihnen noch viele gute, gottgesegnete Jahre im Kreis Ihrer Familie. Ich bedanke mich auch vor allem bei Ihnen, verehrte gnädige Frau, dass Sie das alles mitgetragen haben. Denn wenn man diesen Mann – ich sage es mal auf pfälzisch: dieses Mannsbild – betrachtet, dann kann man sich vorstellen, wie unkompli- ziert er ist, wenn er nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommt.
– Heiterkeit –
Die Männer werden bei solcher Gelegenheit immer gerühmt, aber die Frauen ertragen es oder erleiden es, wie man es immer will.
Sie haben einen wesentlichen Anteil gemeinsam mit Ihrer Familie an diesem Weg und deswegen auch zu Ihnen ein besonders herzliches Wort des Dankes.
Ich habe nun eine besonders angenehme Aufgabe, ich habe Ihnen, lieber Herr Tietmeyer, im Auftrag des Herrn Bundes- präsidenten eine hohe Auszeichnung zu überreichen –
– Beifall –
Hans Tietmeyer
Herr Bundeskanzler, Herr Ministerpräsident, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kollegen, nach all den großen Worten soll ich eigentlich jetzt gar nichts mehr sagen, denn Charles de Gaulle hat einmal gesagt: Nichts steigert die Autorität mehr als das Schweigen.
– Heiterkeit –
Würden es doch einige Mitglieder des Zentralbankrates auch einmal so tun!
– Heiterkeit –
Meine Damen und Herren, das erste Wort, das ich sagen will, ist ein Wort des Dankes. Ein Wort des Dankes an alle, die gekommen sind, an viele, die geschrieben haben und ich beziehe ganz besonders auch meinen unmittelbaren Vorgän- ger ein, der sehr um Verständnis bittet, dass er heute, weil er ganz draußen in der Welt ist, nicht hier sein kann. Er hat mich aber dringend gebeten, dieses auch mitzuteilen.
Aber ich möchte ein besonderes Wort des Dankes heute dem Bundeskanzler sagen dafür, dass er hier hergekommen ist, dass er sich die Zeit genommen hat und dass er so per- sönliche Worte gesprochen hat und dabei auch noch einige politische Aussagen gemacht hat, die mich besonders gefreut haben. Ich fühle mich durch die heutige Veranstaltung und insbesondere durch die Worte, die Sie, Herr Bundeskanzler, aber auch durch die Worte von Herrn Gaddum und Herrn Issing, sehr geehrt und ich will ein Wort aufgreifen, das Prä- sident Johnson einmal gesagt hat nach einer solchen Veran- staltung, er hat nämlich gesagt, das hätte meinen Vater stolz gemacht und meine Mutter hätte es sogar geglaubt.
– Heiterkeit –
Also, ich bin da skeptischer in diesem Punkt des Glaubens, zu anderen will ich jetzt nicht Stellung nehmen. Aber ich denke, ich sollte doch mit ein paar Worten zu meinem eige- nen Rückblick kommen. Herr Bundeskanzler, Sie haben schon an das Jahr 1931 erinnert. Ich habe daran keine Erin- nerung. Aber ich habe darüber natürlich viel gelesen. Laut meiner Mutter bin ich um 6 Uhr früh morgens zur Welt gekommen: übrigens meine Mutter, die heute 93 Jahre alt ist und ich bin glücklich, dass ich sie noch hin und wieder besu- chen kann. Dieses Jahr 1931 war ein unruhiges Jahr, es war auch kein gutes Weinjahr, aber das war nicht das Entschei- dende. Ich will aber so viel sagen, dass ich in bescheidenen dörflichen Verhältnissen nicht nur geboren, sondern aufge- wachsen bin. Der Bundeskanzler hat erinnert, mein Vater war Gemeindebeamter. Ich hatte zehn Geschwister und wir sind in einer Familie mit elf Kindern aufgewachsen und das mit dem Gehalt eines Amtsinspektors. Da ging es nicht materiell so üppig zu, das will ich mal so formulieren.
