EZB: Geldpolitische Beschlüsse..und Reaktionen darauf von Targobank, DZ-Bank, Commerzbank und DWS

Frankfurt/Main (7.3.19) – Auf der heutigen Sitzung hat der EZB-Rat die folgenden geldpolitischen Beschlüsse gefasst:

1)Der Zinssatz für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte sowie die Zinssätze für die Spitzenrefinanzierungsfazilität und die Einlagefazilität werden unverändert bei 0,00 %, 0,25 % bzw. -0,40 % belassen. Der EZB-Rat geht inzwischen davon aus, dass die EZB-Leitzinsen mindestens über das Ende 2019 und in jedem Fall so lange wie erforderlich auf ihrem aktuellen Niveau bleiben werden,um eine fortgesetzte nachhaltige Annäherung der Inflation an ein Niveau von unter, aber nahe 2 % auf mittlere Sicht sicherzustellen.

2)Der EZB-Rat beabsichtigt, die Tilgungsbeträge der im Rahmen des Programms zum Ankauf vonVermögenswerten erworbenen Wertpapiere für längere Zeit über den Zeitpunkt hinaus, zu dem er mit derErhöhung der Leitzinsen beginnt, und in jedem Fall so lange wie erforderlich bei Fälligkeit weiterhinvollumfänglich wieder anzulegen, um günstige Liquiditätsbedingungen und eine umfangreichegeldpolitische Akkommodierung aufrechtzuerhalten.

3)Eine neue Reihe von vierteljährlichen gezielten längerfristigen Refinanzierungsgeschäften (GLRG III)mit jeweils zweijähriger Laufzeit wird von September 2019 bis März 2021 durchgeführt. Diese neuenGeschäfte werden zur Aufrechterhaltung günstiger Kreditvergabekonditionen der Banken und zurreibungslosen Transmission der Geldpolitik beitragen. Geschäftspartner können im Rahmen der GLRG IIIMittel in Höhe von bis zu 30 % des Bestands an anrechenbaren Krediten zum 28. Februar 2019aufnehmen. Der Zinssatz ist über die Laufzeit der einzelnen Geschäfte an den Zinssatz für dieHauptrefinanzierungsgeschäfte indexiert. Wie das ausstehende GLRG-Programm werden die GLRG IIIAnreize enthalten, die dafür sorgen, dass die Kreditbedingungen günstig bleiben. Weitere Einzelheiten zuden genauen Bedingungen der GLRG III werden zu gegebener Zeit veröffentlicht.

4)Die Kreditgeschäfte des Eurosystems werden so lange wie erforderlich und mindestens bis zum Ende der Mindestreserve-Erfüllungsperiode, die im März 2021 beginnt, weiterhin als Mengentender mit Vollzuteilung durchgeführt.

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„Der monetäre Schlingerkurs der EZB“

Marktkommentar von Dr. Otmar Lang, Chefvolkswirt der TARGOBANK

  1. März 2019, Düsseldorf.

Nach der FED hat nun auch die EZB ihr geldpolitisches Ruder gewaltig herumgerissen: Eine Zinsanhebung in der zweiten Jahreshälfte 2019 ist vom Tisch. Auch wird es keine Neuauflage des Rentenankaufprogramms geben – schließlich hatten die europäischen Währungshüter dieses erst im Dezember 2018 auslaufen lassen. Ein Neustart nach so kurzer Zeit käme dem Eingeständnis einer groben Fehleinschätzung gleich.

Stattdessen bietet die Zentralbank den europäischen Banken ein neues milliardenschweres Kreditprogramm an (TLTRO). Damit will EZB-Chef Mario Draghi den Eindruck verhindern, er habe das Abgleiten der europäischen Wirtschaft in eine Rezession mit einer geldpolitischen Straffung begleitet.

Einen ähnlichen monetären Schlingerkurs war die EZB früher bereits gefahren: 2011 hob sie die Leitzinsen an, nur um ein halbes Jahr später den 2008 begonnen Zinssenkungszyklus fortzusetzen. Was folgte, waren acht weitere Zinsschritte nach unten.

Die aktuellen Schwenks der Notenbanken in den USA und in Europa demonstrieren pure Panik. Dabei gibt es dafür keinen Grund: Der ewige Hinweis auf geopolitische Risiken verfängt schon lange nicht mehr. Der internationale Handelsstreit könnte schneller als gedacht gütlich beendet sein. Selbst ein dirty Brexit könnte ausfallen.

