Euro-Wegweiser: Für eine Weltwährung kann der Euro nur eine extrem kurze Geschichte vorweisen. Ihm wird aber eine große Zukunft vorhergesagt. Warten wir es ab. Europa hängt dran. Sein deutsches historisches Fundament hat bis zu 1000-jährige Wurzeln. – Und jetzt sollen über diesen Amboss auch noch die Etats der EU-Staaten geschmiedet werden. Einer zahle des Nachbarn Schulden. Das kann zum Untergang der EU führen. In seinem Buch „10 Jahre Euro. Wie er wurde, was er ist“ beschäftigt sich Christoph Wehnelt mit der Vergangenheit, aber immer mit Blick auf die Zukunft und warnt. – 20. Teil

 

Schlag auf Schlag in der Euro-Politik

 Martin Kohlhaussen, Präsident des Bundesverbandes deut- scher Banken, hat bei aller Liebe zum Euro den Zeitplan nicht eingehalten, besser gesagt über den Tag danach gesprochen. Angesichts des europapolitischen Konferenzmarathons um den 1. Mai herum schwindelt es den sonst so durchtrainierten Bankenmanager: Am 29. und 30. April verabschiedet das Europäische Parlament seine Stellungnahmen zu den Konver- genzberichten der EU-Kommission und des EWI.

Der Ecofin-Rat, also die EU-Wirtschafts- und Finanzmi- nister, verabschieden gemeinsam mit den Notenbankgouver- neuren am 1. Mai in Brüssel mit qualifizierter Mehrheit ihre Empfehlung an die Staats- und Regierungschefs, welche Mitgliedstaaten die Voraussetzungen für die Einführung einer einheitlichen Währung erfüllen. Am Vormittag des 2.    Mai findet dann eine Sondersitzung des Europäischen Parlaments statt. Dabei werden die Abgeordneten ihre Stel- lungnahme zu dieser Empfehlung abgeben.

Nachmittags tagen die Staats- und Regierungschefs, um mit qualifizierter Mehrheit den endgültigen Beschluss über die Teilnehmer an der Währungsunion herbeizuführen. Hier wird auch der EZB-Präsident gekürt. Am Sonntag, dem 3. Mai, gibt der Ecofin-Rat die bilateralen Umrechnungskurse zwischen den Währungen der teilnehmenden Länder bekannt. Damit beginnt im wahrsten Sinne die Währungs- union, weil die Währungen der Teilnehmerstaaten in ihrem gegenseitigen Umtauschverhältnis endgültig festgeschrieben werden. Der Kurs zum Euro wird allerdings erst zum Jah- reswechsel von 1989/99 festgelegt.

Ferner gibt der Ecofin-Rat am 3. Mai eine Empfehlung für die personelle Besetzung des Direktoriums der EZB an den Rat der Staats- und Regierungschefs ab. Parallel laufen die Bekanntmachungen des rechtlichen Rahmens für die Ein- führung des Euro sowie die technischen Merkmale der Euro-Münzen. Am 7./8. Mai kommt es zur Anhörung der für das Direktorium vorgeschlagenen Kandidaten durch den Ausschuss für Wirtschafts-, Währungs- und Industriepolitik des Europäischen Parlaments. Dazu wird es am 13. Mai von den Abgeordneten eine Stellungnahme zum EZB-Direkto- rium geben. In der Folge ernennen die Staats- und Regie- rungschefs das Direktorium der EZB.

Am 1. Juli wird das EWI in die EZB umgewandelt. Die gemeinsame Geldpolitik kann beginnen, wenn die nationa- len Zentralbanken auch bis zum Ende des Jahres 1998 dafür verantwortlich sind. Die europäische Währungsunion beginnt damit planmäßig am 1. Januar 1999. Das gilt aber nur für das Giralgeld. Münzen und Euro-Scheine werden im 1.  Halbjahr 2002 ausgegeben.

Damit ist möglicherweise noch nicht alles in trockenen Tüchern, wenn die Befürchtungen des Bankenpräsidenten Kohlhaussen Realität werden. Der Tag danach hat es in sich, wenn man sich der Worte des SPD-Kanzlerkandidaten, Ger- hard Schröder, erinnert. Der Euro ist für ihn eine kränkelnde Frühgeburt. Das heißt, er muss nachbehandelt werden, damit sozialpolitisch nicht alles danebengeht. Kohlhaussen:

„Die kränkelnde Frühgeburt könnte gar dahinsiechen.“ Für ihn und viele Europäer ein unerträglicher Gedanke.

Politik schlägt sich – Politik verträgt sich

 Viele Leute können den Streit um den Präsidentensessel bei der EZB nicht verstehen. Die Mehrheit der Deutschen ist sowieso gegen den Euro, wie neueste Umfragen wieder bele- gen. So will sich das Volk auch nicht sonderlich an der Dis- kussion der mit der Währungsunion zusammenhängenden Personalpolitik beteiligen. Euro-Befürworter kommen aus ganz anderen Gründen zum gleichen Ergebnis. Sie freuen sich, dass die Währungsunion in absehbarer Zeit an den Start geht und haben kein Verständnis dafür, dass man sich noch groß über die Besetzung von Posten ärgert. Europa braucht den Euro und der Euro kommt, da sei es bedeu- tungslos, wie der Mann an der Spitze der EZB heißt. Diese politische Unbedarftheit ist in Deutschland vielerorts zu beobachten.


Und dennoch ist die Besetzung der Spitzenpositionen bei der EZB das A und O der Stabilitätspolitik, die dieses Insti- tut im Sinne eines harten Euro betreiben muss. Aber auch hier gilt: In der Geldpolitik machen Männer Geschichte. Mit Statuten alleine kommt man nicht aus. Wer an der Spitze der EZB steht, hat Europa gewonnen, gewonnen für seine geld- politischen Ziele. Obendrein ist es ein prestigeträchtiges Amt, die Präsidentschaft bei der EZB.

Die Nation, die diesen Spitzenmann stellt, kann stolz auf ihn sein. Das aber ist nicht allein der Grund, warum sich Franzosen, Deutsche und Holländer streiten. Der EZB-Prä- sident ist wirklich kein König ohne Land sondern ein mäch- tiger Herr über riesige Geldströme und der außenpolitischen Waffe einer Weltwährung. Und das würden die Franzosen schon ganz gerne für sich vereinnahmen und reklamieren seit Monaten und immer schärfer die Präsidentschaft im Frankfurter Euro-Tower: Jean Claude Trichet soll’s werden. (Früher Leiter des dem Finanzministerium unterstehenden Schatzamtes in Paris. Dann Präsident der Banque de France. Die Affäre wegen möglicher Falschaussagen im Zusammen- hang mit der Staatsbank Credit Lyonnais läuft noch.)

Bei aller Qualifikation Trichets käme mit diesem Kandida- ten u. U. die traditionelle französische Geldpolitik zum Tra- gen, die mehr auf Staatseinfluss und weniger auf rigide Geldwertstabilität setzt. Premierminister Lionel Jospin hat erst gestern wieder gesagt, die Politik solle bei der EZB mit- regieren. Der EWI-Präsident, Wim Duisenberg, steht eher in der deutschen Tradition: Der Euro soll so hart werden wie der Gulden oder wie die D-Mark, was identisch wäre.

Die Auseinandersetzung eskaliert: Kohl, Waigel und Tiet- meyer wollen auf Biegen und Brechen Duisenberg durchset- zen. Die Holländer drohen im Rat mit einem Veto, falls der Franzose im Mai gekürt werden sollte. Frankreich schlägt gleichzeitig mit einer Veto-Drohung zurück, wenn der Holländer Kandidat bleibt. Sie kennen da kein Pardon für diesen Mann, der ihnen in den 70er-, 80er- und 90er-Jahren Seite an Seite mit Deutschland schon soviel Schwierigkeiten gemacht hat. Deutschland kann durchaus für Euro-Stabi- lität von Anfang an sorgen. Unter seiner Leitung kann die EZB das Profil gewinnen, wie es sich die Bundesbank über Jahrzehnte erwerben konnte: Hartes Geld für freie Bürger – gemanagt von der unabhängigen Zentralbank. Und deshalb lohnt es, für die richtige Besetzung an der Spitze der Euro- Zentralbank zu kämpfen. Die Deutschen und Duisenberg haben keine schlechten Karten. Sie müssen sie nur richtig ausreizen.

Jetzt kommt erst einmal eine Frau ins Spiel, möglicher- weise EZB-Präsidentin zu werden. Sirkka Hämäläinen, Prä- sidentin der Suomen Pankki also der Bank von Finnland, soll die EZB führen, weil sich offenbar die großen europä- ischen Staaten nicht auf einen Kandidaten einigen können. Der Spanier Luis Rojo wird auch genannt.

Aber so einfach lassen sich Deutschland und Frankreich ihren Zankapfel nicht entwinden. So leicht können die Europäer Bonn und Paris nicht von ihren Wunschkandidaten abbringen. Frankreich setzt auf Trichet. Deutschland hält in Nibelungentreue an Duisenberg fest. Auch mehrere Nachbarländer unterstützen ihn. Er soll als erster die Präsi- dentschaft übernehmen und entsprechend dem Maastricht- Vertrag auch die volle Amtszeit von acht Jahren regieren. Die von Großbritannien vorgeschlagene Teilung der Amts- periode, wonach nach vier Jahren der Franzose Trichet nachrücken sollte, wird als Vertragsbruch abgelehnt.

Da man bei der üblichen deutsch-französischen Kungelei aber nicht ganz genau weiß, ob sich Kanzler Kohl in einer schwachen Stunde nicht doch noch mit dem französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac und dessen Premierminis- ter Jospin im Kompromiss einigen könnte, wird jetzt inner- halb der Deutschen Bundesbank sehr trickreich über die Bande gespielt. Der Chef einer Landeszentralbank, hier könnte Düsseldorf ebenso infrage kommen wie München oder Berlin, hat für die nächste Zentralbankratssitzung am kommenden Donnerstag den Antrag gestellt, das oberste deutsche Währungsgremium soll unmissverständlich eine Teilung der Amtszeit für den ersten EZB-Präsidenten als Vertragsbruch brandmarken. Wenn dieser Vertragsbruch stattfände, könne die Bundesbank nicht mehr zu ihrer alten Empfehlung für die Einführung des Euro stehen. Kürzlich hat Tietmeyer dies Helmut Kohl auch schriftlich mitgeteilt. Die einzige Bestätigung, die hierzu zu bekommen ist, stammt von Finanzminister Theo Waigel. Er sagte im bayeri- schen Dingolfing: „Mir ist der Vorgang bekannt.“ Wenn die Bundesbank tatsächlich ihr Euro-Placet wegen der möglichen Teilung der Amtszeit zurückziehen würde, wäre die Partie beim EU-Gipfel völlig offen. Dann wäre es ungleich schwieri- ger für Kohl, die Währungsunion im EU-Rat durchzubringen. Mit einem Votum der Bundesbank wäre der Euro kaum zu machen. Eine Verschiebung wäre angesagt. Vielleicht würde Kohl dann etwas sicherer die Wahl gewinnen. Es kann aber auch das Gegenteil herauskommen.

Einstweilen gehen die übrigen Personalentscheidungen im Umfeld von Bundesbank und EZB ihren normalen Gang. Chefvolkswirt Otmar Issing wird als Vizepräsident bei der EZB vorgeschlagen und Finanzstaatssekretär Jürgen Stark soll Nachfolger von Johann Wilhelm Gaddum und damit Vizeprä- sident der Bundesbank werden. Er hätte damit auch Aussich- ten, im nächsten Jahr als Nachfolger von Tietmeyer Präsident der deutschen Notenbank zu werden, aber nur, wenn Kohl die Bundestagswahl gewinnt. Bei einem SPD-Wahlsieg müsste Edgar Meister aus dem Direktorium eine Chance haben. Bei neuen Regierungen gibt es aber immer unvorhersehbare Ent- wicklungen mit anderen Personalentscheidungen.

Tietmeyer: Elch-Test für die Währungsunion

 

Nicht ganz ohne Katzenjammer startet das größte Wäh- rungsprojekt der Menschheitsgeschichte. Letzte Glanzlichter verblassen in Euroland. Sogar die italienische Presse sieht einen hässlichen Anfang. Der Euro-Gipfel in Brüssel am 3. Mai hat die schlimmsten Erwartungen übertroffen. Da soll eine Währungsunion für die nächsten 1000 Jahre an den Start gebracht werden, die Wohlstand mehrt und ein für allemal Kriege in unserem Alten Kontinent verhindern soll – so jedenfalls sagte es wiederholt Kanzler Kohl, um sich für sein D-Mark-Opfer zu entschuldigen – die hohen Herren beginnen aber mit verbalen Schlägereien und dem faulsten Kompromiss, der überhaupt denkbar ist. Wim Duisenberg, der Hoffnungsträger für eine stabilitätsgerechte Geldpolitik wurde in wenigen Stunden zum alten Mann zurechtgestutzt, der die Last der vollen Amtszeit eines Präsidenten der EZB auf einmal nicht mehr durchstehen kann. Das Alter Duisen- bergs ist aber seit 62 Jahren bekannt und trotzdem hatte er sich verpflichtet und er wurde verpflichtet, für acht Jahre an der vordersten Euro-Front zu stehen. Darauf bauten die deutsche und niederländische Politik und das Wohlwollen noch anderer Bundesgenossen.

Und dann der jämmerliche Zusammenbruch. Duisenberg regiert auf Abruf, bis die „europäische Krankheit“ ihn arbeitsunfähig macht. Diese deutsche Führungsschwäche, die erst den Bruch des Maastricht-Vertrages nach Geist und Buchstaben möglich machte. Die einzelnen Tricks, die das noch beschönigen sollen, kann man wirklich vergessen. Die Teilung der Amtszeit ist da. Glänzend dagegen die Statur Frankreichs. Paris liefert immer wieder Aktionen, die beim Beobachter neidvoll den Chapeau lupfen lässt. Die Franzo- sen sind glänzende Diplomaten, die ein Ziel fixieren und die- ses systematisch angehen. Sie haben nun in wenigen Jahren ihren Jean Claude Trichet als ersten EZB-Präsidenten, der die volle Amtszeit absolviert, und steigen sofort mit dem Posten des Vizepräsidenten in die oberste Riege der neuen Zentralbank. Da wo Otmar Issing hingehört hätte, sitzt jetzt der smarte Christian Noyer. (Um Europa zurechtzurücken, darf angemerkt werden, dass natürlich einem Deutschen die erste Präsidentschaft zugestanden hätte und Frankreich der Vizepräsidentenposten.)

Alles andere, auch ein Abbruch der Verhandlungen (der nur sehr vorübergehend gewesen wäre) in Brüssel wäre bes- ser gewesen als dieser unwürdige Start der Währungsunion auf dem Rücken eines alten Mannes. Kanzler Kohl wollte mit seiner Währungsunion ein krisen- und kriegsfreies Europa schaffen. Das wird immer weniger zu erhoffen sein, solange sich Deutschland nicht in der Lage sieht, einen ange- messenen Platz im Gleichgewicht der europäischen Staaten einzunehmen und zu behaupten.

Die politische Säule für Europa kann so nicht errichtet werden. Was aber erreicht wurde, heißt zunehmender Ein- fluss der Politik auf die Europäische Zentralbank und auf ihre Bemühungen, einen stabilen Euro zu kreieren und zu managen. Die Deutschen hatten mal was von Geldpolitik verstanden, aber die Bundesbank ist in diesem Punkte nun ausgeschaltet. Die Franzosen verstehen etwas von Politik und diese wird auch beim Geld Vorrang haben.