Aber – und das ist glaube ich wichtig – damals war natür- lich dieser Ort weit weg von der großen Politik, von all dem, was in Deutschland und in der Umwelt passierte. Dennoch, und das will ich doch mal nennen, in der „Münsterschen Zei- tung“, die mir jetzt zugeschickt worden ist aus dem Jahre 1931, am 18. 8., habe ich gelesen, dass der Diskontsatz damals von 15 auf 12 reduziert worden ist. Er war in den Wochen zuvor bei 15 und er wurde auf 12 reduziert und das wurde als eine wesentliche Erleichterung empfunden. Am 19., am ersten Tag meines Lebens, ist etwas passiert, in Basel hat damals der BIZ-Rat, der Rat der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, zusammengesessen und man hat damals einen Stillhaltevertrag gegen den Abzug kurzfristiger Kredite geschaffen. Ich gestehe, dass ich das alles nicht zur Kenntnis genommen habe damals. Aber es ist damals passiert.
Meine Familie und mein Aufwachsen im Münsterland, in der münsterländischen Heimat, das alles hat mich sehr geprägt. Ich will nur drei Grundorientierungen, die mir mit auf den Weg gegeben worden sind, nennen, die ich nicht gerne in die Rubrik der Sekundärtugenden einordne. Das ist erstens die Erkenntnis, dass eigene Arbeit und eigene Leis- tung am Beginn zu stehen hat. Und dass Selbstverantwor- tung Grundlage jeglicher Solidarität ist. Und das ist zweitens die Mitverantwortung, die man als einzelner für die ande-
ren, für die Familie und für die Gemeinschaft zu tragen hat. Und das ist drittens die Erziehung zur Selbstständigkeit und zu einem eigenständigen Urteil. Zu einem eigenständigen Urteil nicht im Sinne des vorschnellen Urteils, wohl aber des Prüfens aller Umstände und dann zu einer eigenen selbst- ständigen Entscheidung zu kommen. Dies sind die Grund- werte, die mir mitgegeben worden sind und die ich gelernt habe. Als ich mal vor einiger Zeit gefragt wurde in einem Fragebogen, was ist Ihre Devise, da habe ich so spontan gesagt: Tue recht und scheue niemand. Und an diesem Satz halte ich im Grunde auch heute fest.
Tue recht nach deinem eigenen Urteil und scheue nieman- den, wer auch immer die Autorität sei. Ich kann das natür- lich auch lateinisch formulieren, Herr Bundeskanzler, denn Sie wissen ja, ich stamme aus einem humanistischen Gym- nasium. Lateinisch heißt das so, wie es der spätere Kardinal Graf Galen zu seinem Wahlspruch gemacht hat, nämlich: nec laudibus nec timore, weder durch Lobsprüche, noch durch irgendeine Furcht lass dich von deinem Weg abbrin- gen. Das ist, wenn Sie so wollen, mein westfälisches Erbe. Das können Sie als Sturheit bezeichnen, das weiß ich nicht. Aber das ist mein westfälisches Erbe und das kann ich nicht verleugnen. Übrigens Bismarck hat mal gesagt, und zwar doppeldeutig meinte er das natürlich: Ein Westfale bleibt immer ein Westfale. Das können Sie so oder so nehmen, das weiß ich wohl. Aber er bleibt es dennoch.
Ich habe dann mein Studium, meinen Beruf gesucht, 1952 Abitur, Herr Bundeskanzler, Sie haben es nicht gesagt, aber an der ältesten Schule Deutschlands gemacht.
– Heiterkeit –
Nein, eindeutig die älteste – da kommt der Einspruch von Osnabrück. Sie müssen wissen, es ist richtig, das Karolinum ist drei Jahre vorher gegründet worden aber hat keine unun- terbrochene Sukzession und deswegen gilt das nicht.
