Ernst & Young: Deutsche Konzerne kämpfen mit sinkenden Margen

Stuttgart (23.12.18) – Deutschlands Top-Unternehmen wachsen zwar immer noch, viele verzeichnen allerdings angesichts internationaler Handelskonflikte und einer schwächelnden Konjunktur rückläufige Gewinne. Der Gesamtumsatz der 100 umsatzstärksten börsennotierten Konzerne kletterte in den ersten drei Quartalen 2018 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um ein Prozent auf 1,25 Billionen Euro. Der Gewinn (EBIT) sank hingegen um 7 Prozent auf knapp 105 Milliarden Euro. Dementsprechend ging auch die Profitabilität zurück: Die durchschnittliche EBIT-Marge sank von 9,2 auf 8,4 Prozent, 61 Prozent der Konzerne verzeichneten eine gesunkene Profitabilität.

Obwohl gerade die Autoindustrie ein schwieriges Jahr hinter sich hat – das EBIT ging im Durchschnitt um 13 Prozent zurück – werden sowohl das Umsatz- als auch das Gewinnranking weiterhin von Autokonzernen angeführt: Volkswagen, Daimler und BMW sind die umsatzstärksten börsennotierten Unternehmen Deutschlands – beim Gewinn sind Volkswagen, Daimler und Bayer führend, BMW liegt auf dem vierten Rang.

 

Die höchsten Margen fahren aber andere Unternehmen ein: Der Waferhersteller Siltronic schaffte in den ersten neun Monaten eine EBIT-Marge von knapp 34 Prozent, beim Gase-Hersteller Linde lag die Marge bei 25 Prozent. Zum Vergleich: Die im Top-100-Ranking vertretenen Unternehmen aus der Automobilindustrie erzielten nur eine durchschnittliche Marge von 7 Prozent.

 

Mehr als die Hälfte der 100 größten börsennotierten Unternehmen kommen aus Bayern und Nordrhein-Westfalen; dort haben jeweils 28 Konzerne ihren Hauptsitz, wobei das Gewicht Bayerns im Vergleich zum Vorjahr gestiegen ist: 2017 hatten 25 Unternehmen aus den Top 100 ihren Sitz im Freistaat.

 

Stark vertreten unter den Top 100 ist außerdem Baden-Württemberg mit 14 Unternehmen; aus Hessen kommen 9 Konzerne. Nur ein einziges Unternehmen hat seinen Sitz in einem der ostdeutschen Bundesländer: Das Medizintechnikunternehmen Carl Zeiss Meditec mit Sitz im thüringischen Jena belegt im Umsatzranking Platz 99.

 

Das sind Ergebnisse einer Analyse der Entwicklung der 100 umsatzstärksten börsennotierten Unternehmen Deutschlands im Zeitraum Januar bis September 2018 durch die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY. Banken und Versicherungen wurden nicht mit einbezogen.

 

„2018 war insgesamt ein weiteres gutes Jahr für die deutsche Wirtschaft – allerdings lässt die Dynamik spürbar nach: Die Gewinne sinken bei vielen Unternehmen, die Aussichten haben sich deutlich eingetrübt“, beobachtet Hubert Barth, Vorsitzender der Geschäftsführung von EY Deutschland. Gerade die exportorientierten deutschen Konzerne sehen sich erheblichen Risiken ausgesetzt. Zum einen könnte ein ungeordneter Brexit zu wirtschaftlichen Turbulenzen und massiven Einbußen führen. Zum anderen bleibt die Handelspolitik der Vereinigten Staaten ein Risikofaktor.

 

Einige Branchen haben die Eintrübung schon im Jahr 2018 zu spüren bekommen. So mussten die Groß- und Einzelhandelsunternehmen einen Gewinneinbruch von durchschnittlich 56 Prozent verkraften, die klassischen Industrieunternehmen etwa aus dem Maschinenbau verzeichneten einen Gewinnrückgang von 19 Prozent, die Automobilunternehmen von 13 Prozent. Auf der anderen Seite konnten die deutschen IT-Unternehmen ihren Gewinn um durchschnittlich 39 Prozent steigern, die Unternehmen aus der Chemie- und aus der Telekommunikationsbranche schafften immerhin ein durchschnittliches Gewinnplus von 7 Prozent.

„Technologieunternehmen spielen zwar insgesamt nach wie vor nur eine untergeordnete Rolle in Deutschland – vor allem im Vergleich zu den großen Industriekonzernen. Sie entwickeln sich aber bemerkenswert gut und zeigen, dass die IT-Branche auch am Standort Deutschland wachsen und gedeihen kann“, betont Matthieu Meyer, Mitglied der Geschäftsführung von EY Deutschland. In diesem Jahr kommen 6 der 100 umsatzstärksten Unternehmen aus der IT-Branche – sie verzeichneten im bisherigen Jahresverlauf ein durchschnittliches Umsatzplus von 16 Prozent.

 

Meyer begrüßt die zunehmende Bedeutung der deutschen IT-Branche. Entscheidend für Deutschland sei aber, dass die klassischen Industriebranchen – allen voran der Maschinenbau und die Autoindustrie – die anstehenden technologischen Umbrüche meistern und ihre Geschäftsmodelle erfolgreich an die neuen Spielregeln in einer stark digitalisierten Wirtschaft anpassen. „Deutschland ist in erster Linie ein Industriestandort, in vielen High-Tech-Branchen sind deutsche Unternehmen weltweit führend. Trends wie Industrie 4.0 – also die Digitalisierung der industriellen Produktion – bieten die Chance, diese Führungsrolle zu festigen und auszubauen und gleichzeitig Beschäftigung und Wachstum in Deutschland zu sichern.

Beschäftigung bei den deutschen Top-Unternehmen steigt

Die Mehrzahl der deutschen Top-Unternehmen – 82 Prozent – stockte im bisherigen Jahresverlauf die Belegschaft auf: Insgesamt beschäftigten sie zum 30. September 2018 weltweit knapp 5,2 Millionen Menschen – das waren 2,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Im Vorjahr war die Beschäftigung um 3,4 Prozent gewachsen. „Die deutschen Konzerne setzen trotz der eingetrübten Konjunkturaussichten weiter auf Wachstum. Ein wichtiger Treiber des Beschäftigungswachstums sind die Digitalisierung und andere technologische Umbrüche wie etwa der Vormarsch der Elektromobilität, die bei vielen Unternehmen zu erheblichen Investitionen und auch zur Einstellung zusätzlicher Mitarbeiter führen“, beobachtet Barth. „Diese Investitionen belasten kurzfristig zwar die Marge, sind aber entscheidend für die Zukunftsfähigkeit der Konzerne und damit auch des Standorts Deutschland.“

 

Das Unternehmen mit den meisten Mitarbeitern ist nach wie vor Volkswagen: Bei dem Wolfsburger Autokonzern waren zum 30. September 2018 insgesamt gut 632.000 Menschen beschäftigt – fast 4 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Auf den Rängen zwei und drei folgen die Deutsche Post mit etwa 485.000 und Siemens mit 379.000 Beschäftigten.