Ernst Welteke, Präsident der Hessischen Landeszentral- bank, präzisiert im Hessischen Rundfunk den „diplomati-schen Kompromiss“ von Brüssel: „Duisenberg, der nicht verpflichtet ist, vor Ablauf der Amtszeit von acht Jahren sei- nen Posten zu räumen, wird einen Nachfolger bekommen, der einstimmig von den Staats- und Regierungschefs ge- wählt werden muss. Bisher gibt es nur den französischen Vorschlag, Jean Claude Trichet, den jetzigen Präsidenten der Banque de France, nach vier Jahren zum Präsidenten der EZB zu machen.“ Weltekes Prognose: „Es wird holprig zugehen bei der EZB.“

Eine knappe Woche ist vergangen. Erstmals nach dem politischen Desaster des Brüsseler Gipfels haben sich in Frankfurt die Notenbankgouverneure des EWI (das noch bis Mitte des Jahres existiert) zu ihrer Mai-Sitzung getroffen. Intern sind da die Fetzen geflogen. Nach draußen drangen allerdings nur mehr oder weniger ausgewogene Reden und zwar auf dem dafür vorgesehenen gesellschaftlichen Ereig- nis: Internationaler Frankfurter Bankenabend. Da kamen die Spitzen des Währungsinstituts, der künftigen Europä- ischen Zentralbank und der Bundesbank zusammen.

Beim Gala-Diner im Kaisersaal des Römers hatte Sirkka Hämäläinen, die Präsidentin der finnischen Zentralbank, ihren großen Auftritt. Sie war am vergangenen Wochenende in Brüssel als Direktoriumsmitglied für die EZB bestimmt worden, genau so wie Otmar Issing (Deutschland), Euginio Domingo Solans (Spanien) und Tommaso Padoa-Schioppa (Italien). Hämäläinen sprach zum Thema: „Auf dem Weg zu einer glaubwürdigen Währung für Europa“. Für sie ist Glaub- würdigkeit für die Europäische Währung nur dann gewähr- leistet, wenn das „europäische“ Interesse der Stabilitätspolitik vor dem nationalen der einzelnen Länder rangiert.

Tietmeyer kam die Aufgabe zu, der Dame zu antworten. In seiner ebenfalls in Englisch gehaltenen Rede sagte er: „Nun hat nicht alles, was sich am vergangenen Wochenende in Brüssel zugetragen hat, zur notwendigen Erwartung bei- getragen, dass der Euro eine tatsächlich supranationale Währung wird. Die EZB müsse von Beginn an bemüht sein, das notwendige Vertrauen für die dauerhafte Stabilitäts- orientierung ihrer Politik aufzubauen und ihre Unabhängig- keit von politischen Einflüssen unter Beweis zu stellen. Als Mitglied des künftigen EZB-Rates will sich Tietmeyer mit Nachdruck dafür einsetzen.

Indem Tietmeyer Frau Hämäläinen ansprach, gab es Sei- tenhiebe für die Franzosen. „Ich hoffe, dass Sie als Direkto- riumsmitglied auch viel von Frankfurt haben. Denn würde künftig jedes der elf nationalen Parlamente – so wie es in der französischen Nationalversammlung verlangt wird – mit den Mitgliedern des EZB-Direktoriums regelmäßige Kon- sultationen abhalten wollen, würden Sie von Frankfurt wohl nicht mehr sehen als den Flughafen.“ Für Tietmeyer stehen die Finnen nicht nur sonntags zu Europa und nicht nur dann, wenn es Geld aus Brüssel gibt.

Der Bundesbankpräsident stellte in seiner Rede auch men- tale Verwandtschaften zwischen Deutschen und Finnen fest. Sie drückten sich zwar nicht immer mit jener Eleganz und Leichtigkeit aus, die Vertreter mehr lateinisch beeinflusster


Kulturen so perfekt beherrschen. Finnen und Deutsche zeich- neten sich aber durch einen hohen Sinn für Realität, ein kla- res, wenn auch manchmal hartes Urteil und eine gesunde Bodenhaftung aus. Die Finnen mögen seine klare, realistische Sichtweise anstatt verschnörkelter Affektiertheit, sagte Tiet- meyer. „Außerdem wenn der Euro einmal in Fahrt sei, müsse die Währung ihren Elch-Test bestehen. Und die Deutschen freuen sich, wenn da eine Finnin am Steuer sitzt, denn die Fin- nen verstehen was von Elchen.“ Die Deutschen hätten auch stets begrüßt, wenn das finnische Geld den Namen für die Europa-Währung hergegeben hätte: Mark bliebe Mark.

An diesem Internationalen Frankfurter Banken-Abend wollte Tietmeyer durchaus nicht zurücktreten, auch wenn Auguren am Londoner Finanzplatz dies prognostiziert hat- ten und die Franzosen dies vielleicht auch gerne sähen.

Tausendjähriges Frankfurt und große Zukunft

Die alte Kaiserstadt Frankfurt ist in der vergangenen Nacht in eine ruhmreichere Zukunft hineingeschlafen, als sie in der tausendjährigen Geschichte jemals hat auf sich vereinen können. Die Kaiserwahl und -krönungen in vielen Jahrhun- derten hatten es in sich und verbreiteten Glanz. Da schlug das Herz des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation hier am Main. Ansonsten zerfledderte aber die Reichsver- waltung auf diverse Herrensitze und Kaiserpfalzen zwischen Apulien und Aachen, Madrid und Wien. Zur Europäischen Währungsunion gehören aber auch Frankreich und die Nie- derlande, Irland und Finnland. Außerdem ist sie auf Zuwachs ausgelegt. Griechenland, Schweden, Dänemark und das Vereinigte Königreich kampieren im Vorhof. Andere stoßen mit der Zeit noch dazu. Und dieses Territo- rium mit gegenwärtig schon über 300 Millionen Einwoh- nern hat von Stund an Frankfurt als seinen Mittelpunkt.

Offiziell am 1. Juni 98 gegründet nahm die Europäische Zentralbank einen Tag später ihre Arbeit auf: Geld regiert die Welt. Zu einer geistreicheren Lösung z. B. der Erarbei- tung und Verabschiedung einer Verfassung waren die 15 EU-Gründerstaaten bisher nicht fähig. Frankfurt profitiert aber davon. Die Europäische Zentralbank wird in den nächsten Jahrzehnten zum bedeutendsten Geldhaus der Welt heranwachsen. Der Euro wird als Weltwährung Dollar und Yen übertrumpfen. Selbst das volkreiche China wird da lange, lange aufblicken müssen. Damit aber die gemeinsame europäische Währung gut gemanagt auch entsprechend stark herangewachsen kann, müssen das Direktorium und der Zentralbankrat der EZB wie ein Uhrwerk zusammenar- beiten, allein im Interesse eines werthaltigen Geldes für Europas Bürger. Geldwertstabilität stellt ein hohes Gut dar, das jeden Tag neu erkämpft werden muss, Die großen Feten kommen erst noch zum Monatswechsel. Premierminister Tony Blair wird als amtierender EU-Rats- präsident erscheinen und Jacques Santer, Präsident der EU-Kommission. Ungeachtet dessen hat die EZB bereits ihre Arbeit aufgenommen, auf kleinem Dienstweg und zwar mit der 1. Sitzung des Direktoriums. Unter der Leitung von Prä- sident Duisenberg sind die sechs Direktoriumsmitglieder zusammengekommen. Die lockere Tagesordnung hatte ein wesentliches Thema: die Ressortverteilung! Ganz gewiss legt der deutsche Professor Otmar Issing seine Hand auf die Geldpolitik. Er beansprucht die Volkswirtschaftliche Abtei- lung plus Forschung.

Immerhin hat sich der 62-Jährige für volle acht Jahre ver- pflichten lassen. So kann er Duisenberg dienen und Trichet noch über zwei Jahre domestizieren. Insbesondere will er aber den jungen Leuten im Hause Geldpolitik deutscher Provenienz beibringen. Nach seiner Nominierung in Brüssel hatte Sieglinde, seine Frau, zu ihm gesagt: „Otmar es ist jetzt soviel Gutes über dich geschrieben worden. Das kann nicht besser werden. Hänge den Job an den Nagel und bleibe daheim.“ Drahtig, wie er ist, will der durchtrainierte Leicht- athlet noch acht Jahre lang der Nation und Europa dienen. Der Würzburger Issing (Jahrgang 36) gehörte immer zu den kritischen Befürwortern des Euro. Das wird künftig der Stabilität der Währung gut tun. Bezüglich der anzuwenden- den Geldpolitik wird der Deutsche sicherlich zu den Falken im Direktorium gehören. Dabei kann er auf Duisenberg (Jahrgang 35) zählen (zuständig für Öffentlichkeitsarbeit, Sekretariat, Protokoll, Revision). Ganz bestimmt wird auch die einzige Frau im Direktorium, die Finnin Sirkka Hämäläi- nen, die Hand zugunsten des Issings erheben, wenn es eines Tages zu einem geldpolitischen Rütli-Schwur kommen sollte. Die promovierte Volkswirtin (Jahrgang 1939) war zuletzt Präsidentin der finnischen Zentralbank. Sie ist zu-ständig für Controlling und Organisation.

Bei den drei Romanen wird viel von dem Spanier Eugenio Domingo Solans abhängen, ob das Direktorium eine unan- gefochtene, stringente Geldpolitik verfolgt oder eher die laxe Variante bevorzugt. Er ist zuständig für Statistik, Bank- noten und Informationssysteme. Der 1945 in Barcelona geborene Wirtschaftswissenschaftler verfügt in Spanien über allerbeste Kontakte zu Regierung und höchsten Wirtschafts- kreisen.Solans war vor vier Jahren aus dem privaten Bank- geschäft in die spanische Notenbank gewechselt. Die typisch französische Note wird Vizepräsident Christian Noyer ins Direktorium einbringen (zuständig für Verwaltung, Perso- nal, Recht). Der erst 47 Jahre alte Jurist und ENA-Absolvent leitete das französische Schatzamt und gehört damit eindeu- tig in die höchste politische Riege von Paris. Noyer wird in dieser Beziehung nicht unbedingt die Unterstützung des Ita- lieners Tommaso Padoa-Schioppa (Internationale und europäische Beziehungen, Zahlungsverkehrssysteme und Aufsichtsfragen) finden, den Rom nach Frankfurt geschickt hat. Der 1940 in Belluno geborene italienische Geldpolitiker soll ein liberaler Mann sein. Er hat lange unter EU-Präsident Delors in Brüssel gearbeitet. Für dieses Gremium dürfte das Wichtigste sein, zu einer guten Zusammenarbeit zu kom- men. Nur so können die sechs Direktoren die elf Gouver-

 

neure im Zentralbankrat einigermaßen in Schach halten. Das hat schon am 9. Juni seine Bedeutung, wenn erstmals der Zentralbankrat tagt und vorher schon der „Erweiterte Rat“ seine Sitzung hatte. Um es auf den kürzesten Nenner zu bringen: Das Direktorium macht die Arbeit. Der Zentral- bankrat legt die Geldpolitik fest und der „Erweiterte Rat“ kümmert sich um die Brückenfunktion zu jenen vier Län- dern, die nicht von Anfang an beim Euro mitmachen, also Griechenland, Dänemark, Schweden und England. Zum „Erweiterten Rat“ gehören die Notenbankpräsidenten aller 15 EU-Staaten plus dem EZB-Präsidenten Duisenberg und dessen Stellvertreter, Vizepräsident Christian Noyer. Die anderen Mitglieder des Direktoriums können auch an des- sen Sitzungen teilnehmen, haben aber kein Stimmrecht.

Konklave für ein Wirtschaftswunder

– Eine Rückbesinnung –

  1. Juni 1998

Kaum war der 2. Weltkrieg beendet, tüftelten die Sieger- mächte an Währungsmodellen für das zerstörte Deutsch- land. Und letztlich wurde wieder eine Kaserne und zwar in Rothwesten bei Kassel Fixpunkt für weitreichende Strate- gien des in Zonen geteilten Landes. So ist es nur logisch, dasszum Jubiläum ein Oberstleutnant die Honneurs machte. Wolfgang Köpke, Kommandeur des Gemischten Flugab- wehrregiments 2, meldete: „Vor 50 Jahren, vom 21. April  bis zum 8. Juni 1948, fand im Haus Posen dieser Kaserne das Konklave von Rothwesten zur Vorbereitung der Währungsreform statt. Dieses für die Bundesrepublik Deutschland so wichtigen, geschichtlichen Ereignisses wol- len wir uns heute erinnern.“

Das Konklave stand unter der höchsten Sicherheitsstufe. Es wurde im Umland daher von Atom-Kriegs-Strategien gemunkelt, die hier ausgekocht werden sollten. Brisanz hatte das Projekt „Neue Mark“ aber ganz bestimmt. Bun- desbankpräsident Hans Tietmeyer erinnerte an die schlechte Zeit: „Drei Jahre voller Not und Elend. Es mangelte am Nötigsten: Nahrung, Heizmaterial, Rohstoffe. Und  vor  allem mangelte es an einer Währung, die Vertrauen genoss. Es waren aber auch drei Jahre, in denen die Scheinwerfer der Weltgeschichte erschreckend schnell umschwenkten – von dem gerade zu Ende gegangenen, beispiellos zerstöreri- schen Krieg zum Ost-West-Konflikt. Doch immer mehr schob sich eine dramatische Frage in den Vordergrund: War eine vierzonale Währungsreform unter den Bedingungen eines wirtschaftlich und gesellschaftspolitisch gespaltenen Deutschlands überhaupt zu verantworten? Wilhelm Röpke etwa beschimpfte Pläne, die die Sowjets einschlossen, als eine Sabotage der Währungsreform. Am 20. März 1948 taten die Russen dem Westen dann den Gefallen, den Ver- handlungstisch der Vier Mächte zu verlassen. Und so konnte das Währungsreform-Duell zwischen West und Ost begin- nen.“

 

Es war ein munteres Machtspiel, das die Amerikaner mit der neuen deutschen Währung in Gang setzten. Tatsächlich geriet die Sowjetunion unter Druck, als die USA beschlos- sen, neues Geld für Deutschland zu drucken, aber keines- falls, wie von den Sowjets vorgeschlagen, im russisch besetz- ten Leipzig. Mit dem 20. März war alles erledigt.

Amerikaner und Briten, dann auch gemeinsam mit den Franzosen, schufen das neue Geld, das Deutsche Mark heißen sollte. Der deutsche Einfluss war bei den vorlaufen- den strategischen Beschlüssen damals recht gering. Außer- dem wurden von Anfang an erhebliche Vermögensunter- schiede festgemauert. Rudolf Stoepel, Bürgermeister der Gemeinde Fuldatal, wozu Rothwesten gehört, fasste zusam- men: „Dabei muß man auch bedenken, daß entgegen ande- rer Behauptungen die Ausgangsbasis für alle im Juni 1948 eben nicht gleich war. Nicht jeder hat nur mit 40 DM ‚Kopf- geld‘ angefangen. Viele brachten ihr Produktionsvermögen, ihre Warenvorräte, ihr Eigentum an Grund und Boden in diese neue Wirtschaftsordnung ein und hatten daher natür- lich riesige Startvorteile denen gegenüber, die nicht im Besitz von Grund und Boden und von Produktivkapital waren, die nicht im Wirtschaftsraum der neuen Währung lebten und die somit nicht das Glück hatten, in politischer und wirt- schaftlicher Freiheit ihren Weg zu gehen.“

Letztlich haben sich die amerikanischen Geldstrategen durchgesetzt und flankierend kam der D-Mark die liberale Marktwirtschaftspolitik von Ludwig Erhard zugute. So konnte Tietmeyer zurückblicken: „Heute – fünfzig Jahre später – wissen wir, welche Karriere das einstige Besatzungs- kind machen konnte. Schon zehn Jahre nach ihrer Geburt wurde die Deutsche Mark vollständig konvertibel. Bald dar- auf wurde sie sogar Aufwertungskandidat gegenüber dem Dollar und anderen renommierten Währungen. In den Acht- zigerjahren übernahm sie zunehmend eine internationale Rolle als Anlage und Reservewährung.“ Die DM wurde Leitwährung in Europa, nicht nur innerhalb der EU, son- dern auch darüber hinaus, und Hebelarm für die Wiederver- einigung. Nun ist sie das stärkste Fundament für die gemein- same Europäische Währung. Die in Rothwesten versamm- elte Geldgemeinde drückte schließlich das Problem: Hof- fentlich wird es mit dem Euro ebenso gut gehen.