– Heiterkeit –
Ich habe dann mein Studium, wie Sie angesprochen haben, in Münster begonnen, zwei Semester Philosophie, bin dann zur härteren, oder wenn Sie so wollen, handfesteren Ökono- mie nach Köln gegangen. Sie haben schon darauf hingewie- sen, Herr Bundeskanzler, dass ich dort eine Reihe von Lehrern hatte und einer meiner besonderen Lehrer war Müller- Armack. Bei ihm bin ich zum ersten Mal auch in Kontakt mit politischen Gestaltungsfragen gekommen und zwar in dop- pelter Hinsicht. Alfred Müller-Armack war damals Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik, jener Abteilung, die ich dann später übernehmen durfte, und er brachte uns an einem Don- nerstag morgens ins Seminar immer die neuen aktuellen wirt- schaftspolitischen Fragen mit und wir haben sie diskutiert. Aber ich bin in dieser Zeit auch zum ersten Mal mit der Euro- papolitik in Kontakt gekommen. Denn Alfred Müller- Armack war – dies sei denen gesagt, die sich dessen nicht erin- nern – der deutsche Chefverhandler in der damaligen EG. Da habe ich bspw. etwas gelernt übers Bananen-Protokoll, ein Vorgang, der mir noch heute, natürlich, sehr bekannt ist. Aber viele, viele andere Dinge. Insofern war das ganz nütz-
lich. Aber ich bin auch in anderer Weise mit der Politik in Kontakt gekommen, nämlich ich habe ein Seminar bei Wil- fried Schreiber gemacht. Wilfried Schreiber war – das sei denen gesagt, die das nicht wissen – der, wenn man so will, geistige Vater der dynamischen Rente. Wir haben damals die Dinge diskutiert schon, die heute Gegenstand sind, nämlich: ob man einen Generationenvertrag eigentlich machen kann, wenn diese Generationen in ihrem Alter auseinander driften,
d. h. wenn die Generationen nicht mehr in gleicher Weise zueinander gehören. Dies haben wir damals im Jahre 1956/57 in Köln schon diskutiert. Ich sage das deswegen, dass ich also schon relativ früh auch mit politischen Fragen der Ökonomie in Kontakt gekommen bin.
Na ja, über meine Studenten-Funktionärszeit will ich nichts sagen. Leider gehört eines zu den Ergebnissen, das mir nicht immer ganz gut zu sein scheint, das ist die Frage des Honnefer Modells, daraus ist dann später das Bafög geworden. Ich gestehe, dass das, was wir im Honnefer Modell angedacht haben, eigentlich nicht so ganz richtig ausgedrückt war später im Bafög. Aber ich will darauf nicht eingehen.
Über mein Stipendium, das ich dann bekommen habe vom Cusanus-Werk ist schon heute, habe ich gesehen in der Financial Times berichtet worden. Dass die Financial Times sich mit dem Cusanus-Werk beschäftigt, ist schon was Besonderes. Aber ich habe dann auch noch eine Zeitlang dort als Geschäftsführer gearbeitet und bin der Institution noch heute verbunden, weil ich nicht nur materielle Hilfe, sondern auch viele Anregungen bekommen habe, die für mich von großer Bedeutung sind. 1962 dann der Schritt ins Bundesministerium für Wirtschaft. Sechs Minister habe ich gehabt, bei Ludwig Erhard angefangen, Kurt Schmücker, Karl Schiller, Helmut Schmidt, Hans Friderichs und Otto Graf Lambsdorff. Sechs Ministern habe ich gedient. Es wäre wirklich verführerisch, dazu etwas jetzt zu sagen. Aber das will ich mir verkneifen. Es war jedenfalls eine interessante Zeit, bis ich im Jahre 1983 ins Bundesministerium der Finanzen – übrigens das Genitivministerium, das Bundesmi- nisterium für Wirtschaft ist natürlich ein neueres Ministe- rium, Bundesministerium der Finanzen ein klassisches Mi- nisterium kam. Ich freue mich ganz besonders, dass meine beide Minister, nämlich Gerhard Stoltenberg – ich weiß jetzt nicht, wo er ist, aber hier ist – und ich freue mich, dass Theo Waigel hier heute unter uns ist. Ich glaube, dass diese Zeit eine insgesamt jedenfalls für mich nicht nur herausfor- dernde, sondern auch gute Zeit war.
