SGVHT-Präsident Grandke klagt erneut:

Die Niedrigzinspolitik der EZB schmerzt nicht nur Sparer, sondern auch Kreditinstitute

Lächelt für die Sparkassen in Hessen und Thüringen: Gerhard Grandke, geschäftsführender Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes Hessen-Thüringen – Foto: PK

Frankfurt/Main (28.2.19)/PK – Alles hat zwei Seiten. Auch der inzwischen jahrelange Null- und Niedrigzins-Kurs der Europäischen Zentralbank. Wer Schulden hat und macht, jubelt, weil seine Zinslast außergewöhnlich gering ist. Wer hingegen Geld spart, zahlt die Zeche. — Auch wenn diese Erkenntnis nicht neu ist, nervt die Niedrigzins-Politik der Europäischen Zentralbank den geschäftsführenden Präsidenten des Sparkassen- und Giroverbandes Hessen-Thüringen, Gerhard Grandke, immer mehr.  Vor Journalisten verschaffte Grandke heute seinem Herzen Luft.  Er dröselte auf: „Es gibt Schätzungen, wonach die Niedrigzinsen die deutschen Sparer zwischen 2010 und 2018 fast 300 Mrd. € gekostet haben. Addiert man dazu die Jahre 2008 und 2009, kommt man fast exakt auf die 368 Mrd. €, die der deutsche Staat im selben Zeitraum eingespart hat. Die Niedrigzinspolitik wirkt damit wie eine gigantische Kapitalertragsteuer, die potenzielle Zinserträge der Privaten in staatliche Ersparnisse transformiert….“

Die Niedrigzinspolitik der EZB tue aber nicht nur den Sparern, sondern auch den Kreditinstituten weh. Während die Banken in den USA in diesem Jahr rund 38 Mrd. € für ihre Einlagen bei der Fed erhielten, müssten die Institute in der Eurozone 7,5 Mrd. € an Negativzinsen an die EZB zahlen. „Das ist eine massive Wettbewerbsverzerrung, an der sich auf absehbare Zeit nichts ändern wird. Die Sparkassen werden wie die gesamte Branche weiterhin mit einem sinkenden Zinsüberschuss leben müssen – und das paradoxerweise, obwohl sie ihr Kundengeschäft kräftig ausbauen“, kritisierte Grandke. Gleichzeitig müssten die Institute künftig mit einem wachsenden Verwaltungs-aufwand rechnen, der sich aus den zunehmenden Belastungen der Regulatorik ergebe.

Der Vollständigkeit halber hatte Grandke zuvor freilich auch auf die Vorteile der Niedrigzins-Strategie der Europäischen Zentralbank hingewiesen. Sie befeuerte die Konjunktur; auch Kreditnehmer wie Immobilienkäufer profitierten davon. Hauptnutznießer sei aber der Staat. So hätten die Euro-Länder laut Bundesbank zwischen 2008 und 2018 insgesamt 1,4 Billionen € weniger an Zinsen für ihre Schulden gezahlt. Der deutsche Staat habe 368 Mrd. € eingespart.

Auch wenn die 49 dem Sparkassen- und Giroverband angehörenden Sparkassen in Hessen und Thüringen im vergangenen Jahr erneut wegen der leidigen Niedrigzinsen mit sinkdenden Zinsüberschüssen zu kämpfen hatten, bilanzierte Grandke, die Geschäftsentwicklung sei „insgesamt wieder zufriedenstellend“ ausgefallen. Das klingt nach einer Drei Minus.

Bilanzsumme profitiert von starkem Kundengeschäft

Die Bilanzsumme der 49 Mitgliedssparkassen stieg 2018 insgesamtum 4,4 Mrd. € bzw. 3,6% auf 125,8 Mrd. €. Dieses Wachstum ging erneut vor allem auf das Konto des Kundengeschäfts auf beiden Seiten der Bilanz.

Trotz „Hessenkasse“ wachsendes Kreditgeschäft

Auf der Aktivseite legten die Kredite an Kunden insgesamt um
1,4 Mrd. € bzw. 1,9% auf 74,9 Mrd. € zu. Ohne einen Sondereffekt bei
den Krediten an öffentliche Haushalte wäre das Bestandsplus noch
kräftiger ausgefallen. Die hessische Landesregierung hatte 2018
Kassenkredite in Höhe von 4,9 Mrd. € von knapp 180 Kommunen auf
die „Hessenkasse“ übertragen. Dieses Entschuldungsprogramm wirkte
sich bei den Sparkassen bestandsmindernd aus. Die Kredite mit
öffentlichen Haushalten gingen um 1,3 Mrd. € bzw. 24,5% auf
4,1 Mrd. € zurück.