Requiem für eine Weltwährung

In der Paulskirche: „50 Jahre Deutsche Mark“

  1. Juni 1998

Musikalischer Auftakt: Johann Christian Hertel:  Con- certo D-Dur für Trompete, Flöte, Oboe, Violine, Violoncello und Basso continuo – Allegro

– Beifall –

Johann Wilhelm Gaddum, Vizepräsident der Deutschen Bundesbank:

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, sehr geehrter Herr Bun- deskanzler, Exzellenzen, sehr geehrter Herr Bundesminister, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, sehr geehrter Herr Minister, sehr geehrte Herren Staatssekretäre, sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete, sehr geehrte Frau Präsiden- tin, sehr geehrte Herren Präsidenten, sehr verehrte Frau Ober- bürgermeisterin, sehr verehrte Damen, meine Herren!

Am 20. Juni 1948 war in der „Neuen Zeitung München“  zu lesen, dass das Armeeministerium und das Außenministe- rium der USA in einer gemeinsamen Erklärung die Wäh- rungsreform in Deutschland als eine „rein technische Maß- nahme unpolitischer Natur“ bezeichnet haben.

Wir Heutigen werden in der Rückschau wohl ein anderes Urteil über die Bedeutung dieses Tages haben.

Wenn die Bundesbank in die Paulskirche eingeladen hat, um nach fünfzig Jahren an den Tag der Währungsreform zu erinnern, ist dies zugleich eine Demonstration für den Auf- trag, den Notenbankpolitik hat und dem wir uns verpflich- tet fühlen:

Eine stabile und Vertrauen bildende Geldordnung als Fun- dament unserer staatlichen Ordnung zu sichern.

Ich begrüße deshalb mit großer Freude die Repräsentanten dieser Republik, ich begrüße insbesondere den Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland, Herrn Professor Herzog, sehr herzlich.

  • Beifall –

Ich freue mich, Herr Bundeskanzler Dr. Kohl, dass Sie auch aus diesem Anlass wieder zu uns gekommen sind und zu uns sprechen werden.

  • Beifall –

Der Erfolg der Währungsreform 1948 war davon abhän- gig, dass mit der Währungsreform zugleich mutige politi- sche Entscheidungen gegen erheblichen Widerstand die Tür zur Marktwirtschaft aufgestoßen haben.

Ludwig Erhard ist nicht der Vater der Währungsreform, aber wenn wir heute die Erfolgsgeschichte der D-Mark fei- ern, haben wir uns gleichzeitig daran zu erinnern, dass sein Vertrauen in marktwirtschaftliche Ordnungsprinzipien an der Wiege dieser Währung stand.

Ihre Anwesenheit, Herr Minister Dr. Waigel, unterstreicht den guten Kontakt und die gute Zusammenarbeit der Bun- desregierung mit der Bundesbank, wenn es um die Stabilität unserer Währung geht.

  • Beifall –

 

  • Die Ludwig-Erhard-Stiftung pflegt die Erinnerung an Lud- wig Erhard. Sie steht aber zugleich für eine Politik in seinem Sinne ein und damit auch für eine stabile Währung. Ich begrüße ihren Vorsitzenden, Herrn Staatssekretär a. D., Dr. Otto Schlecht, sehr herzlich.

    – Beifall –

    Die Währungsreform war eine Entscheidung der damali- gen Besatzungsmacht. Sie erfolgte im Umfeld zunehmender Ost-West-Spannung. Dass wir in diesen Tagen auch an die Luftbrücke nach Berlin erinnern, macht dies deutlich.

    Der damalige sowjetische Oberbefehlshaber Sokolowsky erklärte am 20.6.1948 in einem Aufruf: „Mit der Wäh- rungsreform ist die Teilung Deutschlands vollendet.“

    1989 war ausgerechnet diese D-Mark ein wichtiger Mei- lenstein auf dem Weg zur Deutschen Einheit. Wir erinnern uns: „Entweder kommt die D-Mark zu uns oder wir kom- men zur D-Mark“, hieß es in der DDR.

    Entstehung und Geschichte der D-Mark sind eng verbun- den mit den Entscheidungen der damaligen Besatzungs- mächte, die in den der Währungsreform folgenden Jahren – ich denke hier insbesondere an Berlin – unsere Schutzmächte wurden. Ich begrüße herzlich den Botschafter der Vereinig- ten Staaten von Amerika, Herrn Kornblum.

    –  Beifall –

    In dem sogenannten Konklave von Rothwesten haben zwischen dem 20. April und dem 8. Juni 1948 deutsche mit amerikanischen Sachverständigen die Modifikationen der Währungsreform beraten auf der Basis der amerikanischen Vorschläge. Die Vorstellungen waren unterschiedlich und das Ergebnis ein Kompromiss – aber ein, wie wir heute wis- sen, erfolgreicher Kompromiss.

    A young American officer, who at that time was secretary to the financial director of the US military government, had responsibility for coordinating the negotiations. In that capacity, Edward A. Tenenbaum played a major role in sha- ping the 1948 currency reform in Germany. Sadly, he was the victim of a car accident in 1975. It gives me very great pleasure to welcome her today Mrs Jeanette Tenenbaum and her daughter, Anne Tookey.

    –  Beifall –

    We are delighted that you have accepted our invitation. Die Bundesbank ist bei ihrer Politik für die D-Mark seit ihrem Bestehen stets mit Rat, mit Kritik und Unterstützung seitens der Fachwissenschaften und durch sachkundige Journalisten begleitet worden. Ich begrüße ihre Vertreter heute unter uns.

    Dieser Gruß gilt insbesondere den Wissenschaftlern, die als Autoren an der Jubiläumsschrift „50 Jahre D-Mark“ mitgearbeitet haben.

    In der öffentlichen Diskussion vermitteln manche Stim- men den Eindruck, Notenbankpolitik, sei es in der Bundes- bank, sei es künftig in der Europäischen Zentralbank, müss- te sich notwendigerweise in streitfreier Harmonie ent- wickeln. Schon Meinungsunterschiede gelten als sachfrem- der Streit und als Übel. Aber Auseinandersetzung nicht als Übel, sondern als Methode zu akzeptieren, um zu abgewo- genen Kompromissen und zu gemeinsamen Entscheidungen zu kommen, prägt auch eine erfolgreiche Geldpolitik.

    Frau Oberbürgermeisterin Roth, Sie haben kürzlich von dieser Stelle hier im Rückblick auf das 48er-Parlament die Paulskirche als Ort der Auseinandersetzung bezeichnet. So fühlt sich die Bundesbank hier sehr gut aufgehoben. Wir danken, dass wir in der Paulskirche feiern können, und ich begrüße Sie, die Mitglieder des Magistrats und der Stadtver- ordnetenversammlung herzlich.

    –  Beifall

    Es gibt in der Geldpolitik allerdings einen nicht unwesent- lichen Unterschied zur parlamentarischen Meinungsbildung. Notenbankverantwortliche sind gut beraten, ihre Auseinan- dersetzungen intra muros zu führen und zu einem Ergebnis zu bringen.

    –  Beifall –

    Öffentlich ausgetragene Meinungsunterschiede und viel- farbige Äußerungen machen das Erscheinungsbild der Notenbank unscharf, und dies schwächt ihre Führungsrolle und bekommt der Erwartungsbildung bei unseren Ge- schäftspartnern nicht gut.

    Diese Geschäftspartner sind in erster Linie die Institutio- nen der Kreditwirtschaft, nämlich Banken, Sparkassen und Genossenschaften. Sie prägen den Finanzplatz Deutschland gemeinsam – wenn auch auf unterschiedliche Weise. Es ver- bindet sie aber die Einsicht, dass das Vertrauen in die D-Mark wesentlich auch Grundlage des Vertrauens in sie ist. Dies war bis zum heutigen Tage so und ist Basis einer guten Zusammenarbeit. Ich begrüße die Vertreter der Kre- ditwirtschaft sehr herzlich.

    – Beifall –

    Wir feiern den Geburtstag der D-Mark, aber unter uns sind auch Bürger und Bürgerinnen dieser Stadt, die heute einen ganz persönlichen Geburtstag haben, nämlich heute 50 Jahre alt werden. Ich gratuliere Ihnen sehr und freue mich, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind.

    –  Beifall –

    Für die Deutschen in Ost und West verbindet sich mit der D-Mark ein sehr unterschiedliches Erleben in diesen 50 Jah- ren. Wir verstehen unsere Währung als ein Symbol unserer wiedergewonnenen staatlichen Einheit. Und deshalb freue ich mich besonders, dass auch Bürgerinnen und Bürger aus Sachsen-Anhalt sowie aus den Freistaaten Sachsen und Thüringen unter uns sind, die im Jahr 1948 geboren wur- den.

    –  Beifall –

    Die Autonomie der Notenbank, die uns der Gesetzgeber eingeräumt hat, ist nicht Selbstzweck. Sie verbietet uns Abhängigkeiten und eine an Einzelinteressen oder Gruppen- interessen ausgerichtete Geldpolitik. Ihnen allen, die Sie als Vertreter von Institutionen, Verbänden, als Mitarbeiter – kurzum als Bürgerinnen und Bürger unseres Staates – heute in der Paulskirche sind, sind wir verpflichtet. Sie sind uns herzlich willkommen.


    Unsere Verpflichtung gegenüber unseren Bürgern wird am 1. Januar 1999 die Europäische Zentralbank überneh- men. Sie hat vor wenigen Tagen ihre Arbeit aufgenommen. Ein früherer Kollege, Herr Professor Gleske, erinnerte mich kürzlich an die Bemerkung, mit der 1957 Bremens Finanzsenator Nolting-Hauf seinen Bericht anlässlich der Beratungen des Bundesbankgesetzes im Wirtschaftsrat abschloss.

    „Institutionen werden für Menschen geschaffen. Was diese Menschen aus ihnen machen, hängt von ihrem Han- deln ab. Hoffen und wünschen wir, dass die Persönlichkei- ten, denen diese Institution anvertraut ist, den Gebrauch von ihr machen, den wir erwarten.“

    Ich habe diese Hoffnung und setze dieses Vertrauen in die Frauen und Männer, die in der Europäischen Zentralbank die Stafette übernehmen und begrüße sehr herzlich Herrn Präsident Duisenberg und Herrn Professor Dr. Issing.

    – Beifall –

    Ich bin in jüngster Zeit – und das wird nicht nur mir so gehen – gefragt worden, ob ich traurig sei, dass Geburtstag und Abschied von der D-Mark nahezu zusammenfielen.

    Ich denke, wir haben dazu keinen Grund. Der Start in die D-Mark – und daran sollte man einmal erinnern – war alles andere als leicht. Er war alles andere als unumstritten. Es gab sehr heftige Auseinandersetzungen. Es gab viel Zweifel. Es gab viel Misstrauen – das kommt uns alles sehr bekannt vor – und doch wurde die D-Mark die Erfolgsgeschichte des gegen alle Widerstände durchgesetzten Zusammenwirkens von Marktwirtschaft und stabilitätsorientierter Geldpolitik. Es gibt für mich keinen Grund, warum wir nicht bei einer Politik nach den gleichen Prinzipien auch auf den gleichen Erfolg vertrauen sollten.

    –  Beifall –

    Dies, meine Damen und Herren, ist die Botschaft des Geburtstages der D-Mark an die europäische Währungszu- kunft. Somit verbindet dieser Geburtstag Vergangenheit und Zukunft, deutsche und künftig europäische Währungspolitik.

    –  Beifall –

    Professor Dr. Dr. h.c. mult. Hans Tietmeyer, Präsident der Deutschen Bundesbank Sehr geehrter Herr Bundespräsident, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, Exzellenzen, Herr Bundesminister, Herr Ministerpräsident, meine Herren Präsidenten und Abgeord- neten, meine sehr verehrten Damen, meine Herren!

    50 Jahre – fast scheint es, als ob diese Zeitspanne zu einer besonderen Schicksalszahl für deutsche Währungen wird.

    50 Jahre – so alt wurde die erste gemeinsame Währung der Deutschen: die Mark, die 1873 nach der Reichsgrün- dung entstand und in den Wirren der Hyperinflation von 1923 unterging.

    25 Jahre – also etwa die Hälfte von fünfzig – liegen zwi- schen dem Geldschnitt von 1923 und jenem von 1948, der die inflatorische Hinterlassenschaft der Hitlerschen Kriegs- finanzierung beseitigte.

     

    50 Jahre alt wird heute die Deutsche Mark. Und dies wird zugleich ihr letzter Jahrestag als eigenständige Währung sein. Doch könnte man sich das Ende dieser drei Epochen deut- scher Währungsgeschichte eigentlich unterschiedlicher vor-

    stellen? Wohl kaum!

    Im Jahre 1923 ging eine zerrüttete Währung unter. Nicht nur die Währung, auch die Reichsbank war desavouiert. Die Realität hatte ihre Idee und ihr Verständnis von Geldpolitik widerlegt. Zugleich hinterließ die Inflation von 1923 auch eine schlimme Hypothek für das weitere politische Schicksal unseres Landes.

    Im Jahre 1948 musste der inflatorische Trümmerhaufen des Hitler-Regimes beseitigt und die Grundlage für einen Neuanfang gelegt werden. Eine neue Währung musste quasi bei Null anfangen, also ohne an eine erfolgreiche Tradition anknüpfen zu können.

    Am Beginn standen keine Jubelfeiern, keine Feuerwerke, sondern nur einige dürre, stereotyp sich wiederholende Worte des Kontrolloffiziers und Sprechers im Radio Frank- furt Robert Lochner: „Das neue Geld heißt: Die Deutsche Mark. Jede Deutsche Mark hat 100 Deutsche Pfennig. Das alte Geld – die Reichsmark, die Rentenmark und die alliierte Militärmark – ist vom 21. Juni ab ungültig.“ Soweit die Message von Robert Lochner.

    Welch ein Gegensatz zu heute! Ende dieses Jahres wird die Deutsche Mark als eine hochgeschätzte Währung eingehen in eine neue, größere Währung, den Euro. Sie wird dabei ihre innere und äußere Stabilität mitbringen.

    Wenn die Bundesbank dann ihre geldpolitische Entschei- dungskompetenz abgibt, so tut sie dies als eine national wie international geachtete Institution. Das Wichtigste dabei ist: Niemand wird durch die Umstellung auf das neue Geld irgend etwas verlieren. Im Gegenteil! Auch die Deutschen werden bei einem stabilen Euro Gewinner sein.