Nun, meinen Schritt in die Bundesbank im Jahre 1990 habe ich der Bundesregierung zu verdanken, denn selbst kann man darüber ja nicht entscheiden, sondern man wird vorgeschlagen und beschlossen und dann tritt man an. Ich gebe aber zu, dass ich gerne angetreten bin. Der Währungs- politik war ich nicht ganz fremd, das gestehe ich. Im Jahre 1967 habe ich nämlich das erste Mal mich intensiv mit Währungspolitik beschäftigt, als ich als junger Adlatus für Karl Schiller damals in vielen internationalen Währungsge- sprächen nicht nur dabei war, sondern dafür arbeitete und
dann ja auch später in der Werner-Gruppe arbeitete; aber ich komme gleich noch mal darauf.
Wichtig war für mich die Stabilitätsorientierung, die Sie, Herr Bundeskanzler, soeben in, wie ich glaube, sehr treffen- den Worten, nämlich in ihrer politischen Dimension auch angesprochen haben. Ich will so viel sagen, Jakob Fränkel, der israelische Notenbankgouverneur, früher IMF-Chef- Ökonom hat einmal in einem Gespräch, als er mich präsen- tierte den Herren Rabin und Peres, gesagt, er war schon immer ein Centralbanker; d. h. er wurde es nicht erst, als er in die Bundesbank kam, sondern er war es schon zuvor.
Das Wort Europa, Herr Bundeskanzler, haben Sie zu Recht aufgegriffen und ich habe mich gefreut, Herr Issing, dass Sie mir heute im Namen des Zentralbankrates dieses Buch, dieses Kompendium – ich bin gespannt, was ich alles geschrieben habe – übergeben haben. Ich bin überzeugt, dass da auch das eine oder andere drin ist, was nicht so ganz up to date ist. Aber wie auch immer: Ich stehe zu dem, was ich geschrieben habe und ich bin sehr gespannt, ob ich die kontinuierliche Linie wieder finden kann.
Nur, meine Damen und Herren, meine Europa-Position ist nicht neu. Da sie bisweilen in der Öffentlichkeit auch mal angesprochen wird, habe ich – und das ist wirklich ein Zufall – ein Dokument gefunden. Im Jahre 1952 nach unse- rer Abiturfeier hatten wir ein Liederbuch und da haben meine ganzen Lehrer alle irgendwas reingeschrieben an dem Abend, wie man das so macht nach der Feier, da wird dann was reingeschrieben. Und ich wollte nur eine besondere Ein- tragung Ihnen nicht vorenthalten. Da steht nämlich drin: Dem Vorkämpfer für die Montanunion und ein neues Europa alles Gute für die Fahrt ins Leben. Franz Josef Kre- sing – das war mein Erdkundelehrer, und ich hatte eine Arbeit geschrieben über dieses Thema.
– Beifall – leichte Heiterkeit –
Also, Sie sehen, meine Damen und Herren, ich war schon Europäer, als andere noch Atlantiker waren. Aber wie dem auch sei, ich bin auch heute noch ein voll überzeugter Europäer was das Ziel und den Fortschritt der Integration angeht. Aber – und dieses aber kann und will ich nicht unterdrücken – das ökonomische Fundament muss dauer- haft tragfähig sein. Deswegen, Herr Bundeskanzler, bin ich Ihnen so dankbar, dass Sie auch im Hinblick auf die Krite- rien heute ein so deutliches Wort gesagt haben. Es ist nicht nur so, dass das Bundesverfassungsgericht und das deutsche Parlament gesagt haben, es kommt auf eine strikte und enge Auslegung an, sondern Sie haben zurecht darauf hingewie- sen, es geht hier um die Glaubwürdigkeit, es geht um die Kreditibilität nicht nur der Märkte, sondern um die Glaub- würdigkeit der Menschen. Und dies ist aus meiner Sicht ein sehr wichtiger Punkt.