In beiden Fällen würde sich die Stimmung in den USA und in Europa sehr schnell drehen, spätestens zur Jahresmitte 2019. Dann würde der jetzt noch so verhaltene Ton der Notenbanker schnell wieder rauer – und die geldpolitische Richtung müsste sich abermals drehen.

Der Schlingerkurs geht weiter.

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DZ-Bank: EZB wirft das Handtuch

Mit der heutigen Entscheidung lag die EZB innerhalb des Erwartungsspektrums auf der „dovishen“ Seite. Es kommen nicht nur neue und schon mehr oder weniger detaillierte TLTROs. Auch die nach dem Sommer erwartete Leitzinserhöhung wurde einkassiert. Draghi mag wohl etwas traurig darüber sein, dass er in seiner Amtszeit keine Leitzinserhöhung und damit kein „Mission accomplished“ mehr verkünden kann.

Die Märkte hatten selbst zwar schon mit keiner Leitzinserhöhung mehr in diesem Jahr gerechnet und auch TLTROs waren keine Neuigkeit mehr. Doch dass alles so konkret und zusammen kam, war schon auffallend, insbesondere nachdem TLTROs in den letzten Wochen innerhalb der EZB recht kontrovers diskutiert wurden. Das drückt aber auch aus, dass die EZB die Zeichen der Zeit erkannt hat und zumindest nicht mehr ganz „hinter der Kurve“ ist und, wie Draghi erklärte, Stimulus hinzugefügt hat, um die derzeitigen Risiken ausgehend von Protektionismus und Brexit abzupuffern.

Eine Hintertür hat sich die EZB mit der weniger günstigen Ausstattung der TLTROs (kürzere Laufzeit, variable Leitzinsbindung) dennoch gelassen, weshalb die Märkte – zumindest in den ersten Reaktionen – nicht allzu euphorisch reagiert haben. Zwar drückt die Notenbank mit der Erwartung, die Leitzinserhöhung Ende des Jahres nachzuholen, noch einen Schimmer Hoffnung aus. Doch im Grunde hat sie hinsichtlich der Rückkehr zur traditionellen Leitzinspolitik mehr oder weniger das Handtuch geworfen. Dies spiegelt sich auch in den neuen Projektionen wider. Die Wachstumserwartungen wurden im Vergleich zum Dezember für 2019 deutlich sowie für 2020 leicht nach unten genommen. Darüber hinaus zeigt die klare Abwärtsrevision der Inflationsprojektionen, dass die EZB selbst nicht mehr daran glaubt, in dieser Zeit in die Nähe ihres Inflationsziels zu kommen.

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Commerzbank: EZB-Sitzung: Neue TLTROs, Zinsen 2019 unverändert

Die EZB hat heute eine neue Serie von gezielten längerfristigen Refinanzierungsgeschäften (TLTRO) angekündigt und signalisiert, dass sie die Leitzinsen in diesem Jahr nicht ändern wird. Zwar wählte die EZB für die neuen TLTROs eine variable Verzinsung, aber Präsident Draghi betonte die Bereitschaft der Notenbank, die Geldpolitik der EZB bei einer enttäuschenden Entwicklung weiter zu lockern.

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DWS: Johannes Müller, Head Macro-Research, zur heutigen EZB-Sitzung

 Die EZB ist in ihrem Ausblick deutlich zurückhaltender geworden. Die Anpassung der Forward Guidance und damit die Absage von Zinserhöhungen der EZB in diesem Jahr ist für uns überraschend.

 

Wachstumserwartungen wurden deutlich nach unten korrigiert, vor allem für 2019. Deutliche Abstriche gab es auch bei den Inflationserwartungen. Selbst 2021 rechnet die EZB nun nur mit einem Anstieg der Inflationsrate auf 1,6%, was implizit eine Absage für das Erreichen des Inflationsziels ist. Zudem soll die neue Runde der TLTRO für weiter günstige Liquiditätsbedingungen in den kommenden Jahren sorgen.

 

Insgesamt hat die EZB damit deutlich mehr geliefert als gedacht, der geldpolitische Grad ist damit sogar noch expansiver geworden als er ohnehin schon war. Spekulationen, dass damit die Zinsen noch lange niedrig bleiben, erhalten damit weiter Auftrieb. Dennoch: Dass auch 10 Jahre nach dem Höhepunkt der Finanzkrise TLTROs notwendig sind, zeigt, dass das Finanzsystem noch weit von der Normalität entfernt ist.