    Zum ersten Mal in der turbulenten deutschen Währungs- geschichte dieses Jahrhunderts startet eine neue Währung so nicht mit dem Auftrag, bestehendes Unheil zu lindern oder alte Fehler zu korrigieren. Nein, die neue Währung Euro wird starten mit dem Auftrag, das vorhandene Erbe der Sta- bilität zu bewahren, daran anzuknüpfen und es zu mehren. Natürlich fällt der Abschied von der D-Mark vielen Men- schen nicht leicht. Die D-Mark ist nämlich ein Teil, ja ein prägnantes Symbol deutscher Nachkriegsentwicklung und auch der neuen Republik in Deutschland geworden. Gewiss, jede nationale Währung repräsentiert den jeweiligen Staat. Und doch: Das Band zwischen der D-Mark und der Bundes-

    republik Deutschland ist wohl ein Stück enger als üblich.

    Das hat auch zu tun mit dem Ereignis, dessen wir heute gedenken. Die Währungsreform vom 20. Juni 1948 ist im Bewusstsein der Deutschen so etwas wie der Neuanfang nach dem Kriege.

    Sie ist – im wahrsten Sinne des Wortes – ein Mark-Stein. Viele Menschen im Westen, die den 20. Juni erlebten, haben ihre persönliche Zeitrechnung für jene Tage unterteilt in die Zeit „vor und nach der Währung“. Wie übrigens auch für

    viele Ostdeutsche der 1. Juli 1990 mindestens ebenso bedeutsam ist wie der bald folgende 3. Oktober.

    Die Währungsreform 1948 war ein Wendepunkt für die spätere Bundesrepublik, vielleicht mehr noch als deren for- melle Gründung selbst.

    Doch wie die Währungsreform an der Wiege des west- deutschen Staates steht, so steht sie auch – und das ist die andere Seite – an der Verfestigung der deutschen Teilung nach dem Krieg. Hierin liegt ein Stück Tragik. Wie in der griechischen Tragödie ist die Währungsreform unschuldig schuldig geworden. Und dieses Schicksal war ab einem gewissen Punkt in den ersten Nachkriegsjahren vorherbe- stimmt.

    Denn was waren die Alternativen angesichts der damals immer deutlicher hervortretenden Ost-West-Gräben in Deutschland und angesichts des herannahenden Kalten Krieges? Die Währungsreform hinauszögern? Das hätte geheißen, die Not vorsätzlich zu verlängern. Weiterhin alles auf die Karte einer vierzonalen Währungsunion zu setzen? Etwa um die Gefahr eines noch längeren qualvollen Tauzie- hens? Oder um den Preis einer Einflussnahme des Ostens auf Währung und Wirtschaftsordnung im Westen?

    Nein, die Gräben waren längst zu tief. Nicht die trizonale Währungsreform hat die Spaltung Deutschlands verursacht. Umgekehrt, die faktisch bereits bestehende politische Ost- West-Spaltung hat die Währungsreform auf Trizonesien, wie es damals hieß, begrenzt.

    Die D-Mark und die darauf folgende Ostmark wurden so zu Visitenkarten ihrer Systeme. Hier die frei verwendbare, zunehmend international anerkannte Währung. Dort die begrenzt funktionsfähige Währung, die sich nie aus den Klammern der Plan- und Kommandowirtschaft befreien konnte. Für die Menschen im Osten wurde die D-Mark – fast noch mehr als für die Westdeutschen – schon bald zum Symbol für Wohlstand und für Freiheit. Für mehr als vierzig Jahre jedoch zum meist fernen, unerreichbaren Symbol.

    Dann, im Jahre 1989, rückte das vorher unerreichbar Scheinende plötzlich näher. Die Menschen im Osten forder- ten Freiheit und gleiche Lebenschancen. Herr Gaddum hat schon darauf hingewiesen, das Aufbegehren goss sich in die Formel: „Kommt die D-Mark nicht zu uns, dann kommen wir zur D-Mark.“

    Mit der Einführung der D-Mark am 1. Juli 1990 ging unsere Währung dem auch politisch bald wiedervereinigten Deutschland ein Stück voraus. So besiegelte die D-Mark nicht nur die Teilung unseres Landes, sondern auch das Wie- derzusammenfügen.

    Und Ihnen, Herr Bundeskanzler, gebührt das historische Verdienst, die von der Geschichte gebotene Chance mutig ergriffen zu haben.

    – Beifall –

    Die Deutsche Mark ist heute ein anerkannter Bestandteil dieser Republik. Sie ist damit zugleich Bestandteil der demo- kratischen, freiheitlichen und sozialen Orientierung dieses Staates.

     

    Joseph Schumpeter hat das so berühmt gewordene Wort geprägt: „Im Geldwesen eines Volkes spiegelt sich alles, was dieses Volk will, tut, erleidet, ist; und zugleich geht vom Geldwesen eines Volkes ein wesentlicher Einfluss auf sein Wirken und auf sein Schicksal überhaupt aus.“

    So ist die D-Mark zugleich ein Spiegel der insgesamt glücklichen bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte gewor- den. Sie genießt dabei ein ungeheures Privileg. Denn, anders als ihre Vorgängerinnen, ist sie von negativen historischen Brüchen verschont geblieben.

    Die D-Mark hat diesen Kredit der Geschichte gut ange- legt. Sie ist nämlich nicht nur Spiegel und Reflex dieser Republik. Sie hat ihrerseits zweifellos auch einen wichtigen Beitrag zur politischen und sozialen Stabilität geleistet.

    Denn die stabile D-Mark hat dazu beigetragen, dass die freiheitliche Ordnung bei uns zu einem breiten wirtschaftli- chen Wohlstand geführt hat. Die stabile D-Mark ist damit auch ein elementarer Pfeiler für die Stabilität unserer Gesell- schaft und der freiheitlichen Demokratie geworden.

    Denn die stabile D-Mark hat das Herausbilden wichtiger Elemente einer Bürgergesellschaft gefördert. Ohne eine sta- bile Währung können sich Selbstständigkeit und Eigenver- antwortung nur schwer entfalten.

    Und vergessen wir nicht: Die stabile D-Mark ist immer auch ein Stück Sozialstaat gewesen. Denn ein schwindender Geld- wert wendet sich immer vornehmlich gegen die sozial Schwa- chen. Das ist das grausame Gesetz der Inflation, das uns im Nachkriegsdeutschland Gott sei Dank erspart geblieben ist.

    Hier in der Paulskirche wurde vor 150 Jahren vor allem um Einigkeit und Freiheit, teilweise aber auch schon um soziale Gerechtigkeit gerungen. Hier ist es deswegen wohl besonders angebracht, daran zu erinnern: Einigkeit und Recht und Freiheit können auf Dauer nur schwer gedeihen ohne eine Währung, die dauerhaft stabil ist und ohne eine Währung, die von den Bürgern auch anerkannt und akzep- tiert wird.

    Deswegen machen auch die Worte „Einigkeit und Recht und Freiheit“ auf dem Außenrand der D-Mark-Münze sehr viel Sinn. Auch hierin ist die D-Mark ein Vermächtnis für den Euro; und damit zugleich ein Auftrag für Europa.

    Verbunden ist die Deutsche Mark natürlich insbesondere mit dem Aufstieg und Erfolg der deutschen Wirtschaft. Und damit ist sie zugleich das Ergebnis einer Reihe glücklicher wirtschaftspolitischer Weichenstellungen.

    Das begann schon mit der Währungsreform selbst. Gewiss, die Währungsentscheidungen waren enorm wichtig: der scharfe und endgültige Geldschnitt, die gelungene tech- nische und organisatorische Vorbereitung, nicht zuletzt durch die Arbeiten in Bad Homburg und im Konklave von Rothwesten. Und nicht zuletzt auch das Übertragen der geldpolitischen Verantwortung auf eine von politischen Instanzen in Deutschland unabhängige Zentralbank.

    Das waren günstige Faktoren, die vor allem auch dem Ein- fluss der damaligen amerikanischen Militärinstanzen zu ver- danken sind. Insbesondere der damals noch junge, leider zu

     

    früh verstorbene Offizier und Wissenschaftler Edward A. Tenenbaum erwarb sich dabei unvergessene Verdienste. Deswegen sind wir froh, Frau Tenenbaum und ihre Tochter heute unter uns zu haben.

    Und doch: Der Start der Deutschen Mark wäre wohl nie zu jenem denkwürdigen Erlebnis geworden ohne die gleich- zeitige weitgehende Freigabe der Preise.

    Sie war von den wirtschaftspolitisch bedeutsamen Ent- scheidungen, die Deutsche nach 1945 getroffen haben, wohl am stärksten von einer einzigen Persönlichkeit geprägt: von Ludwig Erhard.

    Währungs- und Wirtschaftsreform waren ökonomische Zwillinge. Neues Geld ohne freie Preise hätte wenig bewe- gen können. Denn was soll neues Geld Neues bewirken, wenn die marktwirtschaftlichen Kanäle verstopft sind? Umgekehrt hätten freie Preise ohne vorherige Währungsre- form die zurückgestaute Inflation über Nacht angezündet. Offene Inflation wäre die Folge gewesen. Wie hätten Markt- wirtschaft und Geldwesen unter solchen das Vertrauen der Menschen gewinnen sollen?

    Mit dem Signal der freien Preise begann das, was man spä- ter oft Wirtschaftswunder nannte. Ludwig Erhard hat damals das Signal gesetzt, und zwar gegen heftigen Wider- stand – zunächst sogar auch von amerikanischer Seite. Die- ses Signal hat das Geld sogleich vor die Nagelprobe gestellt. Es war Herausforderung und Chance zugleich. Denn Ver- trauen kann ein Geld nur gewinnen, wenn es sich bei freien Preisen bewährt.

    Die D-Mark hat das Signal von der unverzichtbaren Len- kungsfunktion der Preise damals aufgenommen; und sie hat dieses Signal mit ihrem hohen Maß an interner Stabilität über die Jahrzehnte hinweg weitergetragen.

    Soziale Marktwirtschaft, hohe Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und die Stabilität der D-Mark, so lau- tete über die meiste Zeit hinweg der fruchtbare ökonomi- sche Dreiklang in Deutschland.

    Die D-Mark hat zu diesem Dreiklang entscheidend beige- tragen. Ihre Stabilität hat geholfen, die Marktwirtschaft auch in kritischen Zeiten funktionsfähig zu halten. Und ihre zunehmende internationale Reputation hat Vorteile für die deutsche Wirtschaft gebracht: einen breiten Kapitalmarkt, relativ niedrige Zinsen und das Privileg für die deutsche Wirtschaft, ihren Außenhandel großenteils in eigener Währung zu fakturieren.

    Doch, meine Damen und Herren, in fünfzig Jahren hat natürlich nicht immer die Sonne so geschienen wie heute.

    Es gab auch Phasen, da die Stabilitätsergebnisse der D-Mark nicht befriedigen konnten; beispielsweise Anfang der siebziger Jahre. Teilweise haben interne Fehlentwicklun- gen den Geldwert bedroht, aber teilweise herrschten äußere Zwänge über den Wechselkurs.

    Das Sichern und Rückgewinnen der internen Stabilität forderte oft auch unangenehme Maßnahmen. Bisweilen geriet die Bundesbank dabei auch in Konflikt mit der Poli- tik; und zwar schon erstmals in den frühen Fünfzigerjahren.

     

    Darüber hinaus hat es aber auch Zeiten mit falscher Außenbewertung der D-Mark gegeben. Die D-Mark war phasenweise zu niedrig bewertet. Das führte gelegentlich zu einer übermäßigen monetären Expansion, so vor allem in den Krisentagen des alten Bretton-Woods-Systems. Und dies sendete dann falsche Botschaften und erweckte Illusionen über die internationale Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft – zum Beispiel auch zu Beginn der Neunziger- jahre.

    Umgekehrt gab es auch Perioden, da die D-Mark eher überbewertet war. Entsprechend belastete sie dann die preis- liche Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft.

    Freilich, diese Schattenseiten – was interne Stabilität und Außenwert angehen –, waren alles in allem doch begrenzte Episoden.

    Über fünfzig Jahre hinweg war die D-Mark und mit ihr wohl auch die deutsche Geldpolitik insgesamt ein guter und verlässlicher Partner für Wirtschaft und Politik in unserem Land und auch auf internationaler Ebene. Und mehr kann eine Währung auf Dauer auch nicht sein. Sie kann nicht – ja sie darf es auch nicht – die Politik selbst ersetzen. Ja, ihre Stärke wird immer auch von der Gesamtpolitik mitbe- stimmt. Die Währung kann mit ihrer Stabilität nur ein trag- fähiges Fundament bereitstellen. Auf Wirtschaft, Tarifpart- ner und Politik kommt es dann an, wie stark dieses Fundament bleibt und was sie am Ende auf diesem Funda- ment errichten.

    Meine Damen und Herren, neben der Verknüpfung mit Politik und Wirtschaft verbindet die Deutsche Mark auch ein wichtiges Stück gesellschaftlicher Kultur in unserem Land. Die Stabilität der D-Mark war niemals nur Sache von Technokraten. Das Ziel eines stabilen Geldes war und ist tief verankert in unserer Gesellschaft. Es beruht auf einem weit- gehenden Konsens in breiten Bevölkerungsschichten. Es beruht auf dem, was wir Stabilitätskultur nennen.

    Und so ist die deutsche Öffentlichkeit – gerade in kriti- schen Zeiten – immer wieder zum treuen Verbündeten einer stabilitätsorientierten Geldpolitik geworden. Wie umgekehrt die Bundesbank die deutsche Stabilitätskultur inhaltlich mit- geformt und institutionell gesichert hat.

    Zum Herausbilden dieser Stabilitätskultur haben sicher die Erfahrungen von 1948 viel beigetragen. Die Menschen haben gesehen, dass mit einer gesunden Währung auch die wirtschaftlichen Verhältnisse sich schnell wieder ordneten. Hinzu kommt aber wohl auch die in Deutschland ausge- prägte Tradition, dezentrale und aufgegliederte Strukturen gegenüber einer maximalen Ballung von politischen Kompe- tenzen vorzuziehen. Auch deshalb mag sich unser Land rela- tiv leicht damit tun, die Unabhängigkeit der Zentralbank zu akzeptieren.

    Das Thema „Verankerung einer unabhängigen stabilitäts- orientierten Geldpolitik in der öffentlichen Meinung und in der gesellschaftlichen Kultur“ wird künftig europaweit auch für die Europäische Zentralbank und für das Europäische System der Zentralbanken bedeutsam sein.

    Gewiss, über längere Sicht gesehen war auch die Bundes- bank nicht frei von gelegentlichen Fehleinschätzungen. Aber übers Ganze gesehen hat sie – gerade auch im Urteil ihrer internationalen Kritiker – mit ihrem oft langen Atem doch entscheidend zur Stabilitätsorientierung in unserem Land beigetragen, ja, sie ist, wie viele betonen, sogar zum Modell für andere geworden. Und diese Stabilitätsorientierung ist den Deutschen nun über fünfzig Jahre hinweg zweifellos gut bekommen.

    50 Jahre D-Mark, das ist etwas Besonderes, nicht nur weil eine runde Zahl dasteht. Der heutige Rückblick ist zugleich fast auch schon ein Abschlussbericht.

    Der große französische Paläontologe und Philosoph Pierre Teilhard de Chardin hat einmal gesagt: „Die Größe eines Flusses wird erst an seiner Mündung begriffen, nicht an sei- ner Quelle.“

    Die Mündung in den großen Fluss Euro ist nun bald erreicht. Umso deutlicher tritt aber auch das respektable Erbe hervor, das die D-Mark in diesen Fluss einbringt.

    Neben dem größten Anteil am Eigenkapital der Europäi- schen Zentralbank bringt die D-Mark noch mehr ein: näm- lich ihre internationale Reputation an den Märkten, die unabhängige Zentralbank als Referenzmodell, wichtige geldpolitische Traditionen wie die Geldmengensteuerung und vor allem das Stabilitätsbewusstsein der Menschen in Deutschland.