Was die Dauerhaftigkeit dieser stabilitätspolitischen Kon- vergenz angeht, so hoffe ich mit großem Nachdruck, dass der Vorschlag von Herrn Waigel, der sogenannte Stabilitäts- pakt, wirklich Grundlage der Entscheidung wird. Ich hoffe, dass bspw. Die Tarifpartner sich bewusst sind, dass in einer
Währungsunion lohn- und arbeitsmarktpolitische Flexibi- lität umso wichtiger ist. Und ich hoffe und wünsche, dass der Europäische Zentralbankrat seine Geldpolitik so formu- lieren und entscheiden wird, dass es tatsächlich zu einer dau- erhaften Stabilität kommt.
Ich will aber dazu sagen, das ökonomische Fundament ist wichtig und unerlässlich. Aber es gehört auch dazu – und ich weiß, dass das nicht alle in Europa ganz gerne hören, aber ich halte es für wichtig und notwendig – die politische Bereitschaft zum Souveränitätsverzicht, wenn man in eine dauerhafte Union geht. Währungsunion ist kein nur techni- scher Vorgang, es ist auch ein technischer Vorgang. Es ist ein zutiefst politischer Vorgang. Der Zentralbankrat hatte, glaube ich, Recht, als er die Währungsunion einmal als eine stabilitätspolitische Solidargemeinschaft auf Gedeih und Verderb angesprochen hat.
In den nächsten Jahren liegen wichtige Entscheidungen vor den politischen Entscheidungsträgern, aber auch in der Arbeit im Europäischen Währungsinstitut. Unser Ziel, das gemeinsame Ziel, muss es sein, dass es ein stabiler Euro wird. Ein stabiler Euro, der, wie ich meine, wichtig ist für die Zukunft Europas. Der, wie ich meine, wichtig ist für die ökonomische Wohlfahrt in Europa und ich füge das hinzu, der auch wichtig ist für die soziale Gerechtigkeit. Wir sollten dieses Element nicht unterschätzen. Die deutschen Erfah- rungen, und daran haben Sie angeknüpft, Herr Bundeskanz- ler, mit einer stabilen D-Mark sollten wir nicht vergessen. Ich hoffe, dass es gelingt, diese Erfahrungen nach Europa hin zu tragen. Stabilität kommt aber nicht von selbst. Dafür muss noch einiges getan werden. Aber ich meine, es lohnt sich für einen stabilen Euro zu kämpfen und zwar ob gele- gen oder ungelegen. Dabei ist es wichtig, dass ein nüchterner Realismus auf der einen Seite und eine Bodenhaftung herrscht. Visionen sind wichtig und auch notwendig. Aber Illusionen sind gefährlich. Deswegen werde ich mich zusam- men mit den Mitgliedern des Zentralbankrates und den anderen Mitgliedern im Europäischen Währungsinstitut – ich freue mich, dass Alexander Lamfalussy heute unter uns ist – hart an der Sache arbeiten, um die dauerhaften Grund- lagen für eine tragfähige Währungsunion zu schaffen.
Meine Damen und Herren, westfälische Eichen wachsen langsam. Aber sie halten dann meist auch den Stürmen stand, aus welcher Richtung diese Stürme immer kommen. Ich möchte Ihnen noch einmal sehr herzlich dafür danken, dass Sie heute hierher gekommen sind, dass Sie mir so viele freundliche Worte gesagt haben. Ich hoffe noch auf einige gute Gespräche, jedenfalls darf ich Sie einladen, jetzt hier die
Fazilitäten, die die Bundesbank anbietet, auszunutzen.
Die Bundesbank ist nie notleidend, denn sie würde dann, wenn sie notleidend wäre, eindeutig dem Finanzminister zur Last fallen. Das wird sie aber nicht tun, sondern sie wird zusammen mit dem Finanzminister für eine stabilitätsorien- tierte und das heißt auch ertragreiche Politik arbeiten.
Vielen Dank.
– Beifall –
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