Kreditgeschäft mit Mittelstand boomt weiter

Deutliche Wachstumsimpulse gingen dagegen wieder vom Geschäft
mit Firmenkunden aus. Dort legten die Kreditbestände bei den
Sparkassen um 1,9 Mrd. € bzw. 5,4% auf 36,2 Mrd. € zu. „Obwohl die
Dynamik der deutschen Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte spürbar
nachgelassen und sich die Stimmung wegen des Brexits und anderer
Unsicherheiten eingetrübt hat, haben unsere Sparkassen ihr
Kreditgeschäft mit Firmenkunden erneut kräftig ausgebaut. Das ist
eine beachtliche Leistung“, betonte Grandke.

Auch bei den Ausleihungen an Privatpersonen konnten die Sparkassen
ihre Bestände erneut aufstocken. Sie wuchsen um 754 Mio. € bzw.
2,4% auf 32,2 Mrd. € und damit stärker als im Vorjahr (+1,6%). Für
dieses Wachstum waren einmal mehr die Wohnungsbaukredite
verantwortlich, die um 914 Mio. € bzw. 3,3% zulegten.

Starkes Neukreditgeschäft

Die Sparkassen in Hessen und Thüringen präsentierten sich 2018 auch
im Neugeschäft stark. Die Darlehenszusagen stiegen insgesamt um
4,1% auf 13,3 Mrd. €. Im Firmenkundengeschäft legten die
Darlehenszusagen sogar um 6,4% zu. Auch das Neugeschäft bei den
Baufinanzierungen entwickelte sich hervorragend. Die
Darlehenszusagen erhöhten sich dort um 6,0%. „Unseren Sparkassen
ist es gelungen, das Minus des Vorjahres von fast 8% annähernd
auszugleichen. Das ist die höchste Zuwachsrate seit dem Rekordjahr
2015, als in Deutschland so viele Neubauten genehmigt wurden wie
schon lange nicht mehr. Das zeigt, dass unsere Sparkassen auch in
einer Zeit, in der in vielen Regionen das Bauland knapp wird und die
Baukosten und Immobilienpreise steigen, als verlässliche
Finanzierungspartner bereitstehen.

Kundeneinlagen machen Sprung

Auf der Passivseite verbuchten die Sparkassen bei den Kundenverbindlichkeiten
einen kräftigen Zuwachs. Sie stiegen um 3,9 Mrd. €
bzw. 4,1% auf 100,1 Mrd. €. Der Trend zur kurzfristigen Geldanlage
hielt unverändert an. Die Täglich fälligen Gelder wuchsen um 7,0%.
Dagegen waren Mittel- und Langläufer wie die Termingelder (-6,1%),
Spareinlagen (-1,5%) und Eigenemissionen (-11,6%) wie in den
Vorjahren rückläufig.

Kunden mit Halte-Strategie im Wertpapiergeschäft

Im Wertpapiergeschäft verfolgten die Kunden der Sparkassen
angesichts volatiler Börsen eine Halte-Strategie. Die Wertpapierkäufe
gingen 2018 um 8,9% zurück. Gleichzeitig hielten sich die Kunden
aber bei den Verkäufen von Aktien, Investmentfonds und
festverzinslichen Wertpapieren noch stärker zurück. Sie sanken
insgesamt um 20%. Aufgrund dieser Entwicklung verringerten sich die
Umsätze der Mitgliedssparkassen um 13,9% auf 11,0 Mrd. €. Da aber
die Käufe die Verkäufe deutlich überschritten, verbesserte sich der
Nettoabsatz als Saldo um 47,2% auf 1,7 Mrd. €. Er fiel bei allen
Wertpapiergattungen positiv aus. Besonders ausgeprägt war das Plus
bei den Investmentfonds. Hier legte der Nettoabsatz um 882 Mio. € zu.