    Das Erbe besteht darüber hinaus aus wichtigen Lektionen: Interne Geldwertstabilität ist im Falle eines Konflikts wich- tiger als eine externe Wechselkursrelation. Der beste Beitrag des Geldes für Wachstum und Beschäftigung ist dauerhafte Stabilität. Und nicht zuletzt auch dieses: Ein den tagespoliti- schen Einflüssen entzogenes Geld liegt im längerfristigen Interesse der Wirtschaft, aber auch der Politik selbst.

    Und so lautet die vielleicht wichtigste Lektion: Lasst die Geldpolitik tun, was der Geldpolitik ist: nämlich im Rah- men ihrer Möglichkeiten für einen stabilen Geldwert zu sor- gen und so die Basis für wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilität zu legen.

    Die große Politik kann und muss dann ihrer Verantwor- tung gemäß auf der Grundlage dieses monetären Rahmens entscheiden und handeln. Aber sie darf die Basis des stabilen Geldes nicht gefährden. Demokratische, freiheitlich und sozial orientierte Politik würde sich nämlich sonst den Ast absägen, auf dem sie sitzt.

    Und dabei gilt natürlich: Die Balance zwischen Freiheit und sozialem Ausgleich muss immer neu gefunden werden. Das gilt gerade auch für die Zukunft angesichts der Hypo- thek der noch immer zu hohen Arbeitslosigkeit und den Herausforderungen in einer immer globaler werdenden Wirtschaft. Aber das Austarieren von Freiheit und sozia- lem Ausgleich kann auch unter den wirtschaftlichen Bedin- gungen von morgen nur mit einer stabilen Währung gelin- gen.

    Dieses Erbe, meine Damen und Herren, der D-Mark geht nun an den Euro. Natürlich bringt jeder der elf Teilnehmer sein Erbe ein. Jedoch: Das Erbe der D-Mark ist sicher nicht das Geringste.

    Präsident Duisenberg hat gestern in Bonn noch einmal deutlich herausgestellt, wie wichtig dieses Erbe als Grund- lage für einen dauerhaft stabilen Euro ist.

    Der Euro bekommt wichtige Stützen mit auf den Weg und eine gute Ausgangslage. Die monetäre Konvergenz im Euro- Land ist heute so ausgeprägt wie lange nicht mehr und die Inflationsraten sind erfreulich niedrig. Die Europäische Zentralbank ist nach dem Vertrag ebenso unabhängig wie die Bundesbank. Und der insbesondere von Finanzminister Waigel betriebene Stabilitäts- und Wachstumspakt soll Flan- kenschutz geben gegen stabilitätsgefährdende Ausritte der nationalen Finanzpolitik.

    Der Euro ist zugleich eine große historische Chance, eine Chance für Europa, eine Chance aber auch für mehr wirt- schaftliche Flexibilität und Dynamik, für mehr und dauer- hafte politische Gemeinsamkeit, kurz: für ein wirtschaftlich wettbewerbsfähiges und politisch einiges Europa.

    Herr Bundeskanzler, ich erinnere mich noch gut an ein Wort von Ihnen im Frühjahr mit Blick auf den Euro. Sie sag- ten damals nach meiner Erinnerung: „Ich hoffe und wün- sche, dass unsere Nachfolger nach fünfzig Jahren die Ent- scheidung für den Eintritt in die Europäische Währungs- union ebenso positiv würdigen, wie wir das heute mit der Entscheidung von 1948 tun.“

    Ich kann mich dem nur anschließen. Und ich füge hinzu: Die Bundesbank wird auch in Zukunft ein Anwalt der Sta- bilität bleiben. Sie wird in dem ihr gesetzten neuen Rahmen auch weiterhin ihren Beitrag leisten, damit das Geld in unse- rem Land und in Europa auch in Zukunft dauerhaft stabil bleibt. – Vielen Dank.

    –  Beifall –

    Soweit Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer. Aus der Frankfurter Paulskirche überträgt HR 1 den Festakt 50 Jahre Deutsche Mark. Am Mikrofon Christoph Wehnelt.

    Den musikalischen Rahmen der Veranstaltung besorgt das Leipziger Bach-Collegium unter der Leitung von Professor Ludwig Güttler.

    Tausend Persönlichkeiten haben sich hier in der Paulskir- che versammelt. Bundespräsident Roman Herzog ist gekom- men, auch Wim Duisenberg, der Präsident der Europäischen Zentralbank. Viele Bankvorstände sind da, zum Beispiel der Sprecher der Deutschen Bank, Rolf Breuer, oder der Vor- standsvorsitzende der Kreditanstalt für Wiederaufbau, Gerd Vogt. Wolfgang Röller von der Dresdner Bank habe ich gesehen. Einige Persönlichkeiten aus der direkten Bundes- bank-Geschichte, Professor Gleske, aber da liest man auch Professor Köhler, da liest man aber auch Namen wie Emminger, gemeint ist die Witwe des ehemaligen Bundes- bankpräsidenten, oder Klasen und andere. Herr Bubis ist da vom Zentralrat der Juden, natürlich der Vorsitzende, der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Banken.

     

    Verbunden mit fünf Jahrzehnten Deutsche Mark ist eine beispiellose Geschichte des Wiederaufbaus Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg und der Rückerlangung wirt- schaftlichen und politischen Einflusses Deutschlands in Europa und der Welt. Am Anfang stand das Kopfgeld von erst 40 und dann noch einmal 20 Mark. Am Ende steht jetzt die Einbringung dieser erfolgreichen Weltwährung in die Europäische Währungsunion. Mit einigen Details hat dies Bundesbankpräsident Tietmeyer schon ausgeschmückt, ins- besondere die Meriten des amerikanischen Offiziers Tenen- baum erwähnt. Und Robert Lochner, der damals die Währungsreform verkündet hat, ist hier als Gast zugegen. Die Europäische Zentralbank ist gegründet und hat ihre Arbeit aufgenommen. Duisenberg, ihr Präsident, ist hier mit dabei. Die Europäische Zentralbank wird vom Januar nächsten Jahres an die geldpolitische Verantwortung für elf Länder übernehmen; es machen ja nicht alle 15 mit. Däne- mark, England, Schweden sind nicht dabei, sondern Bene- lux, Frankreich, Italien, Irland, Spanien, Portugal, Öster- reich, Deutschland, Finnland – diese alle, diese Gruppe von 11 geben gemeinsam ihre Währungen auf und gehen in den Euro mit Beginn des nächsten Jahres.

    Der Euro kommt als direktes Geld als Münze und Schein erst Mitte 2002 heraus. Aber die Bundesdruckerei hat zum Beispiel gerade gestern mitgeteilt, dass sie jetzt demnächst schon den Druck von D-Mark-Scheinen einstellt und mit dem vorbereitenden Druck für den Euro im Frühjahr 1999 beginnen wird. Da geht es um ganz erhebliche Mengen. Wir haben in Deutschland ungefähr 2,6 Milliarden Stück Bank- noten Deutsche Mark. Für die Erstausstattung der Bundes- bürger mit Euronoten müssen immerhin auch schon mal 1,2 Milliarden neue Geldscheine gedruckt werden. Das ist schon ganz erheblich. Abgesehen von vielen, vielen Tonnen Mün- zen, auf denen ja, was die deutschen Münzen angeht, auch deutsche Symbole einzudrucken sind.

    Die Einbringung der D-Mark ist das wichtigste Aktivum für die Währungsunion. In den vergangenen Jahrzehnten konnte sich die deutsche Währung auch deshalb so munter entwickeln, weil die Bundesbank weit weg von der Regie- rung in Bonn und in gesetzlich festgelegter Unabhängigkeit für stabiles Geld sorgen konnte. Dies allein hätte aber nicht ausgereicht, um aus dem deutschen Besatzungskind eine Weltwährung zu machen. Gezügelte Finanzpolitik, expan- sive Wirtschaftspolitik und auch eine moderate Tarifpolitik der Gewerkschaften über alles gesehen, trugen dazu bei, dass mit der D-Mark auch die ganze Volkswirtschaft, der gesamte Staat seinen Aufschwung nehmen konnte. Die Wie- dervereinigung wurde dazugegeben. Sie gab es auch nur wegen der Kraft der D-Mark.

    Bei dem gesamtpolitischen Konsens musste sich die Bun- desbank aber immer wieder allzu unverfrorener Einflus- snahmen aus Bonn und anderswo in der Welt erwehren. Die immer stärker werdende Deutschmark hebelte 1973 schließ- lich das Dollar-Festkurs-System des Internationalen Wäh- rungsfonds aus. Bald lehnten sich die europäischen Währun-


    gen an die D-Mark an. Das deutsche Geld wurde Leit- währung in Europa. Das Europäische Währungssystem mündet nun in Euro.

    Derzeit spielt das Leipziger Bach-Collegium unter Güttler das Concerto Es-Dur für Corno da caccia,  Oboe,  Violine  und Basso continuo – Allegro, Largo und Allegro.

    Im Anschluss daran wird Bundeskanzler Helmut Kohl noch einmal die strategische Ausrichtung in Vergangenheit und Zukunft im Zusammenhang mit der Europäischen Währungsunion und der Einigung Europas darlegen.

    Jetzt hören Sie etwas in die Musik hinein und dann kommt Bundeskanzler Kohl.

    –  Beifall –

    Nach dem Concerto Es-Dur von Johann Joachim Quantz nun Bundeskanzler Helmut Kohl zum Festakt 50 Jahre Deutsche Mark.

    Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl:

    Herr Bundespräsident, Herr Präsident Tietmeyer, Herr Präsident Duisenberg, Exzellenzen, meine sehr verehrten Damen und Herren!

    Zum 50. Geburtstag der D-Mark – lassen Sie mich das vorweg sagen – passt das Leipziger Bach-Collegium, weil es deutlich macht, dass wir wirklich wieder ein Volk sind und weil sich deutlich auch Geld, Geldwert und große kulturelle Tradition unseres Volkes miteinander verbindet. Ich habe mich gerade eben noch einmal aufklären lassen, der 100-D- Mark-Schein mit der Silhouette von Leipzig und Clara Schu- mann – das gehört zusammen. Und es zeigt, Herr Präsident Tietmeyer, dass das so richtig ist, was Sie gesagt haben von den Zusammenhängen, über die wir gerade auch heute hier in der Paulskirche miteinander sprechen können.

    Dies ist nicht irgendein Tag in der Geschichte unseres Volkes, der Geburtstag der D-Mark am 20. Juni 1948. Die Zeitgenossen wussten es nicht, wie auch. Aber viele haben gespürt, dass das doch die Zukunft sein könnte. Und in die- sen 50 Jahren ist die D-Mark das Symbol für 50 Jahre Frie- den, 50 Jahre Freiheit, für 50 Jahre Stabilität und Wohlstand geworden. Diese D-Mark half den Deutschen in einer unge- ahnten Weise ein Stück Identität zu finden. Ich versuche es gerade immer ausländischen Partnern und Freunden zu sagen, es war in der Tat die erste Chance – wer es miterlebt hat – für eine bessere Zukunft. Eine vage Zukunft. Nichts Genaues wusste man nicht. Aber man muss bedenken, wie es wirklich war.

    Und diese D-Mark kam zu den Deutschen, sie wurde ein- geführt vor Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Vor Einführung unserer Nationalhymne, vor Einführung unserer Bundesflagge. So ist diese D-Mark in der Tat ganz wesent- lich identitätsstiftend gewesen. Und natürlich war es auch so, dass die D-Mark – Herr Präsident Tietmeyer hat das ja schön dargelegt – in gar keiner Form eine Erwartung weckte, die mit dem Späteren übereinstimmte.

    Man muss sich noch einmal die Lage klar machen, heute vor 50 Jahren hier in Frankfurt. Viele hungerten, heute kaum mehr vorstellbar. Ich habe mir die konkreten Lebens- mittelrationen dieses Monats heraussuchen lassen für Frankfurt und das war amerikanische Besatzungszone. Das war noch um ein gut’ Stück besser als in anderen Besat- zungszonen. Das war täglich 300 Gramm Brot. Schauen Sie auf die Schulhöfe dieser Stadt. 20 Gramm Fleisch, fünf Gramm Käse und eine absolut hinreißende Zugabe: je vier Wochen ein Ei.

    Meine Damen und Herren, es ist wichtig, das gelegentlich wieder in Erinnerung zu rufen. Auch damit wir ermessen können, welchen Weg wir zurückgelegt haben und wie viel Grund die Deutschen zur Dankbarkeit haben. Auch das ist wichtig, immer wieder zu sagen.

    – Beifall –

    Da waren über vier Millionen Flüchtlinge, die ihre Heimat verloren hatten. Und in jenen Tagen wurde es für die meis- ten erst endgültig klar, dass dies nicht eine zeitweise Vertrei- bung von einigen Monaten oder wenigen Jahren sein würde. Da wuchs in vielen Familien die Erkenntnis, dass die Hoff- nung nicht mehr berechtigt war, dass der Vater, der Sohn, der Bruder, der Mann aus diesem schrecklichen Krieg zurückkommen würden, aus der Gefangenschaft zurück- kommen würden. Da sehen die Städte so aus wie Frankfurt, nahezu 80 Prozent der Gebäude zerstört, die Einwohnerzahl halbiert, zerstörte Betriebe. Und, Herr Präsident Tietmeyer hat es mit gutem Grund so dargestellt, auch drastisch: die Teilung Deutschlands in vier Besatzungszonen und dann auch in Ost und West.

    Nach all diesen Schrecken und Leiden markierte die D-Mark mit ihrer Einführung am 20. Juni 1948 die Chance für den Neuanfang. Und deswegen ist es ganz verständlich, dass jeder, der mit wachem Bewusstsein, hinreichend be- wusst auch lebend diesen Tag miterlebt hat, sich an diesen Tag mehr erinnert als an viele, viele andere Tage. Ich habe in diesen Tagen immer wieder Gesprächspartner gefragt: Haben Sie, hast du noch eine konkrete Erinnerung, wie das war mit den 40 Mark. Als Sohn eines streng auf Solidität bedachten Finanzbeamten habe ich die 40 Mark gesehen und habe dann, was für meinen Vater schon ein ausschwei- fender Vorgang war, zweimal Fünf-Mark-Scheine bekom- men. Und so ging es Millionen und Aber-Millionen.

    Und da war noch eine Erfahrung. Was hatte ich schon mit 18 vom Markt verstanden? Aber eines habe ich verstanden, meine Damen und Herren, dass am Freitag vor diesem Sonntag in meiner Heimatstadt in den Schaufenstern nichts war. Ab und zu als künstlerische Höchstleistung Stücke aus einem alten Stahlhelm, das war jetzt ein Aschenbecher. Das war wirklich eine belebende Tat der Wirtschaft. Und an die- sem Montag war die Welt ganz anders. An diesem Montag waren plötzlich die Schaufenster voll, man hat nichts mehr gemerkt vom Schwarzen Markt, und es gab eine tiefe Genugtuung bei vielen, auch bei mir, dass die mit der Ziga- rettenwährung und mit dem Zusammenbruch des Schwarz- marktes – das war ein viel gebrauchtes Wort – die Spekulan- ten ihr Handwerk gelegt bekamen. Das war die Stim-

     

    mungslage im Land. Und die Menschen krempelten die Ärmel hoch, eher zaghaft, aber die Hoffnung nahm zu. Und mit der Hoffnung die Tatkraft und der Mut.

    Meine Damen und Herren, dieses Ereignis, Geburtstag, Einführung der D-Mark, ist wiederum nicht denkbar ohne ein Ereignis, das aus gutem Grund hier erwähnt werden muss, einige Monate zuvor. Das war der Marshall-Plan. Denn ohne den Marshall-Plan hätte es keine D-Mark gege- ben. Deswegen finde ich, ist es wichtig für unser Volk, für unsere Erinnerung, für die Betrachtung unserer Geschichte auch für kommende Generationen, Harold Truman und George Marshall, der Präsident und der Außenminister, die das geschaffen haben, was dann als Marshall-Plan in die Geschichte einging als Voraussetzung für einen neuen Weg auch der Deutschen immer zu sehen.

    • Beifall –

    Wir schulden ganz einfach unseren amerikanischen Freun- den Dank, dass sie wenige Jahre – und man kann die Zeit nach Monaten benennen – nach diesem schrecklichen Krieg, nach dem Ende der Nazi-Herrschaft, nach der Entdeckung furchtbarer Taten, die mit dem Stichwort Auschwitz verbun- den sind, man in Amerika nicht auf Rache sann, sondern sagte, wir strecken euch die Hand aus, wir wollen mit euch Zukunft gestalten. Und das war nicht nur die Zahl der Dollars, von heutigem Standpunkt aus wird mancher sagen, vor allem auch der jungen Generation, was war das schon. Es war die psychologische Situation, es war die Hilfe, das Auf- die-Deutschen-Zugehen. Und daraus wuchs mit Geduld und mit Fleiß das alles, was später das Wirtschaftswunder genannt wurde, was aber in Wahrheit kein Wunder war, sondern es war die Leistung von Millionen Menschen guten Willens in Deutschland und zwar aus allen Schichten der Bevölkerung, nicht zuletzt der Flüchtlinge, Vertriebene, die sich neu in der Heimat festkrallten und Erfolg haben wollten. Es war eine vernünftige und kluge Politik. Und so wuchs das Bruttosozi- alprodukt mit zweistelligen Raten, mit Vollbeschäftigung am Arbeitsmarkt und einem steigenden Lebensstandard.

    Meine Damen und Herren, ich sage noch einmal, es war kein Wunder. Aber es ist ein gutes Beispiel für uns heute, dass nämlich die Visionäre häufig die wahren Realisten sind. Und dieser Wiederaufstieg unseres Landes ist untrennbar verbunden mit dem Namen Ludwig Erhard. Ohne die bei ihm eigenen unnachahmlichen Kombinationen von visionärem Weitblick und Augenmaß und Sinn für das prag- matisch Machbare wäre dieser Erfolg nicht möglich gewe- sen. Und ohne sein Eintreten für soziale Marktwirtschaft und Wirtschaftsordnung hätte es diesen Aufstieg in dieser Form ganz gewiss nicht gegeben. Wir haben ja den Vergleich mit dem, was sich dann praktisch vom gleichen Tag aus – denn dort war auch eine Währungsreform – im anderen Teil Deutschlands entwickelte. Ludwig Erhard hat nur einen Tag nach der Währungsreform die Preisbewirtschaftung weitge- hend aufgehoben. Und damit schlicht und einfach die Märkte geöffnet. Mit dieser unvergessenen Auseinanderset- zung mit dem ebenso unvergessenen Lucius D. Clay, einem

     

    großen Freund Deutschlands und ganz gewiss kein Währungsspezialist als General, der Erhard vorwarf, er habe, was ja stimmte, in die Rechte der Alliierten eingegrif- fen, habe Bewirtschaftungsregelungen eigenmächtig geän- dert. Und es ist Ludwig Erhard pur, seine überlieferte Ant- wort damals lautete: Ich habe sie nicht geändert, ich habe sie aufgehoben.

    Meine Damen und Herren, dies ist ein Satz, von dem ich finde, den sollte man nie vergessen.

    – Beifall –

    So wurde er auch zu einer Symbolfigur für die Hoffnung auf die Zukunft. Und nach über 50 Jahren, denke ich, kann man auch sagen mit Blick auf die Geschichte dieser 50 Jahre in Europa und weit darüber hinaus, dass seine Bedeutung als Gestalter weit über das Ökonomische hinaus gewachsen ist, er einer der bedeutendsten Gestalten dieses Jahrhunderts im Bereich der Gesellschaftspolitik wurde. Und das höre ich bei vielen Besuchen und Gesprächen in vielen Ländern die- ser Erde.

    Er war ein unbeugsamer Kämpfer für eine Gesellschafts- ordnung mit menschlichem Antlitz. Manche, die diese soziale Marktwirtschaft als die Gesellschaft der Ellenbogen- ordnung bezeichnen, haben keine Ahnung von der Präg- nanz, der Intuition und der Vision seiner Vorstellung auch in der sozialen Bedingung. Er wollte soziale Marktwirtschaft und eben nicht Marktwirtschaft pur. Und er hat wirtschaft- liches Denken und Handeln nie als bloßen Selbstzweck, son- dern immer auch im Dienste des Menschen gesehen. Und er hat seine Vorstellung von sozialer Gesellschaft so definiert, dass der Staat die Aufgabe habe, Schwächeren in der Gesell- schaft zu helfen. Den Nachtwächterstaat, der die Menschen ihrem Schicksal überlässt, den hat er ebenso abgelehnt und zwar sehr scharf, wie den Versorgungsstaat, der Menschen bevormundet.

    Meine Damen und Herren, aus jenen Tagen ist uns nach gewaltigen Auseinandersetzungen eine gemeinsame Gewiss- heit gewachsen, die heute Konsens deutscher Gesellschaft ist: Soziale Marktwirtschaft ist ein fester Bestandteil unserer freiheitlichen Ordnung. Soziale Marktwirtschaft schenkt uns die Chance der Erneuerungsfähigkeit, gibt uns die Chance, gesellschaftlichen Frieden und innere Stabilität zu gestalten. Neben der Entscheidung aller Demokraten, in Deutschland eine freiheitliche Ordnung im Grundgesetz zu verankern, neben der Politik Konrad Adenauers, die Westin- tegration zu gestalten, war die soziale Marktwirtschaft das zentrale Element am Anbeginn unserer Republik. Dass Lud- wig Erhard, meine Damen und Herren, unglaubliche Wider- stände zu überwinden hatte, das gehört auch zur Wahrheit. Und wenn man so nach 50 Jahren sieht, wer jetzt alles im Nachhinein Erhardianer war, der kann sich nicht mehr vor- stellen, wie das war, dass bei einer Allensbach-Umfrage noch im Frühjahr des Jahres 1950 er gerade in der Beliebtheits- skala bei 14 Punkten stand. Sie sehen, es ist immer so mit

    solchen Umfragen.

    – Heiterkeit und Beifall –

     

    Ich sehe noch vor mir das verächtliche Gesicht, als ich ein- mal noch am Ende seiner Zeit mit ihm redete über Umfra- gen, die nicht gut waren, und wie er seinen Dampf ausstieß, und Sie merken ja, das ist symbolkräftig, das wird ja imitiert heute in Deutschland –

    • Heiterkeit –

    und er einfach gar nichts sagte. Nicht einmal diese schö- nen Fürther Sprachklänge kamen, sondern er hat einfach abgewunken. Das ist nachahmenswert, meine Damen und Herren.

    • Heiterkeit und Beifall –

    Meine Damen und Herren, Ludwig Erhard hat immer zunächst die stabile Währung betont. Er war dafür und das ist Gesetz geworden im weitesten Sinne des Wortes, Kompe- tenzen für Verantwortung der Geldpolitik auf eine unabhän- gige Notenbank zu übertragen, zunächst auf die Bank deut- scher Länder und seit 1957 dann auch mit dem Namen Deutsche Bundesbank. Natürlich, für seine Verhältnisse hatte Präsident Tietmeyer sehr freundlich, zurückhaltend, das Thema mit einem Satz hier erwähnt, natürlich gab es in diesen Jahrzehnten die Situationen, in denen die Interessen von Notenbank und Politik – ich sage das auch sehr freund- lich – nicht deckungsgleich waren, wo es so gewisse Abwei- chungen gab. Und wenn ich alle meine Kollegen, auch die nicht mehr heute lebenden befragen könnte, von einigen wusste ich es schon früher, gab es da immer wieder diese Stimmung, da Frankfurt und da war Bonn. Aber es ist uns gut gegangen mit jenem Satz, dass die Bundesbank unab- hängig war und bleiben muss und dass wir diesen Satz ganz wörtlich auch auf ihre Nachfolger in Europa übertragen. Das ist eine entscheidende Voraussetzung.

    • Beifall –

    Man kann es auch ironisch sagen, der Ärger eines Bundes- kanzlers kommt und geht, oder des Finanzministers, einer ganzen Regierung, solange die Stabilität bleibt, haben alle den Vorteil davon.

    Meine Damen und Herren, entscheidend dafür waren auch der institutionelle Rahmen und prägende Persönlichkeiten der führenden Repräsentanten der Bundesbank. Sie haben in die- sen 50 Jahren ganz wesentlich zum hohen Ansehen beigetra- gen. Einem hohen Ansehen, das die Bundesbank bei uns, bei den Bürgerinnen und Bürgern des Landes genoss und genießt, aber auch weit darüber hinaus im Ausland. Und auch in Europa war es bei aller Kritik an der Bundesbank immer ein Grundton des Respekts. Und da ich ja nun eine Reihe von Jah- ren über die Treppe in das Amtszimmer des Präsidenten der Republik in Paris gerate, hatte ich die Stimmungen immer sozusagen ganz hautnah erlebt. Es ist für einen Franzosen, der spätestens auf einer der hohen Schulen im Geiste Colberts geschult war, immer sehr schwer, dieses völlig andere System zu begreifen. Aber man hat es am Ende begriffen. Und in jener dramatischen Nacht, als dann alle und als zweitletzter der Prä- sident der Republik und als letzter der britische Premierminis- ter, sagten, mit dem Sitzort Frankfurt stimmen sie zu und einer von beiden dann sagte, und bei allem Ärger, es ist der richtige

    Platz und die richtige Entscheidung, ist auch eine Referenz, eine Achtung und eine Gratulation für die Arbeit von vielen in der Bundesbank mit enthalten. Ich will das hier so wiederge- ben, wie ich es empfinde und auch von mir aufnehme.

    Wir haben allen Grund, allen Präsidenten der Bank in die- sen Jahrzehnten und vor allem auch allen Mitarbeitern, auch bei denen, die in Frankfurt und außerhalb Frankfurts und auch in den Landeszentralbanken mitwirkten, ein herz- liches Wort des Dankes zu sagen.

    – Beifall –

    Ein schönes Beispiel für die Skepsis der Zeitgenossen und auch die ungeheure langfristige Prophetie von großen Gurus der Geldpolitik, ist ein Zitat des damaligen Leiters des IWF,

    … der dem ersten Präsidenten damals noch Bank deutscher Länder, Herrn Vocke, sagte, ich zitiere: „Nun, Herr Vocke, kein Geld, keine Devisenreserven, ich will Ihnen ganz ehr- lich sagen, sie haben überhaupt keine Chance. Es kann aus dieser Sache nichts werden.“ Ich sage das zum Trost für manche, die sich schon bereits jetzt die Texte für das Ereig- nis in 50 Jahren zurecht legen.

    – Heiterkeit –

    Es ist ein ganz wesentliches Verdienst der Bundesbank, dass so die D-Mark eine der wesentlichen Währungen der Welt geworden ist. Preisstabilität war immer eines der wich- tigsten Ziele, ist ja auch die beste Voraussetzung für Sozial- politik. Das hat Erhard immer wieder gesagt. Eine wahrhaf- tige Sozialpolitik ist von dem Streben nach währungs- politischer Stabilität nicht zu trennen.

    Vor ein paar Tagen waren wir auf dem EU-Gipfel in Car- diff. Wenn ich jetzt heute mir vorstelle, wie die Inflationsrate in EU-Europa ist – Sie, Herr Präsident Tietmeyer, haben schon die Zahlen in Deutschland genannt –, da kann ich nur sagen, das alles ist eine gute Voraussetzung für eine gute Chance des Erfolgs. Und es ist natürlich, dass die Menschen in Deutsch- land diese Veränderung mit Skepsis und Zurückhaltung betrachten. Die einen, weil sozusagen 50 Jahre den Begriff von Stabilität und Wohlstand für viele, viele im Lande waren, die anderen, weil sie in den Ländern der damaligen DDR die D-Mark haben wollten. Und es ist doch wahr – warum soll man das nicht aussprechen – , dass neben dem Willen zur Frei- heit, neben dem Willen zur Einheit, auch der Wille zur D-Mark eine wichtige Rolle in diesen Jahren gespielt hat. Dass nach über 40 Jahren SED-Diktatur eben auf dem Transparent stand – ich sprach von Leipzig – das dort über der Straße vom Flugplatz hing, als ich zum ersten Mal zu einer Großkundge- bung nach Leipzig kam: Wenn die D-Mark nicht nach Leipzig kommt, gehen die Leipziger zur D-Mark. Und in ein paar Tagen, am 1. Juli, jährt sich zum achten Mal der Beginn der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion. Ohne dieses Datum

    • und dies behaupte ich – wäre auch wenige Wochen später das Datum der deutschen Einheit so nicht möglich gewesen. Deswegen haben wir allen Grund zur Dankbarkeit. Das war die Voraussetzung für all das, was dann
      • Beifall –

     

    Meine Damen und Herren, es ist gut, dass alle die Verant- wortung tragen, die Sorgen im Blick auf die Erfahrungen, positiv mit der D-Mark, in die noch nicht zu bestätigende Erfahrung mit dem Euro ernst nehmen. Und es ist ganz wichtig, dass wir die Einführung des Euro über einen Zeit- raum – was viele vergessen – von zehn Jahren sorgfältig vor- bereitet haben. Dies ist kein Abenteuer, wie manche bewusst wider besseres Wissen behaupten. Wir haben wichtige Vor- aussetzungen gemeinsam getroffen für eine stabile Euro- Währung. Die Auswahl der Teilnehmerstaaten, auf strikte vertragsmäßige Einhaltung der Konvergenzkriterien zu ach- ten, damit Haushaltsdisziplin auch nach Beginn der Währungsunion gewährleistet ist, haben wir den Stabilitäts- und Wachstumspakt durchgesetzt. Das ist eine der ganz großen Leistungen von Theo Waigel, die ich hier dankbar erwähne. Ich habe gesagt, die unabhängige Europäische Zentralbank hier in Frankfurt, ich zitiere mich selten und höchst ungern selbst, aber auf diesem Pult habe ich vor zehn Jahren gesagt, für mich ist es selbstverständlich, dass die überaus positive Erfahrung, die wir Deutsche mit der Kon- zeption unserer Bundesbank gemacht haben, Richtschnur für die europäische Entwicklung sein muss.

    • Beifall –

    Meine Damen und Herren, wir haben uns genau daran gehalten. Wir sind glücklich, dass mit Wim Duisenberg eine ganz hervorragende Wahl für den ersten Präsidenten getrof- fen worden ist.

    • Beifall –

    Mit ihm übernimmt eine Persönlichkeit dieses Amt, die in breiten Bevölkerungskreisen bereits jetzt großes Vertrauen verdient. Und ich will Ihnen, Herr Präsident Duisenberg, ganz einfach sagen: Wir wünschen Ihnen von Herzen, auch in unserem Interesse, alles, alles Gute, Glück und eine gute Hand in diesem Amt.

    • Beifall –

    Es steht Ihnen eine erfahrene Mannschaft von Damen und Herren zur Seite. Auch das ist ein Umdenken dann. Es gibt auch jetzt eine Frau in diesem hohen Kreis. Auch in 50 Jah- ren kann sich auch auf diesem Feld etwas ändern. Aber das begrüßen wir ganz besonders.