Kernkapitalquote verbessert sich auf 19,0%

Weiterhin gut voran gekommen sind die Sparkassen in Hessen und
Thüringen bei dem Ziel, ihre Eigenkapitalausstattung zu verbessern. So
wuchsen die Eigenmittel der Institute 2018 um 4,8% auf 12,8 Mrd. €.
Davon entfielen 11,7 Mrd. € auf Kernkapital. Die Kernkapitalquote
verbesserte sich zum 31. Dezember 2018 insgesamt von 18,7% auf
19,0%. Die Gesamtkapitalquote betrug weiterhin 20,8%. „Unsere
Sparkassen werden auch in Zukunft weiter am Ausbau ihrer guten
Eigenkapitalbasis arbeiten. Ob das so im bisherigen Ausmaß und Tempo weitergehen wird, werden wir sehen. Die rückläufigen Betriebsergebnisse machen diese Aufgabe sicherlich nicht einfacher“, stellte Grandke fest.

Ertragsentwicklung: Zinsüberschuss sinkt, Provisionsüberschuss
steigt

Stärker als im Vorjahr hat sich bei den Sparkassen in Hessen und
Thüringen die Dauerniedrigzinsphase niedergeschlagen. Der
Zinsüberschuss sank um 104 Mio. € bzw. 4,6% auf gut 2,1 Mrd. €.
Gleichzeitig stieg der Provisionsüberschuss um 12 Mio. € bzw. 1,6%
auf 773 Mio. €. Den Verwaltungsaufwand konnten die Institute trotz
der spürbaren tariflichen Gehaltssteigerungen und der wachsenden
Anforderungen im regulatorischen und IT-Umfeld praktisch stabil
halten. Er erhöhte sich um 2 Mio. € bzw. 0,1% auf knapp 2 Mrd. €.

Betriebsergebnis vor Bewertung geht zurück

In der Summe sank das Betriebsergebnis vor Bewertung 2018 um
94 Mio. € bzw. 8,9% auf 970 Mio. €. „Es hat sich bereits im ersten
Halbjahr abgezeichnet, dass die Verbesserungen beim Provisionsüberschuss
und die Entwicklung beim Verwaltungsaufwand nicht wie
2017 ausreichen, um das Abschmelzen des Zinsüberschusses
auszugleichen. Mit einem Betriebsergebnis vor Bewertung von fast
einer Mrd. € können die Sparkassen im aktuellen Niedrigzinsumfeld
aber insgesamt durchaus zufrieden sein“, hob Grandke hervor.
Nach Bewertung lag das Betriebsergebnis 2018 mit 830 Mio. € um
263 Mio. € bzw. 24,0% niedriger als im Vorjahr. 2017 war allerdings
auch die nicht alltägliche Konstellation eines positiven Bewertungsergebnisses
von 29 Mio. € zu Buche geschlagen. Das war 2018 nicht
der Fall. Im Wertpapiergeschäft lagen die Abschreibungen nicht zuletzt
wegen des ungünstigen Börsenumfeldes mit 169 Mio. € etwas höherals 2017 mit 23 Mio. €.

Im Kreditgeschäft verwandelten sich die Zuschreibungen des Vorjahres von 40 Mio. € nun in Abschreibungen von 8 Mio. €. Dagegen betrugen die Zuschreibungen beim sonstigen
Bewertungsergebnis 37 Mio. € statt 12 Mio. € im Vorjahr. In der Summe
resultierte daraus 2018 ein negatives Bewertungsergebnis von
140 Mio. €.

Nach Steuerzahlungen von 303 Mio. € und der Zuführung zu den
Reserven lag das Jahresergebnis der Sparkassen 2018 mit einem
Betrag von 266 Mio. € um 11,5% niedriger als im Vorjahr. Die Cost-
Income-Ratio erhöhte sich von 65,0% auf 67,1%.
2019: Weitere Zuwächse im Kundengeschäft wahrscheinlich
Trotz der zunehmenden Risiken für die Konjunktur rechnet Grandke bei
den Sparkassen in Hessen und Thüringen mit wachsenden Beständen
bei den Kundeneinlagen, vor allem aber auch im Kreditgeschäft. „Dafür
spricht schon unser sehr gutes Neugeschäft. Auf der Ertragsseite wird
der Druck auf die Institute vor allem wegen der nicht endenden
Niedrigzinsphase hoch bleiben. Die dauertiefen Zinsen verhindern,
dass wir auch bei den Erträgen die Früchte unseres Erfolges ernten
können. Es wird deshalb Zeit, dass auch in Europa endlich die
Zinswende eingeläutet wird – wenn auch nur in kleinen Schritten“, forderte Grandke.