    Meine Damen und Herren, in Europa haben sich beispiel- lose Entwicklungen dargestellt in diesen paar Jahren an Sta- bilitätskultur. Wer hätte vor zehn Jahren, ich behaupte, wer hätte vor fünf Jahren es für möglich gehalten, dass die durchschnittliche EU-Preissteigerungsrate derzeit bei 1,5 Prozent liegen könnte. 1991 bei der nächtelangen Diskus- sion um den Maastricht-Vertrag lag sie bei 5,5 Prozent. Dass die langfristigen Zinsen heute 5 Prozent, damals über 10 Prozent betrugen, in Deutschland das niedrigste Zinsniveau seit Bestehen der Bundesrepublik. Es gibt kaum etwas Besse- res als Anregung für Investitionen und Arbeitsplätze. Und so sage ich mit vollem Bewusstsein: Ich bin sicher, dass mit gemeinsamen Anstrengungen, von alleine geht es nicht, die Erfolgsgeschichte der D-Mark in eine künftige Erfolgsge- schichte des Euro einmündet. Und für uns und für alle in

     

    Europa ist dieser Euro zwei Jahre vor Ende des Jahrhunderts und Jahrtausends eine wahrhafte säkulare Entscheidung. Sie wird das Gesicht des neuen Jahrhunderts prägen. Es ist eine der bedeutendsten Entscheidungen überhaupt der modernen Geschichte. Und diese europäische Einigung – das ist die Voraussetzung für den Euro – ist wiederum ein Glücksfall der Geschichte.

    Meine Damen und Herren, dieses Jahrhundert teilt sich in zwei Teile. Die ersten 50 Jahre zwei Weltkriege, zwei Infla- tionen, schreckliche Entwicklungen mit zwei Diktaturen, einer braunen und einer roten Diktatur. Und die zweite Hälfte ist die Chance für Frieden und Freiheit für die Eini- gung Deutschlands und die Einigung Europas. Und wir alle brauchen Europa. Aber wir, die Deutschen, mehr als alle anderen. Wir sind das Land mit den meisten Grenzen, den meisten Nachbarn. Wir sind mit über 80 Millionen mit Abstand auch bevölkerungsmäßig das stärkste Land. Wir sind ohne dass das groß betont werden muss und schon gar nicht jeden Tag auch nach Wirtschaftskraft das stärkste Land in Europa. Wir haben eine schwierige Geschichte, die wir neben großartigen Kapiteln auch schrecklich gestaltet haben. Das haben die Menschen nicht vergessen. Und wir haben eine tiefe Sehnsucht beliebt zu sein. Die Chance ist relativ gering. Und wir bieten oft das Bild des Primus und der war bei mir während meiner Schulzeit mit Ausnahmen immer unbeliebt.

    Meine Damen und Herren, wenn ich diese wenigen Skiz- zen hier vortrage, dann deswegen, um klar zu machen, was es für uns bedeutet als Deutsche, in diesem Haus Europa mitzubauen, mitzugestalten und leben zu können. Denn ohne die Einigung Europas wäre die deutsche Einheit nicht möglich gewesen. Und so wird diese europäische Währung das Leben von vielen, vielen Millionen im neuen Jahrhun- dert gestalten. Man muss sich das so vorstellen, auf dem Weg hier her habe ich die Kinder gesehen, die gerade zu ihren täglichen Beschäftigungen gingen. Diese Kinder wach- sen doch jetzt auf in einer völlig anderen Epoche. Sie werden Zeit ihres Lebens, nach menschlichem Ermessen, in Frieden und Freiheit verbringen können. Wann konnte man das Kin- dern in Deutschland sagen. Es werden viele Schüler, wenn in ein paar Tagen die Ferien beginnen, auf den Bahnhof gehen und ein Interrail-Ticket lösen, und dann fahren sie vier Wochen ziemlich preisgünstig quer durch Europa. Grenzen kennen sie nicht. In den Wochen vor 50 Jahren brauchte man ein Passport um von Ludwigshafen, französische Besat- zungszone, nach Mannheim, amerikanische Besatzungs- zone, zu kommen. Und die Jungen leben dann in Europa ganz selbstverständlich viel weiter als die Regierungen und die Völker selbst schon in Europa angekommen sind. Und sie finden überall in Europa Freunde. Und sie bezahlen dann zwischen Helsinki und Madrid mit einer Währung. Das ist weit mehr als das Wegfallen des Abholens einer neuen Währung bei einer Bank oder sonst wo.

    Hier entwickelt sich ein neues Gefühl der Zusammen- gehörigkeit. Dieses Europa ist praktisch in Händen zu hal-

     

    ten. Denn Währungen waren schon immer mehr als nur Zahlungsmittel. Sie bargen in sich, ich habe es am 100- Mark-Schein versucht deutlich zu machen, ein Stück kultu- relle Identität und sie waren immer Gradmesser politischer Stabilität. Mit der Einführung des Euro geht auch die Ver- wirklichung des Prozesses der politischen Einigung weiter. Wir stehen vor schwierigen, aber ganz wichtigen und lösba- ren Aufgaben, vor allem dann unter der deutschen Präsi- dentschaft im ersten Halbjahr des neuen Jahres. Unter dem beinahe neutralen Begriff Agenda 2000 verbirgt sich viel: institutionelle Reformen, Subsidarität, Bürgernähe, Erweite- rung und vieles andere mehr.

    Und wahr ist auch – und hier in die Stadt Frankfurt passt diese Äußerung besser als irgendwo anders hin -, dass dieser Euro für die wirtschaftliche Bedeutung unseres Landes von entscheidender Bedeutung ist. Deutschland ist die zweit- größte Exportnation. Wir haben gerade in diesen Jahren erlebt, wie wichtig es ist, dass jeder fünfte Arbeitsplatz bei uns vom Export abhängt und dass Arbeitsplätze in Zukunft in der Exportwirtschaft besser mit Wechselkursrisiken nicht mehr umgehen müssen. Das waren oft sehr schwierige und auch prägende Diskussionen. Herr Präsident Tietmeyer hat ja bei Licht- und Schattenseiten dieser 50 Jahre mit Recht darauf hingewiesen.

    Es ist eine Antwort auf die Globalisierung, auf den immer schärfer werdenden Standortwettbewerb zwischen Staaten und Regionen. Gerade in diesen Tagen schauen wir mit einer gewissen Bangigkeit nach Asien und nicht zuletzt in ein großes, auch währungspolitisches Land in Asien. Im Ver- gleich zu dieser Entwicklung wissen wir, dass hier der Euro ein höheres Maß an Chance zur Stabilität mit sich bringt. Es ist ein einheitlicher Markt mit 300 Millionen Menschen jetzt und es werden mehr werden. Und es ist ein Anteil von 20 Prozent am Welteinkommen. Das ist der Anteil der Vereinig- ten Staaten von Amerika. Alles, was hier zusammengefügt ist, macht deutlich die großen Chancen für den Handel, für die wirtschaftliche Dynamik, für dauerhaftes Wachstum und damit auch für mehr Arbeitsplätze. Klar ist auch – und ich will es deutlich sagen –, dass der Euro in gar keiner Form ein Patentrezept ist, um etwa unsere Arbeitsmarktprobleme über Nacht zu lösen. Das sind vor allem Probleme, die wir in der Abteilung Hausaufgaben selbst zu lösen haben. Mit mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt, mit der wirklichen Durchsetzung aller notwendigen strukturellen Reformen. Denn zuerst wissen wir, dass Arbeitslosigkeit auch und vor allem strukturelle Gründe hat. Je flexibler die Märkte, auch der Arbeitsmarkt, sind, umso größer ist die Chance für die notwendige Vermehrung von Arbeitsplätzen und mehr Beschäftigung.

    Noch einmal gesagt: Niemand nimmt uns über den Euro die Hausaufgaben ab. Wer jetzt nicht notwendige Reformen vorantreibt und sich in diesem Augenblick – und das geschieht in unserem Land in manchen Ansprachen – in europäische oder internationale Absprachen flüchtet, der wird keinen Fortschritt bewirken. Er wird kein Ziel errei-

    chen. Denn man muss es klar aussprechen, obwohl es viele nicht gerne hören: Es ist völlig illusorisch, dass sich die Staaten Europas an unsere hohen Standards anpassen wer- den. Wir würden ärmeren Ländern Wachstumschancen nehmen, wenn wir dies glaubten. Deswegen macht es kei- nen Sinn, wenn man von einer Transfer-Union träumt. Das wäre ein Träumen, das Provokation bedeutet. Der Reform- kurs muss durchgesetzt werden und zwar ohne Wenn und Aber, egal, ob Wahltermine anstehen oder nicht. Allein die Tatsache, dass wir uns nicht auf eine Steuerreform einigen konnten, hat dazu geführt, dass wir praktisch jetzt frühes- tens, wenn alles gut geht, am 1. Januar 2000 eine wirkliche Steuerreform haben können. Wir haben wichtige Zeit ver- loren.

    • Beifall –

    Die Unternehmen brauchen die Spielräume für mehr In- vestitionen und damit sie auch Beschäftigung entschlossen nutzen, das gehört zusammen, auch als ein wichtiger Auf- trag des Unternehmers. Die Tarifpartner müssen moderate Lohnpolitik fortsetzen, das gilt für beide. Die Tarifverträge müssen unverändert am Beschäftigungsziel ausgerichtet werden. Der Staat und die Politik müssen Rahmenbedin- gungen schaffen. Wir haben vieles auf den Weg gebracht. Das ist unübersehbar, dass der Aufschwung an Breite und Kraft gewinnt, dass die Erfolge jetzt auch auf dem Arbeits- markt zu sehen sind. Aber es ist noch viel zu tun. Ich habe das Thema Steuerreform mit einem Satz gesagt. Es ist für mich zutiefst bedrückend, dass wir viele Investitionen, nicht zuletzt aus dem Dollar-Raum, nach allen klugen Vorberei- tungen und Gesprächen letztendlich nicht, vor allen nicht in den neuen Ländern, etwa das Chemie-Dreieck bekommen, weil dann die amerikanischen Fondsverwalter da sind und sagen, aber mit diesem Steuerrecht können wir es nicht machen. Es ist kein nationaler Eigensinn, wenn ich sage, es ist ärgerlich, dass im Durchschnitt der vergangenen Jahre nach Großbritannien etwa die achtfache Zahl an Dollar- Investitionen gegangen ist statt hierher nach Deutschland, wo wir das Geld dringend notwendig brauchen. Wo übri- gens jeder Amerikaner, der hier ist, gleichzeitig bestätigt, dass Deutschland ein Superstandort ist. Deswegen brauchen wir diese Steuerreform und zwar eine, die den Namen ver- dient. Das ist das ganz Wesentliche.

    • Beifall –

    Man kann nicht über die Steuerreform reden, wenn man nicht gleichzeitig redet über den Sozialstaat. Wobei es ein Unsinn ist, dass gesagt wird, der Sozialstaat soll abgeschafft werden. Er muss umgestaltet werden, er muss bezahlbar gemacht werden. In einem Land, in dem jede dritte Mark des Sozialprodukts für Sozialleistungen ausgegeben wird, werden wir international und in Europa ganz an der Spitze liegen. Da kann doch keine Rede davon sein, dass der Sozi- alstaat abgeschafft wird. Es geht um den Umbau. Es geht um die Absenkung von Lohnzusatzkosten. Es geht um Pers- pektiven für die Arbeitslosen, die Entlastung des Arbeits- marktes und damit auch Stärkung des sozialen Netzes.

     

    Meine Damen und Herren, man kann nicht über die Eigenverantwortung reden, wenn man nicht über die Rente redet. Mit der Rentenreform haben wir einen neuen Weg fortgesetzt und wir müssen noch zu weiteren Schritten kom- men. Wir können keine Politik zu Lasten der Rentner machen, aber auch keine Politik, die der nachwachsenden Generation die ganze Last der demografischen Veränderung aufbürdet. Wenn es zwingend geboten ist – und es ist zwin- gend geboten –, umlagenfinanzierte Altersversorgung stär- ker durch kapitalgedeckte eigenverantwortliche Vorsorge zu ergänzen, muss eine Steuerreform auf diese ganz entschei- dende Frage auch eine Antwort geben. Und so sind Steuerre- form und Sozialreform unlösbar miteinander verbunden. Dies ist nicht eine Frage der Parteipolitik. Es ist die freie Ent- scheidung der Deutschen, dass sie sich dazu entschließen, weniger Kinder zu zeugen. Dass wir jetzt in der erstaunli- chen Nachbarschaft – was mich immer wieder erstaunt – von Spaniern und Italienern sind mit der niedrigsten Gebur- tenrate in der Europäischen Union. Aber wenn wir auf die- sem Gebiet Leistungen erbringen oder nicht, müssen wir auch die Konsequenzen des Nichterbringens der Leistung tragen, meine Damen und Herren.

    Die gesunde leistungsfähige Wirtschaft ist eben die beste Voraussetzung jenen zu helfen, die auf Solidarität angewie- sen sind. Ludwig Erhard – und damit will ich ihn noch ein- mal zitieren – hat immer vom ganzheitlichen Denken gesprochen. Das ist ein wichtiges Schlüsselwort. Die Pädagogik war bei uns, wie bei manchem anderen Vernünf- tigen, von diesem Weg abgekommen. Sie ist gerade wieder dabei zurückzukehren zum ganzheitlichen Denken. Ich plä- diere nachdrücklich dafür. Denn wir können unsere – auch im besten Sinne Erhard’schen Denkens und Politik – ökono- mischen und finanziellen Verhältnisse nicht in Ordnung bringen, wenn nicht in den Köpfen die entsprechende Ord- nung ist, wenn nicht das Denken sich auch dieser Verände- rung der Welt anpasst. Wenn wir nicht fähig sind, dazu zu lernen, ganz einfach. Das setzt voraus, dass unser Bildungs- und Erziehungswesen dieser Veränderung angepasst ist. Wenn Tony Blair vor einigen Wochen sagte, sein Ziel sei, dass Großbritannien die besten Schulen und Ausbildungs- stätten in Europa habe, finde ich das prima. Ich finde es aber noch besser, wenn wir sagen, gut, Tony Blair, dann gehen wir in den Clinch, wir bauen auch die besten Schulen und die besten Universitäten und gestalten sie aus. Das wäre doch etwas völlig Neues für das neue Jahrhundert, dass wir nicht darum ringen, die besten Waffen zu haben, sondern die besten Schulen und Ausbildungsplätze.

    • Beifall –

    Was hier ansteht, ist ein Umdenken in allen Bereichen anzusprechen. Wir werden die Probleme am deutschen Arbeitsmarkt nicht lösen können, wenn wir uns auf die Stel- len im öffentlichen Dienst oder auf die Großbetriebe, in der Großindustrie verlassen. Wir brauchen – wir sind wieder bei Erhard und in den 50er-Jahren angelangt – einen breiten lei- stungsfähigen Mittelstand. Wir brauchen den Mut zur Exi-stenzneugründung. Wir müssen Existenzneugründer, junge wie alte, aber vor allem junge Leute massiv unterstützen auch im Denken und Umdenken, sich selbstständig zu machen. Den jungen Meister, der gerade seine Meisterprü- fung mit Auszeichnung bestanden hat, der sich überlegt, ob er es wagen kann, dem müssen wir helfen über Risikokapi- tal. Der Staat und jetzt auch in Gott sei Dank großem Umfange die Banken haben Notwendiges getan. Aber noch wichtiger ist das Umdenken in den Familien, in den Schulen, überall dort, wo junge Leute geprägt werden. Wer sich so einen Gedanken in den Kopf zieht und dann plötzlich hört, dass alle sagen, bist du denn verrückt, du bleibst doch besser bei den Farbwerken Hoechst, da kannst du jetzt schon mit einer Abschlagzahlung deine Pension berechnen, oder du wirst doch so ein Wagnis nicht machen, denn das ist ja keine 35-Stunden-Woche, du hast die Sonderprüfung vom Finanz- amt zu erwarten, der weiß noch gar nicht, was ist das, aber er hört schon von allen, du musst diese Gefahr bestehen. Und so geht es doch weiter. Wenn in einer Umfrage heraus- gefunden wurde vor über einem Jahr, dass in Hochschulen fast 50 Prozent sagen, am liebsten ginge ich in den öffentli- chen Dienst und in Amerika sind es 14 Prozent, wissen natürlich die 50 Prozent, dass sie nicht in den öffentlichen Dienst kommen. Aber dass sie es überhaupt erwägen, dass es ein ganz besonders lohnenswertes Ziel ist, dass man seine Lebensplanung mit 25 darauf einstellt, das zeigt einen Ver- lust an Zukunftsfähigkeit der Deutschen, denn die gleiche Entwicklung hatten wir in den 50er-Jahren nicht, sonst wären die damaligen Erfolge überhaupt nicht denkbar gewesen.

    • Beifall –

    Deswegen bin ich einfach dafür, dass wir werben, dass wir den Jungen sagen, wenn ihr schon gar nichts mehr von den Alten haltet, obwohl sie ja konkret angesprochen gar nicht so denken, aber ein Teil der verfassten öffentlichen Meinung verbreitet das, orientiert euch mal gelegentlich, wenn nicht schon am Vater, dann am Großvater, Urgroßvater, denn schließlich stammt ihr ja von denen ab, und weil diese logi- sche Kette nicht zu durchbrechen ist, finde ich ist es schon sehr gut, wenn wir hier wieder uns auf den Weg machen. Und man kann nicht den 50. Geburtstag der D-Mark bege- hen und Erfolge, auch Gefahren dieser Zeit beschwören, ohne gleichzeitig sozusagen mitzunehmen, was die Botschaft jener Zeit ist. Die Botschaft etwas zu wagen, etwas zu riskie- ren, etwas zu unternehmen und nicht darauf zu warten, bis andere, auch der Staat, dann hilft.

    So verstanden haben wir allen Grund, stolz zu sein auf diese 50 Jahre und vor allem ein herzliches Dankeschön zu sagen an die Gründergeneration. Wenn man sich einmal vorstellt – und es lohnt sich, ich kann Ihnen dies auch von mir aus noch einmal als Rat geben – und die Lebensläufe der Männer und Frauen nachzulesen, die damals hier im Zwei- Zonen-Wirtschaftsrat saßen, wo die her kamen, wie sie in der Spanne ihres Lebens in vielen Fällen praktisch ganze Epochen überbrückten. Im alten Jahrhundert geboren, in der Kaiserzeit aufgewachsen, oft schon selbst engagiert poli- tisch tätig zu sein und dann die Zeit der Nazi-Epoche, in der inneren Emigration, in Konzentrationslagern und Gefäng- nissen oder in der äußeren Emigration. Und die dann ganz einfach hier zusammenkamen und ihr Dennoch zur Zukunft sagten, dann ist das doch eine Lektion, die wir zu Beginn des neuen Jahrhunderts gar nicht so hart formuliert sagen müs- sen: dennoch. Sondern wir können ganz einfach sagen, wir haben die Chance. Wir müssen die Chance nur in die Hand nehmen und sie gestalten. Wir haben mehr Zukunftschan- cen in unserem Land als je zuvor. Die größte Hoffnung für uns sind die Menschen, die hier leben, ihr Fleiß, ihre Ideen, ihre schöpferischen Kräfte.

    Und wenn wir sagen, wir gestalten das 21. Jahrhundert, ist es unser Wunsch, dass es ein menschliches Jahrhundert sein möchte, dass wir die materiellen Sicherungen und Bedingtheiten schaffen können, davon bin ich absolut über- zeugt. Natürlich nicht alle in kurzer Zeit, manche dauern Jahre. Aber wir können diese materiellen Grundlagen schaf- fen, wenn wir wieder einen gesellschaftlichen Konsens haben. Wenn wir begreifen, dass das Gruppeninteresse legi- tim ist. Ich habe etwas gegen Leute, die gegen Verbände wet- tern, nachdem gerade ihr eigener Verband alle Vorzüge in die Scheune gefahren hat.

    Aber ich bin dafür, dass wir wieder begreifen, dass wir wirklich ein Volk sind. Das hat gar nichts mit Pathos zu tun. Wir sind es. Dass wir auch nicht aussteigen können aus der Geschichte der Gegenwart. Aber wenn wir eine gemeinsame Zukunft haben wollen, dann müssen wir die notwendigen Konsequenzen dann ziehen. Man kann doch trefflich streiten über viele Wege der Politik, aber die Grundlinien müssen wir uns unterhalten. Das ist eben nicht nur in der materiellen, sondern eben noch sehr viel wichtiger in der geistigen Dimen- sion der Auseinandersetzung, im immateriellen Bereich.

    Wenn ich hier ganz zum Schluss zu diesen 50 Jahren ein Wort von Werten und Tugenden sage, meine ich genau, ist das eine der wichtigsten Lektionen dieser 50 Jahre. Denn daran reflektiert sich der unlösbare Zusammenhang zwi- schen Freiheit und Verantwortung. Das ist wiederum die Grundlage für ein gutes Miteinander in Staat und Gesell- schaft, in Deutschland und in Europa. Tugenden, das ist eine Formel, die viele junge Leute nicht mögen, ja gar nicht ken- nen, weil sie nichts davon gehört haben. Sie reden übersetzt von Engagement. Und richtig angesprochen, bringen sie ganz Unglaubliches auf den Weg für ihr Engagement. Ich streite jetzt nicht um den Begriff. Aber es ist schon wahr, dass aus diesem Engagement oder den Tugenden, wie ich es eben genannt habe, der Aufstieg und Erfolg unseres Landes in den letzten 50 Jahren möglich war. Dass Vieles von dem, was zum Teil eher knurrend, noch mehr aber mit großer Freude bei unseren Partnern in Europa und in der Welt fest- gestellt wird, seine Quellen, seinen Urgrund in diesem Han- deln hat. Es war Verantwortungsgefühl und Pflichtbewusst- sein, keine Sekundärtugenden, es war Gerechtigkeitssinn und Mitmenschlichkeit, es war Standfestigkeit und die Fähigkeit, auch visionäre Gedanken zu haben und durchzu- setzen.

    Deswegen braucht unser Land an der Schwelle dieses neuen Jahrhunderts einen entsprechenden Kurs. Das heißt einfach übersetzt, dass wir fähig sind, das, was wir gemeinsam geschafft haben, zu überprüfen, einen Status zu machen. Was ist gut gelungen, das wollen wir behalten. Wir sind keine Bil- derstürmer. Aber die Welt hat sich eben verändert und die Menschen mit ihnen. Wenn wir heute über 50 Jahre D-Mark reden, dürfen wir nicht vergessen, dass zwei Drittel der heute lebenden Deutschen nach diesem Zeitpunkt geboren und auf- gewachsen sind und dass ihre Erinnerung eine ganz andere ist, eine Erinnerung, die ganz selbstverständlich leben, ohne viel zu reflektieren, warum das so ist. Deswegen müssen wir, wenn wir über das Festhalten an den Grundwerten sprechen, auch die Begründung dazu geben und zwar verständlich. Und gleichzeitig den Menschen sagen, wenn wir unseren Status, um es ökonomisch zu sagen, erhalten wollen, müssen wir Verän- derungen, Reformen – der Begriff ist nicht so wichtig wie der Inhalt – für die Zukunft gestalten, weil es um der Zukunft wil- len geboten ist. Wenn Sie wollen, müssen wir den notwendigen Wandel mit Vertrauen verbinden. Das ist übrigens in dramati- scher Zeit vor 50 Jahren geschehen.

    Meine Damen und Herren, wenn wir uns darauf besinnen, ungeachtet des Streites des Tages, haben wir eine große Chance. Das ist, so verstehe ich es, die Botschaft an diesem Tag, 50 Jahre D-Mark, und hier in der Paulskirche, nicht an irgendeinem Ort in Deutschland, sondern hier in dieser Paulskirche, die wir mit nach Hause nehmen können. Ich möchte uns einladen, ganz einfach die Chancen zu nutzen.

    • Beifall –

    HR (Wehnelt): Es sprach Bundeskanzler Helmut Kohl. Aus der Frankfurter Paulskirche übertrug HR 1 den Festakt 50 Jahre Deutsche Mark. Am Mikrophon Christoph Weh- nelt. – Ich gebe zurück zum Funkhaus.

    Domenico Gabrielle: Sonate D-Dur für Trompete, Flöte, Oboe, Violione, Violoncello und Basso continuo – Allegro, Largo, Largo/Presto

    • Beifall –

    Empfang in der Wandelhalle der Paulskirche

    Heroisierung des Geldes

     

    Die Heroisierung des Geldes, der D-Mark entspricht ganz gewiss nicht der Tradition deutschen Geistes. Bei den alten Preußen galt: mehr sein als scheinen. Sie trugen die Pelze nach innen. Geld hatte man, aber man sprach nicht drüber. Juden sind heute noch derselben Meinung. Allein schon das Wort „stabiles Geld ist gemünzte Freiheit“ kann missver- ständlich sein. Völker, die über weiches Geld verfügen, fühlen sich deshalb nicht unfrei. Und Leute, die gar kein Geld haben, sehen sich gerade deshalb befreit. Die Heroisie- rung der D-Mark haben uns genau jene eingeredet, die uns das gute Geld jetzt wieder entwenden.

     

    Warum hat sich das allgemeine Unbehagen über die Abschaffung der D-Mark aber so ausgebreitet? Die wohl gesetzten Worte bei pompösen Gedenkfeiern korrigieren da nichts. Sie lassen bestenfalls noch mehr Frust aufkeimen. 50 Jahre D-Mark und jetzt ein Ende. Na und? Krokodilstränen, nichts weiter! Bei aller Habgier und bei allem Neid, die bei uns virulieren, geht es beim Unbehagen über die Geldkultur durchaus nicht um Mark und Pfennig. Es geht um Ordnung. Die D-Mark hat Ordnung gebracht, ganz gleich ob  sie  in Bad Homburg, Rothwesten oder Frankfurt überwiegend von Amerikanern oder Deutschen entwickelt wurde.

    Die D-Mark war erstes und seitdem erstrangiges Ord- nungselement in diesem bis auf die Grundmauern zerstörten Staat. Durch die Einführung dieses Geldes in den drei West- zonen kam Ordnung bis an die De-Mark-ationslinie zum Stalin-Reich. Bei der Mark war von Anfang an Außenpolitik im Spiel. Durch die Ablösung der Reichsmark wurde im Währungsinland ganz gewiss geldpolitische Ordnung und damit stabile Kaufkraft geschaffen. Hier wurde Innenpolitik wirksam. Schon früher als das Grundgesetz und mit ihm hat das neue Geld nach Deutschland Ordnung gebracht.

    Die Politik hätte nach der Wiedervereinigung, die auch durch die Kraft der D-Mark erst möglich wurde, diese Grundbefindlichkeit der Deutschen sogar noch etwas ver- edeln können, wenn sie sich an den Auftrag des Grundgeset- zes gehalten hätte und 1990 eine neu geschriebene gesamt- deutsche Verfassung zur Volksabstimmung gebracht hätte. Hier wurde Innenpolitik in einem entscheidenden Punkt ver- nachlässigt, sogar verpasst, dafür Außenpolitik gemacht.

    Die Bundesregierung stellte die von der Bundesbank ge- managte Ordnung zur Disposition, um über das Geld – mit viel Liebedienerei – Ordnung in Europa zu schaffen. Was die D-Mark in Deutschland geleistet, soll nun unter ganz ande- ren Voraussetzungen der Euro kontinental regeln, übrigens mit genau so wenig „Verfassungsschutz“. Wir wissen es: Der Euro wird so stabil wie die D-Mark und die Europä- ische Zentralbank soll noch unabhängiger als die Bundes- bank sein.

    Vieles von dem, was einem geschundenen Dreiviertelsvolk vor 50 Jahren gelungen ist, soll nun mit 11, 15, 25 höchst selbstbewussten Einzelstaaten mit 400 Millionen Einwoh- nern dargestellt werden. So gesehen muss ab sofort der Euro heroisiert werden, geradezu ins Morgengebet eingeschlos- sen, damit alles in Europa klappt. – Über die D-Mark reden wir nicht, die haben wir – noch. Wir wurden reich damit. Sie hat uns sogar bereichert.

    Die Königin ist tot – es lebe der König

     

    Die Frankfurter Alte Oper ist der geeignete Platz, um die Gründung der EZB angemessen zu feiern. Der Traditions- bau steht unter dem Dreigestirn des „Wahren, Schönen, Guten“ und demonstriert Wehrhaftigkeit mit der Panter- Quadriga ganz oben über dem Portal. Das Ambiente ver-leiht der gemeinsamen europäischen Währung und deren Leitung einen nicht alltäglichen Glanz. Von hier und heute geht eine neue Epoche der Geldgeschichte aus, denn niemals zuvor hat es eine Staatengruppe gegeben, die eine gemein- same Währung für sich schuf und damit auch noch Erfolg hatte. Der Euro muss als höchstes Gut gelten, weniger, weil die Europäer abgefeimte Materialisten sind, sondern weil ein Gutstück europäischer Zukunft daran hängt.

    Zum Euro drängt ganz Europa, mindestens zwei Dutzend Staaten. Vorläufig gilt aber: Elf Freunde sollt ihr sein, denn irgendwo geht es auch hier um eine Meisterschaft. Zu aller- erst müssen die elf Euro-Beginner jeweils ihre eigene Finanz- politik meistern, Wahrhaftigkeit braucht es dazu. Bisher ist noch nicht ganz sicher, ob hier zusammenwächst, was zusam- mengehört. Umso größer muss die Anstrengung fürs Gelingen ausfallen. Das Schöne daran ist, dass der Alte Kontinent, der sich seit Urzeiten in mehr oder weniger gelungenen Feldzügen gegeneinander zermalmt hat, zusammenrückt und von nun an auf ewig ungeteilt sein soll. Das Gute wäre ein ganzes Stück Frieden mehr in dieser Welt. Zumindest aber ein starker Staa- ten-Verbund, der selbst Frieden hält und in der Welt auch für Frieden sorgen kann. Soviel Hoffnung wird tatsächlich in eine Währung gesetzt, die bisher in Deutschland die meisten Leute geärgert hat. Aber: Wer den Euro nicht ehrt, ist die D-Mark nicht wert, die darin aufgeht.

    Bleiben wir auf dem Boden der Tatsachen: Die Arbeit, die hier zu bewältigen ist, grenzt an Unglaubliches. Völlig los- gelöst von dem real existierenden Chauvinismus und ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Divergenzen wird hier ein Vabanquespiel initiiert, das auch danebengehen kann. Der Schaden wäre unabsehbar, obwohl auch nach einem Schei- tern kein Krieg in Europa ausbräche, wie es uns manchmal Kanzler Kohl weismachen wollte. In der Anfangszeit wird der Weg der EZB schon über steiniges Gelände führen. Poli- tisch werden zeitweilig Koalitionen nötig, die zum Erhalt des Ganzen in Teilbereichen auch die unverbrüchliche deutsch-französische Freundschaft infrage stellen können. Es gibt Anzeichen dafür. Für den Erhalt der Unabhängigkeit der EZB zu kämpfen lohnt jedoch. Hier sind die Spitzen- leute der Zentralbank zuerst gefordert. Auf in den Kampf, Wim Duisenberg.